Selbstverletzendes Verhalten (SVV): Ursachen, Folgen und Hilfsangebote

Selbstverletzendes Verhalten (SVV), oft auch als Autoaggression oder Selbstverstümmelung bezeichnet, ist ein komplexes Phänomen, das tiefe seelische Ursachen hat. Es ist wichtig zu verstehen, dass SVV kein Suizidversuch ist, sondern vielmehr ein Bewältigungsmechanismus, um mit unerträglichen Gefühlen umzugehen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Formen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten von SVV, um Betroffenen und Angehörigen ein besseres Verständnis und Hilfestellungen zu bieten.

Ursachen von Selbstverletzendem Verhalten

Selbstverletzendes Verhalten entsteht meist als Folge von anhaltenden seelischen Belastungen. Diese können vielfältig sein:

  • Seelische Belastungen: Problematische Eltern-Kind-Beziehungen, häufige Konflikte mit Gleichaltrigen, Scheidung der Eltern, Trennungen oder schulische Probleme können Auslöser sein.
  • Psychische Erkrankungen: SVV tritt häufig in Verbindung mit psychischen Erkrankungen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depressionen, Essstörungen (Bulimie, Magersucht), posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Zwangsstörungen, Drogenmissbrauch, Angststörungen oder Störungen des Sozialverhaltens auf.
  • Traumatische Erfahrungen: Sexueller Missbrauch, Vernachlässigung oder andere traumatische Ereignisse können zu Flashbacks führen, die durch SVV unterbrochen oder gelindert werden sollen.
  • Geringes Selbstwertgefühl: Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und ein geringes Selbstwertgefühl können ebenfalls Gründe für SVV sein.
  • Mangelnde Emotionsregulation: Die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken und schwach ausgeprägte Selbstregulierungskräfte können ursächlich sein.

SVV als Mittel gegen unangenehme Gefühle

Autoaggressives Verhalten beginnt meist in der Jugend, zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr, manchmal auch früher. Seltener tritt es bei Erwachsenen auf. Für viele Betroffene ist es ein Ventil, um starke innere Spannungen abzubauen. Durch die Selbstverletzung verspüren sie ein Gefühl der Erleichterung. Alternativ dient SVV als Selbstbestrafung, weil Betroffene wütend auf sich selbst sind. Manche entwickeln eine Art "Sucht" nach diesem Zustand und verletzen sich immer wieder.

Am häufigsten wird SVV eingesetzt, um sehr unangenehme Gefühle wie Verzweiflung, Selbsthass, Depression oder Angst zu unterbrechen oder Erinnerungen zu verdrängen. Nach traumatischen Ereignissen kommt es oft zu Flashbacks, denen die Betroffenen hilflos ausgeliefert sind. Die Selbstverletzung bewirkt dann eine Unterbrechung oder Linderung des unangenehmen Gefühlszustands und dient somit als Bewältigungsstrategie.

Nachahmungseffekt und die Rolle des Internets

Selbstverletzendes Verhalten kann von anderen Jugendlichen (z.B. Freunden oder Mitschülern) "erlernt" und nachgeahmt werden. Hierbei spielt das Internet eine wichtige Rolle. In Online-Foren tauschen sich Betroffene über SVV aus, was dazu führen kann, dass das Verhalten sozial akzeptiert und "normalisiert" wird.

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Unabhängig von den Gründen führt SVV bei fast allen Betroffenen zu einem Gefühl der Entlastung. Sie fühlen sich danach kurzzeitig besser, was der Grund für die Wiederholung des Verhaltens ist. Manche werden durch die Ausschüttung von Endorphinen ("Glückshormone") sogar süchtig nach dem Gefühl, das nach der Verletzung auftritt.

Formen von Selbstverletzendem Verhalten

Autoaggressives, selbstverletzendes Verhalten umfasst eine Reihe von Handlungen, bei denen sich die Betroffenen Verletzungen oder Wunden zufügen oder ihrem Körper und ihrer Gesundheit auf andere Weise schaden. Dazu gehören:

  • Schneiden/Ritzen: Die häufigste Form, bei der mit scharfen Gegenständen (Messer, Rasierklingen, Scherben, Nadeln) Schnittverletzungen zugefügt werden, vorwiegend an Armen, Beinen, Brust und Bauch.
  • Verbrennungen: Zufügen von Verbrennungen durch Feuer, Zigaretten oder andere heiße Gegenstände.
  • Schlagen/Beißen/Kratzen: Schlagen gegen den eigenen Körper, sich selbst beißen oder kratzen.
  • Schlagen des Kopfes
  • Vergiftung mit Substanzen, die nicht tödlich sind
  • Überdosierung von Medikamenten
  • Sich Hindernissen aussetzen, wie z. B. riskantes Fahren
  • Essstörungen
  • Alkoholkonsum
  • Drogenkonsum
  • Sex ohne Schutz
  • Skin-Picking-Syndrom (Exkoriationsstörung, Dermatillomanie, Acne excoriée): Wiederholtes "Knibbeln", Kratzen, Reiben und Manipulieren der Haut.

