Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Sie ist durch eine Schädigung der Myelinscheiden gekennzeichnet, die die Nervenfasern umhüllen und für eine reibungslose Signalübertragung unerlässlich sind. Diese Schädigung führt zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein können. Die MS wird daher auch als die Krankheit der 1000 Gesichter bezeichnet.
Die Vielgesichtigkeit der Multiplen Sklerose
Die Symptome der MS sind vielschichtig und variabel, da die Entzündungsherde in verschiedenen Bereichen des Gehirns und Rückenmarks auftreten können. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Sehstörungen (z.B. Doppelbilder, Optikusneuritis)
- Lähmungserscheinungen
- Taubheitsgefühle
- Schwindel
- Störungen der Bewegungskoordination
- Schnelle Ermüdung (Fatigue)
- Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit
- Blasen- und Darmfunktionsstörungen
- Sexuelle Funktionsstörungen
Die Symptome treten in der Regel während eines Schubs auf, der mindestens 24 Stunden andauert. Nach Abklingen des Schubs bilden sich die meisten Symptome weitgehend zurück, es können jedoch Beeinträchtigungen zurückbleiben.
Multiple Sklerose ohne Symptome: Gibt es das wirklich?
Obwohl die MS in der Regel mit dem Auftreten von Symptomen verbunden ist, gibt es Fälle, in denen die Erkrankung ohne erkennbare Symptome verläuft. Dies kann insbesondere in frühen Krankheitsstadien der Fall sein, wenn die Schädigung der Myelinscheiden noch nicht ausreichend ist, um klinisch relevante Symptome auszulösen.
Die "benigne" MS: Ein Sonderfall
Ein Teil der MS-Kranken entwickelt auch ohne Therapie keine schweren Beeinträchtigungen. Solche Patienten sind deutlich gesünder und leben länger. Dieses Phänomen wird als "benigne" MS bezeichnet. Studien haben gezeigt, dass ein Teil der Patienten mit anfänglichem klinisch isoliertem Syndrom (CIS) auch nach 30 Jahren nur minimale neurologische und neuropsychiatrische Probleme aufweist. Allerdings lässt sich im Voraus nicht sagen, welche Patienten einen gutartigen Verlauf entwickeln werden. Einige Merkmale, die mit einer benignen MS in Verbindung gebracht werden, sind ein jüngeres Erkrankungsalter, weibliches Geschlecht und sensorische Probleme beim ersten Schub.
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Unsichtbare Symptome: Eine oft übersehene Realität
Auch wenn die MS äußerlich nicht sichtbar ist, können Betroffene unter einer Reihe von unsichtbaren Symptomen leiden, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Zu diesen Symptomen gehören:
- Fatigue (Ermüdung)
- Kognitive Störungen
- Depressionen
- Schmerzen
- Sexuelle Dysfunktion
- Störung der Ausscheidungsfunktion
Diese unsichtbaren Symptome werden oft nicht richtig behandelt oder stoßen bei Mitmenschen auf Unverständnis, was die emotionale Belastung der Erkrankung noch verstärken kann.
Die Prodromalphase: Anzeichen vor der Diagnose
Klar ist jedoch schon seit einiger Zeit, dass sich MS-Betroffene schon Jahre vor ihrer Diagnose weitaus häufiger ärztlich vorstellen oder im Krankenhaus behandeln lassen als Menschen ohne MS. Diese Zeit vor der Diagnose wurde in den letzten Jahren von der Fachwelt als eine mögliche sogenannte Prodromalphase gewertet. Ein Team an der TUM um den Neurologen Prof. Bernhard Hemmer hat nun in einer neuen Studie gezeigt, dass es sich bei den Beschwerden vor der Diagnose wahrscheinlich nicht um eine solche Prodromalphase handelt. Vielmehr vermuten wir hinter den Gründen zur ärztlichen Vorstellung bereits erste Schubereignisse. Denn wir haben herausgefunden, dass bei den Arzt- und Klinikbesuchen vermehrt Beschwerden vorlagen, die auf erste Symptome der MS hinweisen. Wir glauben, dass viele Beschwerden, die bisher einer Prodromalphase zugeordnet wurden, durch die bereits bestehende Erkrankung selbst verursacht werden. Damit könnten die neuen Studienergebnisse auch die Möglichkeit eröffnen, die Therapie der MS zu optimieren: Je früher eine MS erkannt wird, desto besser können wir die Erkrankung behandeln. Neben den beschriebenen häufigeren Beschwerden in den Jahren vor einer MS-Diagnose fiel in dieser Studie auf, dass sich Personen mit MS weniger häufig für Infekte der oberen Atemwege ärztlich vorgestellt haben. Dies war ein unerwartetes Ergebnis, zumal Schubereignisse bei MS in der Vergangenheit manchmal mit Infekten in Verbindung gebracht werden konnten.
