Tiefe Hirnstimulation bei Suchterkrankungen: Chancen und Herausforderungen

Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein etabliertes Verfahren zur Behandlung von Bewegungsstörungen wie Parkinson, Dystonie und Tremor. In jüngster Zeit rückt die THS jedoch auch als mögliche Therapieoption für Suchterkrankungen in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen der THS, ihre Anwendung bei Suchterkrankungen, die damit verbundenen Chancen und Risiken sowie ethische Aspekte.

Grundlagen der Tiefen Hirnstimulation (THS)

Die THS ist ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem feine Elektroden in spezifische Hirnareale implantiert werden. Diese Elektroden geben elektrische Impulse ab, die die Aktivität der Nervenzellen in diesem Bereich modulieren. Die THS wird seit den späten 1980er Jahren zur Behandlung von Bewegungsstörungen eingesetzt, insbesondere bei Parkinson-Patienten, bei denen Medikamente nicht mehr ausreichend wirken.

Funktionsweise der THS bei Bewegungsstörungen

Bei Bewegungsstörungen wie Parkinson zielt die THS darauf ab, die gestörten neuronalen Schaltkreise zu normalisieren, die für die Bewegungsabläufe verantwortlich sind. Die elektrischen Impulse unterbrechen krankhafte Rhythmen, in denen die Nervenzellen feuern, und können so Symptome wie Steifigkeit, Verlangsamung und Tremor reduzieren.

THS bei psychiatrischen Erkrankungen

Die Anwendung der THS bei psychiatrischen Erkrankungen ist ein relativ neues Feld. Hier zielt die Stimulation auf Hirnstrukturen ab, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung der jeweiligen Erkrankung beteiligt sind. Beispielsweise wird bei Zwangsstörungen oder Depressionen der Nucleus accumbens stimuliert, der eine wichtige Rolle im Belohnungssystem spielt.

THS bei Suchterkrankungen: Ein vielversprechender Ansatz?

Die Erkenntnis, dass die THS auch bei psychiatrischen Erkrankungen wirksam sein kann, hat das Interesse an der Anwendung bei Suchterkrankungen geweckt. Sucht wird als chronisch-rezidivierende Erkrankung des Gehirns verstanden, bei der es zu Veränderungen in verschiedenen Hirnregionen kommt, insbesondere im Belohnungssystem, im Suchtgedächtnis und in den Kontrollzentren des Gehirns.

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Zielgebiete im Gehirn bei Suchterkrankungen

Bei der THS zur Behandlung von Suchterkrankungen werden verschiedene Hirnareale als Zielgebiete in Betracht gezogen, darunter:

  • Nucleus accumbens: Dieses Areal spielt eine zentrale Rolle im Belohnungssystem und ist an der Entstehung von Suchtverhalten beteiligt. Die Stimulation des Nucleus accumbens könnte das Verlangen nach der Droge (Craving) reduzieren und die Kontrolle über den Konsum verbessern.
  • Subthalamischer Nukleus (STN): Der STN ist ein wichtiger Bestandteil der Basalganglien, die an der Steuerung von Bewegungen und der Entscheidungsfindung beteiligt sind. Die Stimulation des STN könnte impulsive Verhaltensweisen reduzieren, die mit Sucht einhergehen.
  • Präfrontaler Cortex: Der präfrontale Cortex ist für die Selbstkontrolle, die Planung und die Entscheidungsfindung verantwortlich. Bei Suchterkrankungen ist die Aktivität im präfrontalen Cortex oft reduziert. Die Stimulation dieses Areals könnte die Selbstkontrolle stärken und Rückfälle verhindern.

Erste Ergebnisse und Fallbeispiele

Erste Studien und Fallbeispiele deuten darauf hin, dass die THS bei Suchterkrankungen vielversprechende Ergebnisse erzielen kann. So berichteten Forscher in Köln von einem Patienten mit schwerer Angsterkrankung und Alkoholabhängigkeit, bei dem die THS im Nucleus accumbens zwar die Angsterkrankung nicht besserte, aber den Alkoholismus überraschend reduzierte. Der Patient hatte nach der Stimulation die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum zurückgewonnen und konnte gelegentlich ein Bier trinken, ohne rückfällig zu werden.

Auch in den USA und China werden Studien zur THS bei Suchterkrankungen durchgeführt. In West Virginia erhielt ein opioidabhängiger Mann einen "Hirnschrittmacher" implantiert, der seine Gelüste nach dem Rausch stillen soll. Nach der Operation soll der Mann clean sein und als Vorreiter für eine experimentelle Behandlung im Kampf gegen die Opioid-Epidemie gelten.

In China werden Hirnschrittmacher an Methamphetamin-Konsumenten getestet. Ein Patient berichtete sechs Monate nach der Operation, dass die Maschine in seinem Kopf sein Glück, seinen Ärger, seine Trauer und seine Freude steuert.

