Subluxierte Schulter bei Hemiplegie: Ursachen und Behandlungsansätze

Eine subluxierte Schulter, insbesondere im Zusammenhang mit einer Hemiplegie (Halbseitenlähmung), stellt eine komplexe Herausforderung dar. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und verschiedene Behandlungsansätze für diese spezifische Problematik. Dabei werden sowohl konservative als auch interventionelle Strategien berücksichtigt, um ein umfassendes Verständnis zu ermöglichen.

Einführung

Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers, was ihr eine große Bandbreite an Bewegungen ermöglicht. Diese hohe Beweglichkeit geht jedoch mit einer geringeren Stabilität einher, da das Schultergelenk hauptsächlich durch Weichteile wie Muskeln, Sehnen und Bänder geführt wird. Eine Schulterluxation, bei der der Oberarmkopf aus der Gelenkpfanne rutscht, kann durch einen Unfall (traumatische Luxation) oder aufgrund einer angeborenen Instabilität (habituelle Instabilität) entstehen. Bei Patienten mit Hemiplegie, oft als Folge eines Schlaganfalls, kann eine zusätzliche Komplikation auftreten: die subluxierte Schulter.

Ursachen einer subluxierten Schulter bei Hemiplegie

Eine Hemiplegie führt zu einer Schwächung oder Lähmung der Muskeln auf einer Körperseite. Dies betrifft auch die Muskeln, die das Schultergelenk stabilisieren. Die unzureichende muskuläre Sicherung des Schultergelenks führt dazu, dass der Oberarmkopf (Caput humeri) aus seiner normalen Position in der Gelenkpfanne (Glenoid) abgleiten kann. Dieser Zustand wird als Schultergelenk-Subluxation bezeichnet.

Es gibt verschiedene Faktoren, die zur Entstehung einer subluxierten Schulter bei Hemiplegie beitragen:

  • Hypotonie: Im frühen Stadium nach einem Schlaganfall ist oft ein verminderter Muskeltonus (Hypotonie) in den betroffenen Extremitäten vorhanden. Dies führt zu einem Absinken des Oberarmkopfes aufgrund des Eigengewichts des Arms.
  • Muskuläre Dysbalance: Durch die Lähmung kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen den Muskeln, die das Schulterblatt (Scapula) stabilisieren und bewegen. Dies kann zu einer Fehlstellung des Schulterblatts führen (z.B. Scapula alata mit Mediorotation und Retraktion).
  • Verlust des humeroskapulären Rhythmus: Der normale Bewegungsablauf zwischen Oberarmkopf und Schulterblatt (humeroskapulärer Rhythmus) ist gestört. Dies kann dazu führen, dass das Tuberculum majus (ein Knochenvorsprung am Oberarmkopf) am Acromion (ein Teil des Schulterblatts) anstößt und Strukturen dazwischen einklemmt.
  • Spastizität: Im späteren Verlauf kann sich eine Spastizität (erhöhter Muskeltonus) entwickeln, die ebenfalls zu einer Fehlstellung des Oberarmkopfes führen kann.

Symptome einer subluxierten Schulter

Eine subluxierte Schulter muss nicht zwangsläufig schmerzhaft sein. Tatsächlich zeigen viele Patienten mit einer subluxierten Schulter zunächst keine Schmerzen und eine volle, schmerzfreie Beweglichkeit. Allerdings kann es im weiteren Verlauf zu Komplikationen kommen, die Schmerzen verursachen:

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  • Schmerzhafte Schulter: Durch die Fehlstellung und die resultierende Irritation von Gelenkstrukturen kann es zu Schmerzen kommen. Dies wird oft als "schmerzhafte Schulter" bezeichnet und stellt ein schwerwiegendes Behandlungsproblem dar.
  • Schulter-Hand-Finger-Syndrom (SHFS): In einigen Fällen kann sich ein SHFS entwickeln, das durch Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen in Schulter, Hand und Fingern gekennzeichnet ist.
  • Bewegungseinschränkungen: Die Subluxation kann die Beweglichkeit des Schultergelenks einschränken, insbesondere bei Überkopfbewegungen.
  • Gefühl der Instabilität: Betroffene können ein Gefühl der Instabilität in der Schulter verspüren, insbesondere bei bestimmten Bewegungen.

