Ständiger Harndrang kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Viele Menschen, sowohl Frauen als auch Männer, kennen das Problem: Kaum hat man die Toilette verlassen, verspürt man schon wieder das Bedürfnis, die Blase zu entleeren. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von ständigem Harndrang, insbesondere im Zusammenhang mit nervlichen Ursachen, und bietet einen umfassenden Überblick über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.
Normale Blasenfunktion und ihre Steuerung
Die normale Blasenfunktion besteht aus zwei Phasen: der Füllungsphase und der Entleerungsphase. Diese Prozesse werden durch verschiedene Ebenen des vegetativen Nervensystems gesteuert.
- Füllungsphase: Die Füllungsphase wird durch eine Schaltstelle im unteren Ende des Rückenmarks, den Onuf-Kern, kontrolliert. Von dort ziehen sympathische Nervenfasern zum Blasenschliessmuskel.
- Entleerungsphase (Miktion): Die Steuerung der Blasenentleerung erfolgt durch entsprechende Harnblasen-Schaltstellen im Hirnstamm (pontines Miktionszentrum) und im Grosshirn (frontales Blasenzentrum).
Die Blasenentleerung erfordert eine präzise Koordination zwischen der Kontraktion der Blasenfüllungsmuskulatur (Detrusor) und der Öffnung des Blasenschliessmuskels (Sphincter).
Neurogene Blasenstörungen als Ursache für Harndrang
Eine neurogene Blasenstörung kann entweder mit einer Überaktivierung oder einer Unterfunktion des Detrusor-Muskels (Harnblasenmuskel) einhergehen. Im Alltag kann sich die vermehrte Aktivität des Blasenmuskels durch häufigen Harndrang bemerkbar machen.
Überaktiver Blasenmuskel (Detrusor-Hyperaktivität)
Die Überaktivierung des Blasenmuskels führt zu vermehrtem Harndrang, häufigen, auch nächtlichen Entleerungen und schliesslich auch zu Inkontinenz.
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- Im Verlauf der neurogenen Blasenstörung kann die mehrmalige nächtliche Blasenentleerung notwendig werden bzw. bereits Gewohnheit sein.
- Eine Anzahl von 10 und mehr Toilettengängen am Tage ist bei einer Überaktivität des Blasenmuskels keine Seltenheit.
- Besonders lästig ist es, wenn der Harndrang keinen Aufschub duldet und den Alltag bestimmt.
- Nicht selten verleitet diese unangenehme Veränderung dazu, wenig bzw. zu wenig Flüssigkeit zu trinken, was Probleme wie Kreislaufstörungen oder Harnwegsinfekte begünstigen kann.
Verminderte Blasenfunktion (Detrusor-Hypokontraktilität)
Die verminderte Blasenfunktion (Detrusor-Hypokontraktilität) führt zu einer verzögerten oder unvollständigen Blasenentleerung. In der Folge kann es ebenfalls zu einer Inkontinenz kommen, nämlich der Überlauf-Inkontinenz.
- Die Unterfunktion des Blasenmuskels kann zu einer verzögerten und unvollständigen Entleerung führen.
- Gelegentlich wird zur Entleerung die Kompression des Unterbauches mit der Hand (Bauchpresse) angewendet.
- Oft verspüren die Betroffenen durch den in der Harnblase verbliebenen Urin kurz nach dem Toilettengang erneuten Harndrang.
- Wenn auf diese Weise Urin in der Harnblase verbleibt, kann es zu einer Vermehrung von Bakterien im Urin kommen und damit auch zu einer Blasenentzündung.
- Gelegentlich fällt eine Blasenstörung erst durch eine Häufung von Harnblaseninfekten auf. Dies ist besonders typisch für chronische neurologische Erkrankungen.
Ursachen neurogener Blasenstörungen
Störungen der Blasenentleerung (Miktion) können auf verschiedenen Ebenen des Nervensystems verursacht werden. Je nach Erkrankung kann die Impulsübertragung der Nerven der Blase und des Schliessmuskels, aber auch die Funktion der Schaltstellen im Rückenmark, Hirnstamm oder Grosshirn geschädigt sein.
