Das Theater ist seit jeher ein Spiegel der Gesellschaft, ein Ort der Auseinandersetzung mit ihren Werten, Normen und Konflikten. Doch was passiert, wenn das Theater selbst zum Gegenstand der Kritik wird? Wenn die Kunst auf die Realität trifft und die Nerven blank liegen? Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtige Beziehung zwischen Theater, Kritik und der Frage, was Theaterglück wirklich bedeutet.
Dani Levys "Schweizer Schönheit": Eine fundamentalistische Komödie?
Der Schweizer Filmemacher Dani Levy, bekannt für Filme wie "Alles auf Zucker" und "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler", hat sich dem Theater verschrieben und am Züricher Schauspielhaus sein eigenes Stück "Schweizer Schönheit" inszeniert. In einem Interview spricht Levy über die Entstehung des Stücks und seine Motivation, sich dem Theater zuzuwenden. Das Züricher Schauspielhaus habe ihn angefragt, ob er Lust hätte, was in Zürich zu machen, und ihm die Bühne gezeigt. Er sei erst mal ein bisschen unsicher und auch ein bisschen ambivalent darüber gewesen, ob er überhaupt sich zutrauen würde, so einen klassischen Bühnenraum mit so einer klassischen Guckkastenbühne in einem großen, althergebrachten Theater zu füllen mit Levy-Theater, was er gar nicht richtig definieren könnte.
"Schweizer Schönheit" handelt von Balz Häfeli, der an seinem 50. Geburtstag realisiert, dass sein Leben eine Lüge ist. Er erleidet eine Art Burnout und zieht sich in seinen Geräteschuppen im Garten zurück, wo er ein neues Leben beginnt. Seine Mitmenschen reagieren irritiert und wütend, was in ihm einen kindlichen Spieltrieb weckt. Er beginnt, mit der Situation zu spielen, wird provokativer und erfinderischer - und dadurch glücklicher. Levy selbst bezeichnet das Stück als "fundamentalistische Komödie", da er die Lebensweise der Schweiz als fundamentalistisch empfindet. Er habe es fundamentalistisch genannt, weil er natürlich auch die Lebensweise der Schweiz selber als fundamentalistisch empfinde, wie übrigens natürlich die meisten Lebensweisen, weil ich das Gefühl habe, dass, wenn diese Ordnung und diese Harmonie oder diese soziale Frieden gefährdet ist oder bedroht wird, dann reagiert diese Gesellschaft ungehalten, wenn nicht sogar wütend.
In einer Szene übt Balz Muezzin-Gesänge und tanzt nur mit einer Schweizer Fahne bekleidet durch den Garten. Seine Frau, die ihn notorisch betrügt, findet das aber irgendwie toll. Levy betont, dass er mit dem Stück keine Mission oder Message verfolgt. Mich hat erst mal ein Mensch interessiert, weil ich selber natürlich ungefähr in diesem Alter bin, der in einer Not ist, er kann sich selber nicht mehr belügen. Er ist zusammengebrochen, sein Lebensmodell hat sich irgendwie als nicht wirklich befriedigend und glücklich machend herausgestellt und er ist plötzlich nackt auf eine bestimmte Art.
Theaterkritik: Mehr als nur Daumen rauf oder runter
Die Auseinandersetzung mit Dani Levys Stück wirft die Frage nach der Rolle der Theaterkritik auf. In den letzten Jahren hat das "Theaterkritik-Bashing" zugenommen. Theaterleute würden "grundsätzlich keine Kritiken lesen", um zu betonen, dass sie keinen Pfifferling drauf geben. Doch gleichzeitig buhlen sie um die Kritik, da Aufmerksamkeit eine Währung ist. Via Internet und Social Media können die Theater heute sehr leicht selbst Aufmerksamkeit generieren und mit dem Publikum kommunizieren, da haben Deuflhard und Lilienthal schon recht. Die Dramaturgien stellen ihre Stückinformationen und Selbstbeweihräucherungen online, und jeder User kann Kritiker spielen.
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Trotzdem ist die professionelle Kritik unverzichtbar. Sie bietet eine profunde Orientierungshilfe und ein begründetes ästhetisches Urteil von einer verlässlichen Stimme. Ähnlich wie Politik und Wirtschaft braucht auch die Kunst die kritische, erklärende, vermittelnde Begleitung, Einordnung und Kommentierung, ein kundiges, sachverständiges Gegenüber. Zwecks Dialog und ästhetischem Diskurs. Aber auch zwecks Kontrolle. Theaterkritik ist ja sehr viel mehr als Daumen rauf, waagrecht wedelnd oder runter. Sie ist heute mehr denn je: Theaterjournalismus.
