Tanztherapie bei Morbus Parkinson: Studienlage und therapeutischer Nutzen

Die Parkinson-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, von der weltweit Millionen Menschen betroffen sind. In Deutschland sind es schätzungsweise 250.000 Menschen. Bis 2030 wird ein Anstieg der weltweiten Betroffenen auf 8,7 Millionen prognostiziert. Die Erkrankung geht mit vielfältigen Symptomen einher, die vor allem die Motorik, aber auch die Stimmung und Kognition beeinträchtigen. Neben medikamentösen Behandlungen rücken zunehmend nicht-medikamentöse Therapieansätze in den Fokus, darunter die Tanztherapie. Dieser Artikel beleuchtet die Studienlage zur Tanztherapie bei Morbus Parkinson und ihren potenziellen Nutzen.

Einführung in die Tanztherapie

Die Tanztherapie ist eine psychotherapeutische Disziplin, die der Bereich der künstlerischen Therapien entstammt. Sie wurde um 1940 von Chace et al. in den USA entwickelt. Tanztherapie wird definiert als „die psychotherapeutische Verwendung von Bewegung im Sinne eines Prozesses, der die emotionale und körperliche Integration des Individuums zum Ziel hat“. Dabei wird die starke Vitalisierung im Tanz und das unmittelbare Körpererleben betont. Der Tanz kann als „höchster Ausdruck menschlichen Lebensgefühls gewaltige Kräfte im Menschen frei[setzen]“ und „Zugang zum kollektiven Unterbewusstsein“ eröffnen.

Wirkungsweise der Tanztherapie bei Parkinson

Die Tanztherapie nutzt die positiven Effekte von Bewegung, Musik und sozialer Interaktion, um verschiedene Aspekte der Parkinson-Erkrankung zu verbessern.

Verbesserung der Motorik

Im Verlauf der Parkinson-Erkrankung nimmt die Beweglichkeit der Betroffenen kontinuierlich ab. Die Schritte werden kleiner, und Gang- sowie Gleichgewichtsstörungen kommen hinzu. Musik- und Tanztherapien können hier eine lindernde Wirkung auf die Symptomatik haben. Studien belegen, dass sich die Beweglichkeit und die Balance verbessern können. Dies kann durch musikalische Geh- oder Tanzübungen erreicht werden, die zu einer verbesserten Beweglichkeit und Stabilität führen. Die Balance verbessert sich, was der Sturzprophylaxe dient. So wurden die Schritte der Betroffenen größer, und sie konnten schneller aus dem Sitzen aufstehen und gehen.

Ein interessantes Werkzeug ist das Tool, das Übungen zur Fußkoordination mit der Fußsensormotorik und einem Gedächtnistraining verbindet.

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Positive Auswirkungen auf die Stimmung

Bis zu 70 Prozent der von Parkinson Betroffenen entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung eine Depression. Tanztherapie kann eine Verbesserung in der Stimmung und bei einer Depression bewirken. Die Erkrankten empfinden Freude an den Tanzstunden. Schon die Teilnahme an wöchentlichen Tanzkursen kann die Stimmung bei Morbus-Parkinson-Erkrankten verbessern.

Förderung der sozialen Interaktion

Die Krankheit verändert in vielen Fällen das Erscheinungsbild, wofür sich viele Erkrankte schämen. Daher meiden viele der Betroffenen den Kontakt mit anderen und ziehen sich nach und nach zurück. Die Folge ist eine immer weiter zunehmende Isolation. Musik- und Tanztherapie können die soziale Interaktion fördern und verbessern. Durch die Trainingsgruppen und das regelmäßige Treffen von erkrankten Personen können neue Kontakte geknüpft werden. Die Betroffenen können sich auch über ihre Erfahrungen austauschen und die emotionale Wahrnehmung besser verarbeiten. Die Therapie wird zu einer sozialen Aktivität. Die Veranstaltungen in der Gruppe können auch neue Freundschaften initiieren. Die gemeinsamen Stunden binden die Kranken in die Gemeinschaft ein und verhindern so eine soziale Isolierung.

Kognitive Aspekte

Neben den motorischen Symptomen treten oft auch Beeinträchtigungen im kognitiven Bereich auf, insbesondere in den exekutiven Funktionen (Denken und Handeln). Tanztherapie kann hier positive Auswirkungen haben. Exekutive Funktionen umfassen das Arbeitsgedächtnis (Handlungspläne erstellen und befolgen, Probleme lösen), die kognitive Flexibilität (Anpassung an neue Situationen) und die Inhibition (Unterdrückung unpassender Handlungen). Eine Analyse von Studien zeigt, dass Tanztherapie deutliche Verbesserungen im Bereich der exekutiven Funktionen erzielen kann.

Studienlage zur Tanztherapie bei Parkinson

Mehrere Studien belegen die Wirksamkeit der Tanztherapie bei Parkinson. Ein Review zeigt, dass musikalische Geh- oder Tanzübungen zu einer verbesserten Beweglichkeit und Stabilität führen können. Andere Studien belegen, dass die Erkrankten wieder mehr Kontrolle über ihren eigenen Körper erlangen und verstärkt am sozialen Leben teilnehmen. Markant ist auch, dass eine Depression durch diese Therapien verringert werden kann.

