Epilepsiebehandlung bei Tieren: Spezialisierung und umfassende Versorgung

Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Tieren, insbesondere bei Hunden. Sie äußert sich in wiederkehrenden Krampfanfällen, die durch unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn verursacht werden. Eine frühzeitige Diagnose und eine individuell angepasste Behandlung sind entscheidend, um die Lebensqualität der betroffenen Tiere zu verbessern und Folgeschäden zu minimieren. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Epilepsiebehandlung bei Tieren, von der Diagnostik über die medikamentöse Therapie bis hin zu ergänzenden Behandlungsansätzen.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu unkontrollierten Entladungen von Nervenzellen kommt. Diese Entladungen können sich über weite Teile des Gehirns ausbreiten und Krampfanfälle verursachen. Die Anfälle verlaufen bei jedem Patienten ähnlich und treten langfristig immer leichter auf. Beschrieben ist die Epilepsie schon in Quellen von vor ca. 4000 Jahren. Im Prinzip können alle Lebewesen mit Gehirn betroffen sein.

Anfallsformen und Begleiterscheinungen

Bei Haustieren werden verschiedene Anfallsformen unterschiedlicher Intensität unterschieden. Allen gemeinsam ist eine Bewusstseinstrübung, meist auch Speichelfluss. Oft werden die Anfälle von Harn- oder Kotabsatz, Ruderbewegungen und emotionalen Ausbrüchen begleitet. Angst oder Anhänglichkeit können Begleiterscheinungen sein, wenn das Bewusstsein während des Anfalls nicht vollständig verloren geht. Serielle Anfälle bestehen aus mehr als einem Anfall innerhalb von 24 Stunden.

Ursachen der Epilepsie

Die Ursachen für Epilepsie bei Tieren sind vielfältig. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen:

  • Erbliche (idiopathische) Epilepsie: Mehr als die Hälfte der epileptischen Patienten haben eine genetische Veranlagung. Bei Patienten mit erblicher Epilepsie sind alle Untersuchungsverfahren in der Regel unauffällig (Ausschlussdiagnostik).

    Lesen Sie auch: Mehr zur Funktionalität der Gehirnhälfte

  • Reaktive Epilepsie: Sie wird durch äußere Faktoren wie Vergiftungen (z.B. durch Insektenvernichtungsmittel oder Schneckenkorn) ausgelöst.

  • Symptomatische Epilepsie: Sie entsteht durch strukturelle Veränderungen des Gehirns, Infektionen oder andere Erkrankungen.

  • Sekundäre Epilepsie: Innere Ursachen liegen in Erkrankungen anderer Organe des Körpers, die zu Störungen im Stoffwechsel der Tiere führen. Lebererkrankungen und Gefäßmissbildungen der Leber (sog. portosystemischer Shunt) können zu einer Überflutung des Gehirns mit körpereigenen Giftstoffen (Ammoniak) führen, die sonst in der Leber abgebaut würden. Abweichungen des Blutspiegels von Körpersalzen wie Kalzium und Kalium, die sich bei Nieren- oder Nebennierenerkrankungen, sowie bei Erkrankungen der Nebenschilddrüse einstellen, können ebenfalls zu Krampfanfällen führen.

Veränderungen der normalen Struktur des Gehirnes und seiner funktionellen Komponenten können epileptische Anfälle hervorrufen. Je nach Alter der Tiere kommen unterschiedliche Hirnveränderungen in Frage. Jungtiere haben oftmals eine Missbildung des Gehirns. Virus-Infektionen und andere bakterielle oder parasitäre Erreger können das Gehirn befallen. Junge ausgewachsene Tiere können Gehirn-Entzündungen ausbilden, die ohne eine Infektion durch Überreaktionen des Immunsystems entstehen (immunvermittelte Enzephalitiden). Blutungen und Hirninfarkte rufen bei älteren Tieren Anfälle hervor. Seltene in der Regeln angeborene Stoffwechselstörungen der Gehirnzellen können zur Degeneration von Neuronen führen.

