Wirbelgleiten (Spondylolisthesis): Ursachen, Symptome und Behandlung

Wirbelgleiten, auch Spondylolisthesis genannt, ist eine Erkrankung, bei der ein Wirbelkörper gegenüber dem darunterliegenden Wirbelkörper verrutscht. Am häufigsten ist die Lendenwirbelsäule (LWS) betroffen. Die Erkrankung kann verschiedene Ursachen haben und sowohl konservativ als auch operativ behandelt werden.

Was ist Wirbelgleiten?

Beim Wirbelgleiten (Spondylolisthesis) verschiebt sich meist der obere Wirbel gegenüber dem darunter liegenden Wirbel nach vorne. Man kann sich die Wirbelsäule wie einen Stapel kleiner Bausteine vorstellen: Jeder Wirbel liegt geordnet auf dem anderen. Beim Wirbelgleiten verrutscht ein Wirbel gegenüber dem angrenzenden Wirbel.

Es gibt verschiedene Arten von Wirbelgleiten:

  • Echtes Wirbelgleiten (Spondylolisthesis vera): Hierbei liegt eine Spaltbildung im Wirbelbogen vor.
  • Pseudospondylolisthesis (degeneratives Wirbelgleiten): Diese Form entsteht durch Verschleißerscheinungen an Bandscheiben, Wirbelgelenken oder Bändern.
  • Anlagebedingtes (angeborenes) Wirbelgleiten: Hier besteht eine Spaltbildung im Bereich des Wirbelbogens.
  • Erworbenes Wirbelgleiten: Dieses kann durch degenerative Veränderungen, Spaltbildung des Wirbelbogens (Stressfraktur), Verletzungen der Wirbelsäule oder krankhafte Veränderungen der Wirbelsäule (z.B. Tumore oder geschwächte Knochensubstanz) entstehen.

Ursachen von Wirbelgleiten

Die Ursachen für ein Wirbelgleiten sind vielfältig. Gemeinsam ist ihnen, dass die stabilisierenden Strukturen der Wirbelsäule - Knochen, Bandscheiben, Bänder und kleine Wirbelgelenke - überlastet, geschädigt oder im Laufe der Zeit geschwächt werden.

  • Degenerative Ursachen: Alterungsbedingte Verschleißerscheinungen sind eine häufige Ursache. Durch Veränderungen der Bandscheibe (Elastizitätsverlust) und zunehmende Instabilität des Bandapparates kommt es zur Lockerung des Wirbelsäulengefüges, wodurch das Abgleiten eines Wirbels ermöglicht wird. Betroffen hiervon ist vor allem die Altersgruppe der über 60 Jährigen, Frauen sind häufiger betroffen.
  • Spondylolyse: Hierbei handelt es sich um eine Spaltbildung im Bereich des Wirbelbogens. Die Ursache hierfür ist noch nicht eindeutig geklärt. Aufgrund des Gefügeverlustes kann es zum Abgleiten des Wirbels kommen. Vor allem bei Sportarten, welche mit häufigem Rückbeugen und Drehbewegungen verbunden sind, wie beispielsweise Turnen, kann es zu einem Bruch in dieser Wirbelregion kommen.
  • Überstreckende Sportarten: Zum Beispiel Geräteturnen, Trampolinspringen, Stabhochsprung oder Wurfdisziplinen. In diesen Sportarten kommt es immer wieder zu starken Rückwärtsbewegungen (Hyperlordose) der Lendenwirbelsäule.
  • Genetische Veranlagung: Bei manchen Menschen ist der Knochenaufbau im Bereich des Wirbelbogens von Natur aus etwas dünner oder anders geformt.
  • Seltenere Ursachen: Verletzungen, Entzündungen oder Tumore können den Knochen so schwächen, dass ein Wirbel seine Stabilität verliert.

Symptome von Wirbelgleiten

Eine Spaltbildung (Spondylolyse) alleine bereitet häufig keine Beschwerden und auch selbst ein fortgeschrittenes Wirbelgleiten kann symptomlos bleiben. Nicht selten stellt eine Spondylolyse einen Zufallsbefund dar. Relevante Beschwerden bestehen zunächst nicht. Die gute Nachricht: Die meisten Betroffenen haben keine Schmerzen, wenn mal ein Wirbel aus der Reihe tanzt.

