Demenz ist eine Erkrankung, die nicht nur den Betroffenen, sondern auch deren Angehörige vor große Herausforderungen stellt. Gespräche werden seltener, Erinnerungen verblassen, und es fühlt sich an, als würde ein geliebter Mensch langsam vor den eigenen Augen verschwinden. Ein Erinnerungsalbum kann hier eine wertvolle Hilfe sein, um Erinnerungen wachzuhalten und die Kommunikation zu fördern.
Was ist ein Erinnerungsalbum?
Ein Erinnerungsalbum ist ein kleines Heft oder Buch, das speziell für Menschen mit Demenz erstellt wird. Es enthält Angaben über die Biographie, Bezugspersonen, den Gesundheitszustand und die Medikation des Betroffenen. So wie ein Spazierstock eine Hilfe zum Gehen ist, ist ein Erinnerungsalbum eine Hilfe zum Erinnern. Es beinhaltet Wörter und Bilder aus wichtigen Momenten im Leben eines Menschen, von der Geburt bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Wenn neue Erlebnisse wichtig erscheinen, können auch sie in das Erinnerungsalbum aufgenommen werden. Jeder Mensch erinnert sich an Schlüsselerlebnisse, die im Laufe seines Lebens stattgefunden und in denen wichtige Personen und Orte eine Rolle gespielt haben. Diese Schlüsselerlebnisse haben sich über die Jahre hinweg zu einer inneren Geschichte - „Dies ist mein Leben“ - entwickelt. Diese Lebensgeschichte gibt uns unsere Identität.
Warum ist ein Erinnerungsalbum für Menschen mit Demenz hilfreich?
Ein Erinnerungsalbum bietet zahlreiche Vorteile für Menschen mit Demenz:
- Es hält Schlüsselerlebnisse wach: Das Album hilft, diese Erlebnisse so lange wie möglich im Gedächtnis zu behalten.
- Es hilft, die Identität zu wahren: Es gibt dem Menschen mit Demenz ein Gefühl der Sicherheit, sich selbst zu kennen, und schafft somit Selbstvertrauen und Selbstachtung.
- Es bietet einen Anlass zum Gespräch: Es erlaubt dem Menschen mit Demenz, das Gespräch selbst zu lenken.
- Es bietet Ankerpunkte: Ein Mensch mit Demenz erlebt, dass seine Erinnerungen ihn verlassen, sein sicher geglaubtes Lebensgefüge aus Raum und Zeit zerbröckelt. Dann kann er in seiner eigenen Biografie Ankerpunkte finden, an denen er sein „Ich“ immer wieder festmachen, wiedererkennen, orientieren kann.
- Es stärkt das Wohlbefinden: Wenn sich Menschen mit Demenz an Beziehungen mit lieben Menschen oder lebensgeschichtliche Ereignisse erinnern, trägt dies zu ihrem Wohlbefinden bei und sie fühlen sich wieder stärker in ihrer Identität.
Was man für ein Erinnerungsalbum braucht
Ein kleines, circa 15 mal 10 Zentimeter großes Fotoalbum mit genügend Platz für ungefähr 36 Fotos ist ideal für ein Erinnerungsalbum. Mehrere kleine Erinnerungsalben sind meistens sinnvoller als ein großes, das eher überfordert.
Wie erstellt man ein Erinnerungsalbum?
1. Sammeln von Informationen und Materialien
- Biografische Informationen: Beginnen Sie mit der Sammlung von Informationen über die Lebensgeschichte des Betroffenen. Nutzen Sie die Themenauswahl als Inspiration:
- Ereignisse: Kindheit, erster Schultag, Schulzeit, Konfirmation/Kommunion, Schulabschluss, Verlobung, Hochzeit, erster Arbeitstag.
- Personen: Schulkameraden, Freunde, Bekannte, Ehepartner, Verwandte, Arbeitskollegen, Vereinsmitglieder, Kinder, Enkel.
- Freizeitgestaltung: Hobbies, Vereinstätigkeiten, Urlaub, Ausflugsziele, Wanderungen, Städtereisen, Oper- oder Museumsbesuche, Kinobesuche, Kochen, Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Tanzen.
- Beruf: Ausbildung, Studium, ausgeübte Berufe, Arbeitgeber, ausgeübte Tätigkeiten, Karriereentwicklung, welche Verantwortungen wurden übernommen.
- Persönliches: Kleidungsstil, Haustiere, Träume und Wünsche, Allergien, Krankheiten, besondere Talente, Tabuthemen, Vorlieben und Abneigungen (Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsrestaurant, Lieblingsfilme, Lieblingsbücher, lieber Autofahren als Bus, lieber Erdbeeren als Äpfel, Butter aber keine Margarine).
- Fotos: Suchen Sie Fotos aus verschiedenen Lebensphasen des Betroffenen aus. Wählen Sie Bilder, die schöne Erinnerungen hervorrufen. Ein leicht unscharfes Bild, auf dem die Enkel beim Spielen fotografiert sind, ist wertvoller als ein technisch perfektes Landschaftsfoto.