Weitere Ursachen für ständigen Harndrang bei Frauen
Harndrang bei Frauen kann viele Ursachen haben. Diese reichen von akuten Infektionen über hormonelle und anatomische Veränderungen bis hin zu neurologischen oder psychischen Ursachen. Plötzlicher, häufiger Harndrang bei Frauen tritt oft bei akuten Erkrankungen wie Harnwegsinfektionen auf, während ständiger Harndrang bei Frauen, auch ohne Schmerzen, häufig durch chronische oder funktionelle Störungen wie eine überaktive Blase verursacht wird.
Überaktive Blase (OAB)
Die überaktive Blase ist eine der häufigsten Ursachen für häufigen Harndrang bei Frauen. Sie äussert sich durch Symptome wie imperativen Harndrang (plötzlicher, nicht unterdrückbarer Drang zur Blasenentleerung), Pollakisurie (häufiges Wasserlassen in kleinen Mengen) und Nykturie (nächtlicher Harndrang).
Mögliche Auslöser sind neurologische Störungen wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Rückenmarkverletzungen, die die Nervenversorgung der Blase beeinträchtigen können. Auch hormonelle Veränderungen, insbesondere in der Postmenopause, spielen eine Rolle. Ein Östrogenmangel kann die Schleimhäute der Harnwege und die Blasenfunktion negativ beeinflussen, was zu einer erhöhten Empfindlichkeit führt. Dies ist eine häufige Ursache für ständigen Harndrang bei Frauen im Liegen oder nachts. Darüber hinaus können Reizstoffe wie Koffein, Alkohol oder scharfe Speisen die Blase reizen und Symptome wie starken Harndrang bei Frauen verstärken. In vielen Fällen bleibt die genaue Ursache der überaktiven Blase jedoch unklar.
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Belastungsinkontinenz
Die Belastungsinkontinenz tritt häufig bei körperlicher Anstrengung wie Husten, Niesen, Lachen oder Sport auf. Sie wird durch eine Schwäche des Beckenbodens verursacht, die oft nach Schwangerschaften, Geburten oder im Alter auftritt. Eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur kann den Druck auf die Harnröhre nicht mehr ausreichend abfangen, wodurch es zu unkontrolliertem Urinverlust kommt. Zu den Risikofaktoren zählen Mehrlingsgeburten, Übergewicht und chronischer Husten (z. B. durch Rauchen).
Harnwegsinfektionen (Zystitis)
Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten Ursachen für plötzlichen, häufigen Harndrang bei Frauen. Sie treten aufgrund der kürzeren Harnröhre bei Frauen häufiger auf als bei Männern und werden oft durch Bakterien wie Escherichia coli verursacht. Typische Symptome sind Brennen beim Wasserlassen, Schmerzen im Unterbauch sowie trüber oder übelriechender Urin.
Anatomische Veränderungen
Ein Beckenbodensenkungssyndrom (Descensus genitalis) kann die Position der Blase verändern und zu ständigem Harndrang bei Frauen führen. Dies tritt häufig nach mehreren Geburten oder im höheren Alter auf. Durch die Senkung von Gebärmutter, Blase oder Darm können die Organe verlagert werden, was den Harnfluss beeinträchtigt und Harndrang auslöst.
Systemische Erkrankungen
Erkrankungen wie Diabetes mellitus können durch eine erhöhte Urinausscheidung (Polyurie) ebenfalls zu häufigem Harndrang bei Frauen führen. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel bewirkt, dass Zucker über die Nieren ausgeschieden wird, wodurch zusätzlich Wasser entzogen wird (osmotische Diurese). Auch Herzinsuffizienz kann durch Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe tagsüber und deren Ausscheidung in der Nacht (Nykturie) zu vermehrtem nächtlichem Wasserlassen führen.
Psychogene Ursachen
Stress, Angstzustände oder andere psychische Belastungen können den Harndrang verstärken, auch ohne, dass eine organische Ursache vorliegt. Solche Faktoren spielen oft eine Rolle bei ständigem Harndrang bei Frauen ohne Schmerzen.
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Neurologische Ursachen
Neurogene Blasenstörungen können ebenfalls ständigen Harndrang bei Frauen verursachen. Dazu zählen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Schlaganfälle oder Rückenmarkverletzungen, die die Nervenversorgung der Blase beeinträchtigen.