In ihren Anfängen als Kritikerin gab es noch die sogenannten Großkritiker, die sich mit einem schier päpstlichen Bedeutungs- und Gültigkeitsanspruch gerierten. Theaterkritiken gehörten damals zu den Highlights der Feuilletons. Von der Deutschen Journalistenschule kommend, mit einem davor absolvierten Zeitungsvolontariat, hatte ich schon damals einen anderen, journalistischeren, auch zugewandteren Begriff vom Kritikerberuf. Mir gefiel immer das Bild vom gemeinsamen Boot, in dem wir sitzen, nur eben auf verschiedenen Seiten: hier die Kunstproduzierenden, dort die Rezensierenden, Interpretierenden, aber man teilt die gleiche Leidenschaft und rudert auf derselben See - die Liebe zum Theater vorausgesetzt. Wir haben im Grunde auch die gleichen Adressaten. Denn für wen schreibe ich eine Kritik? Für Sie natürlich! Die Leserinnen und Leser. Das Publikum. Nicht für Intendantinnen, nicht für Regisseure, nicht für den Betrieb.
Wenn ich im Theater sitze, auf einem zugegebenermaßen meist privilegierten Platz - Parkett, Reihe 5 oder 6, Mitte -, begreife ich mich zuallererst als Zuschauerin. Wenn auch als professionelle Zuschauerin, als Prima inter Pares. Weil ich besser vorbereitet bin als der Durchschnittszuschauer und mehr Expertise habe, schon aufgrund meiner vielen Berufsjahre und der damit einhergehenden Seherfahrung. Mal freut man sich mehr, mal weniger auf eine Premiere, manchmal muss man auch ran, wenn man gar nicht möchte und verpasst mal wieder die Party der anderen. Aber nie gehe ich mit einer vorgefertigten Meinung in eine Premiere oder mit der Absicht, etwas schlecht finden zu wollen. Offenheit ist noch immer das beste Rüstzeug der Kritikerin. Sich mit allen Sinnen einlassen auf das, was da vorne gegeben wird. Man muss im Theater mit allem rechnen. Sogar mit Theaterglück.
Die Herausforderungen des Kritikerberufs
Der Kritikerberuf ist jedoch nicht immer einfach. Unvorbereitet in einen Abend zu gehen, über den ich schreiben muss, kommt für mich nicht infrage, und wenn es aufgrund von Stress und Zeitmangel doch einmal passiert, lese ich hinterher noch vieles nach (Schlaf ist ohnehin ein relativer Begriff). Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die das anders halten, die ganz bewusst vorher nichts wissen wollen, um sich völlig rein und unbeleckt dem hinzugeben, was das Bühnengeschehen ihnen erzählt oder eben nicht zu erzählen imstande ist. Weil ein Theaterabend aus sich selbst heraus verständlich sein muss. Stimmt natürlich. Dennoch will ich als Kritikerin Absicht und Wirklichkeit einer Inszenierung aufschlüsseln können; will sehen und erklären können, wie mit einer Textvorlage umgegangen wurde. Stücke zu lesen macht keinen großen Spaß und kann in den Hirnwindungen zu Unwucht führen - wer sich je durch die seitenweise dahinmäandernden Textflächen von Elfriede Jelinek gepflügt hat, weiß, was ich meine. Aber es gehört nun mal dazu. Bei Uraufführungen allemal.
Ein Problem sind die Romane, die die Theater so ungeheuer lieben. Kaum ist der neue Bestseller von Michel Houellebecq oder Édouard Louis draußen, kommt er ja schon auf die Bühne. Die Romanadaptionitis der Theater schreckt auch vor den dicksten Wälzern nicht zurück. Die 1100-seitigen "Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk (Thalia Theater Hamburg), Wolfram Lotz' kaum weniger umfangreiche "Heilige Schrift" (Kammerspiele München), die große "Kopenhagen-Trilogie" der dänischen Autorin Tove Ditlevsen (demnächst im Münchner Residenztheater): Wer soll das alles lesen?
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Ich habe diesbezüglich die Waffen gestreckt und begnüge mich oft damit, kursorisch Einblick zu nehmen in die Sprache und Atmosphäre des Romans, um mich dann auf die Bühnenfassung zu konzentrieren. Anders ist das ja gar nicht zu schaffen. Nicht nur, weil man auch Redaktionsdienste und so viele andere Aufgaben hat (zum Beispiel den irren Premieren-Output der Theater zu durchsieben), sondern nebenher vielleicht noch ein Leben. Obwohl das mit dem Leben gar nicht so einfach ist, wenn man einen Großteil davon in Theatern, Hotels und - Hilfe! - der Deutschen Bahn verbringt und selten mal ein Wochenende frei hat, denn da sind ja die Premieren. Als Kritikerin braucht man starke Nerven, sehr viel Sitzfleisch und eine Begleitkarte für Freunde, damit man sie mal treffen kann.
Wenn ich ausrechnen würde, wie viele Stunden ich allein in den Mammutinszenierungen von Frank Castorf gesessen bin, dann käme ich auf etliche Tage. Zuletzt sah ich seinen "Wallenstein" in Dresden, der nach sieben Stunden um ein Uhr morgens zu Ende war, nachdem die Anreise sage und schreibe acht Stunden gedauert hatte, weil: Deutsche Bahn. Es ist schon eher ein ganzheitlicher Beruf.
