Taubheit nach Hörsturz Operation: Ursachen und Behandlung

Ein Hörsturz kann plötzlich und unerwartet auftreten und zu einer mehr oder weniger starken Beeinträchtigung des Hörvermögens führen. In manchen Fällen kann dies sogar bis zur Taubheit reichen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Taubheit nach einem Hörsturz, mögliche operative Behandlungen und deren Erfolgsaussichten.

Was ist Taubheit?

Von Taubheit (Anakusis oder Gehörlosigkeit) spricht man, wenn auf einem oder beiden Ohren kein oder nur noch wenig Hörvermögen vorhanden ist. Dies unterscheidet sich von Schwerhörigkeit durch den Grad des Hörverlustes. Medizinisch gilt man als gehörlos, wenn der Hörverlust im Bereich zwischen 125 und 250 Hz mehr als 60 dB sowie im übrigen Frequenzbereich mehr als 100 dB beträgt.

Ursachen von Taubheit

Die Ursachen für Taubheit sind vielfältig und können sowohl angeboren als auch erworben sein.

Angeborene Taubheit

  • Genetische Erkrankungen: Angeborene Taubheit kann genetisch bedingt sein, insbesondere wenn Taubheit bereits häufiger in der Familie aufgetreten ist. Diese genetisch bedingte Taubheit wird durch Fehlbildungen des Innenohres oder des Gehirns hervorgerufen. Das Down-Syndrom (Trisomie 21) kann beispielsweise eine angeborene Taubheit mit sich bringen.
  • Infektionen während der Schwangerschaft: Infektionen bei Schwangeren, wie Röteln oder Syphilis, können beim ungeborenen Kind zu einer Beeinträchtigung des Gehörs bis hin zur Taubheit führen.
  • Ototoxische Medikamente: Die Einnahme von Medikamenten mit ohrschädigenden (ototoxischen) Arzneistoffen wie Thalidomid oder bestimmten Antibiotika (Aminoglykoside, Makrolide, Glykopeptide) während der Schwangerschaft kann ebenfalls zu angeborener Taubheit führen.
  • Drogenkonsum: Der Konsum von Drogen wie Alkohol oder Nikotin während der Schwangerschaft kann ebenfalls eine angeborene Taubheit verursachen.
  • Komplikationen während der Geburt: Komplikationen während der Geburt, wie Sauerstoffmangel oder Hirnblutungen, können ebenfalls zu angeborener Taubheit führen. Frühchen sind besonders gefährdet, da ihre Lungen oft unzureichend ausgereift sind und sie nach der Geburt an Sauerstoffmangel leiden können.

Erworbene Taubheit

  • Krankheiten: Verschiedene Krankheiten können im Laufe des Lebens zu Taubheit führen. Dazu gehören beispielsweise Hirnhautentzündung (Meningitis) oder andere Schädigungen des Innenohrs, der Hörnerven oder des Hörzentrums.
  • Lärmschäden: Lärmbelastung kann das Gehör schädigen und im Extremfall zu Taubheit führen.
  • Hörsturz: Ein Hörsturz ist ein plötzlicher Hörverlust, der ohne erkennbare Ursache auftritt und in seltenen Fällen zur Ertaubung führen kann.
  • Morbus Ménière: Die Ménière-Erkrankung betrifft das Innenohr und führt neben Hörverlust (meist der tiefen Töne) auch zu Ohrgeräuschen (Tinnitus) und Schwindel.
  • Otosklerose: Bei der Otosklerose verknöchert die Verbindung des Steigbügels mit dem Innenohr, was zu Schwerhörigkeit oder Taubheit führen kann.
  • Chronische Mittelohrentzündung: Eine chronische Mittelohrentzündung kann in seltenen Fällen zu einer Taubheit führen, insbesondere wenn sie mit einem Cholesteatom (chronische Knocheneiterung) einhergeht.
  • Medikamente: Einige Medikamente, wie bestimmte Krebsmedikamente (Chemotherapeutika), Entwässerungsmittel (Diuretika) und bestimmte Antibiotika, können eine ohrschädigende Wirkung haben.

Diagnose von Taubheit

Die Diagnose von Taubheit erfolgt durch einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO). Dieser wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben und verschiedene Hörtests durchführen.

Anamnese

Im Gespräch wird der Arzt nach dem Grund für den Verdacht auf Taubheit, nach Risikofaktoren für Hörstörungen und nach bisherigen Auffälligkeiten fragen. Bei Kindern sind folgende Auffälligkeiten ernst zu nehmen:

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  • Das Kind reagiert oft nicht auf Ansprache oder Rufen.
  • Anweisungen werden nicht korrekt befolgt.
  • Oft wird mit "Wie?" oder "Was?" nachgefragt.
  • Die Sprachentwicklung ist nicht altersgemäß.
  • Die Verständlichkeit der Sprache ist durch eine schlechte Artikulation erschwert.
  • Beim Fernsehen oder Musikhören stellt das Kind besonders hohe Lautstärken ein.