Schwangerschaft
Viele Frauen verspüren während der Schwangerschaft vermehrten Harndrang, und dies ist in den meisten Fällen völlig normal. Besonders im letzten Drittel der Schwangerschaft nimmt der Druck auf die Harnblase deutlich zu. Die wachsende Gebärmutter verlagert sich nach unten und drückt dabei verstärkt auf die Blase. Dadurch verkleinert sich ihr Fassungsvermögen, sodass schon kleine Urinmengen den Drang auslösen können, zur Toilette zu gehen.
Auch hormonelle Veränderungen spielen eine wichtige Rolle. Das Schwangerschaftshormon Progesteron wirkt entspannend auf die Muskulatur, einschliesslich der Blasen- und Harnwegsmuskulatur, was die Blasenentleerung beeinflussen kann. In Kombination mit einer stärkeren Durchblutung der Nieren produziert der Körper ausserdem mehr Urin, was den häufigen Harndrang bei Frauen während der Schwangerschaft zusätzlich verstärkt.
In der Regel ist dieser ständige Harndrang bei Frauen während der Schwangerschaft harmlos. Tritt jedoch zusätzlich Brennen beim Wasserlassen, trüber oder übelriechender Urin oder Fieber auf, sollte ärztlich abgeklärt werden, ob eine Harnwegsinfektion vorliegt. Harnwegsinfektionen treten in der Schwangerschaft häufiger auf, da hormonelle Veränderungen und die Erweiterung der Harnwege (Hydronephrose) den Harnabfluss verlangsamen und das Risiko für bakterielle Infektionen erhöhen.
Wechseljahre
Viele Frauen bemerken in den Wechseljahren häufigen oder ständigen Harndrang, was oft auf die hormonellen Veränderungen während der Menopause zurückzuführen ist.
Sinkende Östrogenspiegel beeinflussen die Schleimhäute im Urogenitaltrakt, insbesondere die Schleimhaut der Blase und Harnröhre. Dies führt zu einer erhöhten Empfindlichkeit der Blase gegenüber Reizen, was plötzlichen, häufigen oder ständigen Harndrang bei Frauen auslösen kann - auch ohne, dass die Blase vollständig gefüllt ist. Dieses Symptom wird häufig als überaktive Blase (OAB) oder Reizblase bezeichnet.
Zusätzlich können sinkende Östrogenspiegel die Beckenbodenmuskulatur schwächen, was das Risiko für eine Belastungsinkontinenz erhöht. Diese tritt häufig bei körperlicher Anstrengung wie Husten, Niesen oder Sport auf. Eine verminderte Durchblutung und Elastizität des Gewebes im Urogenitalbereich können die Blasenfunktion ebenfalls beeinträchtigen und zu ständigem Harndrang bei Frauen führen.
Neben den hormonellen Veränderungen können auch andere Faktoren wie Stress oder eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr den starken Harndrang bei Frauen in den Wechseljahren verstärken.
Nächtlicher Harndrang (Nykturie)
Nächtlicher Harndrang (Nykturie) ist ein häufiges Symptom bei Frauen, das die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Es handelt sich dabei um das wiederholte Aufwachen (ein- bis zweimal oder häufiger) in der Nacht, um die Blase zu entleeren.
Hormonelle Veränderungen, insbesondere in der Postmenopause, spielen eine zentrale Rolle bei nächtlichem Harndrang bei Frauen. Ein Rückgang des Hormons Vasopressin (antidiuretisches Hormon, ADH) führt dazu, dass die Nieren nachts mehr Urin produzieren. Gleichzeitig kann ein Östrogenmangel die Schleimhäute der Harnwege empfindlicher machen, was den Harndrang verstärkt.
Eine überaktive Blase ist eine häufige Ursache für nächtlichen Harndrang bei Frauen. Sie führt zu plötzlichem und starkem Harndrang, auch wenn die Blase nicht vollständig gefüllt ist. Reizstoffe wie Koffein oder Alkohol können die Symptome zusätzlich verschlimmern.
Harnwegsinfektionen sind eine weitere häufige Ursache für nächtlichen Harndrang bei Frauen. Die Infektion reizt die Blasenschleimhaut, was zu häufigem und schmerzhaftem Wasserlassen führt - auch nachts.