Die Bedeutung der Früherkennung
Je früher eine MS erkannt wird, desto besser können die Erkrankung behandelt und das Fortschreiten der Behinderung verlangsamt werden. Daher ist es wichtig, auf Symptome zu achten und bei unklaren Beschwerden rasch eine Neurologin/einen Neurologen aufzusuchen. Insbesondere für eine frühe Diagnosestellung ist die sogenannte Kernspintomographie oder auch Magnetresonanztomographie (MRT), die Schichtbilder des Gehirns und des Rückenmarks liefert, unerlässlich. Mit der MRT kann sowohl die zeitliche als auch die räumliche Dissemination veranschaulicht oder nachgewiesen werden.
Die Rolle der MRT bei der Diagnose und Verlaufskontrolle
Die Magnetresonanztomographie (MRT) spielt eine zentrale Rolle bei der Diagnose und Verlaufskontrolle der MS. Mit der MRT können Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden, die für die MS charakteristisch sind. Regelmäßige MRT-Kontrollen sind wichtig, um den Krankheitsverlauf zu beobachten und die Therapie gegebenenfalls anzupassen.
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Fokale Läsionen und Mikroläsionen
Im MRT können verschiedene Arten von Läsionen sichtbar gemacht werden. Fokale Läsionen sind Schädigungen oder Veränderungen, die auf einen bestimmten abgegrenzten Bereich des Gewebes beschränkt sind. Mikroläsionen sind sehr klein und können schwieriger zu erkennen sein.
Die Grenzen der MRT
Auch wenn sich die Krankheitsaktivität bei MS scheinbar gut durch die MRT darstellen lässt, so zeigt sich auch häufig, dass die Befunde unzureichend mit dem neurologischen Befund der MS-Betroffenen korrelieren. Gerade Betroffene mit progredienten Verlaufsformen haben trotz fortschreitender Behinderung oft ein „stabiles“ MRT-Bild. Der Übergang zur SPMS wird daher häufig zu spät erkannt. Um die Krankheitsaktivität wirklich zu beurteilen, ist das Gesamtbild aus Schüben, Krankheitsprogression, neuropsychologischen Aspekten und MRT-Aktivität aussagekräftig.
Therapie der Multiplen Sklerose
Multiple Sklerose ist derzeit nicht heilbar. Ziel der Behandlung ist es, die Symptome zu lindern, die Schubfrequenz zu reduzieren und das Fortschreiten der Behinderung zu verlangsamen.
Akuttherapie
Zur Behandlung von akuten Schüben greifen Ärzte auf Cortison-Medikamente zurück. Cortison wirkt entzündungshemmend und beeinflusst die schnellere Rückbildung der Symptome. In der Regel wird es intravenös, also per Infusion, verabreicht.
Langzeittherapie
Um den Krankheitsprozess zu verlangsamen, die Anzahl der Schübe einzudämmen und das Auftreten möglicher Behinderungen zu verzögern, steht eine Vielzahl von Wirkstoffen zur Verfügung. Diese Medikamente werden als verlaufsmodifizierende Therapien bezeichnet. Es ist wichtig, die Entscheidung für eine Dauertherapie wohlüberlegt zu treffen und die Vor- und Nachteile der verschiedenen Wirkstoffe mit dem Arzt zu besprechen.
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Symptomatische Therapie
Aufgrund der verschiedenartigen Symptome kommen bei Bedarf eine Reihe weiterer therapeutischer Maßnahmen hinzu: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie oder auch Psychotherapie. Die Einnahme zusätzlicher Medikamente zur Behandlung von Symptomen wie Blasenstörung, Depression ist u.U. sinnvoll.
Leben mit Multipler Sklerose
Die Diagnose Multiple Sklerose kann das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen erheblich beeinflussen. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, sich professionelle Hilfe zu suchen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Mit der richtigen Behandlung und Unterstützung können Menschen mit MS ein erfülltes Leben führen.
Die Bedeutung der Selbstwahrnehmung
Während eines Schubs bemerken Sie die MS, doch ihre Aktivität verläuft oft unbemerkt ohne spürbare Symptome. Dabei kann das Nervensystem weiter geschädigt werden. Da die korrekte Diagnose einer MS und die Einstufung in Verlaufsform und Schweregrad meist recht viel Zeit in Anspruch nimmt, sollten Sie bei unklaren Symptomen rasch eine Neurologin/einen Neurologen aufsuchen. Viele PatientInnen verspüren schon Jahre vor der Diagnose unterschiedliche Symptome, die sie häufiger eine Ärztin/einen Arzt aufsuchen lassen.
Anpassung des Lebensstils
Die Diagnose Multiple Sklerose heißt nicht, dass Sie Ihren Alltag komplett umstellen müssen. Das wichtigste ist, dass Sie Neuerungen im Alltag gut für sich annehmen können und kontinuierlich umsetzen. Besonders wichtig sollte Ihnen sein auf sich selbst und das eigene Befinden noch mehr zu achten und Ihre Bedürfnisse entsprechend anzupassen.