Stellatumblockade: Eine Übersicht über Anwendung, Wirkung und Risiken

Die Stellatumblockade, auch bekannt als Ganglion-stellatum-Blockade (SGB), ist ein Verfahren, bei dem ein Lokalanästhetikum in die Nähe des Ganglion stellatum injiziert wird. Dieses Ganglion ist eine Ansammlung von Nervenzellkörpern des sympathischen Nervensystems, die sich auf beiden Seiten der Halswirbelsäule, vor dem Querfortsatz des 6. Halswirbelkörpers, befindet. Die Stellatumblockade wird zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, insbesondere bei chronischen Schmerzen und in neuerer Zeit auch bei Long-COVID-Symptomen.

Das Ganglion Stellatum und seine Funktion

Das Ganglion stellatum ist ein wichtiger Knotenpunkt des sympathischen Nervensystems, welches unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck, Schwitzen und Temperaturregulation steuert. Es reguliert unter anderem die Durchblutung und Schmerzentstehung im Versorgungsgebiet, das in etwa dem gleichseitigen Arm, dem oberen Brustkorb, dem Hals und einer Kopfhälfte entspricht. Bei bestimmten Erkrankungen kann es zu einer Überaktivierung des sympathischen Nervensystems kommen, was zu verschiedenen Symptomen führen kann.

Anwendungsgebiete der Stellatumblockade

Die Stellatumblockade wird traditionell zur Behandlung folgender Erkrankungen eingesetzt:

  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS): Die SGB gilt als Ultima Ratio bei der Therapie des CRPS der oberen Extremität, obwohl die Evidenzlage schwach ist.
  • Chronische Neuralgien: Insbesondere Neuralgien im Kopf- und Halsbereich.
  • Durchblutungsstörungen: Bei peripheren arteriellen Verschlusskrankheiten kann die SGB zur Gefäßerweiterung beitragen.
  • Hyperhidrose: Verminderung der Schweißsekretion im betroffenen Gebiet.

Stellatumblockade bei Long-COVID

In jüngster Zeit hat die Stellatumblockade Aufmerksamkeit als mögliche Behandlungsoption für Long-COVID-Symptome erlangt. Long-COVID bezeichnet anhaltende Symptome nach einer COVID-19-Infektion, die Fatigue, orthostatische Intoleranz, Anosmie (Geruchsverlust), Ageusie/Dysgeusie (Geschmacksverlust), Kurzatmigkeit, Schlafstörungen, gastrointestinale Symptome, Angstzustände und Depressionen umfassen können.

Eine Fallserie aus Anchorage (Alaska, USA) untersuchte, inwiefern Long-COVID-Patienten von einer kurzfristigen Blockade des Sternganglions profitieren können. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Blockade die Aktivität der zervikalen sympathischen Kette blockiert und den zerebralen Blutfluss erhöht, was zu einer Reduktion der Long-COVID-Symptome führen kann.

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Fallbeispiele:

  • Eine 42-jährige Long-COVID-Patientin berichtete 7 Monate nach der Infektion über Fatigue, Sprachstörungen, Kopfschmerzen, Anosmie, Dysgeusie und generalisierte Körperschmerzen. Nach einer rechtsseitigen SGB stellte sie eine sofortige Verbesserung der Anosmie und Dysgeusie sowie eine deutliche Verbesserung der geistigen Klarheit und Konzentrationsfähigkeit fest. Nach einer linksseitigen SGB zwei Tage später wurden die olfaktorischen Fähigkeiten und der Geschmacksinn bilateral wiederhergestellt. Die Verbesserungen blieben über die 60-tägige Nachbeobachtungszeit bestehen.
  • Eine 44-jährige Patientin war bereits 8 Monate an Long-COVID erkrankt und nahezu arbeitsunfähig geworden. Sie litt unter Gedächtnisdefiziten, Sprachbehinderungen, Koordinationsstörungen, Konzentrationsschwäche, Fatigue und Dysgeusie. Nach einer SGB verbesserte sich ihre Dysgeusie sofort, und im weiteren Verlauf wurden deutliche Verbesserungen der körperlichen, geistigen und sprachlichen Fähigkeiten verzeichnet, die eine vollständige Reintegration auf dem Arbeitsmarkt ermöglichten.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die sofortigen Verbesserungen der Geschmacks- und Geruchssinne auf den SGB-induzierten erhöhten zerebralen Blutfluss zurückzuführen sein könnten. Eine kurzfristige bilaterale Blockade des Sternganglions könnte dem lokalen autonomen Nervensystem zu einer Art „Neustart“ verhelfen, der mit einem Rückgang von Long-COVID-Symptomen assoziiert ist.

