Die Stressreaktion ist ein komplexer Prozess, der im Gehirn beginnt und weitreichende Folgen für den gesamten Körper hat. Sie wird durch die subjektive Bewertung äußerer Reize ausgelöst und versetzt den Organismus in einen Alarmzustand. Dabei spielen sowohl das Nervensystem als auch das Hormonsystem eine entscheidende Rolle. Unbehandelter Stress kann auf Dauer zu verschiedenen körperlichen und psychischen Erkrankungen führen.
Die Entstehung der Stressreaktion
Die Stressreaktion wurde erstmals von Prof. Hans Selye erforscht und beschrieben. Selye setzte Versuchstiere unterschiedlichen Extrembelastungen aus, darunter Infektionen, Vergiftungen, Traumata, nervöse Beanspruchung, Hitze, Kälte, Muskelanstrengung und Röntgenstrahlung. Seit der Erstbeschreibung der Stressreaktion in den 1950er Jahren wurde die Pathophysiologie der Stressreaktion immer weiter erforscht.
Stress entsteht im Gehirn, wenn die vorhandenen Bewältigungsmechanismen subjektiv nicht der anstehenden Herausforderung entsprechen. Derselbe Reiz kann für die eine Person eine angenehme Herausforderung darstellen, für eine andere jedoch eine Bedrohung.
Die Rolle des vegetativen Nervensystems
Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, durchzieht den ganzen Körper und beeinflusst verschiedene Organe wie Herz, Darm und Haut. Es besteht aus zwei Komponenten: dem Sympathikus, der für Anspannung sorgt, und dem Parasympathikus, der für Entspannung zuständig ist.
Stress führt zu Anspannung und kann bei dauerhafter Belastung zu einer Überaktivierung des Sympathikus führen. Dies kann Herzrasen, Blutdruckanstieg, beschleunigte Atmung, Magenreizung oder Durchfall verursachen. Auf psychischer Ebene geht dieser Erregungszustand mit einer Fokussierung der Aufmerksamkeit, einer erhöhten Reizbarkeit und Wachheit einher.
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In der Evolution war eine Stresssituation üblicherweise nur vorübergehend und daher nicht schädlich. Heutzutage halten Stresssituationen jedoch oft an, beispielsweise durch Arbeitsplatzbelastung oder Beziehungskonflikte.
Mit Hilfe der Bestimmung der Herzschlagvariabilität ist es seit einigen Jahren möglich, den Aktivierungsgrad des vegetativen Nervensystems direkt zu messen. Dieses Verfahren ist jedoch technisch anspruchsvoll und erfordert eine Ableitung mit mehreren Elektroden, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten.
Die Auswirkungen von Stress auf das Hormonsystem
Stress hat erhebliche Auswirkungen auf das Hormonsystem. Über einen komplexen Regelmechanismus des Gehirns führt Stress zu einer Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde.
Cortisol ist ein Steroidhormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird und Einfluss auf Stoffwechselvorgänge wie den Fettstoffwechsel und den Blutzucker hat. Bei Stress steigt der Cortisolspiegel kurzfristig an. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel kann sich jedoch in verschiedenen psychischen und körperlichen Symptomen äußern, darunter Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Ängste, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Libidoverlust, Bluthochdruck, schlechte Wundheilung, Wassereinlagerungen, Magengeschwüre, erhöhter Blutzuckerspiegel, verkümmernde Muskulatur, Unruhe und Anspannung.
Bei längerer Erhöhung von Cortisol kann es zu einer eingeschränkten Empfindlichkeit der Cortisol-Rezeptoren im ganzen Körper kommen. Zudem ist es möglich, dass die Nebennierenrinden nur eingeschränkt Cortisol produzieren. Dies nennt man Nebenniereninsuffizienz oder Morbus Addison. Die Störungen der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse) sind jedoch deutlich komplexer und es handelt sich in der Regel nicht einfach um eine "Schwäche der Nebennierenrinde", sondern um eine komplexe Störung des hormonellen Regelkreises.
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Neben der HPA-Achse beeinflusst Stress auch Wachstums- und Geschlechtshormone. Bei Frauen verschiebt oder verändert sich bei Stress oft die Regelblutung. Bei extremer Stressbelastung kann die Regelblutung auch ganz ausbleiben. Auch die Veränderungen der Geschlechtshormone lassen sich mit heutigen Methoden messen.
Stress und das Immunsystem
Die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem sind erheblich. Das Stresshormon Cortisol wird in Form von Cortison medizinisch zur Unterdrückung des Immunsystems eingesetzt. Unter Berücksichtigung der heutigen Forschungsergebnisse sind Nervensystem und Immunsystem eigentlich gar nicht voneinander zu trennen. Das Immunsystem reagiert bei psychischen Veränderungen unmittelbar mit.