Hörtests

Verschiedene Hörtests werden durchgeführt, um die Ursache und den Grad der Taubheit festzustellen. Dazu gehören:

  • Ohrspiegelung (Otoskopie): Der Arzt untersucht das Ohr mit einem Otoskop, um das Trommelfell und den Gehörgang zu beurteilen.
  • Weber- und Rinne-Test: Diese Tests geben Hinweise auf die Art und den Ort der Hörschädigung. Beim Weber-Test wird eine schwingende Stimmgabel auf die Mitte des Kopfes gesetzt, beim Rinne-Test auf den Knochen hinter dem Ohr und dann vor das Ohr gehalten.
  • Tonschwellen-Audiometrie: Hierbei wird die Hörbarkeit von Tönen über Kopfhörer oder Knochenleitungs-Kopfhörer zur Bestimmung der frequenzabhängigen Hörschwelle genutzt.
  • Sprach-Audiometrie: Statt Tönen werden Wörter oder Laute vorgespielt, die der Patient erkennen und nachsprechen muss, um das Sprachverständnis zu testen.
  • Tympanometrie: Diese Untersuchung misst den Widerstand des Trommelfells und gibt Aufschlüsse über die Funktionalität des Mittelohrs.
  • Messung des Stapedius-Reflexes: Hierbei wird die Reflex-Schwelle bestimmt, ab der der Stapedius-Muskel auf lauten Schall reagiert.
  • Objektiver Hörtest: Dieser Test wird zur Untersuchung des Hörnervs (insbesondere bei Kindern) angewendet, wobei das Hörvermögen objektiv widergespiegelt wird.
  • Messung otoakustischer Emissionen: Um eine Schädigung der äußeren Haarzellen des Innenohrs feststellen zu können, wird eine Messung otoakustischer Emissionen durchgeführt.
  • Gleichgewichtsprüfung: Um eine Schädigung des Gleichgewichtsorgans festzustellen, wird eine Gleichgewichtsprüfung durchgeführt.
  • Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT): Sollte eine anatomische Veränderung im Bereich der Hörschnecke (Cochlea) oder des Hörnervs vorliegen, kann dies mit Hilfe einer Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) nachgewiesen werden.

Neugeborenen-Screening

Seit 2009 werden alle Neugeborenen auf Taubheit untersucht, um Hörstörungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Behandlung von Taubheit

Die Behandlung von Taubheit hängt von der Ursache und dem Grad des Hörverlusts ab.

Konservative Behandlung

  • Hörgeräte: Bei einem gewissen Maß an Restgehör können Hörgeräte das Hörvermögen verbessern. Moderne Geräte werden individuell auf den Hörverlust des Trägers programmiert.
  • CROS-Hörgeräte: Bei einseitiger Taubheit können CROS-Hörgeräte helfen, den Schall von der tauben Seite auf das gesunde Ohr zu übertragen.
  • Medikamentöse Therapie: Bei bestimmten Ursachen, wie beispielsweise Entzündungen oder Infektionen, können Medikamente eingesetzt werden. Cortison wird häufig bei Hörsturz verschrieben, um Entzündungsprozesse zu hemmen.
  • Verhaltenstherapeutische Maßnahmen und Achtsamkeitstraining: Diese Maßnahmen können helfen, mit den Auswirkungen der Taubheit umzugehen und Stress zu reduzieren.

Operative Behandlung

In einigen Fällen kann eine Operation das Hörvermögen wiederherstellen oder verbessern.

  • Stapesplastik: Bei Otosklerose kann der Steigbügel in einer Operation durch eine Prothese ersetzt werden. Dieser Eingriff kann in lokaler Betäubung oder Vollnarkose durchgeführt werden.
  • Cochlea-Implantat (CI): Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit kann ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden. Dieses Implantat umgeht die geschädigten Haarzellen im Innenohr und wandelt Schallwellen in elektrische Impulse um, die direkt an den Hörnerv weitergeleitet werden.
  • Tympanotomie: Bei unklaren Schwerhörigkeiten oder plötzlicher Taubheit kann eine Tympanotomie durchgeführt werden, um die Ursache der Hörstörung zu klären und gegebenenfalls Medikamente direkt am Innenohrfenster zu applizieren.
  • Mittelohrprothese: Bei Zerstörung der Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) kann eine Mittelohrprothese eingesetzt werden, um die Gehörknöchelchenkette wiederaufzubauen.

Stapesplastik bei Otosklerose

Die Stapesplastik ist eine operative Behandlung der Otosklerose, bei der der unbewegliche Steigbügel durch eine Prothese ersetzt wird.

