Tonisches Stottern: Merkmale, Ursachen und Behandlungsansätze

Stottern ist eine komplexe Sprachstörung, die sich durch Unterbrechungen des Redeflusses äußert. Diese Unterbrechungen können in verschiedener Form auftreten, darunter das tonische Stottern, welches sich durch Blockaden und Dehnungen von Lauten auszeichnet. Der folgende Artikel beleuchtet die Merkmale, Ursachen und verschiedene Therapieansätze des tonischen Stotterns, um ein umfassendes Verständnis dieser Redeflussstörung zu ermöglichen.

Was ist tonisches Stottern?

Stottern, in der Fachsprache als Balbuties bekannt, ist eine Sprechstörung, bei der der Redefluss durch Verspannungen der Sprechmuskulatur und Wiederholungen von Lauten, Silben oder Wörtern unterbrochen ist. Es wird zwischen zwei Hauptformen des Stotterns unterschieden: das klonische und das tonische Stottern. Beim klonischen Stottern kommt es zu raschen Wiederholungen von Lauten, Silben oder ganzen Wörtern. Das tonische Stottern hingegen äußert sich durch Dehnungen von Lauten oder Blockaden, bei denen der Sprecher nicht in der Lage ist, ein Wort oder einen Laut hervorzubringen. Es existiert auch eine Mischform, das tonisch-klonische Stottern, bei dem beide Symptomarten auftreten.

Abgrenzung zu normalen Sprechunflüssigkeiten

Nicht jeder Versprecher oder jede Sprechunflüssigkeit ist gleichbedeutend mit Stottern. Gelegentliches Stolpern beim Reden ist normal. Viele Menschen haben gelegentlich mit Versprechern, Aufhängern oder Stolpern beim Reden zu kämpfen. Bleibt das Stottern jedoch bestehen, oder treten zusätzliche Symptome auf, sollten Maßnahmen ergriffen werden, um dem entgegenzuwirken und die psychische Belastung der Betroffenen zu mindern.

Merkmale des tonischen Stotterns

Die Symptome des Stotterns lassen sich in äußere (hör- und sehbar) und innere (psychische) Merkmale einteilen.

Äußere Symptome des tonischen Stotterns

  • Blockaden: Hörbare oder stille Blockierungen im Redefluss, die als gefüllte oder ungefüllte Pausen auftreten.
  • Dehnungen (Prolongationen): Das Verlängern von Lauten innerhalb eines Wortes.
  • Begleitbewegungen: Unwillkürliche Bewegungen wie Keuchen, Sprechen während des Einatmens, Stirnrunzeln, Fußstampfen, Kopfnicken oder vorgestülpte Lippen.
  • Vermeidungsverhalten: Das Vermeiden bestimmter Worte oder ganzer Sprechsituationen.
  • Einschub von Interjektionen: Das Einfügen von Füllwörtern, um das Beginnen des Sprechens hinauszuzögern.

Innere Symptome des Stotterns

Innere Symptome beziehen sich auf die Gefühle und Einstellungen des Betroffenen und sind für das Umfeld nicht unbedingt sichtbar. Dazu gehören:

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  • Geringes Selbstbewusstsein: Viele Stotterer leiden an einem geringen Selbstbewusstsein, Scham, Schuld oder einem geringen Selbstwertgefühl.
  • Scham und Schuldgefühle: Der Stotterer schämt sich für sein Sprachproblem und fühlt sich schuldig, weil er nicht in der Lage ist, flüssig zu sprechen.
  • Vermeidung von Blickkontakt: Viele Stotterer fühlen sich wertlos und verhindern auch den Blickkontakt mit den Menschen, mit denen sie sprechen.
  • Verbergen des Stotterns: Der Stotterer ist oft damit beschäftigt, sein Stottern vor anderen Menschen zu verbergen. So werden insbesondere schwierige Wörter vermieden und auf Ersatzworte zurückgegriffen.
  • Soziale Isolation: Die meisten Stotterer vermeiden es, wo auch immer es geht, Gespräche mit anderen Menschen zu führen. Dies führt dazu, dass der Stotterer mit weiteren Einschränkungen seiner sozialen, persönlichen und beruflichen Entwicklung leben muss.

Ursachen des tonischen Stotterns

Die genauen Ursachen des Stotterns sind bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen.

Genetische Veranlagung

Stottern tritt familiär gehäuft auf. So haben stotternde Menschen im familiären Umfeld dreimal mehr Verwandte, die ebenfalls vom Stottern betroffen sind. Eine direkte Vererbung ist jedoch ausgeschlossen. Vermutet wird, dass eine Veranlagung zum Stottern eine wesentliche Rolle spielt.

Neurologische Faktoren

Auffälligkeiten im Gehirn, wie sie häufig bei Epileptikern, Patienten mit Zerebralparese und Patienten mit anderen neurologischen Syndromen auftreten, können ebenfalls eine Rolle spielen.

