Wenn das Schlucken zum Problem wird, kann dies die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Normalerweise denken wir nicht viel über den Schluckvorgang nach, da er automatisch und unbewusst abläuft. Wenn jedoch Schwierigkeiten beim Schlucken auftreten, sprechen Experten von Dysphagie, einer Schluckstörung. Diese kann verschiedene Ursachen haben, von einer einfachen Erkältung bis hin zu schwerwiegenden Erkrankungen wie Tumoren. In Deutschland leiden mehr als fünf Millionen Menschen unter Schluckstörungen.
Was ist eine Schluckstörung (Dysphagie)?
Eine Schluckstörung oder Dysphagie liegt vor, wenn Menschen Schwierigkeiten haben, Flüssigkeiten oder feste Nahrung zu schlucken. Der Schluckvorgang ist ein komplexes Zusammenspiel von Muskeln und Nerven, das in drei Phasen abläuft. Bei einer Dysphagie können eine oder mehrere dieser Phasen gestört sein.
Wir schlucken pro Tag mehr als 1.000 Mal, wobei insgesamt 50 Muskeln beteiligt sind. Bereits geringe Störungen in diesem Zusammenspiel können zu erheblichen Problemen beim Essen und Trinken führen. Verschlucken kann sogar lebensgefährlich sein. Betroffene Personen haben Schwierigkeiten, feste Nahrung oder Flüssigkeiten zu schlucken.
Symptome einer Schluckstörung
Es gibt verschiedene Anzeichen, die auf eine Schluckstörung hindeuten können:
- Häufiges Räuspern
- Fremdkörpergefühl im Hals (Essen und/oder Trinken „bleibt in der Kehle stecken“)
- Häufiges Verschlucken (auch Speichel)
- Husten nach dem Essen und Trinken
- Aufstoßen
- Unklare Infekte oder Fieber
- Nahrungsreste im Mund
- Ungewollter Gewichtsverlust
- Belegte Stimme nach dem Schlucken
- Gurgelnde Atmung
Diese Symptome sollten ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden, um die Ursache der Schluckstörung zu ermitteln und geeignete Behandlungsmaßnahmen einzuleiten.
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Ursachen von Schluckstörungen
Die Ursachen für Schluckstörungen können vielfältig sein. Sie reichen von neurologischen Erkrankungen über Probleme im Hals- und Rachenraum bis hin zu krankhaften Veränderungen der Speiseröhre und des Brustraums.
Neurologische Ursachen
Häufig verursachen neurologische Erkrankungen eine Schluckstörung, da Störungen des Nervensystems, im Rückenmark oder im Gehirn das Zusammenspiel der Muskeln und Organe im Schluckprozess beeinträchtigen können. Zu den neurologischen Erkrankungen, die Schluckstörungen verursachen können, gehören:
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall ist eine der häufigsten Ursachen für Schluckstörungen im Alter.
- Morbus Parkinson
- Neuromuskuläre Erkrankungen, wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
- Demenz, insbesondere Alzheimer-Demenz: Viele Menschen, die an Demenz erkranken, entwickeln im Laufe der Zeit ein verändertes Hunger- und Durstgefühl.
- Multiple Sklerose (MS): Dysphagie ist eine häufige Begleiterscheinung von MS.
- Erkrankungen der peripheren Nerven mit Beteiligung der Hirnnerven
- Schädel-Hirn-Trauma
- Chorea Huntington: Eine seltene genetische Erkrankung, die unter anderem zu Bewegungsstörungen führt.
- Entzündungen der Skelettmuskulatur (Myositis)
- Muskeldystrophien: Erbliche Krankheiten, die mit Muskelschwäche einhergehen.
Weitere Erkrankungen und Faktoren
Neben neurologischen Ursachen können auch andere Erkrankungen und Faktoren Schluckstörungen verursachen:
- Tumore im Hals- und Rachenbereich, einschließlich Speiseröhrenkrebs
- Erkrankungen der Speiseröhre, wie Entzündungen (Ösophagitis), Aussackungen (Divertikel) oder Achalasie.
- Achalasie: Eine Erkrankung der Speiseröhre, bei der es zu einer Beweglichkeitsstörung kommt, die das Schlucken von fester Nahrung und Flüssigkeiten erschwert.
- Barrett-Ösophagus: Eine Veränderung der Zellen der Speiseröhre, die eine Krebsvorstufe darstellen kann.
- Gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD): Wiederholter Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre.
- Zwerchfellbruch (Hiatushernie)
- Erkrankungen der Halswirbelsäule (HWS-Syndrom)
- Mundinfektionen und Entzündungen im Mund- und Rachenraum
- Allergien: Eine allergische Reaktion auf bestimmte Nahrungsmittel kann durch Entzündungen und Vernarbungen eine Engstelle in der Speiseröhre verursachen.
