Die Forschung zu LSD und seine Auswirkungen auf Spastik und andere neurologische sowie psychische Zustände ist ein komplexes und vielschichtiges Feld. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Forschung, von den historischen Wurzeln der LSD-Entdeckung bis hin zu modernen Studien über Microdosing und therapeutische Anwendungen. Dabei werden sowohl die potenziellen Vorteile als auch die Risiken von LSD und ähnlichen Substanzen berücksichtigt.
Ursprünge und Geschichte von LSD
LSD (Lysergsäurediethylamid) wurde 1938 von dem Basler Chemiker Albert Hofmann entdeckt, der auf der Suche nach einem Kreislaufmittel war. Die Substanz stammt aus einem giftigen Pilz, der Getreide befällt. Schnell fand das Mittel, das unser Gehirn beeinflusst und uns in einen traumartigen Zustand versetzt, den Weg vom Labor auf die Straße. Die zunächst noch legale Einnahme von LSD prägte vor allem die Hippie-Ära in den 1960er-Jahren. 1966 wurde LSD schließlich in den USA und 1971 auch in Deutschland verboten.
Die Wirkung von LSD auf das Gehirn
LSD ähnelt unserem körpereigenen Neurotransmitter Serotonin - ein Botenstoff, über den Nervenzellen - unter anderem im Gehirn - Signale austauschen. Die LSD-Einnahme bewirkt daher, dass Hirnregionen miteinander kommunizieren, die normalerweise wenig miteinander zu tun haben. Wie das genau passiert, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis heute nur teilweise erklären. Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken werden durch die Einnahme von LSD intensiver. Auch Sinneseindrücke, die das Bewusstsein sonst stärker trennt, werden unter LSD-Einfluss vom Gehirn miteinander verknüpft. Musik kann man dann zum Beispiel riechen. Generell bindet LSD passgenau an bestimmte Andockstellen im Gehirn, an Rezeptoren, und löst dadurch bestimmte Reaktionen aus. Für das Tripgefühl scheint dabei vor allem der Serotonin-2A-Rezeptor entscheidend zu sein.
Halluzinogene erster Ordnung sind Halluzinogene, die in der Natur vorkommende Substanzen aus der chemischen Gruppe der Indolamine und künstlich hergestellte Phenyläthylamine enthalten. Eine ähnliche Wirkung wie LSD haben auch Psilocybin, Meskalin und DMT. Sie gehören, wie LSD, zu den Halluzinogenen erster Ordnung. Ein LSD-Trip dauert bis zu 12 Stunden. Bei Psilocybin, dem Halluzinogen, das aus psychoaktiven Pilzen gewonnen wird, ist der Effekt wesentlich kürzer.
LSD und psychische Erkrankungen
Schon in den 1950er und 1960er-Jahren versuchten Psychotherapeuten und Psychiater Depressionen, Angststörungen und Alkoholismus mit sogenannten psychedelischen Trips, also mit halluzinogenen Drogen, zu behandeln. Wenn Forscher eine positive Wirkung beweisen können, sollen LSD und andere Halluzinogene - also die Wahrnehmung und das Bewusstsein verändernde Mittel - bei Patienten mit psychischen Erkrankungen eingesetzt werden können.
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Eine Studie zu sogenannten Psychedelika, wie halluzinogen auf die Psyche wirkende Substanzen auch genannt werden, macht derzeit unter anderem Katrin Preller, Neuropsychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Für ihre Forschung hat Preller gesunden Probanden LSD gegeben und dann deren Gehirne in einem Magnetresonanztomographen (MRT) gescannt. Dabei konnte sie feststellen, dass die Einnahme von LSD bei depressiven Patienten tatsächlich einen positiven Effekt hat. "[…] Patienten haben häufig einen negativen Bias, sodass sie negative Reize viel stärker wahrnehmen. Und wir wollten untersuchen, wie das denn unter dem Einfluss von Psychedelika ist und haben im Scanneunseren Patienten erst die Substanz gegeben und sie dann negativen Reizen ausgesetzt. In ein bis zwei betreuten Sitzungen erhält der Patient eine mittlere oder hohe Dosis einer psychedelischen Substanz. Anschließend folgen noch weitere Sitzungen, in denen der Patient das Erlebte gemeinsam mit einem Therapeuten aufarbeitet. Wer an einer Studie mit Psychedelika teilnehmen darf, dafür haben Katrin Preller, Neuropsychologin aus Zürich, und ihre Kollegen allerdings strikte Ein- und Ausschlusskriterien: Es dürfen nur Menschen mitmachen, die keine Anzeichen für psychotische Erkrankungen zeigen und auch keine Verwandten ersten Grades haben, die eine "Erkrankung im psychotischen Spektrum haben", wie Preller sagt.