Chancen der THS bei Suchterkrankungen

Die THS könnte eine wertvolle Therapieoption für Suchterkrankungen darstellen, insbesondere für Patienten, bei denen andere Behandlungen versagt haben. Zu den potenziellen Vorteilen der THS gehören:

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  • Reduktion des Craving: Die THS könnte das unstillbare Verlangen nach der Droge reduzieren und den Betroffenen helfen, abstinent zu bleiben.
  • Verbesserung der Selbstkontrolle: Die THS könnte die Selbstkontrolle stärken und impulsive Verhaltensweisen reduzieren, die mit Sucht einhergehen.
  • Normalisierung der Hirnaktivität: Die THS könnte die gestörte Hirnaktivität bei Suchterkrankungen normalisieren und die Funktion des Belohnungssystems und der Kontrollzentren verbessern.
  • Erhöhung der Lebensqualität: Durch die Reduktion des Suchtverhaltens und die Verbesserung der Selbstkontrolle könnte die THS die Lebensqualität der Betroffenen deutlich erhöhen.

Risiken und Herausforderungen der THS bei Suchterkrankungen

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse ist die THS bei Suchterkrankungen mit erheblichen Risiken und Herausforderungen verbunden.

Chirurgische Risiken

Die THS ist ein neurochirurgischer Eingriff, der mit den üblichen Operationsrisiken verbunden ist, wie Infektionen, Blutungen und neurologische Komplikationen. Obwohl das Risiko für Komplikationen mit bleibenden Ausfällen gering ist (unter 1%), müssen die Chancen und Risiken sorgfältig abgewogen werden.

Psychische und soziale Risiken

Die THS kann auch psychische und soziale Risiken mit sich bringen. Die Stimulation bestimmter Hirnareale kann zu Veränderungen der Persönlichkeit, der Stimmung oder des Verhaltens führen. Zudem kann die THS soziale Beziehungen beeinflussen und zu Stigmatisierung führen.

Ethische Bedenken

Die Anwendung der THS bei Suchterkrankungen wirft ethische Fragen auf. Kritiker bemängeln, dass die THS ein invasiver Eingriff in das Gehirn ist, der die Autonomie und die Würde des Patienten beeinträchtigen könnte. Zudem wird argumentiert, dass die THS die komplexen biologischen, sozialen und psychologischen Faktoren, die bei einer Sucht eine Rolle spielen, ignoriert.

Auswahl geeigneter Patienten

Eine der größten Herausforderungen bei der THS bei Suchterkrankungen ist die Auswahl geeigneter Patienten. Die THS ist nicht für jeden Suchtkranken geeignet. Geeignete Kandidaten sollten unter einer schweren, therapieresistenten Suchterkrankung leiden, bei der andere Behandlungen versagt haben. Zudem sollten die Patienten über eine gute geistige Leistungsfähigkeit und einen stabilen psychischen Zustand verfügen. Patienten mit Demenz, schweren psychiatrischen Erkrankungen oder Veränderungen im Gehirn, die eine Elektrodenanlage verhindern, kommen für eine THS nicht in Frage.

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Mangelnde Langzeitdaten

Bisher gibt es nur wenige Langzeitdaten zur Wirksamkeit und Sicherheit der THS bei Suchterkrankungen. Es ist unklar, wie lange der Effekt der Stimulation anhält und ob es zu Spätfolgen kommt. Weitere Studien sind erforderlich, um die langfristigen Auswirkungen der THS auf das Gehirn und das Verhalten der Patienten zu untersuchen.

Ablauf der THS-Behandlung

Wenn sich ein Patient für eine THS interessiert, erfolgt zunächst ein ausführliches Informationsgespräch mit einem Spezialisten. Danach wird während eines stationären Aufenthalts geprüft, ob der Patient für die THS geeignet ist (sogenannte prächirurgische Diagnostik). Hierzu sind umfangreiche Untersuchungen erforderlich, darunter eine Kernspintomographie des Gehirns (MRT) und eine Testung der Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen (= Neuropsychologische Testung).

Prächirurgische Diagnostik

Bei der prächirurgischen Diagnostik wird der Patient gründlich untersucht, um festzustellen, ob er für die THS geeignet ist. Hierzu gehören:

  • Neurologische Untersuchung: Beurteilung der motorischen und neurologischen Funktionen.
  • Psychiatrische Untersuchung: Beurteilung des psychischen Zustands und Ausschluss von Kontraindikationen wie Demenz oder schweren psychiatrischen Erkrankungen.
  • Neuropsychologische Testung: Testung der Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen.
  • Bildgebung des Gehirns (MRT): Darstellung der Hirnstruktur und Ausschluss von Veränderungen, die eine Elektrodenanlage verhindern.
  • L-Dopa-Test (bei Parkinson): Testung des Ansprechens auf L-Dopa, um den Nutzen der THS abzuschätzen.

Operation

Die Operation wird in der Regel unter Narkose durchgeführt. Der Neurochirurg bohrt kleine Löcher in den Schädel und führt die Elektroden mit Hilfe bildgebender Verfahren (z.B. MRT) präzise in das Zielgebiet im Gehirn ein. Während der Operation wird der Patient gegebenenfalls geweckt, um die Auswirkungen der Stimulation zu überprüfen und mögliche unerwünschte Effekte zu erkennen und zu korrigieren.

Nachsorge

In den Tagen nach der Operation erfolgt eine Anpassung der Stimulationsparameter durch die behandelnden Ärzte mit Hilfe eines tragbaren Steuergerätes. Außerdem lernt der Betroffene den Umgang mit dem Kontrollgerät im Alltag. Die Feineinstellung des Stimulators und erneute Schulung des Patienten erfolgt in der Regel nach ca. 4 Wochen im Rahmen einer erneuten stationären Behandlung.

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