- Psychische Faktoren: Psychisch bedingte Schluckstörungen treten häufig im Zusammenhang mit Angststörungen, Depressionen oder starkem Stress auf.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente, wie Neuroleptika, Opiate, Antidepressiva, Antiepileptika, Anticholinergika, Muskelrelaxantien und Beruhigungsmittel, können als Nebenwirkung Schluckstörungen verursachen.
- Hohes Alter (Presbyphagie): Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Wahrscheinlichkeit, eine Schluckstörung zu entwickeln.
Diagnostik von Schluckstörungen
Um die Ursache der Schluckprobleme zu finden, ist eine umfassende Diagnostik erforderlich. Diese umfasst in der Regel:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die genauen Beschwerden, Auslöser und Begleitumstände der Schluckstörung. Fragen können sein:
- Bestehen die Beschwerden ständig oder gibt es besondere Auslöser?
- Verschluckt sich der Betroffene schon am eigenen Speichel oder vor allem beim Essen oder Trinken?
- Kommt es zu Husten oder gar Erstickungsanfällen?
- Trat ein Gewichtsverlust auf?
- Gibt es Anzeichen für Mangelerscheinungen oder Austrocknung?
- Ist schon häufiger eine Lungenentzündung aufgetreten?
- Bereitet vor allem feste Nahrung Probleme beim Schlucken?
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf, Kopf und Nacken, um Auffälligkeiten oder Veränderungen festzustellen.
- Apparative Diagnostik: Verschiedene gerätegestützte Untersuchungen können eingesetzt werden, um die Schluckfunktion zu beurteilen und die Ursache der Störung zu identifizieren:
- Schluckendoskopie (FEES): Ein dünnes, flexibles Endoskop wird durch die Nase eingeführt, um den Rachen- und Kehlkopfraum vor und nach dem Schlucken zu beurteilen.
- Endoskopie (Spiegelung): Eine Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie) liefert wichtige Informationen über die Ursache der Schluckstörung im Bereich der Speiseröhre. Dabei können auch Gewebeproben entnommen werden.
- Manometrie: Eine hochauflösende Manometrie misst die Stärke und Koordination der Muskeln in der Speiseröhre sowie die Funktion des Schließmuskels zwischen Speiseröhre und Magen.
- Impedanz-pH-Metrie: Dieser Test misst die Häufigkeit und Dauer des Rückflusses von Mageninhalt (sauer und nicht sauer) in die Speiseröhre.
- Ösophagus-Breischluck-Untersuchung: Eine Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel, um den Schluckakt sichtbar zu machen.
- Videofluoroskopie (VFSS): Eine Röntgenuntersuchung, die die Phasen des Schluckens mithilfe von Röntgenstrahlen und Kontrastmittel sichtbar macht.
Behandlung von Schluckstörungen
Die Therapie von Schluckbeschwerden ist so vielfältig wie deren Ursachen und Auslöser. Ziel der Behandlung ist es, betroffenen Menschen das Essen und Trinken bestmöglich zu erleichtern und die Lebensqualität zu verbessern.
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Konservative Maßnahmen
- Schlucktherapie: Durch gezielte Übungen und Techniken können die Muskeln und Organe, die am Schluckvorgang beteiligt sind, trainiert und gestärkt werden. Logopäden spielen hierbei eine zentrale Rolle.
- Ernährungstherapie: Die Konsistenz der Nahrung wird an die individuellen Schluckfähigkeiten angepasst. Flüssigkeiten können angedickt und feste Speisen püriert werden.
- Anpassung der Essgewohnheiten: Eine aufrechte Körperhaltung beim Essen und Trinken ist wichtig, um die Nahrungsaufnahme zu erleichtern. Kleine Bissen und langsames Essen können ebenfalls helfen.
- Mundhygiene: Eine sorgfältige Mundpflege ist wichtig, um Munderkrankungen vorzubeugen und das Risiko von Lungenentzündungen durch Aspiration von Bakterien zu reduzieren.
Medikamentöse Therapie
Je nach Ursache der Schluckstörung können verschiedene Medikamente eingesetzt werden:
- Säurehemmende Medikamente: Bei säurebedingten Einengungen der Speiseröhre können Protonenpumpenblocker (PPI) helfen, die Säureproduktion im Magen zu reduzieren.
- Botulinumtoxin (Botox): Bei Achalasie kann Botox in den Schließmuskel der Speiseröhre injiziert werden, um diesen zu lähmen und die Passage der Nahrung zu erleichtern.
- Amantadin: Bei Schlaganfall-Patienten kann Amantadin das Risiko eines Eindringens von Nahrung und Flüssigkeit in die Atemwege senken.