Risiken und Nebenwirkungen von LSD
Dass die Einnahme von LSD oder ähnlichen Substanzen Schäden hervorrufen kann, musste auch Moritz leidvoll erfahren. “Wenn man nüchtern ist", sagt er, "dann will man einfach nur, dass es aufhört und das hat's halt nicht, bis heute nicht”. Mit 16 hatte er angefangen, Cannabis, Partydrogen und LSD zu nehmen, ohne zu wissen, was sie in seinem Körper auslösen. Als er sich freiwillig in psychiatrische Behandlung begibt, bekommt er starke Medikamente und die Diagnose "Hallucinogen Persisting Perception Disorder” - kurz HPPD, auf Deutsch: eine fortbestehende Wahrnehmungsstörung, verursacht durch die Einnahme von Halluzinogenen.
Eine Erfahrung, die auch Tomislav Majic, an der Charité Berlin Leiter der AG für psychotrope Substanzen, macht. Der Psychiater führt derzeit eine Studie zu den Langzeitfolgen von Psychedelika durch. "Ich sehe eben auch viele Menschen denen es damit wirklich nicht gut geht. […] - die sagen: Ich habe das gemacht und seitdem ist mein Leben völlig anders - ich komm' nicht mehr klar. Man kann natürlich darüber streiten:, Ist das jetzt nur wegen diesen Substanzen oder hätten die auch irgendwas bekommen, wenn sie diese Substanzen nicht genommen hätten.
Microdosing: LSD als Leistungssteigerer?
Weltweit nehmen immer mehr Menschen winzige Mengen an LSD zu sich, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machen. Kreativer, konzentrierter, glücklicher - so lautet das Versprechen des »Microdosing«. Was ist dran an der Behauptung? Körperliche Empfindungen: erhöhtes Bewusstsein. Stimmung: aufgeregt. Nervös. Vorfreudig. Konflikte: wer, ich? Allein der Gedanke erscheint absurd. Schlaf: konnte lange nicht einschlafen. Früh aufgewacht. Arbeit: erstaunlich produktiv, vollkommen die Zeit vergessen.« So protokolliert Ayelet Waldman in ihrem Buch »Ein richtig guter Tag« den Beginn ihres 30-tägigen Experiments. Die US-amerikanische Autorin leidet an Depressionen. In einem verzweifelten Versuch, den Nebel in ihrem Kopf zu lichten, schluckt sie einen Monat lang alle drei Tage zehn Mikrogramm LSD. Beim so genannten Microdosing nehmen Menschen regelmäßig kleinste Mengen psychoaktiver Substanzen ein: nur etwa ein Zehntel der Dosis, von der man üblicherweise »high« wird. Neben LSD nutzen die Betroffenen auch Psilocybin, den Wirkstoff der »magic mushrooms«, seltener andere Psychedelika wie Ibogain, Meskalin oder Ayahuasca.