Diagnostik

Die Diagnose einer subluxierten Schulter erfolgt in der Regel durch eine klinische Untersuchung. Dabei wird die Position des Oberarmkopfes in Bezug auf die Gelenkpfanne beurteilt. Ergänzend können bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) eingesetzt werden, um das Ausmaß der Subluxation zu beurteilen und andere mögliche Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Eine Computertomografie (CT) ist besonders wichtig, wenn wiederholte Schulterluxationen auftreten.

Behandlung

Die Behandlung einer subluxierten Schulter bei Hemiplegie zielt darauf ab, die Stabilität des Gelenks wiederherzustellen, Schmerzen zu lindern und die Funktion zu verbessern. Die Therapieansätze sind vielfältig und müssen individuell auf den Patienten abgestimmt werden.

Konservative Behandlung

Die konservative Behandlung umfasst in der Regel folgende Maßnahmen:

  • Physiotherapie: Die Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung der subluxierten Schulter. Ziel ist es, die Rumpf- und Schultergürtelmuskulatur zu kräftigen, die Beweglichkeit des Schultergelenks zu erhalten oder zu verbessern und den humeroskapulären Rhythmus zu normalisieren. Spezielle Therapiekonzepte wie das Bobath-Konzept, die Kinästhetik oder die Basale Stimulation können dabei eingesetzt werden.
  • Ergotherapie: Die Ergotherapie unterstützt den Patienten dabei,Alltagsaktivitäten trotz der Bewegungseinschränkungen und Schmerzen auszuführen. Sie kann auch dazu beitragen, ungünstige Bewegungsmuster zu vermeiden und die Handfunktion zu verbessern.
  • Lagerung und Handling: Eine korrekte Lagerung und ein achtsames Handling des betroffenen Arms sind entscheidend, um eine weitere Subluxation zu verhindern und Schmerzen zu vermeiden. Beim Aufstehen oder Bewegen des Patienten sollte nicht unter die Achsel gegriffen werden.
  • Orthesen: Schulterorthesen können eingesetzt werden, um das Schultergelenk zu stabilisieren und den Oberarmkopf in der Gelenkpfanne zu halten. Es gibt verschiedene Arten von Orthesen, wie z.B. die Neuro-Lux®-Orthese, die speziell für die Behandlung der subluxierten Schulter bei Hemiplegie entwickelt wurde. Studien haben gezeigt, dass moderne Orthesen die Subluxation effektiv reduzieren können.
  • Funktionelle Elektrostimulation (FES): Die FES kann eingesetzt werden, um die Muskeln rund um das Schultergelenk zu aktivieren und die Stabilität zu verbessern.
  • Taping: Das Taping der Schulter kann helfen, den Schmerzbeginn zu verzögern, obwohl es keine Schmerzlinderung bewirkt.

Medikamentöse Behandlung

  • Schmerzmittel: Bei Schmerzen können Schmerzmittel wie nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) oder Opioide eingesetzt werden.
  • Antispastische Medikamente: Bei Spastizität können antispastische Medikamente wie Baclofen oder Tizanidin eingesetzt werden, um den Muskeltonus zu senken.
  • Botulinumtoxin: Botulinumtoxin kann in die spastischen Muskeln injiziert werden, um diese zu entspannen und die Schulterposition zu verbessern.

Interventionelle Behandlung

In einigen Fällen kann eine interventionelle Behandlung erforderlich sein:

  • Injektionen: Kortikosteroide können in das Schultergelenk injiziert werden, um Entzündungen zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.
  • Operation: In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um das Schultergelenk zu stabilisieren oder Begleitverletzungen zu behandeln.

Spezielle Aspekte bei Hemiplegie

Bei der Behandlung einer subluxierten Schulter bei Hemiplegie sind einige spezielle Aspekte zu berücksichtigen:

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  • Berücksichtigung der Hemiplegie: Die Behandlung muss immer im Kontext der Hemiplegie erfolgen. Es ist wichtig, die individuellen Einschränkungen und Fähigkeiten des Patienten zu berücksichtigen und die Therapie entsprechend anzupassen.
  • Vermeidung von Kompensationsmustern: Es ist wichtig, ungünstige Kompensationsmuster zu vermeiden, die sich aufgrund der Lähmung entwickeln können.
  • Einbeziehung der Angehörigen: Die Angehörigen sollten in die Behandlung einbezogen werden, um eine korrekte Lagerung und ein achtsames Handling des betroffenen Arms zu gewährleisten.

