Die Frage, ob Fische Schmerz empfinden können, ist ein viel diskutiertes Thema in der modernen Wissenschaft und im Tierschutz. Viele Studien und Meinungen existieren, aber es ist wichtig, die wissenschaftliche Basis und die zugrunde liegenden Annahmen kritisch zu hinterfragen. In diesem Artikel werden verschiedene Aspekte des Schmerzempfindens bei Fischen beleuchtet, wobei insbesondere die Unterscheidung zwischen Nozizeption (der Weiterleitung von Reizen) und tatsächlichem Schmerzempfinden hervorgehoben wird.
Die Problematik der Schmerzdefinition bei Fischen
Die Schwierigkeit, Schmerz bei Fischen zu definieren und zu messen, liegt in der subjektiven Natur des Schmerzes selbst. Schmerz ist eine höchst private Erfahrung, die nicht direkt beobachtet oder gemessen werden kann. Viele Methoden, die in der Literatur verwendet werden, um Schmerz bei Fischen zu "definieren", werden oft als "missionsorientiert" entlarvt. Dies bedeutet, dass die Forschung von vornherein darauf ausgerichtet ist, bestimmte Ergebnisse zu erzielen, was zu Verzerrungen führen kann.
Einige dieser Verzerrungen umfassen:
- Negierung negativer Ergebnisse: Studien, die keine Hinweise auf Schmerz finden, werden ignoriert oder abgewertet.
- Glaubensbasierte Forschung oder Interpretation: Ergebnisse werden auf der Grundlage persönlicher Überzeugungen interpretiert, anstatt auf wissenschaftlicher Evidenz.
- Aufstellung von Hypothesen nach Ergebniserzielung: Hypothesen werden erst nach der Durchführung der Studie formuliert, um die Ergebnisse zu untermauern, was die Validität der Forschung untergräbt.
Die Internationale Gesellschaft zur Schmerzforschung (IASP) definiert Schmerz als:
- Unangenehme sensorische oder emotionale Erfahrung im Zusammenhang mit reellen oder potenziellen Gewebeschädigungen.
- Subjektive Erfahrung.
- Manchmal auch in Abwesenheit wirklicher Schädigungen.
Diese Definition betont, dass Schmerz eine bewusste Wahrnehmung ist, die nicht unbedingt von einem externen Stimulus oder einer Gewebsschädigung abhängt.
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Nozizeption vs. Schmerz: Ein entscheidender Unterschied
Einer der kritischsten Aspekte in der Schmerzdiskussion ist die Unterscheidung zwischen Nozizeption und Schmerzwahrnehmung. Nozizeption ist die Weiterleitung von Reizen aus schädlichen Ereignissen an Hirnstrukturen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Nozizeption nicht gleichbedeutend mit Schmerz ist. Wie Wall 1999 betonte: "Aktivitäten, die in Nozizeptoren oder nozizeptiven Reizleitungen induziert werden, sind keine Schmerzen! Schmerz ist ein psychologischer Status!"
Gewebsschädigungen reizen Nozizeptoren, die diese Reize über periphere Nerven und multiple Synapsen via Rückenmark an den cerebralen Cortex (Großhirnrinde) leiten. Diese höher entwickelten Hirnregionen, die notwendig sind, um bewusst Schmerz zu empfinden, sind jedoch nur bei höheren Säugetieren zu finden (Rose 2002). Fische besitzen keine solche hochentwickelte Hirnstruktur.
Die Unabhängigkeit von Schmerz und Nozizeption lässt sich gut am Beispiel des Menschen erklären. Menschen können unter Narkose schwere Eingriffe erdulden, ohne Schmerz zu empfinden. Auf der anderen Seite leiden Menschen unter schwersten Schmerzen, ohne dass ein Reiz oder eine Schädigung vorliegen. Kurz gesagt: Reiz ist nicht zwangsläufig Schmerz, und Schmerz muss nicht zwangsläufig auf einem Reiz beruhen.
Operative vs. Theoretische Definitionen von Schmerz
Es gibt verschiedene Definitionen von Schmerz, die nicht absoluten, sondern akademischen und sozialen Ursachen geschuldet sind. Die theoretisch/erklärende IASP-Definition spiegelt dabei die bestmögliche Zusammenfassung wider und wird von vielen Schmerzforschern akzeptiert und verwendet.
Die „operative“ Erklärung im Gegenzug versucht zu definieren, wie Schmerz gemessen wird. So wird z. B. das Lernen von Organismen, Schmerzen zu vermeiden oder zu umgehen, von der „operativen Schule“ oft als Schmerz bezeichnet. Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptung ist jedoch sehr zweifelhaft, da eine Reaktion wie das Vermeidungslernen kein Bewusstsein voraussetzt. Es ist nachgewiesen, dass Fische, denen das Hirn entfernt wurde, weiterhin Vermeidungsreaktionen, Schwarmbildung und Nahrungsaufnahme zeigten, Fähigkeiten also, die keines Hirns bedürfen.