Den Microdosern geht es nicht um den Rausch: Ganz ohne wahrnehmbare Drogenwirkung wollen sie mit Hilfe der Substanzen nicht nur ihre Stimmung aufhellen, sondern zum Beispiel ebenso Schmerzen lindern, die Kreativität beflügeln und ihre Produktivität steigern. Der Trend kommt aus Kalifornien, genauer gesagt aus dem Silicon Valley, wo arbeitswütige Start-up-Gründer LSD nutzen, um noch schneller, effizienter und innovativer zu arbeiten. Der Jungunternehmer Paul Austin hält Microdosing für die Antwort auf die Anforderungen der neuen Arbeitswelt, in der Maschinen nach und nach die Routinearbeit übernehmen und verstärkt kreatives und flexibles Denken gefragt ist. Mittlerweile haben aber auch Menschen, die wie Ayelet Waldman an Depressionen und Ängsten leiden, das Microdosing für sich entdeckt. Viele berichten, sich dank der täglichen Dosis LSD wieder zufriedener und vitaler zu fühlen. Paul Austin bietet sogar Kurse an, in denen er anderen Tipps gibt, wie sich der Alltag mit Microdosing angeblich besser meistern lässt. Die Nachfrage ist groß. Das Forum zum Microdosing der Onlineplattform »Reddit«, auf der sich User über viele verschiedene Themen austauschen, verzeichnet inzwischen 89 000 Mitglieder. Dort werden die Beschaffung der Droge, die richtige Dosierung und das optimale Einnahmeschema diskutiert. Die Anhänger sind von der Wirkung der Kleinstmengen überzeugt. So wie Ayelet Waldman: »Zum ersten Mal seit Langem bin ich glücklich. Nicht überdreht oder ausgeflippt, sondern einfach entspannt und zufrieden mit mir und der Welt.«
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Es war der Psychologe James Fadiman, der Waldman auf die Idee zu ihrem Selbstversuch brachte und dessen Anleitung sie dabei folgte. Der 80-Jährige gilt in der Szene als Microdosing-Papst. Seit 2015 betreibt er ein Feldforschungsprojekt, bei dem über 1500 Microdoser aus aller Welt ihre Erfahrungen festhalten. Eine von ihnen ist Ella. Die 28-jährige Drehbuchautorin aus Köln hat Erfahrung mit LSD. Auf ihren Trips ist sie am liebsten in der Natur. Dann kann sie minutenlang die Struktur von Baumrinde bewundern oder das Glitzern der Sonne auf dem Wasser. Sie schätzt die neuen Perspektiven, die ihr der Rausch eröffnet. Sogar eine entscheidende Filmidee, so sagt sie, kam ihr auf LSD. Schon länger interessiert sie sich für den Microdosing-Trend, nun möchte sie ihn einen Monat lang testen. Den Stoff bezieht sie wie immer über einen Bekannten, der in der Berliner Drogenszene unterwegs ist. Für eine Monatsration bezahlt sie zehn Euro. Anders als sonst schneidet sie die daumennagelgroße LSD-Pappe - ein Stück Löschpapier, auf das der flüssige Wirkstoff geträufelt wurde - in 16 kleine Stücke. Morgens beim Frühstück lässt sie sich den ersten Schnipsel auf der Zunge zergehen.
Studienergebnisse zum Microdosing
Ein Team britischer Psychologen um Steliana Yanakieva von der University of London stellte sich deshalb gleich zwei Fragen: Beeinflussen Kleinstmengen an LSD überhaupt die Hirnfunktion? Und kann der Konsument das spüren? Um das zu klären, führten sie Ende 2018 die erste randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie zum Microdosing durch. Die 48 Probanden nahmen jeden dritten Tag vor dem Frühstück entweder 5, 10 oder 20 Mikrogramm LSD oder ein wirkstofffreies Placebo zu sich. Sie sollten angeben, ob sie eine veränderte Wahrnehmung oder Konzentrationsfähigkeit, ungewöhnliche Gedanken oder andere Drogeneffekte bemerkten. Das Ergebnis: Die Microdoser glaubten kaum öfter eine Wirkung zu verspüren als die Placebogruppe. Insgesamt war der Unterschied nicht statistisch signifikant.