Durchführung der Stellatumblockade

Die Stellatumblockade wird in der Regel unter sterilen Bedingungen durchgeführt. Der Patient befindet sich in sitzender Position, wobei der Kopf leicht nach hinten geneigt ist. Der Arzt lokalisiert das Ganglion stellatum anhand anatomischer Landmarken oder unter Ultraschallkontrolle. Die Injektion erfolgt mit Lokalanästhetika, gegebenenfalls auch mit Opioiden.

Zugangswege:

  • Ventraler Zugang nach Herget: Dies ist der am häufigsten verwendete Zugang. Die Einstichstelle befindet sich 3 cm lateral und 3 cm kranial der Fossa jugularis (Drosselrinne) sowie 2 cm lateral des Ringknorpels.
  • Ultraschallgesteuerte Infiltration: Ermöglicht eine präzisere Platzierung der Nadel und reduziert das Risiko von Komplikationen.

Mögliche Komplikationen

Die Stellatumblockade ist ein komplikationsreicher Eingriff, der sorgfältige Vorbereitung und Überwachung erfordert. Mögliche Komplikationen sind:

  • Rekurrensparese: Lähmung des Nervus recurrens, was zu Stimmbandlähmung und Heiserkeit führen kann.
  • Phrenicusparese: Lähmung des Nervus phrenicus, was zu einer Beeinträchtigung der Zwerchfellfunktion und Atemnot führen kann.
  • Pneumothorax: Punktion der Pleura (Lungenfell) mit Lufteintritt in den Pleuraspalt, was zum Zusammenfallen der Lunge führen kann.
  • Intravasale Applikation: Versehentliche Injektion in Gefäße, insbesondere in die A. carotis (Halsschlagader) oder die A. vertebralis, was zu systemischen Nebenwirkungen führen kann.
  • Plexus-Blockade: Blockade benachbarter Nervenstrukturen.
  • Horner-Syndrom: Dieses Syndrom tritt als Folge der Blockade des Sympathikus auf und äußert sich in Miosis (Pupillenverengung), Ptosis (Herabhängen des Augenlids) und Enophthalmus (Zurücksinken des Augapfels). Es dient oft als Indikator für eine erfolgreiche Blockade.
  • Ventilationsstörung: Belüftungsstörung der gegenüberliegenden Lunge.

Kontraindikationen:

  • Gerinnungsstörungen: Erhöhtes Risiko von Blutungen.
  • Allergie: Gegen Lokalanästhetika.
  • Infektionen: Im Injektionsbereich.

Alternative Behandlungsmethoden

Neben der Stellatumblockade gibt es alternative Methoden zur Reduktion der sympathischen ganglionären Aktivität:

  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Eine nicht-invasive Methode, bei der über die Haut elektrische Impulse appliziert werden, um Nerven zu stimulieren und Schmerzen zu lindern.
  • Hydroelektrische Bäder (Zweizellenbad): Ein Gleichstromverfahren, bei dem der Patient in ein Wasserbad mit Elektroden getaucht wird.

Elektrische Stellatumblockade (Pierenblock)

Eine alternative Möglichkeit zur Reduktion der sympathischen ganglionären Aktivität ist die elektrische Nervenblockade. Es handelt sich dabei um monophasischen Strom (Gleichstrom), der im Sinne einer Galvanisation zu einer Hyperpolarisation der Nervenmembran führt. Dieser Effekt wird durch Erhöhung der Felddichte noch verstärkt, indem man eine sehr kleine Elektrode als Anode (sog. Pierenblock) und eine große Elektrode als Kathode verwendet. Eine Analgesie im Nervengebiet sowie eine Reduktion der sympathischen Aktivierung des Ganglions durch eine solche Therapie wurden postuliert.

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Faktisch handelt es sich um eine transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS). Es wird jedoch kein biphasischer Reizstrom wie bei der klassischen TENS verwendet und die empfohlene Frequenz ist mit 20-35 Hz tiefer. Dennoch können Nervenfasern transkutan beeinflusst werden. Besonders bei repetitiver Anwendung wurden positive Ergebnisse gezeigt, auch im Hinblick auf die Reduktion von Hyperhidrose der Hände. Zudem ist neben einer Hyperämisierung mit keiner weiteren Folge oder starken Nebenwirkungen zu rechnen.

Allerdings ist zu beachten, dass im Gegensatz zur biphasischen Elektrotherapie (z. B. TENS) bei der Galvanisation aufgrund des fehlenden Phasenwechsels die Gefahr von Elektrolyseprodukten mit Hautirritationen besteht. Die elektrische Stellatumblockade nach Jenkner konnte in mehreren „randomized controlled trials“ (RCT) nicht bestätigt werden.

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