- Erinnerungsstücke: Sammeln Sie weitere Erinnerungsstücke wie Postkarten, Eintrittskarten, Briefe, Urkunden oder kleine Gegenstände, die eine besondere Bedeutung für den Betroffenen haben.
- Lieder und Musik: Stellen Sie eine Sammlung von Liedern zusammen, die der Betroffene in seiner Jugend gerne gehört hat. Musik weckt oft lebendige Erinnerungen.
2. Gestaltung des Erinnerungsalbums
- Übersichtlichkeit: Achten Sie auf eine übersichtliche Gestaltung. Weniger ist mehr. Eine überladene Seite mit vielen kleinen Bildern, verschiedenen Schriftarten und bunten Elementen kann schnell überfordernd wirken.
- Große Schrift: Die Sehkraft lässt im Alter häufig nach, daher ist eine große Schrift entscheidend. Testen Sie die Lesbarkeit, indem Sie die Seite aus etwa 50 cm Entfernung betrachten.
- Klare Bilder: Ältere Menschen haben oft Schwierigkeiten mit unscharfen oder zu dunklen Fotos. Digitalisieren Sie alte Bilder aus der Kindheit der Großeltern, um die Qualität zu verbessern.
- Beschriftungen: Beschriften Sie die Fotos unbedingt mit Namen und der Beziehung zur Person. Platziere Deine Texte möglichst unter den Bildern, nicht daneben.
- Farbschema: Halten Sie das Farbschema durchgehend einheitlich, denn das schafft Ruhe und erleichtert die Orientierung.
- Titelbild: Das Titelbild ist das Erste, was Deine Liebsten sehen. Vermeide zu komplexe Gruppenfotos mit vielen Personen auf dem Cover.
- Struktur: Die Gestaltung des Buchs ist bewusst übersichtlich gehalten, um den Demenzkranken nicht zu überfordern. Daher sind Schriftart, Layout und Farben fixiert und lassen sich nicht ändern. Darüber hinaus kann es auch nach dem Druck mit neuen Fotos und Notizen ergänzt werden.
3. Nutzung des Erinnerungsalbums
- Regelmäßiges Anschauen: Es kann sein, dass ein Mensch mit Demenz vergisst, regelmäßig in sein Erinnerungsalbum zu schauen. Versuchen Sie ihn zu ermutigen, es öfter anzusehen, damit seine Erinnerungen wach bleiben. Lassen Sie das Album offen liegen, damit es immer zur Hand ist.
- Gesprächsstoff: Das Album kann Besuchern - insbesondere Enkelkindern - Gesprächsstoff liefern.
- Biografiearbeit: Nutzen Sie das Album als Grundlage für biografische Gespräche. Stellen Sie konkrete Fragen zur Kindheit oder Jugend des Demenzerkrankten. Zum Beispiel zu wichtigen historischen Ereignissen aus dieser Zeit.
- Individuelle Anpassung: Egal, welche Methode sie beim lebensgeschichtlichen Gespräch wählen, wichtig ist immer, dass diese auf die verbliebenen Fähigkeiten der demenzkranken Person abgestimmt sind.
Biografiearbeit im Pflegealltag
Die Vorteile von Erinnerungsarbeit gerade bei Demenzkranken liegen auf der Hand: So erleichtert das Wissen um die Vergangenheit des an Demenz erkrankten Menschen den täglichen Umgang mit diesen enorm. Ist mir als Pflegeperson beispielsweise bekannt, dass der alte Mensch als Kind von einem Hund gebissen wurde und Angst davor hat, werde ich den Kontakt zu diesen Tieren wahrscheinlich eher vermeiden. Weiß ich das nicht, kann es zu kritischen Situationen kommen, die das Wohlbefinden des Pflegebedürftigen beeinträchtigen und die Pflege erschweren. Gerade eine wertschätzende, empathische Beziehung und ein liebevolles Miteinander ist für demenzkranke Menschen enorm wichtig. Das Wissen um biografische Hintergründe (z. B. Lebenslauf, Gewohnheiten, kritische Lebensereignisse usw.) schafft hierzu eine wertvolle Grundlage und ermöglicht die Stärkung der gegenseitigen Bindung. Darüber hinaus fühlt sich die betagte Person im täglichen Umgang sicherer, verstanden und in ihrem Wesen angenommen, was die Pflegesituation deutlich erleichtern kann.
