Sprachcomputer als Kommunikationshilfe bei Parkinson und anderen neurologischen Erkrankungen

Einleitung

Morbus Parkinson und Multiple Sklerose (MS) sind neurologische Erkrankungen, die im Verlauf die sprachlichen Fähigkeiten der Betroffenen beeinträchtigen können. Elektronische Kommunikationshilfen bieten hier eine Möglichkeit, die Kommunikationsfähigkeit zu erhalten und die Lebensqualität zu verbessern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Arten von Sprachcomputern und Kommunikationshilfen, ihre Anwendungsbereiche und wie sie Menschen mit Parkinson und ähnlichen Erkrankungen unterstützen können.

Ursachen und Auswirkungen von Sprachproblemen bei Parkinson und MS

Morbus Parkinson

Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, bei der es zu einem Dopaminmangel im Mittelhirn kommt, was zum Absterben von Zellen führt. Dies führt zu charakteristischen Symptomen wie Muskelstarre, Zittern und verlangsamten Bewegungen. Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit kann die Sprechatmung gestört und die Artikulation beeinträchtigt sein, was zu einer leiseren und monotonen Stimme führt.

Multiple Sklerose

Auch bei Multipler Sklerose (MS) leiden viele Patienten im Laufe der Zeit unter Sprechproblemen. MS-Patienten haben oft ein Taubheitsgefühl in Armen und Beinen, schnelle Bewegungen sind kaum möglich, und die Sehkraft kann nachlassen.

Elektronische Kommunikationshilfen als Lösung

Elektronische Kommunikationshilfen können die Kommunikationsfähigkeit bei Parkinson und MS verbessern und den Betroffenen helfen, wieder aktiv am Leben teilzunehmen. Sie gleichen Beeinträchtigungen in Stimme und Sprache so weit wie möglich aus und werden somit als notwendiges Hilfsmittel anerkannt.

Arten von elektronischen Kommunikationshilfen

Inzwischen gibt es zahlreiche Arten elektronischer Kommunikationshilfen, die je nach den motorischen und kognitiven Fähigkeiten des Patienten eingesetzt werden können.

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Hilfsmittel zur Kommunikationsanbahnung

Diese einfachen Geräte verfügen über eine oder mehrere Tasten, die mit verschiedenen Funktionen belegt werden können. Auf diese Weise können kurze Texte, Lieder oder andere Aufnahmen aufgenommen und per Tastendruck abgespielt werden. Dies ermöglicht es dem Patienten, auf sich aufmerksam zu machen und bestimmte Sätze abzuspielen. Beispiele hierfür sind der BigMACK, der Step-by-Step oder der italk2. Diese Geräte ermöglichen es, Erlebnisse zu erzählen, Wünsche und Bedürfnisse zu übermitteln, Lieder abzuspielen oder einfache Gespräche zu führen. Die „sprechenden Tasten“ verfügen über Anschlüsse für Taster und können somit auf unterschiedliche Arten angesteuert werden.

Kommunikationshilfen mit Symboltafeln und Sprachausgabe

Diese Geräte arbeiten mit Symbolen oder Bildern. Durch die Auswahl von einem oder mehreren Symbolen wird die Sprachausgabe aktiviert. Die Mitteilungen werden je nach Gerät aufgesprochen oder mittels Sprachsynthese wiedergegeben. Es gibt einfachere Geräte mit einer statischen Oberfläche, für die Schablonen angefertigt werden müssen. Um mehrere Aussagen zu unterschiedlichen Situationen des Alltags tätigen zu können, verfügen diese Geräte über Ebenen, sodass mehrere selbst erstellte Symboltafeln in die Geräte eingelegt werden können. Um dabei den variablen Bedürfnissen der Menschen mit UK-Bedarf gerecht zu werden, gibt es Geräte mit unterschiedlicher Felderanzahl und Feldgröße.

