Taubheitsgefühl nach Ohrspeicheldrüsen-OP: Ursachen und Behandlung

Ein Taubheitsgefühl im Gesicht nach einer Operation an der Ohrspeicheldrüse ist eine nicht ungewöhnliche, aber dennoch beunruhigende Erfahrung für viele Patienten. Um die Ursachen dieses Gefühls zu verstehen und die richtigen Schritte zur Behandlung einzuleiten, ist es wichtig, sich mit den Details des Eingriffs, den potenziellen Risiken und den verfügbaren Therapieoptionen vertraut zu machen.

Anatomie und Funktion der Ohrspeicheldrüse

Die Ohrspeicheldrüse (Glandula parotidea, kurz Parotis genannt) ist die größte der drei großen Speicheldrüsenpaare im Kopfbereich. Sie befindet sich beidseitig im seitlichen Wangenbereich vor den Ohren. Neben der Ohrspeicheldrüse gibt es noch die Unterkieferspeicheldrüse und die Unterzungenspeicheldrüse sowie zahlreiche kleine Speicheldrüsen, die im gesamten Mund- und Rachenraum verteilt sind. Die Ohrspeicheldrüse produziert Speichel, der über einen Ausführungsgang in die Mundhöhle abgegeben wird. Dieser Speichel ist wichtig für die Befeuchtung der Mundschleimhaut, den Schutz der Zähne vor Karies und die Unterstützung der Verdauung.

Gründe für eine Ohrspeicheldrüsenoperation

Eine Operation an der Ohrspeicheldrüse kann aus verschiedenen Gründen erforderlich sein. Die häufigste Indikation ist das Vorliegen einer Geschwulst in der Drüse, wobei es sich meistens um gutartige Veränderungen handelt, wie z.B. ein pleomorphes Adenom. Andere Gründe können chronische Entzündungen, immer wiederkehrende Schwellungen oder Speichelsteine sein.

  • Gutartige Tumore: Am häufigsten tritt das pleomorphe Adenom auf.
  • Chronische Entzündungen: Wiederkehrende Entzündungen der Ohrspeicheldrüse können eine Operation notwendig machen.
  • Speichelsteine: Diese können die Ausführungsgänge der Drüse blockieren und zu Entzündungen führen.
  • Bösartige Tumore: In seltenen Fällen kann auch Speicheldrüsenkrebs eine Operation erforderlich machen.

Der operative Eingriff

Die Operation der Ohrspeicheldrüse (Parotidektomie) wird in der Regel unter stationären Bedingungen durchgeführt und dauert etwa eine Woche. Der Eingriff erfolgt in Vollnarkose. Zunächst wird das Operationsfeld mit einer zusätzlichen Lokalanästhesie unterspritzt. Abhängig von der Größe und Lage der Geschwulst wird ein geeigneter Hautschnitt entlang der natürlichen Hautfalten vor, hinter und unter dem Ohr gemacht. Die Haut, die auf der Drüse liegt, wird nach vorne geschlagen, um die Drüse gänzlich freizulegen. Anschließend werden der Stamm und die Äste des Gesichtsbewegenervs (Nervus facialis) aufgesucht, um diese zu schonen. Nach Sicherstellung der Nervenstrukturen erfolgt die Auslösung der Geschwulst aus der Drüse oder die Entfernung des gesamten oberflächlichen Drüsenlappens unter Mitnahme des Tumors. Nur in seltenen Fällen, beispielsweise bei einem fortgeschrittenen oder bösartigen Tumor, ist die komplette Entfernung der Ohrspeicheldrüse erforderlich. In solchen Fällen kann der Gesichtsbewegenerv oft nicht erhalten werden. Schließlich wird die Wunde mehrschichtig verschlossen und mit einer kosmetischen Hautnaht versehen. Die Tiefe des Tumors bedingt in manchen Fällen das Einbringen eines Drainageschlauches mit einer Auffangflasche (Redon), um die Entstehung von Blutergüssen im Operationsgebiet zu verhindern. Dieser Schlauch kann in der Regel nach zwei Tagen entfernt werden. Das entnommene Gewebe wird nach der Operation zur feingeweblichen Untersuchung eingesandt, um die genaue Art des Tumors zu bestimmen.