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Studien an Säugetieren, denen große Teile des Hirns entfernt wurden, zeigen ähnliche Ergebnisse. Ratten reagierten weiterhin auf externe Reize, obwohl ihnen das Hirn entfernt worden war. Diese Reaktionen sind hoch komplex und nicht als simple Reflexe zu erklären, aber aufgrund des fehlenden Gehirns sind diese Reaktionen nicht als Schmerz zu bezeichnen. Es ist schwer, anhand von Reaktionen der Tiere zwischen Nozizeption und Schmerz zu unterscheiden.
Emotionen und Gefühle
Emotionen sind fundamentale, unbewusste, subcortikal generierte, viszerale, verhaltensmäßige, hormonelle oder nervliche Reaktionen auf einen äußeren Stimulus. Eingeschlossen sind auch erlernte Reaktionen auf diesen Stimulus. Emotionen sind autonom und liefern quasi das Rohmaterial für ein eventuelles bewusstes Gefühl. Dieses jedoch spielt sich dann in höher entwickelten Hirnregionen ab. Diese kortikalen Regionen sind nach Rose (2002) notwendig, um bewusst an Schmerz zu leiden.
In den letzten Jahren wurde mehr und mehr Wissenschaftlern bewusst, dass das, was sie bei Tieren als Antwort auf externe Reize beobachten konnten (Lecken, Laut geben, Hüten etc.), eher der Nozizeption als dem Schmerz geschuldet war. Diese Reaktionen konnten als spinale Reflexe oder Reaktionen des Hirnstamms erkannt und als unbewusste nozizeptive Reaktionen belegt werden. Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist, dass die Reaktion von Tieren auf externe Reize nichts mit bewusstem Schmerz zu tun hat.
Die Entwicklung von validen Modellen von Schmerz im Gegensatz zu Nozizeption ist eine der großen Herausforderungen der Schmerzforschung und unabhängig vom Tiermodell. Für Fische kann der Begriff Schmerz nicht verwendet werden, da diese keine hoch entwickelten Hirnregionen oder gar ein Großhirn besitzen.
Kritik an Studien, die Schmerz bei Fischen "beweisen" wollen
Eine Reihe von Publikationen ist in den letzten Jahren erschienen, die die Existenz von Schmerzerfahrungen bei Fischen belegen sollen (Sneddon, 2011, Braithwaite, 2010 u. a). Eine der Hauptschlussfolgerungen der Autoren war, dass sie „Hinweise auf Schmerzen bei Fischen“ gefunden hätten. Von den Autoren wurde Schmerz als eine Reaktion definiert, die „mehr als ein einfacher Reflex“ ist. Es wurde nicht definiert, wie sich der simple Reflex von einem komplexeren Reflex unterscheidet!
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Bedeutet das im Gegenschluss auch, dass jede komplexere Reaktion von Lebewesen auf äußere Reize auch Schmerzen reflektieren müsste!? Nein, natürlich nicht. Erinnern wir uns an die Reaktion unserer Beine, wenn wir einen leichten Schlag unterhalb der Kniescheibe empfangen. Unser Bein schnellt nach oben, ohne dass wir dies bewusst tun oder beeinflussen könnten. Aber, empfinden wir unbedingt Schmerz dabei!?
All die Verhaltensstudien, welche den Schmerz bei Fischen beweisen wollen, kranken an der fehlenden Unterscheidung zwischen Nozizeption und Schmerz. Sneddon (2003) spritzte bei Forellen z. B. Bienengift oder Essigsäure in die Lippen. Sie stellte dann bei den Fischen „ein ungewöhnliches Verhalten“ wie Schaukeln (alle 2-3 Minuten!) oder Reiben der Lippen am Untergrund fest. Diese „ungewöhnlichen Verhaltensweisen“ wurden von Sneddon als „komplexe Reflexe“ und somit dann als Schmerz interpretiert, vergessend, dass eine Vielzahl von Umweltreizen eine Handvoll Verhaltensausprägungen bei Fischen hervorrufen kann wie z. B. das beobachtete Schaukeln. Aber diese Reflexe, ob simpel oder komplex, sind eben nur Reaktionen auf Reize. Nozizeption als Antwort auf solche Reize wie Giftspritzen bedürfen keines Bewusstseins und sind deshalb auch nicht Schmerz. By the way, die Dosen, die von Sneddon verwendet wurden, um überhaupt Reaktionen auszulösen, hätten beim Menschen schwerste Leiden, wenn nicht gar den Tod induziert …
In dem Artikel von Rose und Kollegen wird nun detailliert die Unhaltbarkeit von Sneddons Schlussfolgerungen belegt. All die Verhaltensäußerungen der Fische auf externe, auch gefährliche Reize beweisen keinesfalls die Existenz eines bewusst empfundenen Schmerzes.