- Medikamente zur Reduktion des Speichelflusses: Wenn ein verstärkter Speichelfluss eine gesundheitliche Gefahr darstellt, können Medikamente eingesetzt werden, um diesen zu verringern.
Interventionelle und chirurgische Verfahren
- Endoskopische Verfahren:
- Pneumatische Dilatation: Mittels eines endoskopisch eingeführten Dehnungsballons werden die unteren Abschnitte der Speiseröhre mit dem Schließmuskelapparat gedehnt.
- Perorale endoskopische Myotomie (POEM): Hierdurch wird mit dem Endoskop ein Tunnel zwischen den Schichten der Speiseröhrenwand geschaffen, um von dort aus gezielt die Ringmuskulatur des Schließmuskels zu erreichen, welche dann durchtrennt wird.
- Endoskopische Mukosaresektion (EMR) und endoskopisch submukosale Dissektion (ESD): Diese Methoden werden zur Entfernung von frühen Tumoren und deren Vorstufen in der Speiseröhre eingesetzt.
- Radiofrequenzablation (RFA): Nach einer endoskopischen Resektion kann verbliebenes Barrett-Gewebe mittels RFA entfernt werden.
- Anti-Reflux-Mukosaresektion (ARMS): In ausgewählten Fällen kann im Bereich des Mageneingangs Schleimhaut entfernt werden, um eine verstärkte Barriere gegen Reflux zu schaffen.
- Endoskopische Mukomyotomie: Bei Speiseröhren-Divertikeln, wie dem Zenker-Divertikel, kann die Wand zwischen Speiseröhre und Divertikel endoskopisch durchtrennt werden.
- Dehnung der Speiseröhre: Bei säurebedingten Einengungen der Speiseröhre kann eine Dehnung mit biegsamen Stäben durchgeführt werden.
- Chirurgische Verfahren:
- Laparoskopische Myotomie der Speiseröhre: Die Durchtrennung des Schließmuskels wird minimalinvasiv durchgeführt, um den Druck des unteren Schließmuskels der Speiseröhre zu senken und das Schlucken zu erleichtern.
- Laparoskopische Fundoplicatio: Bei großvolumigem Reflux, Unverträglichkeit von Medikamenten oder einer paraösophagealen Hernie kann eine Fundoplicatio durchgeführt werden, bei der der obere Magenanteil um die Speiseröhre gewickelt wird, um eine Barriere gegen Reflux zu schaffen.
- Laparoskopische Heller-Myotomie (LHM): Bei diesem chirurgischen Verfahren spalten Ärzte im Bereich der Speiseröhrenverengung den Längs- und Ringmuskel des unteren Ösophagus-Schließmuskels.
Spezielle Therapien bei Achalasie
Die Behandlung der Achalasie zielt darauf ab, die erhöhte Muskelspannung in der Speiseröhre zu reduzieren. Hierfür stehen verschiedene Optionen zur Verfügung:
- Medikamente: Calciumantagonisten und Molsidomin können im Anfangsstadium der Erkrankung helfen, die Muskelspannung zu reduzieren.
- Botox-Injektion: Eine endoskopische Injektion von Botulinum-Toxin (Botox) kann zur Lähmung der Speiseröhrenmuskulatur führen.
- Ballondilatation: Eine endoskopische Aufdehnung der unteren Speiseröhrenmuskulatur mit einem Ballon.
- Perorale endoskopische Myotomie (POEM): Ein minimalinvasives Verfahren, bei dem der Schließmuskel der Speiseröhre endoskopisch durchtrennt wird.
- Operation (extramuköse Myotomie): Der untere Speiseröhrenschließmuskel wird von außen gespalten, meist minimalinvasiv über eine Bauchspiegelung (Laparoskopie).
Ernährung bei Schluckstörungen
Eine angepasste Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Schluckstörungen. Es ist wichtig, die Konsistenz der Nahrung und Flüssigkeiten so anzupassen, dass sie leichter geschluckt werden können und das Risiko des Verschluckens minimiert wird.
- Geeignete Konsistenzen: Pürierte, weiche oder breiartige Speisen sind oft leichter zu schlucken. Flüssigkeiten können mit Andickungsmitteln angedickt werden.
- Vermeidung problematischer Nahrungsmittel: Schwer zu kauende, trockene oder krümelige Speisen sollten vermieden werden. Auch stark säurehaltige oder scharfe Speisen können Beschwerden verursachen.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Es ist wichtig, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um eine Dehydration zu vermeiden. Angedickte Getränke oder Saftschorlen können eine gute Alternative sein.
- Individuelle Anpassung: Die Ernährung sollte immer individuell an die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Betroffenen angepasst werden. Eine Beratung durch einen Arzt oder Ernährungsberater ist empfehlenswert.
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