Eine Studie verglich verschiedene Therapiewege bei der Parkinson-Krankheit. Es zeigte sich, dass die Tanztherapie deutliche Verbesserungen ergab - und zwar gerade im Bereich der exekutiven Funktionen, während es in anderen Bereichen (z. B. der Muskelkraft) nur geringe Veränderungen gab.

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Spezifische Tanzformen und Therapieansätze

Verschiedene Tanzformen und Therapieansätze werden in der Tanztherapie bei Parkinson eingesetzt:

  • Tango Argentino: Die Bewegungstherapie, die mit Hilfe von Elementen des Tango Argentino entwickelt wurde, dient dem Aufbau, der Entwicklung und Erhaltung motorischer und kognitiver Fertigkeiten in Verbindung mit dem Abbau depressiven Herabgestimmtseins. Die Übungen sind so angelegt, dass kognitive, motorische und sensorische Reize in wechselnder Kombination gesetzt werden. Tango Remediando ist ein Kommunikationstraining mittels Tango-Elementen für Neurosekranke. Der Tango kann die Rückwärtsbewegung deutlich erleichtern und verbessern, Drehbewegungen aus Hüfte und Becken erleichtern, "Freezing" während der Bewegung reduzieren und die Mobilität erhöhen.
  • Keep Moving: Eine spezielle Tai Chi-Methodik, die an die Gegebenheiten und Bedürfnisse von Parkinson-Patienten angepasst ist. Dadurch entsteht ein einfaches, aber sehr effektives Bewegungssystem, das sich an Menschen richtet, die von einem leichten bis mittelschweren Parkinsonsyndrom betroffen sind.
  • Yoga: Yoga kann die Symptomatik von Parkinson-Betroffenen lindern. Das Training zielt grundsätzlich auf Ausdauer, Kraft und Flexibilität ab. Zudem wird der Fokus auf Gleichgewicht und Koordination gelegt. Im Yoga wird besonders auf die Atmung geachtet, wodurch eine Entspannung entsteht. Der Stressabbau wird auf diese Weise ebenfalls gefördert. Das Programm ist auf die Bedürfnisse der Erkrankten abgestimmt. Abhängig von Schweregrad und Symptomatik sind die Yogaübungen adaptierbar.

Praktische Umsetzung und Empfehlungen

Morbus-Parkinson-Betroffene sollten Musik- und Tanztherapie im Pflegeheim, Krankenhaus oder in Rehakliniken erhalten. Die Therapieansätze fördern insgesamt die Beweglichkeit der Betroffenen. Präventiv können die Therapien Folgeerkrankungen oder Zweiterkrankungen wie Depressionen, Kontrakturen und soziale Isolation verhindern. Regelmäßige körperliche Bewegung ist für die Erkrankten von zentraler Bedeutung.

Einrichtungen können Musik und Tanz in die Regelversorgung einbinden. Dies könnte durch individuelle oder Gruppeninterventionen erfolgen. Die Umsetzung kann durch qualifizierte Pflegefachpersonen durchgeführt werden. In der Akutklinik könnten Patienten auf Angebote von entsprechenden Selbsthilfegruppen hingewiesen werden.

Laut Prof. Earhart können sowohl Menschen mit fortgeschrittener Erkrankung als auch Parkinson-Erkrankte, die noch nicht von Gleichgewichtsstörungen oder Stürzen betroffen sind, von einer Tanztherapie profitieren. Als Voraussetzung gelte meist nur, dass man sich noch mindestens drei Meter mit oder ohne Hilfsmittel, jedoch ohne Unterstützung durch eine andere Person auf den eigenen Beinen fortbewegen kann. Prof. Earhart, die verschiedene Studien zum Thema „Tanzen bei Parkinson“ verglich, erscheint eine zehnwöchige Tanztherapie als sinnvoll. Wie oft und wie lange dabei pro Woche am besten getanzt werden sollte, ist bisher noch nicht erforscht.

Neuroplastizität und Rehabilitation

Das Gehirn besitzt die Fähigkeit, sich bis ins hohe Alter fortwährend zu verändern und an neue Lebensumstände optimal anzupassen (Neuroplastizität). Rhythmusbetonte Bewegungen und Musik tragen bei Parkinsonpatienten zur Verbesserung der Bewegung und Verminderung von Stürzen bei. Musik-, Tanz- und Singtherapie gehören neben verschiedenen Formen des Bewegungstraining zu den Grundpfeilern des Reha-Konzeptes. Es wird empfohlen, unmittelbar vor den Therapieeinheiten 20 Minuten der individuellen Lieblingsmusik über Kopfhörer zu lauschen und dabei dem Rhythmus mit Bewegungen des Rumpfes, der Arme oder Beine zu folgen. Dies aktiviert und stimuliert nachweislich die Nervenbahnen im Gehirn, deren Funktionen durch den Morbus Parkinson beeinträchtigt sind. In der Tanztherapie lernen Parkinsonpatienten quasi spielerisch durch Einübung rhythmusbetonter Schrittfolgen Stürze zu vermeiden, wobei nach aktueller klinischer Studienlage hier besonders lateinamerikanische Tänze wie die Rumba geeignet sind.

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