Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Anlässlich der Jahrestagung in Berlin werden die Entwicklung und die Zukunftsperspektiven des Fachs beleuchtet. Die Neurologie hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt und ist heute eine der wichtigsten Säulen der medizinischen Versorgung, insbesondere angesichts einer alternden Bevölkerung.
Historische Entwicklung und Meilensteine der Neurologie in Deutschland
Die Neurologie in Deutschland kann auf eine lange Tradition herausragender Wissenschaftler zurückblicken. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gab es bedeutende Neurologen, deren Arbeiten weit über Deutschland hinaus Beachtung fanden. Moritz Romberg, der Autor des ersten Neurologiebuchs weltweit, gilt als einer der Väter der modernen Neurologie.
Mit der Gründung der DGN im Jahr 1907 etablierte sich die Neurologie als eigenständiges Fachgebiet, abgegrenzt von der Inneren Medizin und der Psychiatrie. In den Anfangsjahren standen klinisch-neuropathologische Korrelationsstudien und die Entwicklung diagnostischer Methoden im Vordergrund, wie beispielsweise die Elektroenzephalografie (EEG) durch Hans Berger. Später kamen biochemische Untersuchungen zur Aufklärung von Neurotransmittern hinzu, gefolgt von molekularbiologischen und genetischen Techniken zur Ermittlung der Ursachen neurologischer Erkrankungen. Dank intensiver Forschung hat sich die Neurologie heute zu einem vorwiegend therapeutischen Fach entwickelt.
Ein deutlicher Einschnitt in der Entwicklung der deutschen Neurologie war die Zeit des Nationalsozialismus. Die Vertreibung jüdischer Forscher, von denen es in der Neurologie überproportional viele gab, führte zu einem erheblichen wissenschaftlichen Aderlass. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch deutsche Neurologen eine aktive Rolle in der Nazizeit spielten.
Nach dem Krieg konnte die neurologische Forschung in Deutschland schrittweise wieder Anerkennung finden. Insbesondere in den Bereichen Schlaganfall, Parkinson und Bewegungsstörungen, Schmerz und Kopfschmerz, Epilepsie und Neuroimmunologie konnte sich Deutschland international wieder sehr gut positionieren. Dies spiegelt sich in der Zahl der Publikationen in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften wider.
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Aktuelle Herausforderungen und Schwerpunkte
Schlaganfallversorgung in Deutschland
Ein wichtiger Schwerpunkt der DGN ist die Verbesserung der Schlaganfallversorgung in Deutschland. Obwohl es bundesweit 170 Stroke-Units gibt, bestehen erhebliche Qualitätsunterschiede. Es wird evaluiert, welche strukturellen Voraussetzungen mit welchen Behandlungsergebnissen korrelieren, um bessere Qualitätsindikatoren zu entwickeln.
Die rechtzeitige Lysetherapie ist entscheidend, um schwere Morbidität und Mortalität ischämischer Infarkte zu senken. Grundsätzlich ist die Lysetherapie in allen von der Deutschen Schlaganfallgesellschaft und der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe zertifizierten Stroke-Units möglich. Die Lysetherapie hat zusammen mit der Einrichtung von Stroke-Units den Krankheitsverlauf des Schlaganfalls in Deutschland verändert. Im optimalen Fall kann die Behandlung im Durchschnitt bei einem von vier Schlaganfallpatienten, die lysiert werden, schwerste Behinderungen oder den Tod verhindern.
Ein wichtiger Faktor zur weiteren Verbesserung der Schlaganfallversorgung ist die frühzeitige Vorstellung der Patienten in den Stroke-Units. Bisher werden nur etwa 65 Prozent aller Patienten mit einem akuten Schlaganfall auf einer Stroke-Unit behandelt. Die DGN arbeitet eng mit der Deutschen Schlaganfallgesellschaft und dem Kompetenznetz Schlaganfall zusammen, um die Schlaganfallversorgung weiter zu verbessern.
Seltene neurologische Erkrankungen
Ein weiteres wichtiges Thema sind seltene neurologische Erkrankungen. Patienten mit seltenen Erkrankungen werden oft als Verlierer des Systems gesehen, da es an Leitlinien und Orientierung für die Behandlung fehlt. Allerdings gibt es Expertenempfehlungen und das Kompetenznetz "Seltene Erkrankungen", das für alle Anfragen von Kollegen offen ist. Interessanterweise hat die Forschung über seltene Krankheiten gezeigt, dass manche von ihnen eine größere Bedeutung haben können. So sind beispielsweise fünf Prozent der Schlaganfälle und der transienten ischämischen Attacken bei Menschen unter 55 Jahren auf den eigentlich seltenen Morbus Fabry zurückzuführen.
