Das Sulcus-ulnaris-Syndrom (SUS), auch Kubitaltunnelsyndrom (KUTS) genannt, ist eine Kompression oder Läsion des Nervus ulnaris im Bereich des Ellenbogengelenks. Es ist das zweithäufigste Engpasssyndrom nach dem Karpaltunnelsyndrom. Ungefähr ein Drittel der Fälle tritt beidseitig auf, wobei der linke Arm häufiger betroffen ist. Um dauerhafte Schäden und eine Schwächung der Hand zu vermeiden, sollte diese Erkrankung zeitnah behandelt werden.
Anatomie und Funktion des Nervus ulnaris
Der Nervus ulnaris (Ellennerv) ist einer der drei Hauptnerven des Arms, neben dem Nervus medianus (Mittelnerv) und dem Nervus radialis (Speichennerv). Er verläuft an der Innenseite des Oberarms zum Ellbogenhöcker und von dort zu den Fingern. Im Bereich des Ellenbogens verläuft der Nerv in einer engen knöchernen Rinne, dem Sulcus nervi ulnaris, die von einem straffen Bindegewebe bedeckt ist. Diese Stelle wird im Volksmund auch als „Musikantenknochen“ oder „Mäuschen“ bezeichnet, da ein Schlag auf diese Stelle einen elektrisierenden Schmerz auslösen kann. Der Ulnarisnerv ist für die sensible Innervation der Ellenseite des vierten Fingers und des gesamten fünften Fingers sowie für den ellenseitigen Handballen und Handrücken verantwortlich. Zudem innerviert er einen Großteil der kleinen Handmuskeln, die für die Feinmotorik der Hand unerlässlich sind.
Ursachen des Sulcus-ulnaris-Syndroms
Es werden zwei Formen des Kubitaltunnelsyndroms unterschieden:
- Primäres/idiopathisches Kubitaltunnelsyndrom: In diesen Fällen kann die Ursache oft nicht direkt ermittelt werden. Es wird angenommen, dass das bindegewebliche Dach des Kubitaltunnels sich verhärtet und den Nerv komprimiert.
- Sekundäres Kubitaltunnelsyndrom/Spätparese des N. ulnaris: Diese Form wird durch Verletzungen oder Veränderungen des Ellenbogengelenks oder des Nervs verursacht. Auch Spätparesen (nach Jahren oder Jahrzehnten) nach einer alten Ellenbogenfraktur oder -luxation sind bekannt.
Weitere mögliche Ursachen und Risikofaktoren für das Sulcus-ulnaris-Syndrom sind:
- Mechanische Ursachen: Druck- oder Zugeinwirkung auf den Nerven, z.B. durch Frakturen (Knochenbrüche) am Ellenbogengelenk, Luxationen des Ulnarnerven aus dem Sulcus oder degenerative Veränderungen des Gelenkes.
- Raumforderungen: Knöcherne Veränderungen (Arthrose), Knochenzysten, Akromegalie, narbige Veränderungen nach Verletzungen, Ganglien, Nerven- und Weichteiltumore.
- Überlastung: Ein intensiver Armeinsatz kann die Entstehung eines Kubitaltunnelsyndroms begünstigen. Ständige Be- bzw. Überlastung des Ellenbogens, beispielsweise durch permanentes Abstützen oder Beugen. Baseballspieler sind besonders betroffen, da diese beim Werfen den Arm in besonderer Weise drehen müssen.
- Systemische Erkrankungen: Diabetes mellitus, Übergewicht sowie Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises.
- Sonstige: Langes Liegen auf der Innenseite des Ellenbogens, z. B. bei schweren Krankheiten, kann zum Druckschaden des Nerven führen. Rauchen und eine sonografisch nachgewiesene Verdickung des N. ulnaris können ebenfalls negative Einflussfaktoren sein.
Symptome des Sulcus-ulnaris-Syndroms
Die Symptome können je nach Schweregrad der Erkrankung variieren. Typische Symptome sind:
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- Sensibilitätsstörungen: Kribbelparästhesien ("Ameisenlaufen"), Taubheitsgefühl und Schmerzen im Bereich des Klein- und Ringfingers sowie der Handkante. Die Betroffenen berichten in der Frühphase der Erkrankung über gelegentliches „Einschlafen“ des Kleinfingers und der Außenseite des Ringfingers bei Beugung des Ellenbogens.
- Motorische Einschränkungen: Kraftminderung in der Hand der betroffenen Seite, zunächst Ungeschicklichkeit/Kraftlosigkeit, so dass Dinge fallen gelassen werden oder einfache Handlungen, wie z. B. das Aufschließen der Tür nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich sind. Im fortgeschrittenen Stadium sind die sensiblen Ausfallerscheinungen dauerhaft vorhanden und es kommt zu Lähmungen der kleinen Handmuskeln.