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Treten Beschwerden auf, so ist der Rückenschmerz zunächst das Hauptsymptom. Die Schmerzen werden meist unter Belastung stärker und klingen in Ruhe wieder ab. Klagen Kinder über Rückenschmerzen, sollte man eine Lyse oder einen Gleitwirbel ausschließen lassen.

Weitere Symptome können sein:

  • Ausstrahlende Schmerzen: Bei höhergradigen Gleitprozessen und Einengung der abgehenden Nervenwurzel kann es zu einer Schmerzausstrahlung bis in die Beine (radikulärer Schmerz) kommen. Ähnlich wie beim Ischiasnerv können die Schmerzen außerdem bis die unteren Gliedmaßen ausstrahlen.
  • Neurologische Ausfälle: Gefühlsstörungen, Lähmungen. Kommt es bei einer hochgradigen Spondylolisthese mit bestehender Schmerzausstrahlung in die Beine (ischialgiformen Beschwerden) zu einer akuten Schmerzverschlechterung und Watschelgang muss eine sofortige ärztliche Abklärung erfolgen.
  • Muskelschwäche: Langfristig führt Wirbelgleiten zu starken Schmerzen und Muskelschwäche.
  • Taubheitsgefühle: Auch Taubheitsgefühle können eine Begleiterscheinung der Gleitwirbel darstellen.
  • Verschiebung des Körperschwerpunktes: Höhergradige Gleitprozesse können zudem zu einer Verschiebung des Körperschwerpunktes mit vermehrter Beckenkippung nach hinten führen.
  • Bewegungseinschränkungen: Diese können in der Wirbelsäule auftreten.
  • Kontrollverlust der Blasen- und Mastdarmfunktion sowie sexuellen Störungen: Dies ist jedoch selten.

Viele Schmerzen bei Wirbelgleiten entstehen dadurch, dass bestimmte Muskelgruppen zu stark verspannen oder verkürzen und dadurch dauerhaften Zug auf den gleitenden Wirbel ausüben. Das kann man sich vorstellen wie ein zu kurz geratenes Gummiband, das ständig an einem Baustein zieht.

Diagnose von Wirbelgleiten

Bereits die Krankengeschichte (Anamnese) sowie die körperliche Untersuchung können den Verdacht auf ein Wirbelgleiten lenken. Bei schlanken Patienten und ausgeprägtem Wirbelgleiten findet sich gegebenenfalls eine bereits äußerlich erkennbare Stufe an der Wirbelsäule, das sogenannte Sprungschanzenphänomen.

Die Diagnose wird über bildgebende Verfahren gesichert:

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  • Röntgen: In der Regel genügen normale Röntgenaufnahmen im Stand, gegebenenfalls werden sie um Spezialaufnahmen mit maximaler Vorbeugung (Flexion) und Überstreckung (Extention) ergänzt. Auf Schrägaufnahmen sind Veränderungen der Wirbelbögen (Spaltbildung in der Pars interarticularis) gut sichtbar. Hierbei handelt es sich um 45 Grad-Schrägaufnahmen, durch welche die Bruchbildung als „Hundehalsband“ in Erschienung tritt. Auch Röntgenbilder der gesamten Wirbelsäule können für die operative Planung sinnvoll sein.
  • MRT (Magnetresonanztomografie): Mithilfe der MRT lassen sich Bandscheiben, Nervenwurzeln, Sehnen und Bänder darstellen. Der Verdacht auf einen verengten Nervenkanal oder Nervenquetschungen kann eindeutig erhärtet oder widerlegt werden. Auch Gelenkzysten oder Bandscheibenvorfälle werden in den Schichtbildern dargestellt.
  • CT (Computertomografie): Alternativ kann auch eine Röntgenaufnahme unter Gabe von Kontrastmitteln (Myelografie) oder eine Computertomografie unter Gabe von Kontrastmitteln (CT-Myelografie) gemacht werden.

Klassifikation nach Meyerding

Es gibt verschiedenen Klassifikationen, nach welchen die Schweregrade eines Wirbelgleitens eingeteilt werden können. Bezogen auf das Röntgenbild (radiologisch) kann eine Einteilung nach Sir Henry William Meyerding erfolgen. Hierfür wird die Deckplatte des unteren Wirbelkörpers in 4 gleich große Abschnitte geteilt und als Maßstab für die Gradeinteilung verwendet.

