Die menschliche Interaktion ist ein komplexes Zusammenspiel von verbalen und nonverbalen Signalen. Während Worte eine klare Botschaft vermitteln, spielen Mimik, Gestik und Körperhaltung eine entscheidende Rolle bei der Übermittlung von Emotionen und Absichten. Diese nonverbalen Signale werden blitzschnell verstanden und sind ein zentraler Aspekt menschlicher Interaktion. Um die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation zu verstehen, ist es wichtig, die zugrunde liegenden Mechanismen im Gehirn zu betrachten, insbesondere die Rolle der Synapsen bei der Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen.
Neuronale Informationsverarbeitung: Die Rolle der Synapsen
Nervenzellen im Gehirn kommunizieren miteinander, um Informationen zu verarbeiten und Gedächtnis zu bilden. Diese Kommunikation erfolgt über spezielle Kontaktstellen, die Synapsen. An diesen "Schaltstellen" werden Informationen von einer Zelle zur nächsten weitergeleitet.
Der Prozess der Signalübertragung an Synapsen ist komplex. Er beginnt damit, dass mit Botenstoffen gefüllte Bläschen mit der Membran der Senderzelle verschmelzen und die Botenstoffe freisetzen. Diese Botenstoffe werden von Rezeptoren in der Membran der Empfängerzelle erkannt, was ein Signal auslöst. Nach der Freisetzung der Botenstoffe werden die Bläschen wieder in die Senderzelle aufgenommen und "recycelt".
Forscher haben entdeckt, dass die Signalübertragung gestört wird, wenn die Aufnahme der Bläschen blockiert wird. Dies liegt daran, dass Proteine aus der Bläschenhülle nicht schnell genug zum "Recyceln" abtransportiert werden und die Stelle der Botenstoffabgabe blockieren. Diese Erkenntnis bietet einen Ansatzpunkt, um Krankheitsbilder zu untersuchen, bei denen die Signalverarbeitung gestört ist.
Aus den eingehenden, meist chemischen Signalen werden im Neuron elektrische Potenziale erzeugt. Wenn genügend wichtige Botschaften zusammenkommen, sendet das Neuron selbst ein Aktionspotenzial.
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Aktionspotenziale: Die Grundlage der Informationsleitung
In erregbaren Zellen, wie Neuronen oder Muskelzellen, treten sehr schnelle Änderungen des elektrischen Potenzials über der Zellmembran auf. Dieses Ereignis wird als Aktionspotenzial bezeichnet und ist die Grundlage für die Informationsleitung entlang des Axons der Nervenzelle.
Das Aktionspotenzial setzt sich entlang der Zellmembran fort und entsteht nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip nur dann, wenn die Zelle ausreichend stark erregt wurde.
Nonverbale Kommunikation: Mehr als nur Worte
Ein großer Teil unserer Kommunikation geschieht ohne Worte - durch Mimik, Gestik und Körpersprache. Nonverbale Signale sind meist unbewusst und werden universell verstanden. Körpersprachliche Zeichen können auch bewusst eingesetzt werden, um Wörter beispielsweise mit Gesten zu betonen oder lautsprachliche Ausdrücke zu ersetzen.
Flirten funktioniert beispielsweise zu großen Teilen nonverbal. Eine Frau wirft ihre Haare zurück und lächelt, der Mann ihr gegenüber lächelt zurück. Die beiden verstehen sich, ohne ein Wort zu sagen: "Ich finde Dich sympathisch."
Die Palette nonverbaler Ausdrucksmöglichkeiten ist groß und beinhaltet alles, was außerhalb der Sprache und Stimme liegt, also extraverbal ist. Dazu zählen Mimik, Gestik, Körperhaltung und Körperbewegung. Einige Forscher rechnen aber auch die Tonhöhe der gesprochenen Worte, die Satzmelodie und die Sprechgeschwindigkeit zu den nicht-verbalen Äußerungen. Diese so genannten paraverbalen Äußerungen sind zwar sprachbegleitend, können aber mitunter eine ganz andere Botschaft vermitteln.