Die Forscher stellten die Wirkung des LSDs aber zusätzlich noch mit einem Test auf die Probe: Auf dem Bildschirm erschien für wenige Sekunden ein blauer Kreis. Die Probanden sollten anschließend versuchen, genau für die gleiche Dauer eine Taste zu drücken. Der Hintergedanke des Experiments: Bei gängigen Dosierungen von LSD ist bekannt, dass sie das Zeitempfinden verändern. Dies könnte, glauben Experten, ein wichtiger Faktor für die Wirkung des Halluzinogens auf Wahrnehmung und Denken sein. Frühere Befunde belegen zudem, dass sich mit Timing-Aufgaben die neurochemische Wirkung von LSD besonders sensibel messen lässt. Deshalb könne man damit, so die Idee der Forscher, schon subtilste Veränderungen erfassen. Und tatsächlich stachen die Microdoser hierbei hervor. Normalerweise neigen Teilnehmer dazu, Zeitspannen ab einer Länge von etwa zwei Sekunden zu unterschätzen, und betätigen die Taste zu kurz. Die Gruppe, die unter dem Einfluss der Mikrodosis LSD stand, gab die Zeitspanne jedoch korrekter an. Ob es für uns von Vorteil ist, solche Intervalle akkurater einschätzen zu können, ist unklar. Allerdings zeigt der Befund: Schon Kleinstmengen der Droge beeinflussen offenbar die Hirnfunktion, selbst wenn der Effekt subjektiv nicht unbedingt wahrnehmbar ist.
Ebenfalls testete ein Team niederländischer, tschechischer und deutscher Psychologen um Luisa Prochazkova und Dominique Lippelt vom Institute for Brain and Cognition der Universität Leiden den Effekt von Mikrodosen von »magic mushrooms« auf die Schöpferkraft. Der darin enthaltene Wirkstoff Psilocybin ähnelt in seiner Wirkung LSD. Der Versuch fand während eines Microdosing-Events der Psychedelic Society of the Netherlands statt. Dort rekrutierten die Forscher 38 Freiwillige, deren Denkfähigkeit sie jeweils vor und nach der Einnahme mit drei Tests auf die Probe stellten. Die erste Aufgabe erfasste das konvergente Denken, eine Form des Problemlösens, bei der man auf die einzige richtige Lösung kommen muss: Beim »Picture Concept Task« gilt es, innerhalb von 30 Sekunden die Gemeinsamkeit zwischen verschiedenen Bildern einer Bildermatrix zu finden. Der zweite Test war einer der bekanntesten Kreativitätstests: Der »Alternate Uses Task« misst die Fähigkeit zum divergenten Denken - zum Querdenken. Probanden sollen hier in kurzer Zeit so viele Einsatzmöglichkeiten wie möglich für einen gewöhnlichen Gegenstand, etwa einen Ziegelstein, nennen. Bewertet werden Geschwindigkeit, Anzahl, Detailfülle und Originalität der Einfälle. So ließe sich ein Ziegelstein zum Beispiel nicht nur zum Errichten einer Mauer nutzen, sondern auch als Türstopper, Briefbeschwerer oder Schnitzelklopfer. Der dritte Test war der »Ravens Progressive Matrizen Test«, ein Multiple-Choice-Intelligenztest, der die Fähigkeit zum logischen Schlussfolgern erfasst. Aus der Art der vorangegangenen Muster soll ein Proband dabei ableiten, welches von sechs zur Wahl stehenden Mustern in das letzte leere Feld gehört. Nach dem ersten Versuchsdurchlauf nahmen die Teilnehmer eine geringe Menge getrockneter psychoaktiver Pilze ein, die sich in den Niederlanden frei erwerben lassen. Je nach Körpergewicht waren es 220, 330 oder 440 Milligramm. Eineinhalb Stunden später, als die Wirkung ihren Höhepunkt erreicht haben sollte, wiederholten die Probanden die Tests - in abgewandelter Form, um Lerneffekte zu vermeiden. Das Ergebnis: In der zweiten Runde stellten sich die Teilnehmer in zwei der drei Tests geschickter an: Sie zeigten sowohl eine bessere Leistung im konvergenten als auch im divergenten Denken. Auf das Abschneiden im Intelligenztest schien die Droge hingegen keinen Einfluss zu haben.
Die Autoren folgern daraus, dass Microdosing tatsächlich gezielt das kreative Problemlösen verbessern könnte. Das liege womöglich daran, dass Halluzinogene wie LSD und Psilocybin die kognitive Flexibilität erhöhen, beim Microdosing aber gleichzeitig die kognitive Kontrolle aufrechterhalten bliebe. Beide Zutaten seien wichtig für sinnvolle kreative Geistesblitze.