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Das lebensgeschichtliche Gespräch
Sicherlich haben Sie schon einmal einem alten Menschen gelauscht, während er von seiner Vergangenheit berichtet hat und mussten über die eine oder andere Geschichte schmunzeln. Das tat nicht nur Ihnen gut, sondern auch der erzählenden Person. Diese fühlte sich durch das Erzählen wieder lebendig, erlebte Altes neu und erfreute sich an den vergangenen Geschichten und Bildern. So eine Lebensbilanz fällt mitunter recht subjektiv aus, denn „Erinnern“ ist meist nicht (nur) das Wiedergeben von objektiven Wahrheiten. Aber das ist in Ordnung, denn gerade dieses individuelle Erzählen macht ein lebensgeschichtliches Gespräch ja oft so interessant. Demenzkranke haben meist noch ein gut funktionierendes Langzeitgedächtnis. Was für sie deshalb zählt, ist die Vergangenheit, die sich auf unterschiedliche Art und Weise in das „Heute“ einfügt und das Verhalten sowie die Gefühle nicht unwesentlich beeinflusst. Als pflegende Angehörige (Betreuungsperson) können Sie das positiv für sich nutzen, indem Sie durch bestimmte Fragen die Erinnerungen der demenzkranken Person aktivieren.
Solche Fragen könnten sein:
- Hattest du in der Kindheit einen Gegenstand, der dir besonders viel bedeutet hat? Welche Erlebnisse verbindest du mit ihm?
- Wo bist du aufgewachsen? In welchem Zimmer hast du dich besonders wohl gefühlt? Kannst du den Raum und das, was sich darin befunden hat, beschreiben?
- Wenn du einen Koffer mit den wichtigsten Gegenständen packen müsstest: welche Gegenstände würdest du einpacken und warum? Was bedeuten sie dir?
- Gibt es etwas in diesem Raum, das dir besonders am Herzen liegt? Welche Erinnerungen verbindest du damit?
Diesen lebensgeschichtlichen Austausch können Sie mit unterschiedlichen Impulsen fördern, beispielsweise indem Sie persönliche Gegenstände aus der Vergangenheit (z. B. Kochlöffel, Fotos, Kleidungsstücke usw.) zur Hand nehmen und sich darüber austauschen. Meistens sind solche Objekte mit angenehmen Erinnerungen verknüpft, was wiederum das Wohlbefinden der Senioren stärkt. Darüber hinaus gibt es im Handel eine Vielzahl an biografischen Materialien (z. B. Bildkarten, biografische Spiele usw.), welche die Erinnerungen anregen können. Sogar im letzten Stadium der Demenz ist das möglich, denn diese Menschen sind noch gut über ihre Sinne (z. B. Hören, Riechen, Sehen, Schmecken usw.) erreichbar.
Weitere Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Demenz
Menschen, die an Demenz erkrankt sind, haben Probleme, ihre alltäglichen Aufgaben zu meistern. Sie machen „Fehler“, weil sie Dinge nicht mehr genau wissen oder Handlungen nicht mehr ausführen können. Zur Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz gehört deshalb unbedingt auch die gezielte Beschäftigung mit Spielen oder anderen Tätigkeiten. Schlagen Sie von sich aus Dinge vor und motivieren Sie den Demenzerkrankten mitzumachen. Es sollte nicht Ihr Ziel sein, Menschen mit Demenz durch die Beschäftigung herauszufordern und sie vor schwierige Aufgaben zu stellen. Demenz lässt sich nicht „wegtrainieren“. Deshalb muss ein Demenzerkrankter auch nichts unter Beweis stellen. Das Stadium der Demenz ist ausschlaggebend dafür, welche Aufgaben und Spiele Sie der betroffenen Person zumuten können.
- Kreative Tätigkeiten: Der Umgang mit unterschiedlichen Materialien aus der Natur oder dem Bastelladen kann Demenzerkrankten viel Freude bereiten.
- Musikhören: Bekannte Schlager aus der Jugendzeit stimulieren fröhliche Erinnerungen und können die Stimmung aufhellen.
- Vorlesen: Vorlesen kann für Menschen mit Demenz genauso aktivierend sein wie Kopfrechnen für einen gesunden Menschen.
- Bewegung: Bewegung regt den Kreislauf an, fördert Sinneserfahrungen und bringt Freude. Deshalb sind Spaziergänge und Ausflüge immer eine sinnvolle Beschäftigung.
- Berührung: Menschen mit Demenz, die Sie über Worte und Gesten nur noch schwer erreichen können, lassen sich manchmal leichter durch Berührung aktivieren.
- Spiele: Es gibt Spiele, die speziell für Demenzerkrankte entwickelt wurden. Sie sollen gezielt motorische Fähigkeiten trainieren oder den Spaß am Raten und am Gedächtnistraining bei Demenz wecken.
Tipps für den Umgang mit Menschen mit Demenz
- Beachten Sie das Stadium der Demenz: Überforderung bewirkt negative Reaktionen.
- Gehen Sie auf persönliche Vorlieben und Abneigungen ein: Die Beschäftigung sollte Spaß machen.
- Respektieren Sie die Entscheidung des Demenzerkrankten: Lassen Sie es zu, wenn der Erkrankte nicht selbst aktiv werden möchte, sondern lieber beobachtet.
- Tolerieren Sie „Fehler“: Schimpfen Sie auf keinen Fall, wenn etwas nicht funktioniert.
- Sprechen Sie mit Menschen mit Demenz: Behandeln Sie sie würdevoll und mit Respekt, und nehmen Sie Rücksicht darauf, dass diese in ihrem Denken und Handeln eingeschränkt sind.
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