Risiken der Operation

Wie bei jeder Operation gibt es auch bei der Ohrspeicheldrüsenoperation allgemeine Risiken wie Blutungen, Infektionen, Verletzungen anderer Organe und Wundheilungsstörungen. Die speziellen Risiken einer Ohrspeicheldrüsenoperation sind jedoch besonders ernst zu nehmen. Sie resultieren vornehmlich aus dem Verlauf des Gesichtsbewegenervs innerhalb der Drüse sowie ihrer Funktion als Speichelbildner.

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Verletzung des Gesichtsnervs

Der Gesichtsnerv (Nervus facialis) verläuft durch die Ohrspeicheldrüse und ist für die Steuerung der Gesichtsmuskulatur verantwortlich. Eine Beeinträchtigung des Nervs während der Operation kann zu Bewegungseinschränkungen im gesamten oder nur in einem Teil des Gesichts führen. Ist der Nerv durch die Operation nur gereizt worden, heben sich die Mimikstörungen unter Medikamentengabe (Kortison) sowie intensivem Gesichtsbewegetraining zumeist restlos auf. Sollte es während der Operation aber zu einer Teilentfernung des Nervs gekommen sein, so verbleibt eine Lähmung der betreffenden Gesichtshälfte. Aber auch hier kann dem Mimikdefizit durch intensives Gesichtsbewegetraining entgegengewirkt werden. In sehr seltenen Fällen ist eine spätere operative Rekonstruktion vonnöten. Um das Risiko einer Nervenverletzung zu minimieren, wird während der Operation ein Neuromonitoring eingesetzt, das die Nervenfunktion kontinuierlich überwacht.

Speichelfistel und Kauschwitzen

Ein weiteres spezielles Risiko ist die Entstehung von Speichelfisteln. Im Rahmen von Wundheilungsstörungen kann insbesondere beim Essen Speichel an der Wange austreten. Selten kommt es später während des Kauens zu Schweißbildung auf der Wange (Kauschwitzen), auch bekannt als Frey-Syndrom.

Taubheitsgefühl

Rund um das Operationsgebiet kann es zu einem Taubheitsgefühl der Haut kommen. Dies ist oft auf die Durchtrennung kleiner Hautnerven während des Eingriffs zurückzuführen und kann vorübergehend oder dauerhaft sein.

Weitere Risiken

  • Störende oder übermäßige Narbenbildung
  • Eindellungen und Asymmetrien im Gesicht bei Entfernung großer Geschwülste
  • Beeinträchtigung der Speichelproduktion (selten)

Ursachen für Taubheitsgefühl nach der Operation

Das Taubheitsgefühl nach einer Ohrspeicheldrüsenoperation kann verschiedene Ursachen haben:

  • Nervenirritation oder -schädigung: Während der Operation können kleine Hautnerven im Operationsgebiet gereizt oder durchtrennt werden. Dies führt zu einem vorübergehenden oder dauerhaften Taubheitsgefühl.
  • Entzündungsprozesse: Entzündungsprozesse nach der Operation können ebenfalls zu Nervenirritationen und Taubheitsgefühl führen.
  • Narbenbildung: Narbengewebe kann auf Nerven drücken und so ein Taubheitsgefühl verursachen.
  • Medikamente: In seltenen Fällen können auch bestimmte Medikamente, die nach der Operation eingenommen werden, zu Taubheitsgefühl führen.

Diagnose und Behandlung von Taubheitsgefühl

Die Diagnose von Taubheitsgefühl nach einer Ohrspeicheldrüsenoperation umfasst in der Regel eine körperliche Untersuchung und eine ausführliche Anamnese. Der Arzt wird die Sensibilität im Operationsgebiet prüfen und nach anderen Symptomen fragen. In einigen Fällen können auch bildgebende Verfahren wie MRT oder CT erforderlich sein, um andere Ursachen für das Taubheitsgefühl auszuschließen.

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Die Behandlung des Taubheitsgefühls richtet sich nach der Ursache. In den meisten Fällen ist keine spezielle Behandlung erforderlich, da das Taubheitsgefühl von selbst verschwindet. In einigen Fällen können jedoch folgende Maßnahmen helfen:

  • Medikamente: Schmerzmittel oder entzündungshemmende Medikamente können helfen, Nervenirritationen zu reduzieren und das Taubheitsgefühl zu lindern.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Durchblutung im Operationsgebiet zu verbessern und die Nervenfunktion zu stimulieren.
  • Nervenstimulation: In einigen Fällen kann eine transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) oder eine andere Form der Nervenstimulation helfen, das Taubheitsgefühl zu reduzieren.
  • Operation: In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um Narbengewebe zu entfernen, das auf Nerven drückt.

