Tagesstrukturierung nach Schlaganfall: Wege zur Selbstständigkeit und Rehabilitation

Ein Schlaganfall kann das Leben eines Menschen von Grund auf verändern. Plötzlich stehen Betroffene vor neuen Herausforderungen, da körperliche, kognitive und emotionale Fähigkeiten beeinträchtigt sein können. Die Tagesstrukturierung spielt eine entscheidende Rolle bei der Wiedererlangung von Selbstständigkeit und Lebensqualität nach einem Schlaganfall. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der Tagesstrukturierung, von der Bedeutung klarer Routinen bis hin zu spezifischen Therapieansätzen und Hilfsmitteln.

Die Bedeutung der Tagesstrukturierung

Nach einem Schlaganfall fehlt oft die gewohnte Routine. Körperliche Einschränkungen, kognitive Veränderungen oder emotionale Herausforderungen können den Alltag durcheinanderbringen. Eine durchdachte Alltagsgestaltung kann helfen, Belastungen besser einzuschätzen, Kräfte einzuteilen und Erfolge zu spüren. Struktur ist kein starres Gerüst, sondern gibt Halt, wenn sich vieles verändert hat. Ein klar strukturierter Tag hilft, sich zu orientieren und die Kräfte gezielt einzusetzen.

Warum Struktur wichtig ist

  • Orientierung und Sicherheit: Feste Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten, Ruhephasen und Aktivitäten geben Halt und Sicherheit. Wiederholungen vermitteln ein Gefühl von Normalität und erleichtern die Anpassung an die neue Situation.
  • Belastbarkeit und Kraft: Eine gute Tagesstruktur hilft, die eigenen Kräfte gezielt einzusetzen und Überlastung zu vermeiden. Schwierige Tätigkeiten können auf Zeiten gelegt werden, in denen mehr Energie vorhanden ist.
  • Selbstwirksamkeit: Kleine Aufgaben, die selbstständig erledigt werden können, stärken das Selbstvertrauen und das Gefühl, den Alltag aktiv mitgestalten zu können.
  • Planung und Entlastung: Wenn bekannt ist, was einen erwartet, kann man besser mit Unsicherheiten umgehen und sich auf bevorstehende Aufgaben vorbereiten.

Gestaltung des Tagesablaufs

Beginnen Sie mit einem groben Raster, das feste Zeiten für die wichtigsten Aktivitäten enthält. Ein Wochenplan kann sowohl feste Elemente als auch Freiräume beinhalten. Kleine Aufgaben, wie selbstständiges Anziehen, Frühstück vorbereiten oder das Gießen von Pflanzen, sind wertvolle Bausteine, um Selbstwirksamkeit zu erleben. Auch wenn es anfangs länger dauert oder ungewohnt schwerfällt, zählt jeder Schritt.

Hilfsmittel und Unterstützung

Schriftliche Unterstützung kann hilfreich sein: To-do-Listen, Wochenkalender, Erinnerungshilfen oder kleine Symbole am Kühlschrank helfen, den Überblick zu behalten.

Anpassung des Wohnumfeldes

Die Umgebung hat einen großen Einfluss darauf, wie gut der Alltag bewältigt wird. Kurze Wege, leicht erreichbare Dinge und übersichtliche Räume erleichtern vieles. Die Anpassung der Wohnung ist ein zentraler Schritt, um Selbstständigkeit zu fördern.

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Maßnahmen zur Anpassung

  • Sicherheit im Bad: Rutschfeste Matten, Haltegriffe und gut platzierte Sitzgelegenheiten erhöhen die Sicherheit im Badezimmer.
  • Erleichterungen in der Küche: Schneidebretter mit Fixierung, rutschfeste Unterlagen oder Einhand-Haushaltsgeräte erleichtern viele Handgriffe in der Küche.
  • Bewegungsfreiheit im Wohnbereich: Stolperfallen entfernen, für gute Beleuchtung sorgen und darauf achten, dass man mit Gehhilfen oder Rollator gut navigieren kann.
  • Technische Hilfsmittel: Smarte Steckdosen, Lichtsteuerungen oder Türsensoren können den Alltag zusätzlich unterstützen.

Mobilität und Bewegung

Bewegung bedeutet Zugang zur Welt, Teilhabe und Freiheit. Nach einem Schlaganfall verändert sich die Mobilität häufig - nicht nur körperlich, sondern auch emotional.

Schritte zur Verbesserung der Mobilität

  • Sicherheit im Innenbereich: Wenn man sich in der eigenen Wohnung sicher bewegt, kann man Schritt für Schritt nach draußen gehen. Gehhilfen, Rollatoren oder spezielle Schuhe geben Stabilität.
  • Übungen im Außenbereich: Wege mit wenig Hindernissen wählen, ebene Untergründe, Parkbänke zum Ausruhen und kurze Strecken. Begleitpersonen können Sicherheit geben - ebenso wie ein Handy für Notfälle.
  • Autofahren: Ärztliche Beratung einholen und gegebenenfalls eine Fahrprobe mit einem Verkehrsmediziner oder Gutachter durchführen. Es gibt Umrüstungen, Fahrtrainings und spezielle Fahrschulen, die unterstützen können.