Apraxie und ihre Auswirkungen auf die Behandlung

Apraxie, eine Störung der Handlungsplanung und -ausführung, tritt häufig nach einem Schlaganfall auf und kann die Behandlung einer subluxierten Schulter zusätzlich erschweren. Patienten mit Apraxie haben Schwierigkeiten, zielgerichtete Bewegungen auszuführen, obwohl die motorischen und sensorischen Funktionen intakt sind.

Formen der Apraxie

Es werden verschiedene Formen der Apraxie unterschieden, die sich in ihren Symptomen und Auswirkungen unterscheiden:

  • Ideomotorische Apraxie: Schwierigkeiten bei der Ausführung einzelner Handlungsschritte auf Aufforderung oder Nachahmung.
  • Ideatorische Apraxie: Schwierigkeiten bei der Planung und Organisation komplexer Handlungsabläufe.
  • Konstruktionelle Apraxie: Schwierigkeiten beim räumlichen Anordnen von Objekten oder beim Zeichnen.

Auswirkungen auf die Therapie

Apraxie kann die Durchführung physiotherapeutischer Übungen und ergotherapeutischer Maßnahmen erheblich beeinträchtigen. Patienten haben Schwierigkeiten, Anweisungen zu verstehen und umzusetzen, was die aktive Teilnahme an der Therapie erschwert.

Therapieansätze bei Apraxie

  • Handlungsorientiertes Training: Üben von alltagsrelevanten Handlungen in realen Situationen.
  • Teilschrittanalyse: Zerlegen komplexer Handlungen in einzelne, leicht verständliche Teilschritte.
  • Visuelle Hilfestellungen: Einsatz von Bildern oder Videos zur Verdeutlichung der Handlungsabläufe.
  • Manuelle Führung: Unterstützung der Patienten durch manuelle Führung der Hände, um die korrekte Bewegungsausführung zu erleichtern.
  • Vermeidung von Ablenkungen:Reduktion von Umgebungsreizen, um die Konzentration auf die Handlung zu fördern.

Aphasie und ihre Auswirkungen auf die Behandlung

Aphasie, eine Sprachstörung, die ebenfalls häufig nach einem Schlaganfall auftritt, kann die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient erschweren und somit die Behandlung einer subluxierten Schulter beeinträchtigen.

Formen der Aphasie

Es gibt verschiedene Formen der Aphasie, die sich in ihren Symptomen und Auswirkungen unterscheiden:

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  • Broca-Aphasie: Schwierigkeiten bei der Sprachproduktion, Telegrammstil, eingeschränkter Wortschatz.
  • Wernicke-Aphasie: Schwierigkeiten beim Sprachverständnis, flüssige, aber inhaltsleere Sprache, Verwendung von Wortneuschöpfungen (Neologismen).
  • Globale Aphasie: Schwerste Form der Aphasie, Beeinträchtigung aller sprachlichen Modalitäten.
  • Amnestische Aphasie: Wortfindungsstörungen, Umschreibungen, Satzabbrüche.

Auswirkungen auf die Therapie

Aphasie kann die Verständigung zwischen Therapeut und Patient erschweren, was die Durchführung physiotherapeutischer Übungen und ergotherapeutischer Maßnahmen beeinträchtigt. Patienten haben Schwierigkeiten, Anweisungen zu verstehen und ihre Beschwerden zu äußern.

Therapieansätze bei Aphasie

  • Vereinfachte Sprache: Verwendung einfacher Sätze und klarer Anweisungen.
  • Visuelle Hilfestellungen: Einsatz von Bildern oder Gesten zur Verdeutlichung der Anweisungen.
  • Geduld und Wiederholungen: Wiederholung von Anweisungen und Überprüfung des Verständnisses.
  • Einbeziehung von Angehörigen: Unterstützung durch Angehörige bei der Kommunikation.
  • Logopädie: Sprachtherapie zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit.

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