Die Darstellung von Epilepsie in der "Tatort"-Reihe, insbesondere in den Kieler Fällen mit Kommissarin Sarah Brandt (gespielt von Sibel Kekilli), ist ein Thema, das sowohl innerhalb der fiktiven Welt der Krimiserie als auch in der Realität eine wichtige Rolle spielt. Die Art und Weise, wie Epilepsie dargestellt wird, wirft Fragen nach Authentizität, Sensibilität und den Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Menschen mit Epilepsie in der Gesellschaft auf.
Sarah Brandts Epilepsie im Kieler Tatort
Die Einführung der Epilepsie-Erkrankung bei Kommissarin Sarah Brandt in den Kieler "Tatort"-Folgen sorgte für Aufsehen und Diskussionen. Besonders in der Folge "Borowski und der stille Gast" (2012) wird das Thema prominent behandelt. Nach einer hitzigen Diskussion mit ihrem Vorgesetzten erleidet Brandt einen Krampfanfall, der ihr bis dahin gehütetes Geheimnis offenbart.
Der Anfall und seine Folgen
Brandt erlebt vor dem Anfall eine Aura, eine Vorwarnung in Form eines auf sie zurasenden Zuges. Es folgt ein Grand-Mal-Anfall, bei dem sie stürzt und krampft. Ihr Kollege Klaus Borowski (Axel Milberg) reagiert zunächst schockiert und besorgt. Er konfrontiert sie mit der Tatsache, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung möglicherweise nicht mehr diensttauglich ist.
Borowski ist hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu Brandt und seiner Verantwortung als Polizist. Er weiß, dass sie als Epileptikerin möglicherweise keine Waffe tragen und kein Auto fahren darf. Er dringt in sie, sich den Vorgesetzten zu offenbaren. Sie weiss, dass das das Ende ihrer Karriere auf dem Kommissariat wäre. Das will auch er nicht. Doch Brandt dürfte ihren Job keinesfalls wie bisher ausüben. Sie dürfte keine Waffe tragen und nicht Auto fahren. Borowski überlässt es aber Brandt, wie und wann sie sich erklären will.
Medizinische Aspekte und Aufklärung
In der Folge gibt es eine Szene, in der Borowski sich beim Gerichtsmediziner über Epilepsie informiert. Der Mediziner erklärt, wie epileptische Anfälle im Gehirn wirken, und betont, dass "Epileptiker früh sterben". Diese Aussage ist jedoch umstritten und wird von Experten kritisiert, da sie nicht den Tatsachen entspricht.
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Dr. Stefan R.G. Stodieck, Ärztlicher Leiter des Epilepsiezentrums Hamburg, wurde als Fachberater für den Kieler "Tatort" hinzugezogen. Er betont, dass es bei Epilepsie keine Pauschalregelungen gibt und jeder Fall individuell betrachtet werden muss.
Vorurteile und Realität
Die Darstellung von Sarah Brandts Epilepsie im "Tatort" wirft die Frage auf, wie realistisch und sensibel mit dem Thema umgegangen wird. Einerseits wird die Angst vor Kontrollverlust und die Stigmatisierung von Menschen mit Epilepsie thematisiert. Andererseits wird die Erkrankung möglicherweise sensationalisiert und mit falschen Informationen versehen.
Sascha Arango, der Drehbuchautor von "Borowski und der stille Gast", hat selbst Epilepsie. Er betont, dass er die Erkrankung nie als Haupthindernis betrachtet hat. Er suchte nach mehr Informationen. Im Telefonbuch fand er die Adresse von Professor Dieter Janz und machte einen Termin: „Herr Janz hat sich eine Stunde mit mir unterhalten und ich war so zufrieden, nachdem Herr Janz mir so wunderbar erklärt hat, was es ist und wo es herkommt. Und ich wusste damals ja gar nicht, was für eine Koryphäe dieser Mann ist. Das habe ich erst später erfahren!“ Unter anderem die Auren, die Arangos Anfälle manchmal ankündigten, seien für Janz von großem Interesse gewesen: „Ich erinnere mich an einen kurzen Moment, dass Janz sich vorbeugte, als ich sagte: Ich habe nicht jedes mal die Aura, aber einmal hatte ich das tiefe Wissen, ganz plötzlich, jetzt wird es passieren, ich hörte nichts, sah nichts. Und das war für Janz sehr interessant“.