Prävention neurologischer Erkrankungen
Die Prävention neurologischer Erkrankungen wird in Zukunft eine zunehmende Bedeutung gewinnen. Viele neurologische Volkskrankheiten könnten durch gezielte Maßnahmen heute schon verhindert oder ihr Verlauf modifiziert werden. Gezielte Präventionsforschung könnte hier rascher voranbringen.
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Die neue DGN-Präsidentin, Prof. Dr. Daniela Berg, möchte die Aspekte Prävention und Früherkennung in den gesundheitspolitischen Fokus rücken. Sie betont, dass bis zu 90 % aller Schlaganfälle auf vermeidbare Risikofaktoren zurückzuführen sind und dass bis zu 45 % aller Demenz-Erkrankungen durch das Vermeiden von Risikofaktoren verhindert werden könnten. Prof. Berg setzt auf eine personalisierte Prävention mithilfe neuester Frühdiagnostik und KI-basierter Technologien.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Leitlinien
Für niedergelassene Neurologen ist es oft schwierig, unter dem Diktat der knappen Kassen eine leitliniengerechte Therapie durchzuführen. Die DGN sieht es als ihre Aufgabe, den Neurologen den Rücken zu stärken und sie vor Regressforderungen zu schützen. Die Fachgesellschaft gibt in ihren Leitlinien Empfehlungen, die durchaus ökonomische Gesichtspunkte berücksichtigen. Allerdings ist es die Aufgabe der DGN, darauf zu dringen, dass den Patienten bessere Therapien nicht vorenthalten werden - auch wenn diese teurer sind. Die wichtigste Hilfe, die eine Fachgesellschaft geben kann, ist, die verfügbare Evidenz für oder gegen eine Therapie wissenschaftlich aufzuarbeiten und das Ergebnis dann auch öffentlich zu vertreten.
Zusammenarbeit mit Berufsverbänden
Die Zusammenarbeit zwischen der Fachgesellschaft und den Berufsverbänden ist hervorragend. Gemeinsam sehen sie den Status der Fachärzte gefährdet, auch den der Neurologen.
Fortschritte in der Behandlung neurologischer Erkrankungen
Die Neurologie kann heute viele Erkrankungen behandeln, die früher rätselhaft waren. In den vergangenen Jahren hat sie sich zunehmend auch der Versorgung akut und schwerstkranker Menschen zugewandt. Neurologische Notfälle sind in manchen Kliniken fast so häufig wie internistische Notfälle. Neurologische Intensivstationen findet man heute in den meisten großen Kliniken.
Tiefe Hirnstimulation
Ein Beispiel für neue Behandlungsmethoden ist die Tiefe Hirnstimulation. Für Patienten mit Morbus Parkinson ist die Tiefe Hirnstimulation eine Option, wenn sich Fluktuationen der Beweglichkeit mit Medikamenten nicht mehr oder nicht mehr ausreichend behandeln lassen. Auch hier hat die deutsche Forschung die internationalen Leitlinien geprägt. In einer prospektiven kontrollierten Studie des deutschen Kompetenznetzes Parkinson konnte gezeigt werden, dass sich die motorischen Fähigkeiten und vor allem die Lebensqualität dieser Patienten wesentlich deutlicher besserten als durch Medikamente allein. Ebenfalls von dieser deutschen Arbeitsgruppe wurde gezeigt, dass Patienten mit schwerer Dystonie durch die Stimulationsbehandlung entscheidend besser behandelt werden können. Bei schwersten Tremorerkrankungen ist die Tiefe Hirnstimulation ebenfalls etabliert. Neue Indikationen, wie Schmerzen oder Depressionen, werden derzeit in klinischen Studien geprüft.
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Schwere, unerwünschte Wirkungen wie Blutungen treten bei 0,5 Prozent der jüngeren Patienten auf, das Risiko steigt bei älteren auf bis zu 1,5 Prozent.