- Atrophie: Atrophie des ersten Zwischenfingerraums (zwischen Daumen und Zeigefinger). Das "Verschwinden" des Muskelgewebes ist zum großen Teil durch Absterben der Muskelfasern bedingt und auch nach einer erfolgten Dekompression meist nicht mehr rückläufig. Schreitet die Erkrankung fort, kommt es zu einer Verschmächtigung des Kleinfingerballens und der Muskulatur an der Mittelhand zwischen Daumen und Zeigefinger.
- Krallenhand: Erst in einem späten Stadium vollständige Ausbildung der sogenannten „Krallenhand“, bei der die Streckung des IV. und V. Fingers nicht mehr möglich ist.
Diagnose des Sulcus-ulnaris-Syndroms
Der Weg zu einer sicheren Diagnose besteht aus mehreren Schritten:
- Anamnese und klinische Untersuchung: Die Beschwerdeschilderung und klinische Untersuchung des Patienten sind entscheidend. Wichtig ist zu klären, wie lange die Patientin oder der Patient schon an den Symptomen leidet und wie stark sie sind. Bei der körperlichen Untersuchung können die behandelnden Ärztinnen und Ärzte durch vorsichtiges Abklopfen der Innenseite des Ellenbogens ein ungefähres Bild machen, an welchen Stellen der Nerv klemmt. Auch lokale Schmerzen bei Beugung des Ellenbogens mit Ausstrahlung in Richtung Kleinfinger sind typisch.
- Neurologische Diagnostik: Der neurologischen Diagnostik kommt eine wesentliche Bedeutung für die Diagnose und Indikationsstellung zu.
- Elektrophysiologische Untersuchung (ENG/EMG): Bei dieser Untersuchung wird gemessen, wie schnell der Nerv einen Reiz weiterleitet. Die elektroneurographische Untersuchung dient der Bestätigung der klinisch gestellten Diagnose und kann zur Verlaufsbeobachtung genutzt werden. Anhand der Messwerte und der nachgewiesenen Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit kann die Notwendigkeit zur Operation eingeschätzt werden.
- Bildgebende Verfahren: Bei Verdacht auf degenerative Veränderungen des Gelenks, die für die Druckerhöhung verantwortlich sein könnten, kann eine Röntgenaufnahme oder ein Ultraschall durchgeführt werden. Der Nervenultraschall erlaubt das Screening des Nervs über seinen gesamten Verlauf und erkennt die krankhaften Veränderungen zuverlässig. Wenn bei dem Patienten eine Veränderung am betroffenen Ellenbogen vorliegt, ist auch eine Röntgenuntersuchung des Gelenkes erforderlich.
Behandlung des Sulcus-ulnaris-Syndroms
Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und den individuellen Umständen.
Konservative Therapie
Eine konservative Therapie ist nur bei der leichten Form des Kubitaltunnelsyndroms zu empfehlen, z.B. wenn nur Kribbeln und gelegentlich ein leichtes Taubheitsgefühl vorhanden sind. Mögliche Maßnahmen sind:
- Schonung: Vermeidung von Tätigkeiten, die den Ellenbogen belasten oder reizen. Eine starke Beugung des Ellenbogengelenkes sollte vermieden werden.
- Lagerungsschiene: Nächtliche Ruhigstellung mit einer Ellenbogengelenksschiene mit guter Polsterung von der Mitte des Oberarmes bis zur Hand und mit ca. 30° Beugung am Ellenbogen.
- Medikamentöse Therapie: Entzündungshemmende Medikamente zur Beschwerdelinderung.
- Ergonomische Anpassungen: Anpassungen am Arbeitsplatz oder im Alltag, um wiederkehrende Belastungen des Ellenbogengelenks zu vermeiden.
- Vermeidung von Druck auf den Nerv: Verwendung von speziellen Polstern oder Schienen, um den Nerv zu entlasten.
Operative Therapie
Bei fehlgeschlagener konservativer Therapie mit persistierenden Schmerzen, bei sensomotorischen Ausfallerscheinungen und/oder bei pathologischer Verlängerung der Nervenleitgeschwindigkeit kann eine Operation erforderlich sein. Mit der Operation wird die Einengung des Nervus ulnaris im Kubitaltunnel am Ellenbogengelenk beseitigt. Es gibt verschiedene Methoden der operativen Entlastung des Nervs:
- Dekompression des N. ulnaris: Das Ziel der Operation ist es, den Nerv aus seinen Einengungen zu befreien (sog. Dekompression). Hierzu wird der Nerv oberhalb des Ellenbogens aufgesucht und die einengenden Strukturen werden durchtrennt. An der Innenseite des Ellenbogens wird ein Schnitt von ca. 4 cm durchgeführt. Danach erfolgt die Spaltung des Sulcus ulnaris zur Dekompression des N. ulnaris. Meist ist dieser Eingriff ausreichend um eine ?Befreiung? des Nerven aus seiner Enge zu bewirken. Die Dekompression kann offen oder endoskopisch durchgeführt werden. Der Goldstandard ist leitliniengemäß die einfache Dekompression des Nervs, die standardmäßig endoskopisch durchgeführt wird. Der Vorteil der Endoskopie liegt in der kleineren Narbe, bei der sehr oft auch kein Fadenzug erforderlich ist.