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Kritische Betrachtung des Microdosing
Allerdings fehlte in der Studie eine Kontrollgruppe, die die Testbatterie auch beim zweiten Mal »nüchtern« durchlief, um andere Ursachen für die Verbesserung auszuschließen. Außerdem nahmen zu wenige Probanden an dem Experiment teil, um aus der Untersuchung wirklich stichhaltige Aussagen abzuleiten.
Bislang fehlt der eindeutige Nachweis, dass die winzigen Mengen an LSD eine Wirkung entfalten - ob bei Menschen mit psychischen Erkrankungen oder bei Gesunden. Könnten so viele begeisterte Anwender einem Placeboeffekt aufsitzen? Möglich ist das schon, meint Peter Gasser. Der Schweizer ist einer der wenigen Psychiater weltweit, die LSD einsetzen. Er verabreicht den Stoff allerdings nicht in Kleinstmengen, sondern in Dosierungen von bis zu 200 Mikrogramm, und nutzt ihn nicht als Medikament, sondern als Werkzeug für die Psychotherapie. Er begleitet die intensiven psychedelischen Reisen seiner Patienten und findet, so kommt man schneller zum entscheidenden Punkt. Vor allem bei existenziellen Ängsten auf Grund einer lebensbedrohlichen Erkrankung zeigt die Behandlung Erfolg, wie Studien von Gasser und anderen Forschern der Universität Basel zeigen. »LSD kann in der Psychotherapie ein wertvoller Türöffner sein. Wenn ich LSD bei Patienten einsetze, zähle ich jedoch ganz auf die psychoaktive Wirkung. Das Paradoxe am Microdosing ist ja, dass per Definition eine unterschwellige Dosis genommen wird. Daher lässt sich schwer sagen, ob es eine messbare Wirkung gibt oder allein die Erwartung wirkt.«
LSD und Cannabis in der Medizin
Cannabis ist eine alte Substanz, hat wenig Nebenwirkungen und auch heute noch wird Cannabis bei Spasmen, Schmerzen usw. eingesetzt. Die Suchtgefahr ist bei medizinischer Therapie als sehr gering einzustufen. Cannabisprodukte werden in der Medizin seit Jahrhunderten in verschiedenen Bereichen eingesetzt. Die unterschiedlichen Wirkungen der Inhaltsstoffe für unterschiedliche Störungen sind aus wissenschaftlicher Sicht schlecht belegt. Nebenwirkungen und Folgeerkrankungen sind mild und selten. Primäre Vulnerabilitäten, Tabak und Alkohol sind für die Suchtentwicklung viel gefährlicher. Diese Pflanze ist sehr weit verbreitet, und je nachdem, wo sie wächst, sind deutlich unterschiedlich hohe Konzentrationen der je nach Sorte bis zu 500 verschiedenen Inhaltsstoffe festzustellen. Cannabinoide, Terpene und Flavonoide sind für die Wirkung von Cannabis sehr wichtig. Darüber hinaus geht man aber auch von Interaktionen mit anderen, noch nicht identifizierten Inhaltsstoffen aus, die für Wirkungen und Nebenwirkungen zu berücksichtigen sind. Seit Jahrtausenden wird die Hanfpflanze als Heilpflanze gegen verschiedenste Leiden (Schmerzen, Entzündungen, Menstruationsbeschwerden und sogar in Sterberitualen) verwendet.
Cannabis als "Einstiegsdroge"?