Unter Belastung unterdrückt das Immunsystem üblicherweise die Immunantwort auf Krankheitserreger wie Viren und Bakterien. Die Immunantwort kommt erst nach Ende der Stressbelastung in der Phase der Erholung. Dauerhafter Stress kann jedoch zu einer übermäßigen oder fehlerhaften Immunantwort führen und bei entsprechender Anlage zu Autoimmunkrankheiten, Allergien und Krebserkrankungen führen.
Stress und neurologische Erkrankungen
Vor allem dauerhafter Stress kann neurologische Symptome verschlechtern. Nachgewiesen ist das bei Multipler Sklerose, Parkinson, Migräne und vielen anderen Krankheiten.
Bei Stress schüttet der Körper vermehrt Hormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Ist ihre Konzentration im Blut über längere Zeit erhöht, werden Immunzellen aktiv. Die gelangen ins Gehirn und lösen Entzündungen im Nervengewebe aus.
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Regelmäßiger Ausdauersport senkt die Stresshormone und hilft, Entzündungen im Nervensystem zu verringern. Außerdem schütten die Nerven beim Sport schützende Stoffe aus.
Cortisol: Ein lebenswichtiges Hormon im Gleichgewicht
Cortisol ist als Stresshormon bekannt. Wichtig ist jedoch ein Gleichgewicht dieses Hormons im Körper: Durch die Wirkung von Cortisol kann auch Positives, wie eine wichtige Arbeit zügig erledigt, einer Bedrohung schnell begegnet oder bei einem Wettkampf Höchstleistungen absolviert werden. Cortisol ist eine lebenswichtige Substanz für den Menschen.
Die Konzentration vom Hormon Cortisol kann unter Dauerstress oder durch Erkrankungen jedoch aus dem Gleichgewicht geraten, zu hoch werden und beeinträchtigen.
Ein Hausarzt oder Facharzt kann bei Verdacht auf eine hohe Stresshormon-Konzentration Blutuntersuchungen veranlassen. Auch im Urin, Speichel oder in Fingernägeln kann der Cortisolwert bestimmt werden.
Laufen diese, durch den Hypothalamus gesteuerten, physiologischen Reaktionen innerhalb einer zeitlich begrenzten Dauer der Belastung ab, kehrt der Körper wieder auf sein normales Niveau des Stresshormon-Spiegels, zurück. Anders bei chronischem Stress, wenn übermäßige Belastung zur Gewohnheit wird. In diesem Fall kann Cortisol Psyche und Körper schaden.
Eine anhaltende Erhöhung des Cortisolspiegels kann unterschiedliche Ursachen haben. Erkrankungen der Nebennierenrinde wie Wucherungen, Tumore oder eine Funktionsschwäche, sowie Lungentumore und starkes Übergewicht stehen als physische Ursachen im Zusammenhang. An psychischen Erkrankungen können Alkoholismus und Depressionen im Zusammenhang mit erhöhten Cortisolwerten stehen, die zentrale Ursache liegt jedoch in chronischem Stress.
Katecholamine (vor allem Adrenalin, Dopamin und Noradrenalin) sowie Glucocorticoide (vor allem Cortisol) sind die wichtigsten Hormongruppen der Nebennierenrinde und sind „Leistungsübermittler“ und „Stressboten“. Bleibt das Stresshormon Cortisol über einen längeren Zeitraum auf einem höheren Niveau, kann die körperliche und seelische Gesundheit gefährdet sein.
Behandlung von Stress und seinen Folgen
Eine Heilung ist am ehesten möglich, solange es sich noch um Symptome und nicht um Erkrankungen handelt. Ähnlich verhält es sich mit den mit Stress in Verbindung stehenden psychischen Erkrankungen. So heilt ein durch Stress verursachter Erschöpfungszustand nach erfolgreichem Stressabbau meist folgenlos aus. Eine durch Stress ausgelöste Depression ist hingegen deutlich schwerer und langwieriger zu behandeln. Bei stressbedingten Symptomen und Erkrankungen sollte deshalb möglichst früh und möglichst ursächlich in den Krankheitsprozess eingegriffen werden.
Unsere Behandlung von stressbedingten hohen Cortisolwerten und deren Auswirkungen erfolgen mit einem ganzheitlichen Behandlungskonzept. Gemeinsam werden persönliche Stressoren ausfindig gemacht, reduziert und neue Strategien für den Umgang erlernt. Zusammen mit unseren TherapeutInnen und ÄrztInnen finden wir eine gesundes Belastungsniveau, privaten und berufliche Grenzen und geeignete Therapieverfahren. Dies können kognitive Strategien, Verhaltensweisen oder Entspannungsverfahren sein, die ausgleichend wirken und stabilisieren können. Gerne beziehen wir auch das individuelle Umfeld mit ein, in dem stressauslösende Situationen immer wieder entstehen. Auch die Förderung von Achtsamkeit und die Stärkung der Resilienz sind häufige Therapieziele. Aktuelle Krisen können so gemeistert werden, zukünftige verhindert und mehr Lebensqualität und Gesundheit zurückgewonnen werden.