Neuropathische Schmerzen

In manchen Fällen kann das Taubheitsgefühl auch von neuropathischen Schmerzen begleitet sein. Neuropathische Schmerzen sind Nervenschmerzen, die durch eine Schädigung oder Funktionsstörung des Nervensystems verursacht werden. Sie können sich als brennend, stechend, einschießend oder elektrisierend äußern. Die Therapie postoperativer neuropathischer Schmerzen kann wie folgt aussehen:

  • Medikamentöse Therapie: Typischerweise gegen neuropathische Schmerzen eingesetzte Medikamente sind unter anderem Antikonvulsiva, trizyklische Antidepressiva, selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer oder Opioide. Eine lokale Therapie erfolgt zum Beispiel mittels Lidocain-Pflastern. Meistens ist es sinnvoll, mehrere Medikamente miteinander zu kombinieren.
  • Nicht-medikamentöse Therapie: Die nicht-medikamentöse Behandlung neuropathischer Schmerzen erstreckt sich unter anderem auf warme Fußbäder, transkutane elektrische Nervenstimulation, Akupunktur, milde Infrarotstrahlung, Applikation von Kälte, Physio- und Ergotherapie und Psychotherapie (Verbesserung der Schmerzakzeptanz).
  • Invasive Therapie: Manchmal ist es sinnvoll beziehungsweise erforderlich, neuropathische Schmerzen zusätzlich invasiv zu behandeln. Dies erfolgt unter anderem durch selektive Nervenblockaden, Ganglionblockaden oder Neuromodulationsverfahren.

Was Sie selbst tun können

Es gibt einige Dinge, die Sie selbst tun können, um die Heilung zu fördern und das Taubheitsgefühl zu lindern:

  • Kühlen: Kühlen Sie das Operationsgebiet regelmäßig mit Kühlpacks, um Schwellungen und Entzündungen zu reduzieren.
  • Massieren: Massieren Sie das Operationsgebiet sanft, um die Durchblutung zu verbessern und die Nervenfunktion zu stimulieren.
  • Gesichtsbewegungen: Führen Sie regelmäßig Gesichtsbewegungen durch, um die Gesichtsmuskulatur zu trainieren und die Nervenfunktion zu stimulieren.
  • Vermeiden Sie Stress: Stress kann die Heilung verzögern und das Taubheitsgefühl verschlimmern. Versuchen Sie, Stress zu vermeiden und sich ausreichend zu entspannen.
  • Ausgewogene Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten, um die Heilung zu fördern.
  • Ausreichend Flüssigkeit: Trinken Sie ausreichend Flüssigkeit, um die Durchblutung zu verbessern und die Nervenfunktion zu unterstützen.
  • Vermeiden Sie Nikotin und Alkohol: Nikotin und Alkohol können die Heilung verzögern und das Taubheitsgefühl verschlimmern. Vermeiden Sie daher Nikotin und Alkohol.

Prognose

Die Prognose für Taubheitsgefühl nach einer Ohrspeicheldrüsenoperation ist in den meisten Fällen gut. In vielen Fällen verschwindet das Taubheitsgefühl von selbst innerhalb von einigen Wochen oder Monaten. In einigen Fällen kann das Taubheitsgefühl jedoch dauerhaft bestehen bleiben. Mit den richtigen Behandlungsmaßnahmen können die Symptome jedoch in der Regel gelindert werden.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und ersetzt nicht die Beratung durch einen Arzt. Wenn Sie nach einer Ohrspeicheldrüsenoperation ein Taubheitsgefühl verspüren, sollten Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen, um die Ursache abzuklären und die geeignete Behandlung einzuleiten.

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Vorbeugung

Es gibt keine spezifischen Maßnahmen zur Vorbeugung von Taubheitsgefühl nach einer Ohrspeicheldrüsenoperation. Durch eine sorgfältige Operationsplanung und -durchführung sowie eine gute postoperative Betreuung kann das Risiko jedoch minimiert werden.

Leben mit Taubheitsgefühl

Auch wenn das Taubheitsgefühl nach einer Ohrspeicheldrüsenoperation in den meisten Fällen vorübergehend ist, kann es für Betroffene sehr belastend sein. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, mit dem Taubheitsgefühl umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören neben den bereits genannten Behandlungsmaßnahmen auch der Austausch mit anderen Betroffenen und die Inanspruchnahme psychologischer Unterstützung.

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