Weitere Fälle und Entwicklungen
Auch in späteren Folgen wird Sarah Brandts Epilepsie thematisiert, wenn auch weniger prominent. In "Borowski und der freie Fall" (2012) hat sie erneut einen Anfall, der jedoch kaum wahrgenommen wird. In der Folge "Borowski und der brennende Mann" (2013) wird angedeutet, dass sie aufgrund ihrer Epilepsie einen Autounfall verursacht haben könnte, was sie jedoch bestreitet.
Kritik und Rezeption
Die Darstellung von Epilepsie im "Tatort" wurde sowohl gelobt als auch kritisiert. Einerseits wurde die Thematisierung der Erkrankung begrüßt, da sie dazu beitragen kann, Vorurteile abzubauen und das Bewusstsein für Epilepsie zu schärfen. Andererseits wurde die Art und Weise, wie Epilepsie dargestellt wird, als unrealistisch oder sensationalistisch kritisiert.
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Einige Zuschauer bemängelten, dass die Aussage des Pathologen über die Lebenserwartung von Epileptikern irreführend ist und unnötig Ängste schürt. Andere kritisierten, dass Sarah Brandts Verhalten (z.B. das Verschweigen ihrer Erkrankung) nicht als Vorbild für andere Betroffene dienen kann.
"Borowski und der stille Gast": Ein Fallbeispiel
Die Folge "Borowski und der stille Gast" ist ein besonders interessantes Beispiel für die Darstellung von Epilepsie im "Tatort". In diesem Fall geht es um den Täter Kai Korthals (gespielt von Lars Eidinger), der in die Wohnungen seiner Opfer eindringt und sie terrorisiert.
Die Wohnungstür von Carmen Kessler ist mit so vielen Sicherheitsschlössern verriegelt, dass selbst der Schlüsseldienst aufgegeben hat und die Polizisten durch ein Hinterhoffenster in die Wohnung klettern müssen. Mit einem Brecheisen in der Hand lag die Frau unter dem Bett, als sie ihren Notruf bei der Polizei abgab. "Er ist wieder hier. Er kam durch die Wand", flüsterte sie ins Telefon. Da Kai Korthals seine Opfer in- und auswendig kennt, hilft ihr der Anruf aber nicht, sie muss sterben.
Sarah Brandt kann sich in die Opfer einfühlen, die von Korthals belästigt werden: "Er hat sie beschlichen, ist überall rumgekrabbelt, hat alles betatscht, besabbert, dieser Wichser, diese Spinne!" Während Brandt sich einerseits in die Matrix von Computern stürzt, mit 3-D-Scannern arbeitet und eigenhändig Müllcontainer durchwühlt, brennen ihr bei anderen Gelegenheiten die Sicherungen durch. Und das hat nichts mit der Epilepsie zu tun, unter der sie leidet. Sie prügelt sich mit der heroinsüchtigen Roswitha (eine toll besetzte Peri Baumeister), provoziert, flucht und nennt die Frank-Sinatra-CDs des Mörders Alte-Leute-Musik.
Die Folge spielt mit der Angst vor dem Unsichtbaren und dem Kontrollverlust. Korthals dringt nicht nur in die Wohnungen seiner Opfer ein, sondern auch in ihre Psyche. Er kennt ihre Gewohnheiten, ihre Ängste und ihre Geheimnisse.
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Auch Sarah Brandt erlebt in dieser Folge einen Kontrollverlust durch ihren epileptischen Anfall. Sie muss sich entscheiden, ob sie ihr Geheimnis offenbart oder riskiert, dass ihre Erkrankung ihre Arbeit und ihr Leben gefährdet.
Konsequenzen für die Darstellung von Epilepsie in Medien
Die Darstellung von Epilepsie im "Tatort" zeigt, wie wichtig es ist, das Thema sensibel und realistisch zu behandeln. Medien haben eine große Verantwortung, Vorurteile abzubauen und das Bewusstsein für Epilepsie zu schärfen.
Es ist wichtig, dass Menschen mit Epilepsie nicht als hilflos, unberechenbar oder gefährlich dargestellt werden. Stattdessen sollten ihre Stärken, ihre Fähigkeiten und ihre individuellen Erfahrungen in den Vordergrund gestellt werden.
Es ist auch wichtig, dass medizinische Informationen korrekt und verständlich vermittelt werden. Falsche oder irreführende Informationen können unnötig Ängste schüren und die Stigmatisierung von Menschen mit Epilepsie verstärken.
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