Tonische Immobilität und Schmerz
Tonische Immobilität ist ein Zustand der Bewegungsstarre, der bei vielen Tierarten auftreten kann, einschließlich Fischen. Fische können sogar in der Rückenlage immobilisiert (tonische Immobilität) und auf diese Weise ohne Betäubung operiert werden, was ihre postoperative Überlebenschance verbessert!
Neurologische Studien untersuchten ebenfalls die Möglichkeit von Schmerz bei Fischen aus weiterer Sicht. Für die Reizleitung und das Schmerzempfinden sind zwei Arten von Nervenfasern verantwortlich, 1. die A-Delta- und 2. die C-Fasern. Die A-Delta-Fasern sind für eine schnelle Reizüberleitung verantwortlich und stellen z. B. eine schnelle Flucht- oder Ausweichreaktion sicher. Die C-Fasern (markscheidenlose Fasern) hingegen reagieren sehr träge, sind jedoch für das intensive und nachhaltige Schmerzempfinden essentiell. Leiden, die wir z. B. mit Zahnschmerzen, Verbrennungen oder Knochenbrüchen assoziieren, sind durch C-Fasern und nicht durch A-Delta-Fasern hervorgerufen.
Bei Regenbogenforellen beträgt der Anteil der C-Fasern nur 5 % … Fische weisen also nur eine extrem geringe Anzahl an C-Fasern auf. Sie haben hohe Anteile an A-Delta-Fasern, die für eine schnelle Reaktion auf Umweltreize wie auch Flucht vor Fressfeinden notwendig sind.
Fressgewohnheiten und Schmerzempfinden
Auch die Fressgewohnheiten der Fische weisen darauf hin, dass ein Schmerzempfinden speziell im Maulbereich höchst unwahrscheinlich ist. Fische konsumieren Futter, welches für uns äußerst schmerzhaft wäre. Seeigel, Stachelrochen und Fische mit vielen gefährlichen und giftigen Stacheln werden von Fischen gefressen. Obgleich sich die Fische bei ihrer Nahrungsaufnahme verletzen, fressen Sie weiterhin diese Futtertiere, auch wenn ausreichend Alternativen ohne Weiteres zur Verfügung stehen. Die Aufnahme von scharfkantigen Muscheln und Schnecken und die Verletzungen, die Fische dabei erfahren, halten sie nicht davon ab, wiederholt diese Futtertiere aufzunehmen. Ein krasses Beispiel ist ein Hammerhai, in dessen Maul, Zunge und Rachen man nicht weniger als 96 Stacheln von Rochen fand.
Angeln und Schmerzempfinden
Wie verhält es sich denn nun mit dem Angeln, speziell mit dem Fangen und Zurücksetzen (englisch: catch and release)? Angeln ist normalerweise nicht möglich, ohne einen Fisch durch den Haken in irgendeiner Form zu verletzen. Das Eindringen eines Hakens ist immer mit einer mechanischen Gewebsverletzung verbunden, vergleichbar mit dem Stich einer Nadel gleicher Größe, nicht jedoch mit Sneddons Versuchen an Fischen. Wir erinnern uns, sie spritzte z. B. Bienengift oder Säure in die Lippen von Forellen.
Viele Untersuchungen belegen, dass Fische direkt nach dem Fangen und Zurücksetzen sofort wieder ein normales Verhalten aufzeigten und Futter aufnahmen. Sneddon behauptet, dass ihre Untersuchungen für die Angelfischerei von Bedeutung sind. Das ist eine Behauptung, die mit ihren Daten nicht belegbar ist. In Untersuchungen von Arlinghaus et. al. (2008) wurden Hechte mit Köder im Maul ins Wasser zurückgesetzt. Sie wiesen im Vergleich zur Kontrolle keine anderen Verhaltensmuster auf.
Es gibt viele Beispiele dafür, dass Fische nach dem Fangen und Zurücksetzen wieder gefangen werden. Häufig wurden Fische mehrfach, in einigen Fällen sogar bis zu 26 Mal wieder gefangen. Der wiederholte Fang bereits geangelter Fische belegt, dass Fangen und Zurücksetzen sich nicht mit dem in Verbindung bringen lässt, was wir Menschen als Schmerz bezeichnen würden.