Sind alle Ursachen für eine sekundäre oder reaktive Epilepsie ausgeschlossen, kommt man zu der Diagnose “primäre” oder “idiopathische Epilepsie”. Hierbei geht man von einer Schädigung einzelner Nervenzellen aus, die auf die normalen Signale einer Eindämmung der elektrischen Aktivität nicht reagieren, oder selbstständig aktiv sind und eigenständig elektrische Impulse auslösen und verbreiten.

Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?

Diagnostik der Epilepsie

Die Diagnose von Epilepsie bei Tieren erfordert eine sorgfältige Anamnese, eine gründliche klinische und neurologische Untersuchung sowie gegebenenfalls weiterführende diagnostische Maßnahmen.

Anamnese und klinische Untersuchung

Durch ein intensives Gespräch muss geklärt werden, wie sich die epileptischen Anfälle klinisch darstellen, in welchen Abständen sie auftreten, und wie lange sie dauern. Auslösende Faktoren in der Vergangenheit oder der Gegenwart müssen systematisch erkundet werden. Nicht zuletzt muss sicher sein, dass es sich überhaupt um einen epileptischen Anfall handelt und nicht um eine Störung des Gleichgewichts, - der Herztätigkeit. Oder eine andere Erkrankung vorliegt.

Neben der gründlichen Allgemeinuntersuchung hat die klinisch neurologische Untersuchung einen hohen Stellenwert. Auch Untersuchungen von Blut, Harn, des Hirnwassers sowie Darstellungen des Gehirns im Kernspintomographen bieten wertvolle Informationen.

Weiterführende Diagnostik

  • Blut- und Urinuntersuchungen: Sie dienen dazu, Stoffwechselstörungen und andere Erkrankungen als Ursache für die Anfälle auszuschließen. Eine Blutuntersuchung kann die wichtigsten Hinweise auf einen Organschaden und andere Störungen des Körperstoffwechsels liefern. Neben den Standardtests muss die Funktion der Leber (Ammonikatest) aus einer Blutprobe umgehend nach Entnahme überprüft werden.

  • Bildgebende Verfahren: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist ein wichtiges Instrument, um strukturelle Veränderungen des Gehirns darzustellen. Sie liefert detaillierte Informationen in dreidimensionaler Darstellung und kommt ohne Röntgenstrahlen aus. Je nach Krankheitsbild können zudem CT und Röntgen zum Einsatz kommen.

    Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail

  • Liquoranalyse: Die Untersuchung des Hirnwassers kann Hinweise auf Entzündungen oder andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems liefern.

  • EEG-Diagnostik (Gehirnstrommessung) und Elektrodiagnostik: Sie können helfen, die elektrische Aktivität des Gehirns zu beurteilen und epileptische Potenziale zu identifizieren.

Leider gibt es keinen Test um eine Epilepsie zu beweisen, sondern man muss die möglichen Ursachen, die einen Anfall auslösen können Schritt für Schritt ausschließen. Ein epileptischer Anfall entsteht dann wenn das Gleichgewicht zwischen elektrischer Erregung und Eindämmung dieser Erregung verschoben wird. Dieses Ungleichgewicht kann durch eine Ursache im Gehirn oder außerhalb des Gehirns verursacht werden.

Therapie der Epilepsie

Die Therapie der Epilepsie zielt darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und die Lebensqualität des Tieres zu verbessern.

Behandlung der Ursache

Reaktive und strukturell bedingte Epilepsie ist, wenn möglich, nach ihrer Ursache zu behandeln. Bei sekundären Epilepsien muss die auslösende Grundursache beseitugt werden. Entfernt man einen Hirntumor so tritt die Epilepsie danach in der Regel nicht mehr auf.

Medikamentöse Therapie

Ist ihr Tier an einer primären Epilepsie erkrankt müssen Medikamente die elektrische Aktivität im Gehirn dämpfen. DIESE MÜSSEN LEBENSLANG EINGENOMMEN WERDEN UND DÜRFEN NICHT EIGENSTÄNDIG ABGESETZT WERDEN! Genau wie bei Menschen is das Ziel einer antiepileptischen Therapie, daß ihr Tier nicht häufiger als einmal im Monat einen Anfall bekommt. Rund 75% der Tiere sprechen hervorragend auf ein antiepileptisches Medikament an und können ein relativ uneingeschränktes, normales Leben führen. Von den restlichen 25 % sind wiederum ca. Bei einem geringen Prozentsatz der Tier kann es schon zu Beginn oder im Laufe der Behandlung zu einer Therapieresistenz kommen. Das heißt, trotz optimaler Therapie hat das Tier viele Anfälle.

