Parkinson ist eine chronische, fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die hauptsächlich durch den Verlust Dopamin-produzierender Nervenzellen in der Substantia nigra des Gehirns verursacht wird. Die Krankheit äußert sich in einer Vielzahl von motorischen und nicht-motorischen Symptomen. In den letzten Jahren hat die Forschung das Endocannabinoid-System (ECS) als potenzielles Ziel für therapeutische Interventionen bei Parkinson identifiziert. Das ECS, das an der Regulierung von Bewegung, Stimmung, Schmerz und Schlaf beteiligt ist, könnte durch Cannabinoide beeinflusst werden. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur Wirkung von THC und anderen Cannabinoiden auf die verschiedenen Symptome der Parkinson-Krankheit und diskutiert die potenziellen Vorteile und Risiken dieser Therapieform.
Das Endocannabinoid-System und Parkinson
Präklinische Forschungsergebnisse deuten auf eine Beteiligung des Endocannabinoid-Systems (ECS) an Bewegungsstörungen und neurodegenerativen Prozessen hin. Das ECS spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung verschiedener Körperfunktionen, darunter Bewegung, Stimmung, Schmerz und Schlaf. Cannabinoide könnten daher einen Ansatzpunkt für die Behandlung von Parkinson bieten.
Der Körper produziert selbst Cannabinoide, und im Gehirn sind bisher zwei Empfängerstellen für diese Stoffe bekannt. Docken die Cannabinoide dort an, werden Signalkaskaden in nachgeordneten Nervenzellen ausgelöst und bestimmte Botenstoffe freigesetzt, darunter Dopamin, Glutaminsäure und Serotonin. Diese Reaktionen sind komplex und noch nicht vollständig verstanden.
Einfluss von Cannabinoiden auf motorische Symptome
Die Ergebnisse kontrollierter klinischer Studien zur Wirkung von Cannabinoiden wie THC und CBD auf die motorischen Hauptsymptome der Parkinson-Krankheit sind nicht eindeutig. Die meisten Placebo-kontrollierten Studien konnten keinen signifikanten positiven Effekt auf Ruhetremor (Zittern), Rigor (Muskelsteifheit) oder Bradykinesie (Bewegungsverlangsamung) nachweisen.
Ein Beispiel hierfür ist die Studie „Short-Term Cannabidiol with Δ-9-Tetrahydrocannabinol in Parkinson's Disease: A Randomized Trial“ von Liu et al. (2024). In dieser Studie erhielten Parkinson-Patienten über zwei Wochen entweder eine Mischung aus CBD und THC oder ein Placebo. Die Behandlung wurde schrittweise gesteigert bis zu einer abschließenden Dosierung von 2,5 mg/kg/Tag. Die Ergebnisse zeigten einen starken Placeboeffekt, aber keine signifikanten Behandlungseffekte auf die motorischen Symptome. Stattdessen wurden in der Placebogruppe bessere Ergebnisse bei Schlaf, Denkleistung und Alltagsaktivität festgestellt. Die Autoren schränkten jedoch ein, dass die kurze Studiendauer und der starke Placeboeffekt die Interpretation der Ergebnisse einschränken.
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Im Gegensatz dazu konnte die Studie „Cannabis (THC) on Motor Symptoms in Parkinson's Disease“ eine leichte Verbesserung motorischer Symptome, insbesondere bei Tremor, zeigen.
Studien zu Levodopa-induzierten Dyskinesien
Auch bei Levodopa-induzierten Dyskinesien (LID), unwillkürlichen Überbewegungen, die als Nebenwirkung der Parkinson-Medikation Levodopa auftreten können, ist die Datenlage schwierig. Einzelne Studien deuten auf eine leichte Reduktion der Dyskinesien durch Cannabinoide hin.
Die Studie „Cannabinoids reduce levodopa-induced dyskinesia in Parkinson's disease: a pilot study“ untersuchte sieben Probanden mit Parkinson, die an LID litten. Hier reduzierte der Cannabinoid-Rezeptor-Agonist Nabilone (ein synthetisches THC-Derivat) die Gesamtdyskinesien signifikant im Vergleich zu Placebo. Dies deutete auf einen möglichen antidyskinetischen Effekt von Cannabinoid-Agonisten hin.
