Tonischer Labyrinthreflex: Symptome bei Erwachsenen und Auswirkungen auf die Entwicklung

Frühkindliche Reflexe sind automatisierte Bewegungsmuster, die ohne Beteiligung der Großhirnrinde ablaufen und für das Überleben und die Entwicklung eines Säuglings unerlässlich sind. Diese Reflexe, wie der Saugreflex oder der Moro-Reflex, ermöglichen es dem Baby, sich an seine Umwelt anzupassen und grundlegende Fähigkeiten zu erlernen. Im Laufe der Entwicklung werden diese Reflexe normalerweise durch höhere Hirnfunktionen gehemmt oder in reifere Halte- und Stellreaktionen integriert. Bleiben jedoch Reste dieser Reflexe bestehen, können sie die weitere Entwicklung beeinträchtigen und im Erwachsenenalter zu verschiedenen Symptomen führen.

Was sind frühkindliche Reflexe?

Frühkindliche Reflexe sind unwillkürliche Reaktionen auf bestimmte Reize, die im Säuglingsalter auftreten. Sie sind ein essentieller Bestandteil für eine ausbalancierte Entwicklung. Diese Reflexe sichern das Überleben des Säuglings, dessen Gehirn zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht ausreichend vernetzt ist, um Bewegungen willentlich zu steuern.

Es gibt eine Vielzahl von frühkindlichen Reflexen, darunter angeborene Reflexe, konditionierte Reflexe, Stellreflexe und koordinierte Reflexbewegungen. Einige Reflexe, wie der Saugreflex und der Moro-Reflex, entstehen bereits intrauterin. Andere entwickeln sich erst, wenn ein Reflex der vorherigen Entwicklungsstufe ausreichend lange aktiv war und sich dann integriert hat.

Der Tonische Labyrinthreflex (TLR)

Der Tonische Labyrinthreflex (TLR) ist ein Haltungsreflex, der durch die Lage des Körpers zur Schwerkraft und die Position des Kopfes ausgelöst wird. Er besteht aus zwei Teilen:

  • TLR vorwärts (Flexion): Beugung des Kopfes nach vorn führt zu einer Beugung des gesamten Körpers. Dieser Teil des Reflexes sollte bis zum 4. bis 6. Lebensmonat integriert sein.
  • TLR rückwärts (Extension): Bewegung des Kopfes nach hinten führt zu einer Streckung des gesamten Körpers. Diese Streckkomponente kann physiologischerweise bis etwa zum 3. Lebensjahr bestehen bleiben.

Der TLR ermöglicht dem Baby erste Sinneswahrnehmungen für Gleichgewicht und Raum. Er hilft dem Neugeborenen, sich an die veränderten Bedingungen der Schwerkraft nach der Geburt anzupassen und die Muskulatur auf Bewegungen gegen die Schwerkraft vorzubereiten.

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Auswirkungen von Restreaktionen des TLR

Bleibt der TLR über seine natürliche Waltezeit hinaus bestehen, kann dies zu verschiedenen Problemen führen. Restreaktionen des TLR können das Krabbeln behindern, was ein wichtiger Entwicklungsschritt für Koordination, Gleichgewicht und Augenmuskelfunktionen ist.

Weitere mögliche Auswirkungen von Restreaktionen des TLR sind:

  • Mangelnde Kopfkontrolle: Dies kann zu einer Beeinträchtigung der Augenmuskelfunktionen führen (vestibulo-okularer Reflexbogen).
  • Gleichgewichtsprobleme: Fehlerhafte visuelle Informationen können das Gleichgewicht beeinträchtigen. Kinder mit gestörtem Gleichgewicht zeigen oft schlechtere Leistungen in der Schule.
  • Schwierigkeiten in der Seh-, Hör- und/oder Raumwahrnehmung: Dies kann zu Problemen bei der Lautunterscheidung, der Unterscheidung von Buchstaben und Zahlen, dem Erlernen der Zeigeruhr oder der Orientierung in der Zeit führen.
  • Tollpatschige Bewegungsmuster: Irritierende Rückmeldungen über die eigene Lage im Raum können dazu führen, dass Kinder Teller fallen lassen oder Gläser umstoßen.
  • Schlechte Haltung: Dies kann sich in einem krummen Rücken oder einer Steifheit äußern.
  • Hypotonie (geringe Muskelspannung):
  • Abneigung gegen sportliche Aktivitäten:
  • Ungenügend ausgebildetes Zeitgefühl und schlechte räumliche Orientierung:
  • Schlechte Balance und Koordination der Bewegung:
  • Steife, ruckartige Bewegungen:
  • Gering ausgebildete Organisationsfähigkeit:

Symptome bei Erwachsenen

Bei Erwachsenen können sich Restreaktionen des TLR in ähnlichen Symptomen wie bei älteren Kindern äußern. Teilweise haben sie jedoch gelernt, bestimmte Impulse zu vermeiden oder zu kompensieren.

Mögliche Symptome bei Erwachsenen mit Restreaktionen des TLR sind:

  • Mangelndes Gleichgewicht:
  • Fehlende Orientierung im Raum:
  • Strukturlosigkeit und Unordnung:
  • Überängstliche oder depressive Verhaltensweisen:
  • Wenig selbstbewusstes, selbstkritisches Handeln:
  • Mangelnde Impulskontrolle:
  • Kritikunfähigkeit:
  • Innere Unausgeglichenheit:

Ursachen für persistierende frühkindliche Reflexe

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich frühkindliche Reflexe nicht vollständig integrieren. Dazu gehören:

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  • Stress oder Krankheit während der Schwangerschaft: Dies kann die Entwicklung der Reflexe beeinträchtigen, die sich intrauterin entwickeln.
  • Komplikationen bei der Geburt: Ein Kaiserschnitt oder eine Saugglockengeburt können die für die Integration bestimmter Reflexe notwendige Stimulation beeinträchtigen.
  • Mangelnde Stimulation im ersten Lebensjahr: Wenn ein Kind zum Beispiel überwiegend auf dem Rücken liegt oder viel in Babyschalen oder Babywippen liegt, kann dies die Entwicklung bestimmter Reflexe beeinträchtigen.
  • Ausgelassene Bewegungsphasen: Wenn ein Kind die Krabbelphase überspringt, kann dies die Integration des TLR behindern.

Diagnose und Behandlung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, festzustellen, ob bei einem Kind oder Erwachsenen noch frühkindliche Reflexe aktiv sind. Dazu gehören:

  • Beobachtung des Verhaltens und der Bewegungsmuster:
  • Neurologische Untersuchungen:
  • Fragebögen und Tests:

Die Behandlung von persistierenden frühkindlichen Reflexen zielt darauf ab, die fehlende Reifung des Gehirns nachzuholen. Dies geschieht in der Regel durch gezielte Bewegungsübungen, die die Reize an das Gehirn senden, die früher nicht ausreichend angekommen sind. Diese Übungen helfen, die entsprechenden Verknüpfungen im Gehirn zu entwickeln, die dafür sorgen, dass der Reflex vom Frontallappen unterdrückt wird bzw. integriert wird.

Reflexintegration

Reflexintegration beinhaltet gezielte Bewegungsübungen, die die Reize an das Gehirn senden, die früher im Gehirn nicht ausreichend angekommen sind, weil der Reflex entweder nicht oft genug ausgelöst wurde oder unterentwickelt war. Dies wiederum sorgt dafür, dass sich die entsprechenden Verknüpfungen entwickeln, die dafür sorgen, dass der Reflex vom Frontallappen unterdrückt wird, bzw. „integriert wird“.

Es hilft nicht, einfach nur viel Sport zu machen, weil diese Reize eben so speziell sein müssen, damit genau das Gewünschte erzielt wird.

Die Forschung zur Reflexintegration bzw. zu frühkindlichen Reflexen und ihrem Zusammenhang mit Lern- und Entwicklungsproblemen bei Kindern hat ihren Ursprung in den 1970er Jahren. Autoren wie Vojta, Bobath, die Russinnen Akhmatova und Masgutova, Campbell, Pfeiffer-Meisel sowie Sacher und Michaelis haben in den letzten Jahrzehnten die Auswirkungen von persistierenden frühkindlichen Reflexen beschrieben und die Reflexintegration wissenschaftlich untersucht. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie halten eine zeitgerechte motorische Entwicklung für die Voraussetzung der gesunden Gesamtentwicklung des Kindes. Auf dieser Grundlage entwickelten sich alle weiteren Methoden.

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