Transiente ischämische Attacken (TIA)
Ein weiteres wichtiges Thema ist der Umgang mit transienten ischämischen Attacken. Die DGN und Deutsche Schlaganfallgesellschaft haben eine klare Botschaft: Eine transiente ischämische Attacke ist ein Schlaganfall, der akut keine Symptome hinterlässt, dessen Ursachen aber genauso dringend diagnostisch abgeklärt werden müssen wie ein vollendeter Schlaganfall. Denn ohne Beseitigung der TIA-Ursache bekommt statistisch jeder Dritte innerhalb von sechs Monaten einen Hirninfarkt. Es ist notwendig, die Patienten sofort in die Klinik aufzunehmen, intensiv zu überwachen und die Ursache der TIA und das weitere Risiko abzuklären, da ein vollendeter Schlaganfall in den ersten Tagen nach der TIA droht.
Neue Behandlungskonzepte
Die Neurologie hat eine Entwicklungsphase erreicht, in der Erkenntnisse der Grundlagenforschung sehr schnell in neue Behandlungskonzepte umgesetzt werden können. Das Verständnis der plastischen Veränderungen nach einer Hirnschädigung kann für die rehabilitativen Therapien genutzt werden. Neue pharmakologische oder immunologische Ansätze können durch eine effiziente Organisation von klinischen Studiengruppen rasch evaluiert werden. Über neue Erkenntnisse in der Bildgebung lassen sich neue Stimulationsorte für die Tiefe Hirnstimulation finden. Entscheidend ist dabei, dass die Erkenntnisse auch beim Patienten ankommen. Dafür sorgen in der Neurologie die mittlerweile fast 400 neurologischen Kliniken und die mehr als 3 000 niedergelassenen Neurofachärzte.
Alzheimer-Therapie
Ein aktuelles Beispiel für Fortschritte in der Alzheimer-Therapie ist die Zulassung von Lecanemab, einem Antikörper gegen das Proteinfragment β-Amyloid im Gehirn. Obwohl dieser Antikörper die Alzheimer-Erkrankung weder heilen noch stoppen kann und lediglich ihr Fortschreiten verlangsamt, befürwortete die DGN die Zulassung von Lecanemab. Die Betroffenen warten dringend auf eine Therapieoption, und für diejenigen, für die diese Behandlung infrage kommt, ist sie eine große Chance. Sie hemmt die Progression um etwa ein Drittel, und es macht einen großen Unterschied, ob ich als Betroffener ein oder eineinhalb Jahre im Frühstadium der Erkrankung verbleibe, wie es die Zulassungsstudien gezeigt haben.
Neuroethische Fragestellungen
Aus der neurologischen Forschung heraus entwickelt sich ein zunehmend materialistisches Bild des Menschen. Dies wirft Zweifel an zentralen philosophischen Begriffen auf, wie beispielsweise dem freien Willen. Die moderne Bildgebung ist nur eine der dabei verwendeten Methoden, die solche grundlegenden Befunde aufdeckt. Allerdings sollte man auch hier kritisch bleiben, weil jede Aussage nur so belastbar ist wie das wissenschaftliche Untersuchungsparadigma, das dahintersteht.
Die Neurowissenschaften verstehen sich nicht nur in der Wissenschaftstradition der Natur-, sondern auch der Geisteswissenschaften. Sie müssen zwangsläufig interdisziplinär arbeiten. Dennoch ist Vorsicht geboten bei der unkritischen Verwendung neurobiologischer Erkenntnisse für forensische oder politische Fragestellungen.
Die Kampagne "Wir sind Neurologie"
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat die Imagekampagne „Wir sind Neurologie.“ gestartet, um die Erfolge, die Herausforderungen und die gesellschaftliche Bedeutung ihres Fachs sichtbar zu machen. Die Kampagne soll die Vielfalt und die Erfolge der Neurologie als Schlüsselmedizin des 21. Jahrhunderts sichtbar machen, ein starkes Wir-Gefühl erzeugen, aber auch Ziele und Herausforderungen benennen, die es noch zu bewältigen gilt.
Der DGN-Kongress
Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ist ein wichtiger Treffpunkt für Expertinnen und Experten aus Klinik, ambulantem Bereich und Forschung. Der Kongress bietet ein exzellentes Programm aus Vorträgen, Fortbildungen und Workshops und behandelt die gesamte Bandbreite der Neurologie.
Ein wichtiger Schwerpunkt des Kongresses ist die Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlich relevanten Fragen. So widmete sich der DGN-Kongress dem Thema „Neurologie und Immunologie“ und beleuchtete die Rolle von Entzündungsprozessen bei vielen neurologischen Erkrankungen.
Kopfschmerz und Gesichtsschmerz im Alter
Die Häufigkeit von symptomatischen Kopfschmerzen nimmt im Alter zu, wobei primäre Kopfschmerzen seltener werden, sekundäre häufiger.
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