  • Meyerding Grad I: Der darüberliegende Wirbelkörper ist um bis zu 25 Prozent nach vorne verschoben.
  • Meyerding Grad II: Der abgerutsche Wirbelkörper ist um maximal bis zu 50 Prozent der Fläche nach vorne abgeglitten.
  • Meyerding Grad III: Ein Abgleiten zwischen 50 und 75 Prozent der Kontaktfläche. Ab diesem Grad ist von einem höhergradigen Wirbelgleiten die Rede.
  • Meyerding Grad IV: Der darüber liegende Wirbelkörper ist bis ins vorderste Viertel abgerutscht.
  • Meyerding Grad V: Der darüber liegende Wirbel ist vollständig abgerutscht (Olisthese) und nach vorne verkippt.

Behandlung von Wirbelgleiten

Es kommen zwei Behandlungsverfahren in Betracht, abhängig von den Beschwerden, dem Grad des Wirbelgleitens sowie gegebenenfalls dem Vorhandensein von Nervenwurzeleinengungen. Welches Therapieverfahren für den individuellen Fall angemessen ist wird mit dem Patienten besprochen. Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Spondylolisthesis. Ziel der Therapie des Wirbelgleitens ist die Beseitigung oder Reduktion von Schmerzen und von neurologischen Ausfallerscheinungen.

Konservative Therapie

Eine konservative Therapie (ohne Operation) kann bei alleiniger Spaltbildung (Spondylolyse) oder auch im Anfangsstadium (Meyerding I und II) und geringer Beschwerdesymptomatik sowie fehlenden neurologischen Symptomen durchgeführt werden. Die meisten Beschwerden aufgrund eines Wirbelgleitens im unteren Rücken werden meist ohne Operation (konservativ) behandelt.

Die konservative Behandlung umfasst:

  • Physiotherapie: Ziel ist es vor allem durch Physiotherapie und Eigentraining bestimmte Muskelgruppen zu trainieren um damit die Wirbelsäule aus eigener Kraft zu stabilisieren. In der Physiotherapie lernen Sie Übungen, die gezielt die tief liegende, stabilisierende Muskulatur an Lenden- und Beckenbereich aktivieren - häufig auch als „Muskelkorsett“ bezeichnet. Dadurch wird die Wirbelsäule entlastet, die Belastung der Bandscheiben reduziert und die Bewegung insgesamt sicherer. Wichtig ist, nach der Physiotherapie konsequent dabeizubleiben und die Übungen in den Alltag einzubauen.
  • Schmerzmittel: In der akuten Schmerzphase können Schmerzmittel angewandt werden, bei Symptomen einer Nervenwurzelbeteiligung können ergänzend entzündungshemmende Medikamente oder cortisonhaltige Injektionen helfen. Meist werden entzündungshemmende Schmerzmittel wie Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen empfohlen - sogenannte nicht steroidale Antirheumatika (NSAR). Medikamente werden am besten ergänzend zu anderen Behandlungen eingesetzt.
  • Orthesen: Bestimmte Orthesen (Stützbandagen, Korsett) können eine Linderung verschaffen. Der Einsatz von Korsetts ist umstritten. Sie sollten keinesfalls lange oder dauerhaft getragen werden. Denn das kann zum Abbau von Muskeln führen, die den Oberkörper stabilisieren, und dadurch die Beschwerden verstärken. Ein Korsett muss von einer Ärztin oder einem Arzt verordnet werden.
  • Reduktion der Segmentbelastung: Indem beispielsweise intermittierend Sportpausen eingelegt werden. Körperlich herausfordernde berufliche Tätigkeiten sollten unterbleiben, ebenso wie die Einnahme längerer Zwangshaltung, wie ununterbrochenes Sitzen oder Stehen mit nach vorne gebeugtem Oberkörper.
  • Weitere Maßnahmen:
    • Aktiv bleiben: Es ist sinnvoll, trotz der Beschwerden möglichst aktiv zu bleiben und sich im Alltag weiter zu bewegen.
    • Sport treiben: Bestimmte Aktivitäten eignen sich bei einem verengten Wirbelkanal besser als andere. Flottes Spazierengehen, schnelles Gehen auf einem Laufband oder Bergaufgehen sind oft weiterhin gut möglich. Auch Fahrradfahren kommt infrage, weil man sich dabei ohnehin etwas vorbeugt. Rückenschwimmen oder Aquagymnastik können ebenfalls einen Versuch wert sein.
    • Auf die Körperhaltung achten: Den Oberkörper leicht zu beugen und das Becken zu kippen, nimmt Druck vom Wirbelkanal.
    • Entspannungstechniken erlernen: Auch Verfahren wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training sind Möglichkeiten, Rückenschmerzen etwas zu lindern.
    • Hilfsmittel nutzen: Hilfsmittel wie Anziehhilfen für Socken, Strümpfe und Hosen können den Alltag erleichtern. Wer bei einer längeren Gehstrecke Pausen braucht, kann sich auf eine Gehhilfe - zum Beispiel einen Rollator - stützen und bei Bedarf setzen.