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Der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick drückte es einmal so aus: "Wir können nicht nicht kommunizieren." Selbst blind geborene Menschen werfen ihre Arme hoch, wenn sie sich freuen, oder sinken zusammen, wenn sie traurig sind - nonverbale Kommunikation ist also vermutlich angeboren. Manche Gesten oder Gesichtsausdrücke werden jedoch auch kulturell geprägt.
Die Grammatik der Gesten
Es gibt durchaus auch Gesten und Körperbewegungen, die bewusst in die Sprache eingebaut werden können, um beispielsweise bestimmte Wörter zu betonen oder lautsprachliche Ausdrücke zu ersetzen. In einer Diskothek, in der wegen der lauten Musik Gespräche unmöglich sind, kann so die halb geöffnete Faust, die mit einer Bewegung Richtung Mund das Trinken aus einem Glas simuliert, zu einer Einladung werden, und eine abwehrende Handbewegung zu einem Laufpass.
Manchmal setzen wir auch bewusst mit unserem Körper falsche Signale - etwa mit einem höflichen Lächeln, auch wenn wir eigentlich genervt sind.
In der Wissenschaft wird der nonverbalen Kommunikation aufgrund ihrer offensichtlichen Wirkung schon seit geraumer Zeit viel Bedeutung beigemessen. Schon 1972 veröffentlichte der US-amerikanische Psychologe Albert Mehrabian eine Studie zur Entstehung von Urteilen über andere. Dabei wies er nach, dass nur etwa sieben Prozent der emotionalen Botschaft durch die gesprochenen Worte transportiert wurde. Etwa 55 Prozent lasen die Probanden aus Gesten, Körperhaltung und Gesichtsausdruck ab, fast 40 Prozent machten Tonhöhe und Sprachmelodie aus.
Christa Heilmann, Leiterin des Instituts für Germanistische Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität in Marburg warnt aber davor, diese Studie auf alle Kommunikations-Situationen zu übertragen. "Wenn jemand mit einem Koffer Geld vor Ihrer Tür steht und Ihnen sagt, dass Sie im Lotto gewonnen haben, ist es egal, ob er glücklich oder traurig aussieht", sagt Heilmann. In diesem Fall zähle allein die Botschaft. Die Sprachwissenschaftlerin ist daher der Ansicht, dass je nach Situation entweder der Inhalt der Aussage oder die Ebene der nonverbalen Signale von größerer Bedeutung sei.
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Forschungen belegen, dass unbewusste nonverbale Signale universell sind, also von allen Menschen gleichermaßen verstanden werden können. Der Körper lässt sich dabei auch nicht täuschen. Bereits nach wenigen Millisekunden merken wir, wenn Gesichtsausdruck und Körpersprache nicht zusammenpassen - und verlassen uns dann meist eher auf die deutlicher ausgeprägte Körpersprache.
Registriert werden die Botschaften von Augen, Mund, Händen oder Körper im oberen temporalen Sulcus (Sulcus temporalis superior), der obersten der drei Gyri des Temporallappens. Hier werden Gesten, Körperhaltung und Mimik hinsichtlich ihrer sozialen Bedeutung bewertet. Passt irgendetwas nicht zusammen, so ist besonders hier eine hohe Aktivität zu sehen: Der Beobachter erkennt Unstimmigkeiten und fokussiert seine Aufmerksamkeit. Auch die Amygdala ist in die Analyse der nonverbalen Signale involviert. Sie erkennt deren emotionalen Gehalt und leitet die Informationen an den orbitofrontalen Cortex weiter, wo diese analysiert werden.
Das intuitive Verständnis der Körpersprache beherrschen wir von klein auf. Bereits Neugeborene richten ihre Aufmerksamkeit nach dem Blick anderer Personen aus. Diese geteilte Aufmerksamkeit wird auch "joint attention" genannt und ist eine wichtige Voraussetzung für die soziale Kommunikationsfähigkeit von Menschen. Zugleich verfügt unsere Mimik über einige Basis-Ausdrücke, die überall auf der Welt verstanden werden.