Selbstständigkeit im Alltag

Selbstständigkeit zeigt sich nicht nur in großen Entscheidungen, sondern in den vielen kleinen Handlungen des Alltags. Ob Wäsche falten, eine Nachricht schreiben oder selbst ein Getränk einschenken - jede dieser Tätigkeiten stärkt die Autonomie.

Tipps zur Förderung der Selbstständigkeit

  • Aufgaben in Alltagssituationen integrieren: Das Einräumen des Kühlschranks kann Koordination fördern, das Öffnen eines Glases die Handkraft trainieren.
  • Tätigkeiten in kleine Schritte zerlegen: So kann man gezielt an einzelnen Abläufen arbeiten, ohne sich zu überfordern.
  • Hilfsmittel nutzen: Einhänder-Besteck, Schreibunterlagen mit Haftfunktion oder ergonomische Griffe unterstützen dabei.

Unterstützung und Kommunikation

Selbstständigkeit bedeutet nicht, alles alleine zu machen - sondern, das zu tun, was man selbst tun kann. Für alles andere darf man Unterstützung organisieren.

Organisation der Unterstützung

  • Klare Struktur: Wer übernimmt was, wann, wie oft und in welcher Form?
  • Aufgabenteilung: Eine gute Aufgabenteilung verhindert Überforderung - auf beiden Seiten.
  • Kommunikation: Offen sagen, was man braucht, was einem zu viel wird oder was man gerne selbst versuchen möchte.

Je nachdem, wie die Situation aussieht, kann Unterstützung durch Angehörige, Freunde, Nachbarschaftshilfen oder professionelle Dienste erfolgen. Eine gute Aufgabenteilung verhindert Überforderung - auf beiden Seiten. Die Rollen sollten bewusst verteilt werden, damit klare Verantwortlichkeiten entstehen.

Medizinische Rehabilitation

Ziel der Rehabilitationsbehandlung ist es, den Betroffenen die Rückkehr in sein bisheriges soziales und ggf. auch berufliches Umfeld zu ermöglichen. Durch geeignete Trainingsverfahren und zum Teil auch durch medikamentöse Unterstützung soll einerseits eine Rückbildung der körperlichen Funktionseinschränkungen (Schädigungen) erzielt werden. Andererseits geht es darum, die Alltagskompetenz des Schlaganfallbetroffenen wieder zu fördern. Das heißt, seine Fähigkeit, sich alleine zu waschen, anzuziehen, sich Mahlzeiten zubereiten etc. soll wieder erlangt werden.

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Formen der Rehabilitation

  • Stationäre neurologische Rehabilitationsbehandlung: Die Behandlung kann in Spezialkliniken für neurologische Rehabilitationsbehandlung durchgeführt werden. Dies entspricht einer stationären Behandlung wie in einem Akutkrankenhaus.
  • Ambulant/teilstationär: Das Angebot entspricht dem der stationären neurologischen Behandlung (interdisziplinäre Behandlung durch ein Team von Therapeuten).
  • Ambulante Rehabilitation: Sind die körperlichen Beeinträchtigungen soweit zurückgebildet, dass kein interdisziplinärer Ansatz mehr erforderlich ist, aber in bestimmten Bereichen weiterhin körperliche Funktionseinschränkungen vorliegen, so erfolgt von zu Hause aus eine ambulante Behandlung durch die jeweils sachkompetenten Therapeuten (z. B. Frührehabilitation findet möglichst schnell nach der Akutbehandlung statt.
  • Neurologische Frührehabilitationsmaßnahmen der Phase B: Kommen infrage für Patienten mit schwersten neurologischen Krankheitsbildern, die überwiegend bettlägerig sind.
  • Neurologische Frührehabilitation der Phase C: Hier werden Patienten mit neurologischen Krankheitsbildern behandelt, die zumindest sitzen können und keiner intensivmedizinischen Überwachung mehr bedürfen. Ziel ist hier insbesondere die Selbständigkeit bei den grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens (z.B. Die neurologische Rehabilitation der Phase D (Anschlussrehabilitation/Anschlussheilbehandlung) ist für Patienten vorgesehen, die zumindest bei Benutzung von Hilfsmitteln bereits wieder bei den Verrichtungen des täglichen Lebens selbständig geworden sind.

Therapieansätze

Es gibt verschiedene Therapieansätze, die in der Rehabilitation eingesetzt werden, um die Funktionen und Fähigkeiten der Betroffenen zu verbessern.

Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept ist ein 24-Stunden-Konzept, das alle beteiligten Personen mit einbezieht: den Betroffenen, das multidisziplinäre Team und die Angehörigen. So wird die „Therapie“ jeden Tag bei jeder Aktivität im Alltag über 24 Stunden fortgeführt.

PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Facilitation)

PNF ist eine funktionelle Behandlung im Rahmen der Physiotherapie. Ziel der Behandlung mit PNF ist die Koordinierung und Wirtschaftlichkeit von Bewegungsabläufen zu verbessern.

Kognitiv Therapeutische Übungen

Dieser Ansatz fördert keine Aktivitäten, bei denen bestimmte Bewegungsabläufe wiedererlernt werden, sondern vermittelt dem zentralen Nervensystem (ZNS) bestimmte Grundfähigkeiten wieder.

Arm-Fähigkeits-Training nach von Platz

Dieses Training trainiert bei den Betroffenen spezifische Bewegungen, z.B. die Fähigkeit, schnelle Wechselbewegungen mit den Fingern auszuführen, die Zielbewegungsfähigkeit, die Fähigkeit den Arm präzise zu führen.

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Elektromyographisch getriggerte Elektrostimulation

Der Muskel wird immer dann elektrisch stimuliert, wenn der Patient eine auch nur geringe Aktivität im Muskel erzeugt. Durch die elektrische Stimulation wird dann ein großer Bewegungseffekt erzielt.

Constraint Induced Movement Therapy (CIMT)

Während der Trainingsphase trägt der Patient den gesunden, nicht gelähmten Arm während des größten Teils des Tages in z.B. einer Schlinge. Dadurch kann der nicht betroffene Arm also auch nicht benutzt werden. Der Patient muss dann den betroffenen, aber in seiner Funktion ja schon gebesserten Arm für alle Tätigkeiten des Alltags benutzen.

Aufgaben-spezifisches Training

Man geht davon aus, dass man die Funktion, die die Patienten wiedererlernen sollen, auch direkt üben muss. Für das Laufen hieße das, dass man Laufen am ehesten beim Laufen oder dem Laufen ähnlichen Bewegungen fördern kann.

F.O.T.T. (Facial Oral Tract Therapy)

Diese Spezialtherapie wird innerhalb der Rehabilitation von Menschen mit neurologischen Defiziten vor allem im Gesichts- und Mundbereich eingesetzt.

Affolter-Konzept (Geführte Interaktionstherapie)

Handlungsabläufe, die von den Betroffenen mit Wahrnehmungsproblemen nicht ausführbar sind, werden gemeinsam mit dem Therapeuten ausgeführt.

Spezifische Störungen und ihre Behandlung

Nach einem Schlaganfall können verschiedene Störungen auftreten, die spezifische Therapieansätze erfordern.

Schluckstörungen (Dysphagie)

Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Störungen dieser komplexen Fähigkeit. Die Therapie von Schluckstörungen gehört in die Hände von Fachleuten (Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Logopäden).

Sprech- und Sprachstörungen

Von Bedeutung sind dabei vor allem die Dysarthrien, Sprechapraxien und Aphasien. Das allgemeine Behandlungsziel ist es, dem Betroffenen sprachliche Kommunikation im Alltag wieder zu ermöglichen, bzw.

Kognitive Einschränkungen

Ziel der neuropsychologischen Rehabilitation ist die Reduzierung dieser durch die Hirnschädigung eingetretenen Behinderung, die ohne Intervention chronisch werden würde.

Berufliche Rehabilitation

Viele Schlaganfall-Betroffene werden erwerbsunfähig und gehen in Frührente. Lähmungen, Aphasie, kognitive Einschränkungen - es gibt viele Schlaganfall-Folgen, die eine Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt erschweren oder gar unmöglich machen.

Werkstätten für behinderte Menschen

In Werkstätten für behinderte Menschen haben auch Schlaganfall-Betroffene mit schwereren Folgen eine sinnvolle Aufgabe, eine geregelte Tagesstruktur und sind unter Leuten. Im Anschluss an die Qualifizierungsmaßnahmen können die Mitarbeitenden je nach Fähigkeiten Tätigkeiten im Unternehmen oder auf dem ersten Arbeitsmarkt aufnehmen.

Jenny's Geschichte: Mut und Fortschritt nach dem Schlaganfall

Jenny, heute 35 Jahre alt, erlitt vor sieben Jahren mehrere Schlaganfälle. Trotz anfänglicher Lähmung und geringer Überlebenschancen kämpfte sie sich zurück ins Leben. Nach sieben Monaten Frühreha wurde sie entlassen, doch entgegen den Prognosen machte sie weiterhin Fortschritte. Sie kehrte ins Arbeitsleben zurück und ist heute Social Media Managerin. Jenny's Geschichte zeigt, dass auch Jahre nach dem Schlaganfall Fortschritte möglich sind, wenn man dranbleibt und sich nicht entmutigen lässt.

Jennys Ratschläge

  • Sprich an, wenn du dich nicht ernst genommen oder unterfordert fühlst.
  • Wechsle den Therapeuten, wenn du mit ihm nicht gut zurecht kommst.
  • Nutze (Online-)Selbsthilfegruppen.
  • Humor hilft, die Situation zu meistern.

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