- Vorverlagerung (Transposition) des N. ulnaris: In einigen Fällen ist in Abhängigkeit vom intraoperativen Befund oder bei Zweiteingriffen auch eine Verlagerung und Neueinbettung des Nerven in mikrochirurgischer Technik nach vorne unter das Fettgewebe oder die Muskulatur notwendig. Bei ausgeprägten Verwachsungen z.B. nach Voroperationen kann eine Vorverlagerung erforderlich sein. Eine Vorverlagerung ist für ausgeprägte anatomische Veränderungen des Ellenbogens reserviert, so dass diese seltener schon im Vorfeld geplant wird. Häufiger wird über eine Vorverlagerung erst intraoperativ entschieden, wenn sich die ursprüngliche Loge des Nervs als ungeeignet zeigt.
Nachbehandlung
Um eine rasche Wundheilung und Genesung des Armes zu erreichen, sollte der Arm in den ersten Tagen geschont werden. Bereits ab dem ersten postoperativen Tag ist ein vorsichtiges Bewegen des Ellenbogens erforderlich. Am dritten Tag nach der Operation kann der Wickelverband abgelegt werden. Zweiwöchige Schonung und vorsichtiges Mobilisieren sind wichtig für eine gute Heilung. Entfernung der Drainage am 1. Tag nach der OP mit Verbandswechsel. Nach 10 Tagen erfolgt der Fadenzug. Bei erfolgter Verlagerung des Nerven wird der Arm in Beugestellung in einer Gipslonguette für 10 Tage ruhiggestellt. Bei vorbestehenden Nervenausfällen sollte eine Physiotherapie in Kombination mit einer Ergotherapie erfolgen um die Funktionsfähigkeit der Hand wieder herzustellen.
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Schwere Arbeiten mit dem betroffenen Arm sollten für 2-4 Wochen unterlassen werden. Nach 2-3 Wochen ist der Arm zum alltäglichen Gebrauch wie auch für die meisten beruflichen Tätigkeiten wieder einsatzfähig. Zur Schonung des Ellennerven sollte eine starke Beugung des Ellenbogens über einen längeren Zeitraum, z.B. beim Abstützen am Schreibtisch oder beim Einschlafen, sowohl nach der Operation als auch in der Zukunft vermieden werden.
Treten unvorhergesehene Schwierigkeiten auf, wie z.B. erhebliche Schmerzen, Bewegungseinschränkungen der Gelenke oder eine starke Schwellung, so suchen Sie bitte unbedingt wieder die Klinik auf.
Prognose
Die Rückkehr des Gefühls oder der motorischen Funktion hängt von der Dauer der präoperativen Beschwerden ab und kann sich über mehrere Monate erstrecken. Das klinische Ergebnis hängt maßgeblich vom Ausmaß der Vorschädigung ab. Bei bereits länger bestehenden Muskelatrophien der kleinen Handmuskeln bleiben häufig Residuen bestehen. Die vorhandenen Paresen können sich nach erfolgter Dekompression des N. ulnaris in einem Zeitraum bis 24 Monate postoperativ bessern. Weitere negative Einflussfaktoren hinsichtlich des klinischen Ergebnisses stellen Alter, Rauchen, und eine sonografisch nachgewiesene Verdickung des N. ulnaris dar. Die Rezidivrate nach offener Dekompression wird in der Literatur mit ca. 3-15% angegeben. Bei einer frühzeitigen Behandlung ist die Chance auf vollständige Heilung sehr hoch.
Prävention
Das Sulcus-ulnaris-Syndrom kann durch folgende Maßnahmen präventiv behandelt werden:
- Ergonomische Anpassungen am Arbeitsplatz: Vermeidung von ungünstigen Körperhaltungen und wiederholten Bewegungen des Ellenbogens.
- Regelmäßige Pausen: Bei Tätigkeiten mit wiederholten Bewegungen des Ellenbogens.
- Vermeidung von übermäßigem Druck auf den Ellenbogen: Polsterung des Ellenbogens bei Tätigkeiten, die Druck auf den Nerv ausüben.
- Gute Körperhaltung: Vermeidung von übermäßigem Beugen des Ellenbogens.
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