Andere, nachfolgende Studien, wie beispielsweise eine größere randomisierte, doppelblinde Cross-over-Studie mit einem oralen Cannabis-Extrakt (THC/CBD-Mischung) von Carroll et al. (2004), konnten diesen Effekt jedoch nicht bestätigen. Die Ergebnisse zeigten keine objektive oder subjektive Verbesserung der Dyskinesien.
Subjektive Erfahrungen von Patienten
Trotz der geringen Evidenz aus kontrollierten Studien berichten viele Betroffene in Einzelfallberichten und Beobachtungsstudien subjektiv von einer Besserung ihrer motorischen Symptome durch die Einnahme von Cannabis.
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Einfluss von Cannabinoiden auf nicht-motorische Symptome
Die Studienlage zu den nicht-motorischen Symptomen (NMS) der Parkinson-Krankheit ist etwas positiver, wobei hier oft zugelassene Cannabinoid-Medikamente oder Cannabidiol (CBD) untersucht wurden.
- Schlafstörungen: Cannabinoide, insbesondere CBD, könnten zur Linderung von Schlafstörungen beitragen, die bei Parkinson-Patienten sehr häufig sind. Es gibt Hinweise, dass ein zugelassenes Cannabinoid die Belastung durch NMS, einschließlich Schlafstörungen, bessern kann.
- Schmerzen: Aufgrund ihrer analgetischen Eigenschaften können Cannabinoide zur Linderung von Schmerzen beitragen, die bei Parkinson auftreten.
- Stimmungslage (Angst/Depression): Es gibt Hinweise auf eine mögliche Besserung von Angstzuständen und depressiven Verstimmungen durch Cannabinoide. Eine randomisierte klinische Crossover-Studie aus dem Jahr 2020 konnte beispielsweise zeigen, dass CBD bei Parkinson-Patienten Angstzustände lindern kann.
- Weitere NMS: Auch bei anderen NMS wie autonomen Dysfunktionen - wie zum Beispiel Verstopfung - wird ein potenzieller Nutzen diskutiert.
Medizinischer Cannabis in Deutschland
Seit einigen Jahren dürfen Ärzte ihren Patienten medizinisches Cannabis gegen Parkinson verschreiben. Viele Patienten legen große Hoffnungen in diese neue Therapie, insbesondere solche, die von den Möglichkeiten der konventionellen Medizin enttäuscht sind.
In Deutschland können schwerkranken Patienten, unabhängig von der Grunderkrankung, Cannabisblüten und -extrakte bzw. synthetische Cannabinoide zulasten der Krankenkassen verordnet werden, sofern keine geeigneten Therapien zur Verfügung stehen oder diese aufgrund von Kontraindikationen oder schweren Nebenwirkungen nicht zur Anwendung kommen können. Laut Gesetzgeber ist eine Verordnung bereits dann gestattet, wenn „eine nicht ganz entfernte Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf schwerwiegende Symptome“ besteht.
Dem verschreibenden Arzt obliegt es, die Wirksamkeit des medizinischen Cannabinoids bei der Vielfalt der möglichen Indikationen und Grunderkrankungen oder bestimmten Symptomen des individuellen Patienten einzuschätzen.
Wirkstoffe in Cannabis
Von den mehr als 60 Inhaltsstoffen im Cannabis sind zwei besonders wichtig:
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- THC (Tetrahydrocannabinol): Der Stoff, für den Cannabis als Droge geraucht wird. Er wirkt stark auf die Psyche und kann Halluzinationen hervorrufen. THC gibt es als Öl oder in Kapseln.
- CBD (Cannabidiol): Wirkt nicht halluzinogen und ist derzeit als Nahrungsergänzungsmittel und nicht als Medikament zugelassen.
Es gibt auch die Blüten, also das eigentliche Naturprodukt, die eine hohe Zahl unterschiedlicher Wirkstoffe enthalten.
Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Es ist wichtig zu beachten, dass die Anwendung von Cannabis nicht risikolos ist und auch zu gravierenden Nebenwirkungen kommen kann. In Studien sind bei einigen Patienten Halluzinationen aufgetreten, was nicht verwunderlich ist, da Halluzinationen bei Parkinson nicht selten sind und halluzinogene Medikamente wie Cannabis dies noch verstärken können. Außerdem leiden Parkinsonpatienten oft unter Kreislaufschwäche und sehr niedrigem Blutdruck, was ebenfalls durch THC noch verstärkt werden kann. Weiterhin gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte.
Cannabis bei atypischen Parkinson-Syndromen
Die Behandlung von motorischen und nichtmotorischen Symptomen bei atypischen Parkinson-Syndromen ist angesichts der zumeist schlechten Wirksamkeit der dopaminergen Medikation eine große Herausforderung. Zur Behandlung motorischer Symptome mit Cannabinoiden konnten bisher keine Fallberichte oder Studien identifiziert werden. Hinsichtlich nichtmotorischer Symptome ist erwähnenswert, dass ein Großteil der Patienten mit atypischen Parkinson-Syndromen unter Schmerzen leidet. Als am analgetisch wirksamsten wurden nichtsteroidale Antiphlogistika und Cannabis beschrieben, wobei hier keine Aussage zur Substanz und Art der Einnahme getroffen wurde.
Aufgrund der generell meist unzureichenden medikamentösen Behandlungsmöglichkeit der motorischen und nichtmotorischen Symptome bei atypischen Parkinson-Syndromen sollte den Patienten nach Einsatz der „konventionellen“ Medikation ein Therapieversuch mit Cannabinoiden in Betracht gezogen werden.
Cannabinoide bei Dystonie
Die Erfahrungen mit Cannabinoiden bei der idiopathischen Dystonie sind begrenzt. Anekdotische Fallberichte beschreiben einen positiven Effekt bei Patienten mit zervikaler Dystonie, generalisierter Dystonie oder Meige-Syndrom bei CBD-Einnahme von bis zu 600 mg pro Tag. Auch wurden Symptome bei einer Patientin mit Blepharospasmus nach Einnahme von Dronabinol und bei einem Pianisten mit Musikerdystonie nach der Einnahme von THC deutlich gelindert.
Demnach kann die Verwendung von Cannabinoiden bei dystonen Syndromen generell nicht empfohlen werden. Bei therapierefraktären Einzelfällen kann der Einsatz von Cannabis-Präparaten jedoch diskutiert werden.
Cannabinoide bei Chorea Huntington
Eine doppelblinde, randomisierte Cross-over-Studie mit Huntington-Patienten mit CBD zeigte keinen Effekt auf die Schwere der Chorea. In einer ebenfalls kontrollierten Studie konnte eine Verbesserung der motorischen und Chorea-Subskala der Unified Huntington’s Disease Rating Scale (UHDRS) von Nabilon im Vergleich zu Placebo nachgewiesen werden, jedoch fand sich kein Unterschied zwischen einer Dosis von 1 oder 2 mg Nabilon/Tag.
Die Datenlage im Hinblick auf die Behandlung der Chorea beim M. Huntington ist schlecht und eine Behandlung kann somit momentan nicht empfohlen werden.
Cannabinoide bei Tic-Störungen (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom)
Bei primären Tic-Störungen wie beim Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (GTS) zeigten erste Erfahrungsberichte eine Wirksamkeit von Cannabis auf motorische und vokale Tics. In einer doppelblinden, Placebo-kontrollierten Cross-over-Studie bei GTS-Patienten wurde eine deutliche Verbesserung der Tics und auch der häufig bei GTS-Patienten auftretenden komorbiden Symptome einer Zwangsstörung festgestellt. Eine weitere hochwertige Studie demonstrierte ebenfalls eine deutliche Abnahme der Tic-Frequenz und des Schweregrads nach Gabe von THC.
Da es an einer größeren Anzahl qualitativ hochwertiger Studien mangelt, gibt es bislang keine evidenzbasierte Empfehlung für den Gebrauch von Cannabinoiden in der Therapie des Tourette-Syndroms. Trotzdem wird von manchen Experten die Meinung vertreten, dass Cannabis-Präparate in der Second-Line-Behandlung von ansonsten medikamentös- und verhaltenstherapeutisch therapierefraktären Patienten Anwendung finden können.