Auch stundenlanges Sitzen vor dem Computer, Rauchen, Alkoholmissbrauch oder ungesundes Essverhalten können als selbstschädigend betrachtet werden.

Spezielle Formen der Selbstverletzung

  • Artifizielle Wunden: Hierbei werden Wunden heimlich zugefügt, um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten (Pathomimie).
  • Münchhausen-Syndrom: Absichtliches Hervorrufen von Symptomen, um als "krank" zu gelten und Zuwendung zu erhalten.
  • Münchhausen-by-proxy-Syndrom: Vortäuschen oder Herbeiführen von Erkrankungen bei einer anderen Person, um diese ärztlich behandeln zu lassen.

Folgen von Selbstverletzendem Verhalten

SVV sorgt bei überwältigenden emotionalen Zuständen für eine kurzfristige Erleichterung. Werden wir als Kinder nicht liebevoll behandelt und gespiegelt, dann entsteht in uns ein verzerrtes Bild von uns selbst, schlimmstenfalls Selbsthass. Als Folge haben manche Menschen den Zwang, sich immer wieder selbst bestrafen zu müssen.

Unter dem Druck von starken Belastungen nimmt autoaggressives Verhalten oft zu.

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Körperliche Folgen

  • Narbenbildung: Selbstverletzungen hinterlassen oft sichtbare Narben, die für die Betroffenen sehr belastend sein können.
  • Infektionen: Durch offene Wunden können Infektionen entstehen.
  • Nervenschäden: Bei tieferen Verletzungen können Nerven beschädigt werden, was zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Bewegungseinschränkungen führen kann.
  • Gesundheitliche Schäden: Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie ungesundes Essverhalten können langfristige gesundheitliche Schäden verursachen.

Psychische Folgen

  • Scham- und Schuldgefühle: Betroffene schämen sich oft für ihr Verhalten und fühlen sich schuldig.
  • Soziale Isolation: Aus Scham und Angst vor Ablehnung ziehen sich viele Betroffene zurück und isolieren sich sozial.
  • Verstärkung der psychischen Probleme: SVV kann die zugrunde liegenden psychischen Probleme verstärken und zu einem Teufelskreis führen.
  • Abhängigkeit: SVV kann zu einer Art "Sucht" werden, bei der die Betroffenen immer wieder den Drang verspüren, sich selbst zu verletzen.
  • Erhöhtes Suizidrisiko: Obwohl SVV in der Regel nicht suizidal intendiert ist, kann es das Suizidrisiko erhöhen, insbesondere wenn es in Verbindung mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen auftritt.

Gesellschaftliche Folgen

  • Stigmatisierung: SVV ist in der Gesellschaft oft stigmatisiert, was es Betroffenen erschwert, Hilfe zu suchen.
  • Diskriminierung: Narben und andere sichtbare Zeichen von SVV können im Alltag zu Diskriminierungen führen.

Was tun bei Selbstverletzendem Verhalten?

Es ist wichtig zu betonen, dass SVV kein Zeichen von Schwäche oder Aufmerksamkeitssucht ist, sondern ein Ausdruck von tiefem seelischem Leid. Betroffene brauchen professionelle Hilfe und Unterstützung.

Erste Schritte

  • Akzeptanz und Verständnis: Reagieren Sie mit Akzeptanz und Verständnis, nicht mit Schock, Ablehnung oder Bestrafung.
  • Gespräch suchen: Sprechen Sie die Person respektvoll und neugierig an. Fragen Sie nach ihren Gefühlen und Problemen.
  • Suizidgedanken ansprechen: Scheuen Sie sich nicht, nach Suizidgedanken, -plänen oder -versuchen zu fragen.
  • Professionelle Hilfe anbieten: Bieten Sie an, gemeinsam professionelle Hilfe zu suchen.

Therapie

Eine Psychotherapie ist der wichtigste Schritt zur Behandlung von SVV. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die sich als wirksam erwiesen haben:

  • Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT): Hier lernen Betroffene sogenannte Skills, also Ersatzhandlungen, die anstelle des selbstverletzenden Verhaltens bei Anspannungszuständen angewandt werden.
  • Traumatherapie: Bei traumatischen Erfahrungen kann eine Traumatherapie helfen, die Erlebnisse zu verarbeiten.
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Die KVT hilft, negative Gedanken und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern.

Medikamentöse Behandlung

Medikamente können bei der Behandlung von Begleitsymptomen wie Depressionen, Angststörungen oder Zwangsstörungen helfen. Sie haben beispielsweise eine beruhigende oder stimmungsstabilisierende Wirkung.