Die Wirkung von Adrenalin, Cortisol und Noradrenalin kann auch kurzfristig zu „gutem Stress“, auch genannt Eustress und Distress, führen. Dieser entsteht in einer zeitlich begrenzten Anspannungsphase, in der Kräfte mobilisiert werden, um eine Aufgabe oder Situation zu meistern. Wird jedoch aus der kurzfristigen Cortisol-Überproduktion eine längerfristige, kann sich ein Ungleichgewicht entwickeln, dass schädliche für Körper und Psyche werden kann.
Gesunde Verhaltensweisen wie ein regelmäßiger Tagesablauf, ein bewältigbares Arbeitspensum, eine gesunde und ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf Suchtmittel, moderater regelmäßiger Sport, eine ausreichende Trinkmenge und Entspannungsphasen können dies sein. Oft erfordert eine größere Lebensumstellung eine therapeutische oder ärztliche Begleitung.
Die Therapiedauer von hohen Stresshormonen ist individuell unterschiedlich. Die Dauer des bestehenden chronischen Stresses, ursächliche Verhaltensmuster und Lebensbedingungen sind dies beeinflussende Faktoren. Die Behandlung in den Oberberg Kliniken bei Stress umfasst ganzheitlich einerseits Entspannungsverfahren, die Ihnen zu mehr Ruhe und Ausgeglichenheit verhelfen; andererseits setzen Sie sich mit Themen wie dem eigenen Leistungsanspruch auseinander. Eine wirklich grundlegende Veränderung ist durch eine enge therapeutische Begleitung möglich.
Was kann man selbst gegen Stress tun?
Häufig nehmen die Arbeit und andere Auslöser für Stress und Überforderung einen zu großen Raum im Alltag ein. Was dabei helfen kann, Stress zu bewältigen:
- Die Auslöser finden: Probleme zu erkennen, anzusprechen und zu bearbeiten ist ein erster wichtiger Schritt weg vom Dauerstress.
- Den Überblick behalten: Vielen hilft ein besseres Zeitmanagement, das man beispielsweise in speziellen Kursen erlernen kann.
- Strategien gegen den Stress und für mehr Entspannung entwickeln. Manchen Menschen helfen Techniken wie Meditation oder progressive Muskelentspannung.
- Tief durchatmen: In Stresssituationen atmet man eher flach und nimmt zu wenig Sauerstoff auf. Wer regelmäßig tief durchatmet, fördert die Fähigkeit zu entspannen.
- Gesund essen: Eine ausgewogene Ernährung unterstützt das Immunsystem, macht widerstandsfähiger, leistungsfähiger und zufriedener.
- Den Tag ruhig angehen lassen: Am Morgen Zeit für ein gesundes Frühstück und einen entspannten Start zu haben, kann viel ausmachen.
- Bewegung als Ausgleich: Alltagsbewegung und Sport helfen abzuschalten, wirken dem Stress entgegen und steigern die Leistungsfähigkeit.
- Für regelmäßige Entspannung im Alltag sorgen: Suchen Sie sich ihren individuellen Ruhepol, etwa beim Lesen auf dem Sofa.
- Einem Hobby nachgehen: Eine Beschäftigung, der man nur aus Interesse und Freude nachgeht, ist sinnstiftend und macht zufrieden.
- Auch mal nichts tun: Gemütliches Faulenzen kann auch sehr entspannend sein.
Die Darm-Hirn-Achse und Stress
Unter der Bauch-Hirn-Achse, oder wissenschaftlich genauer Darm-Hirn- Achse, versteht man die enge Verbindung und den intensiven Informationsaustausch zwischen dem Darm und dem Gehirn, und zwar in beiden Richtungen. Sowohl der Darm als auch das Gehirn sind lebenswichtige Organe, und damit wir als Organismus gut funktionieren und uns gesund und wohl fühlen, müssen die Aktivität des Darms und jene des Gehirns gut aufeinander abgestimmt sein. Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn erfolgt auf unterschiedlichen „Kanälen“, etwa über Darmmikroben, Hormone, Botenstoffe oder sensorische Neuronen. Via Darm-Hirn-Achse steuert der Verdauungstrakt nicht nur Hungergefühl und Appetit, sondern er beeinflusst auch Stimmungslage, Emotionen und kognitive Prozesse. Wenn es Probleme mit einem der Organe gibt, kann deshalb auch sehr oft das andere Organ betroffen sein.
Um die Darm-Hirn-Achse zu verstehen, müssen wir auch wissen, wie die beiden Organe miteinander kommunizieren, nämlich über Nerven, Hormone, Immunbotenstoffe und mikrobielle Botenstoffe. Deshalb ist häufig, wenn es in einem der beiden Organe ein Problem gibt, das andere ebenfalls stark davon betroffen.
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