Tatsächlich ist Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge der Welt. Neuere Studien haben gezeigt, dass bereits Zigaretten- und Alkoholkonsum und nicht erst THC-Konsum für den späteren Missbrauch illegaler Drogen verantwortlich sind. Der Konsum von Tabak und Alkohol in frühen Jahren erhöht die Wahrscheinlichkeit, später Cannabis und andere illegale Drogen zu gebrauchen. Tabak, Alkohol und Cannabis sind in enger Verbindung zu sehen. Ein sehr früher Gebrauch von Alkohol und Tabak führt häufig zum Cannabiskonsum, eine Verbindung zu anderen Drogen ist wesentlich schwächer. Kontrovers zur Einstiegsdrogentheorie ist zunehmend gesichert, dass der Gebrauch psychoaktiver Substanzen vom Zusammenspiel vieler Risikofaktoren abhängig ist. In empirischen internationalen Untersuchungen konnte der Einfluss von Faktoren wie Persönlichkeit (ADHS in unterschiedlichen Schweregraden, irritables und zyklothymes Temperament), Geschlecht, Alter, Schultyp und Familienstruktur auf den Konsum illegaler Drogen gezeigt werden. Cannabis kann nicht als Einstiegsdroge bezeichnet werden.
Cannabis und Schizophrenie
Cannabis und auch THC lösen keine Schizophrenie aus. Die PatientInnen, die bei Cannabisgebrauch als „schizophrene“ Notfälle im Spital landen, sind PatientInnen, die primär eine schizophrene Störung haben und Cannabis zur Selbstbehandlung verwenden (man sieht bei Cannabis positive Wirkungen auf die Konzentration und auf die Filterstörung). Diese PatientInnen rauchen oft sehr hohe Dosen und leiden schließlich unter Durchgangssyndromen und unter der primären schizophrenen Symptomatik (Denkstörungen, Filterstörungen usw.). Eine reine, nur durch Cannabis induzierte Schizophrenie wurde von den Autoren noch nie diagnostiziert.
Drogeninduzierte Psychosen
Bei einer substanz- beziehungsweise drogeninduzierten Psychose handelt es sich um eine Gruppe psychischer Erkrankungen, die in direktem Zusammenhang mit dem Konsum von Drogen stehen. Auslöser können verschiedene verschreibungspflichtige Medikamente, Alkohol oder Drogen wie Kokain, Cannabinoide, Ecstasy und Amphetamine sein. Weitere mögliche Auslöser sind halluzinogene Substanzen, zu denen etwa LSD und halluzinogene Pilze gehören. Die substanzinduzierte Psychose ist eine exogene Psychose und entsteht folglich aufgrund äußerer Einflüsse. Die Einnahme bestimmter Medikamente oder Drogen verursacht nicht automatisch eine Psychose - nur wenige Menschen sind von einer drogeninduzierten Psychose betroffen. Auch wenn Betroffene ihre Erkrankung nicht immer als solche wahrnehmen, sind sie oft nicht mehr in der Lage, ihr gewohntes Leben weiterzuführen. Teilweise können sie nicht mehr zur Schule oder zur Arbeit gehen. Ihr Verhalten kann durch Aggressivität, Angst oder Reizbarkeit gekennzeichnet sein. Manche Patientinnen und Patienten beginnen, sich selbst zu verletzen. Außerdem ist es möglich, dass durch den Drogenkonsum andere psychische Störungen ausgelöst werden. Hatte die/der Betroffene zuvor bereits eine endogene Psychose, kann diese wieder auftreten oder sogar chronisch werden.
Da es keine medizinische Untersuchung gibt, die eine substanzinduzierte Psychose nachweist, erfolgt der Befund in verschiedenen Schritten - vor allem über die Differenzialdiagnose. Um die passende Behandlung einleiten zu können, müssen Ärztinnen und Ärzte wissen, welche Substanz die Betroffenen konsumiert haben. Deshalb sind ein Drogentest sowie ein Anamnesegespräch die Grundlage der Diagnostik. Die betroffene Person berichtet von Symptomen, Vorerkrankungen sowie eingenommenen Medikamenten und/oder Drogen. Oftmals beobachtet das medizinische Fachpersonal die psychotischen Symptome über einen festgelegten Zeitraum, um zu sehen, ob und wann diese nachlassen. Differenzialdiagnostisch müssen Ärztinnen und Ärzte verschiedene Untersuchungen vornehmen, um andere Erkrankungen als Ursache für die psychotischen Zustände auszuschließen.