Selbsthilfe

  • Skills-Box: Sammeln Sie Dinge, die Ihnen helfen könnten, sich von dem Selbstverletzungsdrang abzulenken (Eiswürfel, Ammoniak-Riechstäbchen, Chilischoten).
  • Ablenkung: Suchen Sie sich Ablenkung, wenn der Drang aufkommt (Sport, Musik hören, Freunde treffen).
  • Gefühle regulieren: Lernen Sie, Ihre Gefühle besser zu regulieren.
  • Unterstützung suchen: Sprechen Sie mit Freunden, Familie oder einer Selbsthilfegruppe.
  • Apps: Nutzen Sie Apps, um Ihren Fortschritt zu dokumentieren und sich motivieren zu lassen.

Narbenbehandlung

Narben nach Selbstverletzungen können für die Betroffenen sehr belastend sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Narben zu behandeln:

  • Dermabrasion: Abschleifen der obersten Hautschicht.
  • Serienexzision: Herausschneiden des vernarbten Areals.
  • Narbenkorrektur: Plastische Operation zur Verbesserung des Aussehens der Narben.
  • Lasertherapie: Behandlung der Narben mit Laser.
  • Bi-Oil: Hautöl, das das Erscheinungsbild frischer Narben verbessern soll.

Umgang mit Nervenschäden durch SVV

Selbstverletzungen können zu Nervenschäden führen. Die Behandlung von Nervenschäden hängt von der Art und Schwere der Schädigung ab.

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Mögliche Therapien

  • Schmerztherapie: Medikamentöse Behandlung von Nervenschmerzen mit Schmerzmitteln, Antidepressiva oder Antiepileptika.
  • Physiotherapie: Krankengymnastik und Sporttherapien zur Stärkung betroffener Muskelgruppen und Verbesserung der Beweglichkeit.
  • Elektrotherapie: Einsatz von elektrischen Impulsen zur Schmerzlinderung (TENS, SCS).
  • Operation: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu entlasten oder zu reparieren.

Alternative Behandlungsmethoden

  • Wärme- und Kältebehandlungen: Können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
  • Biofeedback: Erlernen der Kontrolle von Körperprozessen zur Reduzierung der Schmerzwahrnehmung.
  • Entspannungstechniken: Meditation, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung.
  • Akupunktur: Traditionelle chinesische Medizin zur Linderung von Beschwerden.
  • Massagen: Förderung der Durchblutung und Lockerung des Bindegewebes.
  • Homöopathie: "Sanfte Behandlungsmöglichkeit" zur Linderung von Beschwerden.

Borderline-Persönlichkeitsstörung und SVV

Besonders häufig kommt es im Rahmen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu Selbstverletzungen. Menschen mit einer Borderline-Störung neigen zu extremen und heftigen Stimmungs- und Gefühlsschwankungen. Oft werden diese großen Stimmungsschwankungen als unerträglich erlebt, sie führen zu einer Zerrissenheit und zu einer großen inneren Anspannung. Selbstverletzungen (Ritzen), Drogenkonsum oder riskante Unternehmungen führen - meist kurzfristig aber nicht langanhaltend - zu einer Entlastung. Selbstverletzungen und riskantes Verhalten dienen dabei der Spannungsregulierung und sind von einer Lebensmüdigkeit zu unterscheiden.

Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung. Im Vordergrund steht ein kontrollierter Umgang mit den eigenen Symptomen. Betroffene lernen, ihre Gefühle besser zu unterscheiden und zu benennen, zu ertragen und ihren Einfluss auf diese zu erkennen. Um diese Ziele zu erreichen, müssen Alternativen für selbstverletzendes Verhalten gefunden und ein angemessener Umgang mit Stress erlernt werden. Im weiteren Therapieverlauf sind die Entwicklung eines stabilen Bildes von sich selbst, der Aufbau von Selbstvertrauen und Selbstakzeptanz oberstes Ziel.

Fazit

Selbstverletzendes Verhalten ist ein komplexes Problem, das tiefe seelische Ursachen hat. Es ist wichtig, Betroffenen mit Verständnis und Akzeptanz zu begegnen und ihnen professionelle Hilfe anzubieten. Mit der richtigen Therapie und Unterstützung können Betroffene lernen, alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln und ein erfülltes Leben zu führen.

Wichtige Hinweise

  • Warnung: Dieser Text thematisiert selbstverletzendes Verhalten. Wenn Sie sich betroffen fühlen, suchen Sie sich bitte professionelle Hilfe.
  • Keine Schuldzuweisung: Machen Sie sich klar, dass Sie nichts falsch gemacht haben. SVV ist ein Ausdruck von seelischem Leid, keine Charakterschwäche.
  • Unterstützung für Angehörige: Auch Angehörige von Betroffenen brauchen Unterstützung. Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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