Die besten Therapieerfolge werden bei Hunden erzielt, die vor Behandlungsbeginn möglichst wenige Anfälle hatten. In der Veterinärmedizin gibt es drei zugelassene Wirkstoffe zur Dauertherapie: Imepitoin, Phenobarbital und Kaliumbromid. Phenobarbital und Kaliumbromid benötigen Serumkontrollen zur Einstellung und stehen eher in Verbindung mit Nebenwirkungen wie Gangunsicherheiten, Müdigkeit, Hunger und Durst. Bei unzureichender Anfallskontrolle lassen sich Antiepileptika auch gut kombinieren. In schwierigen Fällen kann auf weitere Substanzen aus der Humanmedizin zurückgegriffen werden.

Ergänzende Behandlungsansätze

Studien zum therapeutischen Nutzen einer Nahrungsumstellung lassen hoffen, dass mittelkettige Triglyzeride, hier insbesondere die Caprinsäure, sich günstig auf die Anfallskontrolle auswirken können. Vereinzelt wird vom Einsatz der Akupunktur Hoffnungsvolles berichtet.

Im Rahmen einer multizentrischen Studie in Europa (Deutschland, Finnland, Schweiz, Großbritannien) untersuchte er die Wirksamkeit von mittelkettigen Fettsäuren (MCT) als Futterergänzungsmittel auf die idiopathische Epilepsie und Komorbiditäten des Hundes.

Um die Epilepsie eines Patienten im Zusammenhang mit Medikation, Fütterung und dem Alltag tatsächlich beurteilbar zu machen, muss man bewertbare Werkzeuge und Stellschrauben nach einem Prinzip einsetzen. Diese sind Wirkstoffe, Wirkstoffkombinationen, Dosierungen, Notfallmaßnahmen, Anfallstagebücher, Fragebögen, Besitzererfahrungen- und berichte, oder auch auch die Ernährung nach Nährstoffversorgung und -zusammensetzung. Dementsprechend versucht er umstandsabhängig immer nur einen Parameter für einen mit dem Patientenhalter abgestimmten Zeitraum (zumeist 4 bis 12 Wochen je nach Werkzeug) zu verändern. Die Anfallsdaten (Häufigkeit, Schwere, posiktale Phase, Lebensqualität, Nebenwirkungsprofil usw.) werden dann anschließend vor und nach der Veränderung verglichen und im Nutzen für den Patienten bewertet, fortgeführt, stabil gehalten oder weiter optimiert. In der Therapie setzt der Fachmann dabei auf eine Phasenplanung für den Besitzer und Patienten mit der Ausrichtung “medikamentös” oder “nutritiv”. Gemeinsam soll sich damit einer “roter Faden” für Tierarzt, Besitzer und Patient entwickeln, der die Epilepsie besser verstehen und kontrollieren lässt. Medikamente und Ernährungsweisen sollen sich in diesem Prozess ergänzen und verschiedene Aspekte der Anfallskontrolle und Lebensqualität aufgreifen. Das Ziel ist, damit im Verlauf eine anhaltend hohe Lebensqualität bei guter Anfallskontrolle (niedrige Anfallsfrequenz, -schwere), wenigen Nebenwirkungen und gutem Allgemeinbefinden aus Medikation und zielorientierter Fütterung (z.B. Bedarfsdeckung, Neurodiätetik, Supplementierung) zu erschaffen.

Notfallmaßnahmen

Unter einem "Status epilepticus" versteht man Anfallsaktivität, die nicht wie üblich von selbst aufhört. Ohne tierärztliche Hilfe ist dies ein lebensbedrohlicher Zustand. Die ständige Muskelkontraktion führt zu einer Überbelastung des Körpers. Die Abfallprodukte des Muskestoffwechsel kann die Niere schädigen. Ein massiver Ausstoß von Adrenalin steigert zunächst den Blutdruck führt zu erhöhter Herzaktivität, was schließlich in einem Überlastungs-Herzstillstand münden kann.