Systemische Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Herzinsuffizienz können ebenfalls nächtlichen Harndrang bei Frauen verursachen. Bei Diabetes führt ein erhöhter Blutzuckerspiegel zu einer erhöhten Urinausscheidung (Polyurie), was besonders nachts auffällt. Bei Herzinsuffizienz wird tagsüber eingelagertes Gewebewasser im Liegen wieder ins Blut zurückgeführt und über die Nieren ausgeschieden, was zu vermehrtem nächtlichem Wasserlassen führt.
Stress und Schlafstörungen können den nächtlichen Harndrang verstärken, auch ohne, dass eine organische Ursache vorliegt. Frauen mit Angststörungen oder chronischem Stress berichten häufiger von Nykturie.
Eine erhöhte Flüssigkeitsaufnahme am Abend oder der Konsum von harntreibenden Substanzen wie Alkohol oder koffeinhaltigen Getränken kann nächtlichen Harndrang bei Frauen auslösen oder verstärken.
Wann sollte man bei Harndrang einen Arzt aufsuchen?
Tritt plötzlicher, häufiger oder ständiger Harndrang bei Frauen auf oder wird dieser als belastend empfunden, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Vor allem, wenn zusätzlich folgende Beschwerden auftreten:
- Brennen beim Wasserlassen: Dies kann auf eine Harnwegsinfektion oder eine Reizung der Harnwege hinweisen.
- Blut im Urin: Sichtbares Blut (Makrohämaturie) oder mikroskopisch nachweisbares Blut (Mikrohämaturie) kann auf Infektionen, Steine oder Tumore im Harntrakt hindeuten.
- Fieber: In Kombination mit Harndrang kann Fieber ein Hinweis auf eine Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) oder eine andere systemische Infektion sein.
- Abgeschwächter Harnstrahl: Ein schwacher oder unterbrochener Harnstrahl kann auf eine Verengung der Harnröhre oder andere obstruktive Probleme hinweisen.
- Häufiges nächtliches Wasserlassen: Dies kann ein Anzeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hormonelle Veränderungen oder Blasenfunktionsstörungen sein.
- Ständiger Harndrang ohne Urinausscheidung: Dieses Symptom kann auf eine Reizblase, Blasensteine oder neurologische Störungen hindeuten.
- Schmerzen im Unterbauch oder Beckenbereich: Diese können ein Hinweis auf eine Blasenentzündung, Prolaps oder andere urogenitale Erkrankungen sein.
- Unkontrollierter Urinverlust (Inkontinenz): Plötzlicher oder unkontrollierter Urinverlust sollte untersucht werden, da er auf eine Belastungs- oder Dranginkontinenz hinweisen kann.
- Gefühl einer unvollständigen Blasenentleerung: Dieses Symptom kann auf eine Blasenentleerungsstörung oder eine obstruktive Ursache wie eine Harnröhrenverengung hindeuten.
Untersuchungen und Diagnose bei Harndrang
Zu Beginn führt die Ärztin oder der Arzt eine Anamnese durch, um die Beschwerden und mögliche Begleitsymptome genauer zu erfassen. Dabei werden gezielte Fragen gestellt, etwa zur Häufigkeit des Harndrangs, zu nächtlichem Wasserlassen (Nykturie), zu unkontrolliertem Urinverlust oder zu Schmerzen beim Wasserlassen. Auch die Einnahme von Medikamenten sowie bekannte Vorerkrankungen wie Diabetes, Harnwegsinfektionen oder gynäkologische Erkrankungen spielen eine wichtige Rolle.
Ein Miktionsprotokoll (Miktionstagebuch) kann helfen, das Muster des Harndrangs besser zu beurteilen. In diesem Protokoll dokumentieren Betroffene über mehrere Tage ihre Trinkmenge, die Häufigkeit der Toilettengänge und die ausgeschiedene Urinmenge. Dies liefert wertvolle Hinweise auf mögliche Ursachen wie eine überaktive Blase, Belastungsinkontinenz oder nächtliche Polyurie.