Sprachausgabegeräte mit dynamischem Display (Talker)

Sprachausgabegeräte mit dynamischen Oberflächen, oft auch als Talker bezeichnet, dienen der symbol- und/oder schriftsprachbasierten Kommunikation. Die Geräte sind je nach Konzeption mit einer synthetischen und/oder einer natürlichen Sprachausgabe ausgestattet und funktionieren mit Symbol- und/oder Schriftspracheingabe. Sie verfügen in der Regel über eine berührungsempfindliche Oberfläche, einen Touch-Screen.

Für Menschen, die (noch) nicht lesen und schreiben können, gibt es dynamische Kommunikationshilfen, die nur über Symbole oder Bilder bedient werden können. Nach der Auswahl von einem oder mehreren Symbolen wird die Sprachausgabe aktiviert und ein Wort oder Satz gesprochen. Die Mitteilungen werden wahlweise auf das Gerät aufgesprochen oder über eine Sprachsynthese wiedergegeben. Bei Kommunikationshilfen mit Symbol- und Schrifteingabe stehen zusätzliche Grammatikfunktionen für die Symboleingabe sowie Schriftsprachoptionen zur Verfügung. Personen, die über Symbole kommunizieren, können so Symboleingabe für schnelle Kommunikation und Schrifteingabe für mehr Differenzierung nutzen.

Der Begriff dynamisches Display bedeutet, dass sich die Ansichten auf der Oberfläche des Geräts verändern, was für den Einsatz von Vokabularstrategien notwendig ist. Vokabularstrategien werden oft auch als semantische Kodierungen bezeichnet. Drückt man eine Taste, so wird entweder direkt ein Wort oder Satz ausgesprochen oder eine neue Auswahlmöglichkeit präsentiert. Durch das Drücken eines Felds mit einem Überbegriff öffnet sich eine neue Auswahlseite mit Unterbegriffen. Somit ist das Vokabular nicht durch die Anzahl der Tasten begrenzt und immer verwendbar.

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Kommunikationshilfen mit Schrifteingabe

Für nicht lautsprachlich kommunizierende Menschen, die lesen und schreiben können, gibt es Kommunikationshilfen mit Schrifteingabe. Die Eingabe erfolgt über eine Tastatur mit verschiedenen Ansteuerungsoptionen oder Scanning. Der Text kann von den Gesprächspartnern gelesen oder über eine synthetische Sprachausgabe vorgelesen werden. Einige Geräte verfügen über eine richtige Tastatur, die manchen Nutzer_innen die Bedienung erleichert. Andere wiederum werden über den Touchscreen bedient.

Tabletbasierte Sprachcomputer

Die tabletbasierten Sprachcomputer eigenen sich besonders für Anwender:innen mit guten motorischen Fähigkeiten, da sie über den Touchscreen angesteuert werden. Verschiedene Kommunikationssoftwares und speziell zugeschnittene Inhalte bieten Lösungen für verschiedene Bedürfnisse und Präferenzen. Unterschiedliche Gerätegrößen und vielfältiges Zubehör wie Halterungen, Fingerführungen Taschen etc.

Sprachcomputer mit Augensteuerung

Eine Kommunikationshilfe mit Augensteuerung ist eine flexible Lösung für Menschen mit komplexen Zugangs- und Kommunikationsbedürfnissen. Mit Hilfe eines Tablet PCs, mit angebauter Kamera, welche das Auge des Nutzers dauerhaft fixiert und scannt, kann die Bewegung des Auges auf dem Kommunikator sichtbar gemacht werden. NutzerInnen, die nicht in der Lage sind sich verbal mitzuteilen und auch über keine Hand- oder Fingerfunktion verfügen, wird damit ermöglicht, über die Bewegung des Auges einen Text zu schreiben und diesen anschließend vorsprechen zu lassen.