Die Fähigkeit zur körperlichen Interaktion hat sich vermutlich bereits vor der Sprache entwickelt und verschafft grundlegende evolutionäre Vorteile. Wie Wissenschaftler herausfanden, richten Säuglinge ab ihrem dritten Lebensmonat ihren Blick besonders auf Objekte, die zuvor von einem Erwachsenen mit erschrockenem Gesichtsausdruck angesehen worden waren. So lernen die Kleinen zum ersten Mal, die Welt zu bewerten und damit möglicherweise gefährliche Dinge von harmlosen zu unterscheiden.
Die Rolle des Gesichts: Ein Fenster zur Gefühlswelt
Um zu verstehen, warum unser Gesicht so eine entscheidende Rolle für unsere Gefühlswelt und unser mentales Erleben spielt, lohnt sich ein Blick auf den sogenannten „motorischen Homunculus“ - ein Modell des Gehirns, das zeigt, wie viel Platz einzelne Körperteile in der Großhirnrinde einnehmen. Diese Erkenntnisse gehen zurück auf die Pionierarbeiten von Wilder Penfield und Edwin Boldrey, die durch elektrische Reizung von Gehirnarealen beim Menschen eine Art „Landkarte“ der motorischen und sensorischen Repräsentation erstellten.
Besonders eindrucksvoll: Das Gesicht, und hier vor allem Lippen, Zunge, Augen und Stirn, nehmen einen überproportional großen Bereich in der motorischen und sensorischen Hirnrinde ein. Wenn du also eine Stirn runzelst, ein Lächeln formst oder deinen Kiefer bewusst entspannst, aktivierst du enorme neuronale Ressourcen. Jeder kleine Muskelzug wird vom Gehirn nicht nur registriert, sondern regelrecht verarbeitet.
Wir denken, wir bewegen. Aber was oft vergessen wird: Wir fühlen durch Bewegung. Besonders im Gesicht. Denn die Mimik ist nicht nur Ausdruck von Emotion - sie formt sie auch. Klingt groß? Ist es auch. Doch gleichzeitig ist es ganz nah: in deinem Gesicht. Jeden Tag.
Dein Gesicht ist also weit mehr als ein äußeres Erscheinungsbild. Es ist eine Schaltzentrale deiner emotionalen, sozialen und neuronalen Kommunikation.
Neuroplastizität und Mimiktraining
Neuroplastizität ist die Fähigkeit deines Gehirns, sich zu verändern, neue Verbindungen zu schaffen, alte abzubauen und sich kontinuierlich an Erfahrungen anzupassen. Früher dachte man, das ginge nur im Kindesalter. Heute weiß man: Unser Gehirn lernt und verändert sich ein Leben lang.
Und der Clou: Diese Veränderung geschieht auch durch Bewegung, Konzentration und Wiederholung. Genau hier setzt das Mimiktraining an. Wenn du deine Gesichtsmuskeln gezielt bewegst, entstehen nicht nur sichtbarere Konturen - sondern auch neue neuronale Verbindungen (Synapsen), die mit emotionaler Selbstregulation (Fähigkeit zur Gefühlssteuerung), Präsenz und kognitiver Kontrolle (Denkkontrolle) verbunden sind.
„Neurons that fire together, wire together“ - also: Nervenzellen, die gleichzeitig aktiv sind, verbinden sich stärker miteinander. Wenn du also z. B. bewusst deine Wangenmuskulatur aktivierst und gleichzeitig deine Aufmerksamkeit auf ein positives Gefühl lenkst, entstehen neue emotionale Verknüpfungen. Dein Gehirn speichert: Wenn ich mein Gesicht so bewege, fühle ich mich sicher, freundlich, offen. Wenn du deine Stirn entspannst, deinen Blick hebst und ein leichtes Lächeln formst, sendet dein Gesicht dem Gehirn ein Signal: „Alles in Ordnung, wir sind sicher“.