Weitere Untersuchungen:
- Urinuntersuchung: Eine Urinprobe wird analysiert, um Infektionen, Blut oder andere Auffälligkeiten im Harntrakt festzustellen.
- Ultraschall: Mithilfe eines Ultraschalls können strukturelle Veränderungen der Blase, Nieren oder Harnwege erkannt werden.
- Gynäkologische Untersuchung: Bei Verdacht auf anatomische Veränderungen wie eine Beckenbodensenkung (Descensus genitalis) wird eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt, um die Position der Blase und anderer Organe zu beurteilen.
- Spezielle Untersuchungen: Falls neurologische Ursachen vermutet werden, können spezialisierte Tests wie eine urodynamische Untersuchung oder eine MRT des Rückenmarks notwendig sein, um die Funktion der Blase und des Nervensystems zu überprüfen.
Urodynamische Untersuchung
Im Rahmen der urologischen Untersuchung werden zunächst anderweitige Ursachen wie Hindernisse oder Engen der Harnwege ausgeschlossen. Zur genauen Beurteilung einer Blasenstörung ist außerdem hilfreich, wenn über einen Beobachtungszeitraum von einigen Tagen die Häufigkeit der Harnblasenentleerungen, nächtliche Toilettengänge und Probleme beim Wasserlassen wie beispielsweise verzögertes Wasserlassen, Schmerzen beim Wasserlassen und auch die Häufigkeit der täglichen Blasenentleerungen notiert wurden. Um eine neurogene bzw. neurologische Ursache der Blasenstörung nachzuweisen, sind spezialisierte Untersuchungen erforderlich. Hierfür arbeiten wir eng mit neurourologischen Fachärzten zusammen. Eine sehr hilreiche Untersuchung der Blasenfunktion ist die Video-Urodynamik. Die urodynamische Untersuchung ermöglicht es, die genannten Formen neurogener Blasenstörungen zu differenzieren. Anhand einer urodynamischen Untersuchung werden die Harnblasen-Druck- und Flusskurven vor und während der Harnblasen-Entleerung aufgezeichnet. Im Rahmen der Video-Urodynamik wird eine Röntgen-Untersuchungseinheit verwendet, mit Hilfe, derer sich die Veränderung des Füllungszustandes der Harnblase während der urodynamischen Untersuchung dokumentieren lässt. Bei neurogener Blasenstörung trägt zusätzlich die Autonome Funktionstestung zum Verständnis der Schädigung parasympathischer oder sympathischer Nerven bei. Damit kann die Frage beantwortet werden, ob eine chronische Blasenstörung beispielsweise Folge einer generellen Dysautonomie (Störung des Autonomen Nervensystems) wie bspw. bei einer Parkinson-Erkrankung ist. Die Untersuchungen helfen, eine Autonome Neuropathie als Teil einer Nerven-Erkrankung wie der Polyneuropathie zu identifizieren.
Behandlungsmöglichkeiten bei Harndrang
Die Behandlungsplanung neurologischer Blasenstörungen geschieht in Abstimmung zwischen neurologischen und urologischen Fachärzten. Zunächst werden nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft. Dazu gehörten das Blasentraining und die Trinkmengenplanung für den Tagesverlauf. Sollten Medikamente zur Verbesserung der Blasenfunktion erforderlich sein, so werden diese unter sorgfältiger Abwägung und Vermeiden von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ausgewählt. Die neurogene Blasenfunktionsstörung geht oft mit einer erektilen Dysfunktion bei Männern bzw. einer verminderten vaginalen Lubrikation bei Frauen einher. Die erektile Dysfunktion resultiert aus der Störung parasympathischer Nervenfasern des Rückenmarkes und einer verminderten Freisetzung des gefässerweiternden und durchblutungssteigernden Stickstoffmonoxids. Die Behandlung der erektilen Dysfunktion ist ein wichtiger Teil des neurourologischen Therapieplans.
Die Behandlung von Harndrang bei Frauen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache und umfasst eine Kombination aus nicht-medikamentösen, medikamentösen und weiteren therapeutischen Ansätzen. Eine individuelle Therapieplanung ist entscheidend, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Nicht-medikamentöse Massnahmen
- Blasentraining: Ein strukturierter Toilettenplan kann helfen, die Blase daran zu gewöhnen, grössere Mengen Urin zu speichern und den Harndrang besser zu kontrollieren.