Physiologische Untersuchungen belegen weiterhin, dass das Handling nach dem Fang von größerer physiologischer Bedeutung ist, als das Haken selbst. Fische, die in kurzer Zeit gefangen und schonend zurückgesetzt wurden, wiesen innerhalb kürzester Zeit normale physiologische Parameter auf.
Anthropomorphismus und seine Auswirkungen
Anthropomorphistisches Denken führt zu der Verzerrung, dass Fische ähnlich sensibel für Nozizeption und eben auch Schmerz sein sollten (Chandroo et al. 2004). Aber Fische zeigen eben nicht die Reaktionen auf Verwundungen, wie es ein Mensch tut. Sie reagieren wesentlich unsensibler auf Verwundungen als Säugetiere. Einem schnellen Fluchtverhalten, vermittelt durch die A-Delta-Rezeptoren, folgt zumeist das unmittelbare Zurückkehren zu normalen Verhaltensweisen.
Auswirkungen auf Politik und Öffentlichkeit
Die Politik/Öffentlichkeit nimmt die zum Teil auf völlig falscher Basis dargestellten Aussagen zu Fischschmerz und -leiden auf. Es entstehen fachlich nicht fundierte Verzerrungen im Verhältnis zwischen Mensch und Fisch mit Auswirkungen auf das Verständnis vom Fisch, seiner Umwelt und seinen Bedürfnissen, dem Verhältnis zu Aquakultur und Fischerei, mit Verzerrungen zur Angelfischerei und mit Verzerrungen im Management der Fischbestände.
Es wurden Regelungen und Gesetze erlassen, die der fachlichen Basis entbehrten, nur weil sie sich auf falsche „Fachaussagen“ und Missinterpretationen von missionierenden „wissenschaftlichen“ Studien wie die von Sneddon & Co. stützten. Die Politik/Öffentlichkeit und Exekutive sind geneigt, Fischen Schmerz anzudichten, ein sozialpolitisches Manöver mit katastrophalen Auswirkungen für das Verständnis von Fischgesundheit und unser Verhältnis zum Fisch … In Deutschland, das zudem ein höchst unpräzises Tierschutzgesetz besitzt, eine Katastrophe!
Exkurs: Orcas und ihre Jagdstrategien
Ein interessantes Beispiel für das Verhalten von Meerestieren und ihre Interaktion mit anderen Arten sind Orcas (Schwertwale). Orcas sind bekannt für ihre intelligenten Jagdstrategien, die manchmal auch das Ausnutzen der tonischen Immobilität beinhalten.
Jagd auf Walhaie
Orcas sind bekannt für ihre strategischen und koordinierten Jagdmethoden. Im Golf von Kalifornien dokumentierten Meeresbiologen Fälle, in denen Walhaie das Ziel der Raubtiere waren. Die Jagdtaktik der Orcas ist beeindruckend durchdacht: Zunächst wird der Walhai von mehreren Orcas gleichzeitig attackiert und wiederholt gerammt, bis er in Rückenlage gerät. In dieser Position fällt der Hai in einen Zustand der sogenannten »tonischen Immobilität« - eine Art Bewegungsstarre, die ihn hilflos macht. In dieser Lage können die Orcas problemlos Luft holen und gleichzeitig gezielt empfangen. Einmal immobilisiert, greifen die Orcas gezielt empfindliche Stellen an und öffnen blutende Wunden, um Zugang zu den inneren Organen zu erhalten. Forscher vermuten, dass die Orcas insbesondere auf die Leber der Walhaie aus sind - ein nährstoffreiches Organ, das den Energiebedarf eines Killerwals für einen ganzen Tag decken kann.
Jagd auf Weiße Haie
Im Golf von Kalifornien drehen Orcas junge Weiße Haie gezielt auf den Rücken, um sie bewegungsunfähig zu machen und an ihre Leber zu gelangen. Die Methode des Drehens hat einen Vorteil: Wird der Hai auf den Rücken gedreht, kann er sich nicht mehr wehren. Die beobachtete Orca-Gruppe war bereits zuvor durch Angriffe auf Bullenhaie, Walhaie und Rochen aufgefallen. Sie wird inzwischen als „Moctezuma-Pod“ bezeichnet - eine offenbar spezialisierte Gruppe mit Fokus auf Knorpelfische. Das gezielte Fressen der Leber bringt mehrere Vorteile: Die Leber liefert viele Fettsäuren, die Jagd dauert nur wenige Minuten, auch Jungtiere beteiligen sich und lernen mit.
Diese Beispiele zeigen, wie komplex das Verhalten von Meerestieren sein kann und wie wichtig es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen und nicht von anthropomorphen Vorstellungen leiten zu lassen.
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