Zu bedenken ist auch, dass der konservativen Therapie genügend Zeit gegeben werden muss (drei bis sechs Monate).

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Operative Therapie

Eine operative Versorgung ist bei höhergradigem Wirbelgleiten mit bestehender Begleitsymptomatik im Sinne einer Nervenbeteiligung (ausstrahlende Schmerzen, Taubheitsgefühl oder Lähmungen) sinnvoll. Auch beim Versagen einer konservativen Therapie kommt eine Operation in Betracht. Wenn die Beschwerden bei Wirbelgleiten länger andauern und konservative Behandlungen die Beschwerden nicht ausreichend lindern, kann eine Operation infrage kommen, um den betroffenen Nerv zu entlasten.

Die Operationsmethode ist vom Grad des Wirbelgleitens, den Beschwerden des Betroffenen und der zugrundeliegenden Ursache abhängig. Die Verfahren reichen von einer Verschraubung des betroffenen Wirbelbogens bis hin zu einer operativen Verbindung (Spondylodese) der Wirbelkörper.

  • Dekompression: Je nach Befund führen wir eine Dekompression eingeklemmter Nerven durch.
  • Spondylodese (Versteifungsoperation): Durch die instrumentierte Operation wird eine Verbindung (Fusion) der Wirbelsegmente erzielt. Eine Versteifungsoperation über ein oder zwei Segmente führt nicht zu einem Bewegungsverlust der Wirbelsäule. Bei Wirbelverschiebungen mit Kompression von Nerven und Instabilität ist eine Versteifung der betroffenen Wirbel (Spondylodese) eine mögliche Lösung. Die Stabilisierung der Wirbelsäule im Rahmen einer minimalinvasiven Operation erfolgt mit speziellen Schrauben und Verbindungsstangen. Die beschädigte Bandscheibe wird entfernt und der Zwischenwirbelraum durch einen sogenannten Cage, meist auch aus Titan, wiederhergestellt.

Die meisten Operationen können in minimal-invasiven Techniken durchgeführt werden. Nach der Operation sollte tiefes und/oder langes Sitzen für 6 Wochen sowie das Tragen oder Heben schwerer Lasten vermieden werden. In Einzelfällen ist auch eine zusätzliche Orthesenbehandlung sinnvoll.

Verhalten nach der Operation

  • Arbeitsunfähigkeit: Nach einer operativen Versteifung bei Wirbelgleiten dürfen Sie etwa 4 bis 6 Wochen nicht arbeiten. Je nach Tätigkeit kann die Arbeitsunfähigkeit aber auch länger bestehen.
  • Ergonomie am Arbeitsplatz: Achten Sie bei der Rückkehr in Ihren Job unbedingt auf einen ergonomisch eingerichteten Arbeitsplatz mit höhenverstellbarem Schreibtisch. Vermeiden Sie es, über längere Zeit in der gleichen Position oder mit übereinandergeschlagenen Beinen zu sitzen.
  • Sport: Auf Sport sollten Sie generell für etwa einen Monat verzichten. Dann dürfen Sie mit sanften Sportarten wie Schwimmen oder Radfahren beginnen. Bewegungsübungen sind in Absprache mit Ihrem Arzt oder Physiotherapeuten möglich.
  • Bewegungsverhalten: Während der Einheilungsphase nach der Operation ist ein korrektes Bewegungsverhalten von großer Wichtigkeit, um das Operationsergebnis nicht zu gefährden.

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