- Beckenbodentraining: Durch gezielte Übungen wird die Beckenbodenmuskulatur gestärkt, was besonders bei Belastungsinkontinenz hilfreich ist. Diese Übungen können unter physiotherapeutischer Anleitung durchgeführt werden.
- Verhaltensänderungen: Eine Reduktion von Reizstoffen wie Koffein, Alkohol und scharfen Speisen sowie eine Anpassung der Flüssigkeitsaufnahme (insbesondere am Abend) können die Symptome lindern.
Hormontherapie
- Lokale Östrogentherapie: Bei Frauen in der Postmenopause kann eine lokale Östrogentherapie helfen, die Schleimhäute im Urogenitaltrakt zu regenerieren. Dies reduziert die Empfindlichkeit der Blase und verbessert die Symptome.
Die lokale Anwendung von Östrogenen, beispielsweise als Creme oder Vaginalzäpfchen, wird bevorzugt, da sie weniger systemische Nebenwirkungen hat als eine systemische Hormontherapie.
Medikamente
- Anticholinergika: Diese Medikamente (z. B. Oxybutynin, Tolterodin) reduzieren die Überaktivität der Blasenmuskulatur und helfen bei einer überaktiven Blase (OAB).
- Beta-3-Adrenozeptor-Agonisten: Wirkstoffe wie Mirabegron entspannen die Blasenmuskulatur und erhöhen die Blasenkapazität, was den Harndrang reduziert. Sie sind eine Alternative zu Anticholinergika, insbesondere bei Patientinnen mit Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit.
- Desmopressin: Dieses Medikament kann bei nächtlichem Harndrang (Nykturie) eingesetzt werden, um die Urinproduktion nachts zu reduzieren.
Operation
- Spannungsfreies Vaginalband (TVT): Bei Belastungsinkontinenz kann ein chirurgischer Eingriff wie die Einlage eines Vaginalbandes helfen, den Harnröhrenverschlussmechanismus zu stärken.
- Weitere Eingriffe: Bei anatomischen Veränderungen wie einer Beckenbodensenkung können rekonstruktive Operationen notwendig sein.
Hausmittel und pflanzliche Präparate
- Kürbiskernextrakt: Kürbiskerne enthalten Phytosterole und Omega-3-Fettsäuren, die entzündungshemmend wirken und die Blasenfunktion unterstützen können. Studien deuten darauf hin, dass sie besonders bei einer überaktiven Blase oder Reizblase hilfreich sein können.
- Brennnessel: Brennnesseltee wirkt harntreibend und entzündungshemmend. Er kann helfen, die Harnwege durchzuspülen und Reizungen zu reduzieren.
- Goldrute: Goldrutenextrakte fördern die Durchspülung der Harnwege und wirken antibakteriell sowie entzündungshemmend. Sie werden häufig bei Reizblase oder leichten Harnwegsinfekten eingesetzt.
Weitere Therapieoptionen
- Botulinumtoxin A (Botox): Alternativ kann auch eine Injektion von Botulinumtoxin A in die Blase erfolgen. Das Botulinumtoxin lähmt dabei den Blasenmuskel und unterdrückt somit die Kontraktionen des Blasenmuskels. Das Verfahren ist ein einfacher, kurzer Eingriff, der allerdings oft ebenso im Rahmen einer Kurznarkose durchgeführt wird. Da die Wirkung von Botulinumtoxin im Laufe der Zeit nachlässt, muss der Eingriff alle 6 bis 9 Monate wiederholt werden. Ein Harnverhalt, der einen sterilen Einmalkatheterismus erforderlich macht, tritt zwar recht selten auf, muss aber als mögliche Komplikation in Betracht gezogen werden.
- Sakrale Neuromodulation (Beckenbodenschrittmacher): Dieses Verfahren wird auch wissenschaftlich sakrale Neuromodulation genannt. Mit mehr als 300.000 Implantationen weltweit gilt dieses Verfahren als sicher und komplikationsarm. Bei diesem operativen Verfahren wird eine Elektrode unter Röntgenkontrolle an die Sakralnerven, welche Blase und Enddarm steuern, implantiert. Ein im Gesäßbereich eingepflanzter Beckenbodenschrittmacher gibt dann über die Elektrode schwache elektrische Impulse an die Sakralnerven ab (siehe Abb.), so dass die Signale des übermäßig starken Harndranges auf dem Weg zum Gehirn unterdrückt werden können.