In Studien zeigte sich: Schon das Halten eines Stiftes im Mund, das ein Lächeln simuliert, reicht aus, um das emotionale Erleben positiver zu gestalten. Noch spannender: Negative Mimik wie Stirnrunzeln oder Lippenpressen kann ebenfalls emotional rückkoppeln - und Stress sowie Frustration verstärken.
Mimiktraining hat nicht nur sichtbare, sondern auch spürbare Effekte: Es reguliert deinen inneren Zustand, verankert dich im Hier und Jetzt und macht dich resilienter (widerstandsfähiger) gegen Alltagsstress. Der Kiefer wird bei Stress oft angespannt. Das führt nicht nur zu Zähneknirschen, sondern auch zu erhöhter Aktivität des Sympathikus (Teil des Nervensystems für Kampf-oder-Flucht-Reaktionen).
Je mehr ein Mensch sein Gesicht bewusst erlebt, desto mehr strahlt er. Es ist kein „Lächel-dich-schön“-Effekt - es ist Präsenz.
Ein einfacher Spiegeleinstieg, bei dem man sich 1 Minute vor den Spiegel stellt, aktiviert dein Gesicht, dein parasympathisches System und dein emotionales Zentrum.
NeuroFace ist mehr als ein Trend. Es ist eine Verbindung von innerem Erleben, äußerem Ausdruck und mentaler Gesundheit. Wenn du dein Gesicht trainierst, trainierst du auch dein Denken, dein Fühlen und dein Sein.
Mimik als Spiegel der Emotionen
Trauer, Wut, Freude - das Antlitz des Gegenübers verrät viel. Im Gesichtsausdruck treten Gefühle zu Tage - ohne dass sich das willentlich beeinflussen lässt. Die Basisemotionen Trauer, Wut, Ekel, Überraschung, Angst und Freude äußern sich quer durch alle Kulturen auf die im Wesentlichen gleiche Weise. Die Sprache der Mimik zu verstehen, ist dem Menschen in die Wiege gelegt, weil diese Fähigkeit große Bedeutung für das soziale Zusammenleben hat.
Studien zeigen, dass das Nachahmen der Mimik entscheidend dazu beiträgt, Gesichtsausdrücke anderer zu deuten und die dahinterstehenden Emotionen nachzuempfinden.
Gesichtsausdrücke sind oft gespielt, um die wahren Gefühle zu verbergen. Doch das lässt sich an verräterischen Zeichen wie den Lachfältchen um die Augen beim echten Lächeln erkennen.
Die Augen sind das Spiegelbild der Seele, sagt ein Sprichwort. Im Sommer aber kann man in die Seele der meisten Zeitgenossen nicht mehr blicken - sie haben die Augen mit einer Sonnenbrille verdeckt. Dies hat auch Auswirkungen auf die Kommunikation, wie der Psychologe Markus Studtmann vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in einer Studie ermittelt hat. Er stellte fest, dass große Sonnenbrillen kaum mehr Rückschlüsse auf die Emotionen des Gegenübers zulassen. Der Grund hierfür liegt in der starken Bedeutung der Augenmuskeln für unsere Mimik. Ist die obere Gesichtshälfte abgedeckt, können wir wesentlich schlechter auf die Gefühlsregungen des Gegenübers schließen, als bei einer Abdeckung der unteren Gesichtshälfte. Besonders unnahbar wirken ältere Menschen mit Sonnenbrille. Sie, so entdeckte Studtmann, zeigen allgemein bereits weniger Mimik als jüngere Menschen.
Die Wissenschaft des Lügens: Mimik als Indikator
In der Fernsehserie „Lie to me“ hilft der Psychologe Cal Lightman auf diese Weise der Polizei, Kriminalfälle zu lösen, indem er die Mimik der Verdächtigen analysiert. Im wahren Leben heißt er Paul Ekman, ist ebenfalls Psychologe - und hat sich nach jahrelanger Forschungstätigkeit darauf spezialisiert, Polizei und Fachkräften das Lesen der Mimik Anderer beizubringen.