Theater als Spiegel des Lebens
Und warum das alles? Weil Theater die livehaftigste, lebendigste, direkteste, aufregendste, allermenschlichste Kunstform ist. Weil es das Leben in so vielen Möglichkeitsformen durchspielt. Weil es alle anderen Künste in sich vereint und man es mit anderen Menschen teilt. Ich führe mit dem Theater jetzt schon eine sehr lange Beziehung. Sie ist kinderlos geblieben und nicht unkompliziert. Oft treibt sie mich in den Wahnsinn. Aber es gibt auch nichts Besseres.
Das Theater spiegelt das Leben in all seinen Facetten wider. Es zeigt uns die Glanz und Elend des Schauspielerinnen-Lebens, realistisch, komisch zum Weinen, traurig zum Lachen. Es konfrontiert uns mit Zwangsstörungen, politischer Farce und den Herausforderungen des Älterwerdens. Es erzählt Geschichten von Liebe, Verrat, Verlust und Neuanfang.
Theaterglück: Eine Frage der Perspektive
Was bedeutet Theaterglück? Ist es die perfekte Inszenierung, die brillante schauspielerische Leistung oder die bewegende Geschichte? Oder ist es die Auseinandersetzung mit unbequemen Themen, die Provokation und die Irritation, die uns zum Nachdenken anregen? Theaterglück ist subjektiv und hängt von der Perspektive des Betrachters ab.
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Manchmal braucht es starke Nerven, um sich dem Theater hinzugeben. Um sich auf die Reise einzulassen, die uns die Künstler anbieten. Um sich den Fragen zu stellen, die uns das Theater aufwirft. Aber am Ende kann Theaterglück eine tiefe und nachhaltige Erfahrung sein, die uns verändert und bereichert.
Beispiele aus der Theaterwelt
Die Vielfalt des Theaters zeigt sich in den zahlreichen Stücken, die derzeit auf den Bühnen zu sehen sind. Hier eine kleine Auswahl:
- Die Diva Jane: Ein grandioses Rollen-Futter für eine grandiose Schauspielerin, die in ihrer Theater-Garderobe ihr Leben und ihre Karriere Revue passieren lässt.
- Sechs Patienten mit Zwangsstörungen: Eine Gruppentherapie der besonderen Art, in der sich die Patienten notgedrungen die Zeit vertreiben.
- Der glücklose Philip Wardrobe: Eine Politsatire voll schwarzen Humors, die politisch völlig unkorrekte Fragen aufwirft.
- Darrell: Eine Familiengeschichte über drei Generationen von Seeleuten.
- Ted und Morrie: Eine Geschichte über Freundschaft und Revolution.
- Marthe: Eine historische Erzählung über ein Mädchen mit einer besonderen Gabe.
- Ein arrivierter Herr: Ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem älteren Herrn und einer Servicekraft.
- Linda und Albert: Eine Liebesgeschichte über zwei einsame Seelen in New York.
- Mary und Brian: Eine Ehegeschichte über das Musterbeispiel einer soliden, funktionierenden Verbindung.
- Lunch with Mrs.: Eine Witwe lädt sich regelmäßig Handelsvertreter in ihre Wohnung ein, ohne jede Absicht etwas aus deren Angeboten zu kaufen.
- Lewis: Ein Mann leistet sich drei Frauen für unterschiedliche Bereiche seines Lebens.
- The Outrageous Adventures of Sheldon & Mrs.: Eine Mutter-Sohn-Geschichte über Loslassen und Vergebung.
- Travis Pine: Ein desillusionierter Bürger schreibt dem US-Präsidenten böse Notizen.
- Trink oder Stirb: Ein Krimi-Dinner mit überraschenden Wendungen.
- Emily und Henry: Zwei Schauspieler warten nervös auf die Oscar-Verleihung und schwelgen in Erinnerungen.
- Anne und Martin: Ein Paar stürzt an seinem Hochzeitstag in eine Krise.
- Ute: Eine Single-Frau gerät in ein turbulentes Liebesleben.
- Jezebel und Darius Miller: Eine Geschwistergeschichte über Pflege und Familiengeschäfte.
- Viviane und Bernhard: Ein Ehepaar spielt ein eifersüchtiges Spiel.
- Glenda und Suzanne: Zwei Schwestern leben einen friedlichen Ruhestand auf der Insel Manitoulin und verkaufen selbstgemachte Marmelade.
- A Gentle Sprit/The Bear: Zwei Kammeropern über russische Ehemänner und Frauen mit starken Nerven.
- Glück ist was für starke Nerven: Eine kabarettistische Gruppentherapie für Unglückliche.
- Im Stein: Ein Stück über die Abgründe einer Großstadt.