SpeechCare Apps für Erwachsene

SpeechCare bietet verschiedene Apps für Erwachsene mit Aphasie, Parkinson und anderen hirnorganischen Schädigungen. Diese Apps bieten ein zeitgemäßes und logopädisch fundiertes Übungstool für das Training der sprachlichen Fähigkeiten zu Hause. Die Einbindung von Videos und direktem visuellem Feedback über die Tabletkamera ermöglicht es den Patienten, in einer Weise zu üben, die bisher nicht möglich war. Auch Menschen mit Bewegungseinschränkungen oder im höheren Lebensalter fällt die Bedienung mittels Touchscreen deutlich leichter als das Bewegen einer Computermaus.

SpeechCare Aphasie: Diese App bietet eine Vielzahl an Aufgaben, die ein breites Spektrum abdecken. Sie finden Übungen zum Sprachverständnis, zur Wortfindung auf Wort- und Satzebene, zum Lesen und Schreiben, zum Ergänzen von Sätzen und Wörtern sowie diverse Grammatikübungen. Das Training kann in verschiedenen Schwierigkeitsgraden eingestellt und so dem Leistungsvermögen der Patient*innen immer wieder neu angepasst werden. Ein absolutes Novum ist die integrierte Videofunktion, die visuelle und auditive Vorgaben des Zielwortes bietet.

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SpeechCare MOVE: Diese App bietet Informationen zu Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten sowie konkrete Hilfestellungen für Menschen mit Parkinson. Die zeitgenaue Medikamenteneinnahme wird über die Erinnerungsfunktion erleichtert. Videos mit physio- und ergotherapeutischen Übungen sowie Hilfsmittel zum rhythmischen Sprechen helfen, Therapieinhalte in den Alltag zu integrieren. Das einfach bedienbare Bewegungsprotokoll dokumentiert Häufigkeit und Schweregrad von Dyskinesien.

SpeechCare STIMME: Diese App hat einen breiten Anwendungsbereich, der sich aus den Themengebieten Therapie und Musikalitäts-Training zusammensetzt. In der Therapie kann die App bei der Behandlung organischer und funktioneller Störungen eingesetzt werden sowie bei der Behandlung neurologischer Krankheitsbilder wie Dysarthrie, Multiple Sklerose oder Parkinson.

Vielfältige Ansteuerungsmöglichkeiten

Kommunikationshilfen mit dynamischem Display können auf verschiedenste Weise angesteuert werden, um Menschen mit besonderen motorischen Bedürfnissen den Gebrauch zu ermöglichen:

  • Bedienung eines Touchscreens mit/ohne Fingerführungshilfen
  • Ansteuerung mittels Scanning-Verfahren mit einem oder zwei Tastern
  • Mausersatzgeräte (z. B. TD Pilot ist eine Kommunikationshilfe mit Augensteuerung für das iPad).

Auswahl des passenden Kommunikationsgeräts

Die Wahl des geeigneten Kommunikationsgeräts hängt von den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Patienten ab. Eine Vielzahl an Faktoren seitens der unterstützt kommunizierenden Person und des Umfelds spielen eine Rolle. Eine theoretische Antwort auf die Frage, welche Kommunikationsform oder -hilfe für eine Person ideal ist, ist nicht möglich.

Beratungsgespräch im Sanitätshaus

Welche elektronische Kommunikationshilfe für Sie oder Ihren Angehörigen die geeignete ist, lässt sich am besten in einem Beratungsgespräch im Sanitätshaus herausfinden. Hierbei wird berücksichtigt, wie weit fortgeschritten die jeweilige Erkrankung ist, bzw. wie gut der Patient noch verbal kommunizieren kann.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Patienten haben den gesetzlichen Anspruch auf die Kostenübernahme einer elektronischen Kommunikationshilfe. Hilfreich bei der Beantragung ist, dass Sie auf das "technisch Machbare" bestehen. Die elektronische Kommunikationshilfe soll Beeinträchtigungen in Stimme und Sprache so weit wie möglich ausgleichen und somit als notwendiges Hilfsmittel anerkannt werden.