Reizblase (überaktive Blase)
Eine Reizblase, auch als überaktive Blase bezeichnet, ist eine Funktionsstörung der Harnblase, die zu einem häufigen und oft plötzlich auftretenden Harndrang führt - selbst wenn die Blase nicht vollständig gefüllt ist. Betroffene haben das Gefühl, ständig zur Toilette zu müssen, was den Alltag stark beeinträchtigen kann. Die Auslöser für eine Reizblase sind vielfältig und oft nicht eindeutig feststellbar.
Ursachen und Risikofaktoren einer Reizblase
- Störungen im vegetativen Nervensystem: Eine Dysbalance zwischen sympathischer und parasympathischer Kontrolle der Blasenfunktion wird als zentrale Ursache diskutiert.
- Detrusorüberaktivität: Nachweisbare unwillkürliche Kontraktionen des Detrusormuskels, häufig idiopathisch, können die Symptome auslösen.
- Neurogene Dyskoordination (Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, DSD): Relevanz nur bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen (z. B. Multiple Sklerose, Rückenmarksläsion).
- Verändertes Harnmikrobiom (Harndysbiose): Neuere Studien (bis 2024) bestätigen Unterschiede in der Zusammensetzung des Blasenmikrobioms zwischen OAB-Patienten und Gesunden.
- Weitere Faktoren: Koffein, Stress, bestimmte Medikamente und hormonelle Veränderungen können ebenfalls eine Rolle spielen.
Diagnose einer Reizblase
Die Diagnose einer Reizblase erfolgt in der Regel durch:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Beschwerden.
- Miktionsprotokoll: Dokumentation der Trinkmenge, der Häufigkeit der Toilettengänge und der Urinmenge über mehrere Tage.
- Urinuntersuchung: Ausschluss von Harnwegsinfektionen.
- Ultraschalluntersuchung: Beurteilung der Blase und der Nieren.
- Urodynamische Untersuchung: Messung der Blasenfunktion.
Behandlung einer Reizblase
Die Behandlung einer Reizblase zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören:
- Blasentraining: Hinauszögern des Toilettengangs, um die Blasenkapazität zu erhöhen.
- Beckenbodentraining: Stärkung der Beckenbodenmuskulatur.
- Ernährungsumstellung: Vermeidung von reizenden Lebensmitteln und Getränken.
- Medikamente: Anticholinergika und Beta-3-Adrenozeptor-Agonisten zur Entspannung der Blasenmuskulatur.
- Botulinumtoxin-Injektionen: Lähmung der Blasenmuskulatur.
- Sakrale Neuromodulation: Stimulation der Nerven, die die Blasenfunktion steuern.
- Psychotherapie: Bei psychischen Belastungen, die die Reizblase verstärken.
Was kann man selbst gegen ständigen Harndrang tun?
- Trinken Sie ausreichend: Achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mindestens 1,5 Liter pro Tag), aber vermeiden Sie übermässiges Trinken am Abend.
- Vermeiden Sie reizende Getränke und Speisen: Reduzieren Sie den Konsum von Kaffee, Tee, Alkohol, kohlensäurehaltigen Getränken und scharfen Gewürzen.
- Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung: Essen Sie blasenfreundliche Lebensmittel wie Gemüse, Vollkornprodukte und mageres Protein.
- Entspannen Sie sich: Stress kann die Symptome einer Reizblase verstärken. Versuchen Sie, Stress abzubauen, z. B. durch Entspannungsübungen oder Yoga.
- Wärme: Wärme (zum Beispiel mit der Wärmflasche) kann entspannend auf die Muskulatur des Unterleibs wirken und so Harndrang mindern.
- Blasentraining: Versuchen Sie, den Toilettengang hinauszuzögern, um die Blasenkapazität zu erhöhen.
- Beckenbodentraining: Stärken Sie Ihre Beckenbodenmuskulatur durch gezielte Übungen.