„Die Wissenschaft weiß genug darüber, wie jemand aussieht, der lügt. Es wäre fahrlässig, dieses Wissen nicht einzusetzen“, sagt Ekman. Jeder Mensch zeigt seine Gefühle über die Mimik in seinem Gesicht, ob er will oder nicht. Wenn wir Freude, Angst oder Trauer empfinden, sorgen diese Gefühle für das Feuern von Neuronengruppen, die wiederum die Kontraktion bestimmter mimischer Muskeln auslösen - unsere Gesichtsausdrücke.
Manche Menschen sind gut darin, diese Emotionen im Gesicht zu verbergen. Studien haben gezeigt, dass ein bestimmtes Mimik-Repertoire allen Menschen auf dieser Welt gemeinsam ist, ob sie nun Japaner, Deutsche oder Inder sind. Auch Menschen, die von Geburt an blind sind, zeigen eine identische Mimik, die von einem Set aus fünf Muskelgruppen im Gesicht bestimmt wird. So kommt es, dass die so genannten Basisemotionen Trauer, Ärger, Ekel, Angst, Überraschung und Freude bei jedem Menschen auf dieser Welt ähnlich aussehen. Empfinden wir zum Beispiel Angst, sind die Augenbrauen hochgezogen, die Augen aufgerissen und die Nasenflügel geweitet. Spüren wir Ekel, verzieht sich die Oberlippe asymmetrisch, die Nase ist gekräuselt, die Augen werden schmaler.
Gesichtsausdrücke lesen zu können, ist uns praktisch in die Wiege gelegt: Schon Babys zeigen sich erstaunlich gut darin, die Mimik Anderer als Signale für deren Befinden zu deuten.
Die Basisemotionen, die sich in unseren Gesichtern spiegeln, werden von allen Kulturkreisen auf dieser Welt verstanden. Dies gilt auch für Gruppen, die von der Außenwelt weitgehend abgeschlossen leben.
Durch die Mimik zeigen wir Anderen unbewusst, was wir fühlen, welche Ursache dieses Gefühl möglicherweise hat, und was wir vermutlich als nächstes tun werden. Gerade in großen Gruppen ist eine solche Art der Verständigung von Vorteil: Denn auch wenn man jemanden nicht kennt und deshalb kaum einschätzen kann, reagiert man doch instinktiv auf dessen Mienenspiel. Wirkt es verärgert oder aggressiv, zieht man sich eher zurück, als das Gegenüber noch zu provozieren.
Der Gesichtsausdruck liefert aber nicht nur anderen wichtige Informationen. Er beeinflusst auch, wie man selbst die Umwelt wahrnimmt. Wer die Augen im Schreck weit aufreißt, so vermutete schon Charles Darwin (1809 -1882), nimmt möglicherweise Sinneseindrücke schneller wahr. Im Jahr 2008 konnten die Forscher Joshua Susskind und Adam Anderson von der University of Toronto die These des Begründers der modernen Evolutionslehre empirisch belegen: Messungen an Probanden zeigten, dass ängstlich aufgerissene Augen das obere Sehfeld erweitern. Zusätzlich beschleunigen sich die Augensuchbewegungen, was ebenfalls die visuelle Wahrnehmung fördert. Die geweiteten Nasenflügel, ergab ein Atemtest, lassen zudem mehr Luft in die Lunge strömen. So ist man angesichts einer Bedrohung bestens für eine mögliche Flucht gerüstet.
Auch traurige Gesichter erkennen wir sofort. Wissenschaftler vermuten derzeit, dass wir die Mimik instinktiv nachahmen - und so die Gefühle, die damit verbunden sind, nachempfinden können. Hierfür spricht, dass bestimmte Gesichtsausdrücke beim Betrachter oft die entsprechenden Emotionen auslösen: Wer angelächelt wird, muss selbst lächeln, wer in ein ärgerliches Gesicht blickt, wird meist selbst wütend.