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Ablauf der Operation:

  1. Der hintere Teil des Trommelfells wird zusammen mit einer Gehörgangshautmanschette nach vorne gelegt, um einen Überblick über das Mittelohr zu erhalten.
  2. Eine kleine Knochenklippe des Gehörgangs, die den Blick auf den Steigbügel verdeckt, wird entfernt.
  3. Eine Stapedotomie wird durchgeführt, d.h. es wird ein kleines Loch in die Steigbügelfußplatte angelegt. In manchen Fällen wird eine Teilstapedektomie durchgeführt, bei der ein Teil der Fußplatte entfernt wird.
  4. Eine Steigbügelprothese (Piston) aus Titan oder einem anderen Material wird am Ambossfortsatz fixiert und in das Loch in der Fußplatte eingeführt.
  5. Das Trommelfell wird mit der Gehörgangshaut wieder in seine normale Lage zurückgelegt.
  6. Der Gehörgang wird zur besseren Abheilung mit kleinen Silikonstreifen ausgekleidet und mit einem Vaseline-Mullstreifen als Tamponade ausgefüllt.

Erfolgsaussichten:

Die Erfolgsaussichten der Stapesplastik sind in der Regel sehr gut. Viele Patienten erreichen nach der Operation eine deutliche Verbesserung ihres Hörvermögens. Laut PRIV. DOZ. DR. MED. CH. KLINGMANN kann das Hörvermögen nach der Operation sogar besser sein als die zuvor gemessene Hörleistung des Innenohres, da die Innenohrleistung vor der Operation häufig etwas schlechter gemessen wird, als sie eigentlich ist.

Risiken:

Wie bei jeder Operation gibt es auch bei der Stapesplastik Risiken. Dazu gehören:

  • Gleichgewichtsstörungen: Durch die Eröffnung des Innenohrs können nach der Operation für einige Tage Gleichgewichtsstörungen auftreten.
  • Geschmacksstörungen: In seltenen Fällen kann es zu einer Beeinträchtigung des Geschmacksnervs kommen.
  • Hörverschlechterung oder Taubheit: In extremen Ausnahmefällen (unter 0,4 % der Fälle) ist sogar eine Taubheit aus nicht erkennbaren Gründen innerhalb der ersten Tage oder Wochen nach der Operation möglich.
  • Überempfindlichkeit bei Lärmbelastung: Nach der Operation kann eine Überempfindlichkeit bei zu starker Lärmbelastung entstehen, da der Steigbügelmuskel durchtrennt werden muss.

Wichtige Hinweise nach der Operation:

  • In den ersten Wochen nach der Operation sollte sich der Patient ruhig und langsam bewegen und abrupte Kopfbewegungen vermeiden.
  • Hohe Lärmpegel sollten vermieden werden, um das Innenohr nicht zu schädigen.
  • Sportarten, die mit starken Druckbelastungen des Mittelohres verbunden sind (z. B. Tauchsport), sollten nur von geübten, erfahrenen Sportlern ausgeübt werden, bei denen der Druckausgleich einwandfrei funktioniert.

Cochlea-Implantat (CI) bei Taubheit nach Hörsturz

Ein Cochlea-Implantat (CI) ist eine elektronische Innenohrprothese, die bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit eingesetzt wird. Es wandelt Schallwellen in elektrische Impulse um, die direkt an den Hörnerv weitergeleitet werden und so das Gehirn erreichen.

Funktionsweise:

  1. Ein Mikrofon nimmt den Schall auf und wandelt ihn in ein elektrisches Signal um.
  2. Ein Sprachprozessor analysiert das Signal und wandelt es in einen digitalen Code um.
  3. Ein Sender überträgt den Code drahtlos an das Implantat.
  4. Das Implantat stimuliert den Hörnerv mit elektrischen Impulsen.
  5. Der Hörnerv leitet die Impulse an das Gehirn weiter, wo sie als Töne wahrgenommen werden.

Voraussetzungen:

Für ein Cochlea-Implantat bei einseitigem Hörverlust gibt es klare Auswahlkriterien. Ein Hörspezialist muss feststellen, wo die Hörschwelle liegt und wie gut das verbliebene Sprachverständnis mit dem betroffenen Ohr ist.

Operation:

Die Implantation eines Cochlea-Implantats ist eine Routineoperation, die ein bis zwei Stunden dauert. Nach der Operation kann das Implantat etwa zwei bis vier Wochen später aktiviert werden.

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Rehabilitation:

Nach der Aktivierung des Implantats ist eine intensive Rehabilitation erforderlich, um das Hören mit dem Implantat zu lernen und die Klänge richtig zu interpretieren.

Erfolgsaussichten:

Die Erfolgsaussichten eines Cochlea-Implantats sind in der Regel sehr gut. Viele Patienten können nach der Implantation wieder Sprache verstehen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

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