Stimulanzien und Bewegungsstörungen
Ein leichtes Zittern oder Probleme in der Feinmotorik können verschiedene Ursachen haben. Eine Befragung hat ergeben, dass Konsumierende von Ecstasy und Crystal Meth vergleichsweise häufig davon betroffen sind. Seit längerem besteht der Verdacht, dass Stimulanzien wie Speed oder Crystal Meth die Parkinson-Krankheit auslösen könnten. Typisch für Parkinson ist ein feines Zittern, das auch als Tremor bezeichnet wird. Ausgelöst wird das Zittern durch Schäden an bestimmten Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Methamphetamin, der Wirkstoff in Crystal Meth, kann eben diese Nervenzellen schädigen.
Ein Forschungsteam um Studienleiterin Gabrielle Todd hat sich dieser Frage angenommen und 331 Personen befragt, die Methamphetamin und Ecstasy konsumieren. Zusätzlich wurden 190 Personen befragt, die zwar Erfahrung mit Ecstasy haben, aber nicht mit Methamphetamin. Den Ergebnissen zufolge berichten Personen, die Stimulanzien konsumieren, im Vergleich zur Kontrollgruppe rund 4- bis 5-mal häufiger von Problemen mit der Feinmotorik, also bei kleinen Bewegungen mit den Händen. Konsumierende von Stimulanzien berichten zudem häufiger von unkontrolliertem Zittern. Eine von fünf Personen, die Methamphetamin konsumieren, hat schon mal einen Tremor bei sich festgestellt. Das kann die Hände, die Arme, die Beine oder auch den Kopf betreffen. Ob der Drogenkonsum die Ursache der gefundenen Symptome ist, lässt sich zwar nicht sicher sagen, frühere Studien hätte nach Einschätzung des Forschungsteams aber ebenfalls Hinweise darauf geliefert, dass der Konsum von Stimulanzien mit Störungen der Bewegungskontrolle einhergeht. Möglicherweise wirken sich Stimulanzien ungünstig auf die nervöse Verarbeitung in jenen Hirnregionen aus, die für die Motorik zuständig sind.
Sucht und Abhängigkeit
Drogen- und Medikamentenabhängigkeit sind häufig mit schwerwiegenden Veränderungen der Lebensqualität der Betroffenen verbunden. Der zunächst verborgene und später oft zunehmend auffällig werdende Verlust von Antrieb und Motivation kann zu Schwierigkeiten bei der Bewältigung alltäglicher Anforderungen, bei der Strukturierung des Tagesablaufs und bei der Aufrechterhaltung des emotionalen Gleichgewichts führen. Dadurch kommt es zu einer Spirale der Ausgrenzung, sodass die Betroffenen aus den sozialen Strukturen der Gesellschaft herausfallen. Heute besteht Konsens darüber, dass die manifeste Abhängigkeit von Substanzen keine Willensschwäche der Betroffenen widerspiegelt, sondern in erster Linie eine Folge von psychologischen Lernprozessen und verschiedenen neurobiologischen Veränderungen im Gehirn ist. Entscheidend ist, dass eine substanzbezogene Störung wie z. B. eine Abhängigkeitserkrankung nur über einen in der ICD-10 und im DSM-5 festgelegten Kriterienkatalog zu diagnostizieren ist. Eine Diagnosestellung allein über die Menge und Häufigkeit des Konsums sowie über das Erscheinungsbild des Betroffenen ist nicht zulässig. Ist erst einmal die Diagnose einer Abhängigkeitserkrankung gestellt, bedeutet dies nach den heutigen Konventionen, dass diese Diagnose als sog. Lifetime-Diagnose den Betroffenen auch bei lang anhaltenden Phasen der Abstinenz sein Leben lang begleiten wird. Mit anderen Worten, Abhängigkeitserkrankungen sind in der Regel chronisch-rezidivierende Erkrankungen.
Es gibt keinen vorgezeichneten Weg in eine Abhängigkeitserkrankung. Bisher gibt es keine Hinweise auf ein „Suchtgen“, sodass vermutet wird, dass verschiedene Faktoren zusammenkommen müssen, damit eine solche Erkrankung entstehen kann.