Auslöser für diese Übertragung könnte eine Aktivität der Amygdala sein, welche die eintreffenden Signale auf ihren emotionalen Gehalt hin überprüft und dann selbst entsprechende Emotionen generiert. Belege zu dieser Theorie einer Empathie durch Nachahmen lieferten zudem Experimente mit transkranieller Magnetstimulation. Mit Hilfe sehr starker Magnetfelder wurden bei Versuchsteilnehmern kurzzeitig Teile des motorischen Cortex lahmgelegt. Dieser Bereich der Hirnrinde steuert die gesamte Muskulatur und wird somit auch für den Gesichtsausdruck benötigt. Die Folgen waren verblüffend konkret: Der Möglichkeit beraubt, die Mimik ihres Gegenübers nachzumachen, waren die Probanden kaum noch in der Lage, dessen Emotionen zu deuten. Egal wie fröhlich, freundlich und offen dieser dreinschaute.
Was aus einem Gesicht spricht, ist allerdings keineswegs immer die Wahrheit. Auf Grund gesellschaftlicher Konventionen oder einfach nur, um unnötigen Komplikationen aus dem Weg zu gehen, sehen wir uns im sozialen Miteinander tagtäglich gezwungen, unsere wahren Emotionen zu verbergen, aus Höflichkeit zu lächeln oder Mitgefühl zu heucheln. Manch einer versteht sich sogar meisterlich darauf, anderen Absichten oder Gefühle vorzugaukeln, die er gar nicht empfindet.
Doch vor Experten wie Paul Ekman sind auch solche Mimen nicht sicher. „Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass sich Gesichtsausdrücke subtil unterscheiden, wenn ein Lächeln unfreiwillig aufgrund der einen oder anderen positiven Gefühlsregung erscheint, oder wenn es ein soziales oder bewusst falsches Lächeln ist“, meint Ekman. Verräterisch sind vor allem die Augen: Bei echtem Lächeln werden unbewusst auch die Muskeln um die Augen herum kontrahiert, die typischen Lachfältchen entstehen. Lächelt man hingegen absichtlich, bleibt die Region um die Augen entspannt.
Es mag zwar nicht ganz ehrlich sein, doch auch ein gespieltes soziales Lächeln kann Positives bewirken. Studien ergaben, dass Menschen, die eine gewisse Zeit willentlich lächeln, nach einer Weile ein leichtes Glücksgefühl empfinden.
Physiologie der Mimik auf der Ebene des Gehirns
Jede Bewegung der mimischen Muskulatur wird in der Großhirnrinde (in der Region des Gyrus praecentralis) geplant und über eine Bahn (Fibrae corticonucleares) zu den Steuerkernen des Nervus facialis (Ncll. n. facialis), die im Stammhirn lokalisiert sind, geschickt. Diese bestehen aus einer geteilten Zellgruppe. Die obere Zellgruppe versorgt die Lid- und Stirnmuskulatur und wird von beiden Gehirnhälften (bilateral) angesteuert. Die untere Zellgruppe, welche für die Innervation der übrigen mimischen Muskulatur zuständig ist, wird hingegen nur von gekreuzten Fasern der gegenüberliegenden (kontralateralen) Seite (unilateral) angesteuert. Dies erlaubt eine Differenzierung zwischen einer zentralen (Stirnrunzeln funktioniert auch auf der sonst gelähmten Seite) und einer peripheren Lähmung des N. facialis.
Muskelfasern enthalten eine bis mehrere Hundert Muskelfibrillen (Myofibrillen), die alle parallel ausgerichtet sind. Die Muskelfibrillen wiederum enthalten Sarkomere, sie bilden die eigentlichen kontraktilen Einheiten der Muskelzelle. Sie besitzen eine gewisse Ruhespannung (Ruhetonus). Werden sie nun stärker erregt, kommt es zu einer Verkürzung der Sarkomere, wobei sich der gesamte Muskel verkürzt und somit eine mimische Bewegung generiert.
Die größtenteils unbewusst gesteuerte Koordination vieler Einzelbewegungen der unterschiedlichen Gesichtsmuskeln führt schließlich zum Gesichtsausdruck.