Die Rolle des Tierarztes mit Spezialisierung auf Neurologie

Die Behandlung von Epilepsie erfordert spezialisiertes Wissen und Erfahrung. Tierärzte mit einer Spezialisierung auf Neurologie verfügen über die notwendigen Kenntnisse, um eine umfassende Diagnostik durchzuführen, die geeignete Therapie auszuwählen und den Patienten langfristig zu betreuen.

Epilepsiesprechstunde

Aufgrund der sehr komplexen Therapie ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Haustierarzt von großer Wichtigkeit. Hierfür bieten wir eine spezielle Epilepsiesprechstunde an.

Zusammenarbeit mit dem Haustierarzt

Im Falle einer Langzeittherapie erhält der Betreuer eine ausführliche Anleitung zur Verabreichung der Medikamente, so dass die Behandlung dann mit dem führenden Tierarzt vor Ort fortgesetzt werden kann. Diese Patienten werden dann nach Bedarf oder zyklisch, z. B. alle drei bis sechs Monate, zu Nachsorgeterminen eingeladen, wobei der Kontakt zum behandelnden Tierarzt bestehen bleibt.

Was tun während und nach einem Anfall?

Ein epileptischer Anfall folgt meistens einer gewissen Dramaturgie. Bevor die Nervenzellen sich so massiv entladen, dass ein Anfall ausgelöst wird, kommt es bereits zu Störungen der normalen Hirnfunktion, die von den betroffenen Tieren bemerkt wird. Die Tiere können nervös sein, die Nähe des Besitzers suchen, ängstlich sein und gewohntes Verhalten verändern.

Das Gehirn macht im Prinzip nach einem Anfall das was man mit einem fehlerhaften Computer machen würde - Ausschalten und neu Starten. Nach einem Anfall kann eines oder mehrere Gehrinareale ausgeschaltet werden. Das äußert sich in Desorientiertheit, Abwesenheit, ja sogar in Blindheit und gelähmten Gliedmaßen. Bitte achten Sie darauf ihrem Hund oder ihrer Katze nach einem Anfall erst einmal Zeit zu geben sich zu erholen. Viele Tiere reagieren aggressiv, entweder während oder auch nach einem Anfall.

Abgrenzung zu anderen Erkrankungen

Die Symptome eines epileptischen Anfalls können auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Es ist wichtig, dieseDifferentialdiagnosen zu berücksichtigen, um eine korrekte Diagnose zu stellen und die richtige Behandlung einzuleiten.

Synkope (Ohnmacht)

Bei Herzerkrankungen kann es dazu kommen, daß das Gehirn zeitweise nicht genug Sauerstoff bekommt. Diesen Effekt kennt man von den Schwindelgefühlen nachdem man länger in der Hocke sitzt und plötzlich rasch aufsteht. Hier sackt das Blut plötzlich in dies Beine und ist nicht in ausreichender Menge im Gehirn. Ein solche „Synkope“ kann zu einem Bewußtseinsverlusst führen. Die Tiere können in der Erholungsphase mit den Gliedmaßen rudern und strampeln, da sie zwar schon wieder aufstehen möchten, aber nicht so weit erholt sind, daß das schon möglich ist. Ein wichtiger Unterschied zum epileptischen Anfall besteht in der fehlenden langsamen Erholung nach einem Anfall. Nach einer Herzattacke sind die Tiere in der Regel sehr schnell wieder ganz normal. Speicheln, Urin und Kotabsatz werden ebenfalls nicht beobachtet.

Vestibularsyndrom (Gleichgewichtsstörung)

Epilepsie-artige Bewegungen mit Hinfallen, Rudern der Gliemaßen und Lautäußerungen werden auch bei einer Schwindelattacke (akutes Vestibularsyndrom) beobachtet. Hier kommt es zu einer Fehlfunktion des Gleichgewichtsorgans. Die Tiere fallen hin und können nur mit fremder Hilfe wieder aufstehen. Diese Attacke dauert oft sehr lang.

tags: #tierarzte #spezialisierung #epilepsie