Weitere assistive Systeme zur Unterstützung der Selbstständigkeit

Neben Kommunikationshilfen gibt es weitere assistive Systeme, die Menschen mit neurologischen Erkrankungen helfen können, ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu wahren.

Umfeldsteuerung

Eine Umfeldsteuerung umfasst die Bedienung von häuslichen Einrichtungen mit Hilfe von elektronischen und elektromechanischen Geräten. Sie ermöglicht NutzerInnen die Rückgewinnung von Lebensqualität und trägt elementar zu seiner Eigenständigkeit und Selbstbestimmung bei. Die Rollläden öffnen, das Licht einschalten oder den Fernseher aus dem Bett oder Rollstuhl betätigen - diese und andere wesentliche Alltagsfunktionen lassen sich einfach per Knopfstdruck, der Sprache oder Tastatur ansteuern, mit Hilfe einer Umfeldsteuerung.

Mobiler Personenruf

Der mobile Personenruf ist eine der einfachsten Arten der Umfeldsteuerung. Er ermöglicht es NutzerInnen gezielt und zuverlässig auf sich aufmerksam zu machen. Dabei wird mittels eines Senders inkl. Sensor (Taster, Akustiksensor oder berührungsloser Sensor) dem Empfänger signalisiert, dass es ein Bedürfnis gibt.

Sondersteuerungen für Elektrorollstühle

Sondersteuerungen bei Elektrorollstuhlversorgungen kommen da zum Einsatz, wo eine Steuerung mit einem Standard Joystick nicht mehr ausreichend ist. Je nach Art der motorischen Einschränkung kommen unterschiedliche Steuerungen, wie z.B. Kopfsteuerung oder ein Nullwege-Joystick zum Einsatz.

Kopfsteuerung: Die Sondersteuerung - beispielsweise von munevo DRIVE - ist eine Kopfsteuerung für elektrische Rollstühle. Sie basiert auf Smartglasses deren Sensorik Kopfbewegungen in Steuersignale übersetzen. Diese Signale werden dann mittels Adaptern an die Kontrolleinheit des Rollstuhls weitergeleitet.

Armunterstützung / Sonderlösung

Armunterstützung kommen bei NutzerInnen bei progressiven Krankheitsverlauf zum Einsatz, bei denen nach und nach eine größere Unterstützung in der Vertikalisierung des Arms erforderlich wird.

Roboterarm: Roboterarme wurden für Menschen mit geringer oder fehlender Muskelfunktion in Armen und Händen entwickelt, sodass Alltagshandlungen wie essen, trinken, die Türe öffnen, sich am Kopf kratzen oder Gegenstände aufheben wieder selbständig ausgeführt werden können.

Helparm / Armunterstützung: Mit Hilfe des ifloats kann der Arm teils mit, oder ganz ohne Einsatz von Muskelkraft angehoben werden, sodass Haare kämmen, essen und trinken wieder möglich werden.

Forschung und Entwicklung im Bereich Sprach- und Sprechtherapie

Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT forscht und entwickelt marktnahe Lösungen mit Schwerpunkten auf Sprach- und Ereigniserkennung, Klangqualität und Sprachverständlichkeit sowie Mobile Neurotechnologie und Systeme für eine vernetzte Gesundheitsversorgung. Das Institut arbeitet eng mit der Carl von Ossietzky Universität, der Jade Hochschule und der Hochschule Emden/Leer zusammen und ist Partner im Exzellenzcluster »Hearing4all«.

HiSSS-Projekt

In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt HiSSS wird ein technikgestütztes, interaktives Therapiesystem für die Logopädie und Sprachtherapie - insbesondere für Menschen nach einem Schlaganfall - entwickelt, das sowohl für Präsenztherapie als auch für Videotherapie bis hin zum Eigentraining ohne Therapeutinnenkontakt in Form eines Software-basierten Assistenzsystems von den Anwenderinnen genutzt werden kann.

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