Psychogene Faktoren

Die Lebensumstände der ersten Jahre und psychogene (seelisch bedingte) Faktoren können ebenfalls beeinflussend sein. Das Stottern tritt in den meisten Fällen erstmalig in einer emotional belastenden Situation auf. Es ist nicht die Unfähigkeit des Betroffenen, flüssig zu sprechen, sondern ein Symptom, welches in Situationen auftritt, in denen ein unbewusst zugrunde liegender Konflikt getriggert wird.

Weitere diskutierte Ursachenbereiche

  • Neuropsychologische Theorie: Abweichende Entwicklung des Gehirns bedingt Stottern.
  • Breakdown-Theorie: Mangelnde Ressourcen für die Verarbeitung von Sprache und Sprechen scheitern an den Anforderungen, weswegen es zu einem Zusammenbruch (Breakdown) der Sprechverarbeitung komme.
  • Lerntheorien: Klassische und operante Konditionierung begünstigen die Symptomatiken.

Diagnose des tonischen Stotterns

Die Diagnose von Stottern umfasst in der Regel eine umfassende Beurteilung der Sprechweise durch einen Logopäden oder Sprachtherapeuten. Dabei werden die Art und Häufigkeit der Sprechunflüssigkeiten, begleitende Verhaltensweisen und die Auswirkungen des Stotterns auf die Kommunikation und Lebensqualität des Betroffenen berücksichtigt. Es ist wichtig, Stottern von normalen Sprechunflüssigkeiten und anderen Sprechstörungen wie Poltern abzugrenzen.

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Differenzialdiagnosen

  • Poltern: Redeflussstörung mit sehr hoher Sprechgeschwindigkeit, Wiederholungen, Abbrüchen. Die Verständlichkeit ist eingeschränkt, es gibt keine Begleitsymptomatik.
  • Neurogenes Stottern: Durch Hirnschädigung verursacht. Ähnlichkeit mit den Kernsymptomen des Stotterns, geringere Variabilität in Verbindung mit Aphasie, Dysarthrie durch Schlaganfall oder Parkinson-Syndrom.
  • Psychogenes Stottern: Selten, tritt nach einem stark emotional wirkenden Ereignis, welches Stress auslöst, auf. Geringe Variabilität.
  • Spasmodische Dysphonie (spastischer Stimmbandkrampf): Stimmstörungen, kann zum "Steckenbleiben" im Redefluss führen.
  • Ticstörungen: Tourette-Störungen mit multiplen motorischen und vokalen Tics.
  • Logophobie (Sprechangst): Die Sprechangst ist eine Form der sozialen Angst.

Therapieansätze bei tonischem Stottern

Es gibt eine Vielzahl von Therapieansätzen, die darauf abzielen, den Redefluss zu verbessern, die Begleitsymptome zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen. Die Wahl der geeigneten Therapie hängt von den individuellen Bedürfnissen und Zielen des Patienten ab.

Logopädische Therapie

Die logopädische Behandlung ist eine Haupttherapieform, die bei den Symptomen ansetzt. Hier lernt der Patient anhand von Liedern und Sprechversen spielerisch den Umgang mit der Sprache. Er soll die Angst vor dem Sprechen verlieren und die richtige Atem- und Sprechtechnik erlernen. Dies geschieht beispielsweise, indem die Kinder oder Erwachsenen Geräusche nachahmen und das rhythmische Sprechen von Silben trainieren. Mithilfe von Bildergeschichten, Frage-Antwortspielen und Nacherzählungen üben die Patienten, flüssiger zu sprechen. Zudem erlernen sie Entspannungsübungen.

Stottermodifikation

Ansätze zur Sprechmodifikation vermitteln die Fähigkeit, ausgewählte Merkmale seiner Sprechweise zu variieren.

Fluency Shaping

Systematische Verstärkung flüssiger Sprechanteile.

Psychotherapeutische Behandlung

Des Weiteren kann das Stottern psychotherapeutisch behandelt werden. Im psychotherapeutischen Bereich werden Stottertherapien am häufigsten mit folgenden Methoden durchgeführt:

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  • Verhaltenstherapie / Kognitive Verhaltenstherapie
  • Gestaltpsychotherapie
  • Individualpsychologische Ansätze
  • Andere analytische / tiefenpsychologische Ansätze
  • Kurzzeittherapeutische Verfahren / Lösungsorientierte Ansätze
  • Neurolinguistisches Programmieren (NLP)
  • Hypnotherapeutische Verfahren (M. Erickson)
  • Kindzentrierte Verfahren / Spieltherapeutische Ansätze
  • Gesprächspsychotherapeutische Verfahren
  • Systemische / familientherapeutische Ansätze

Hypnose bei Stottern

Wie weiter oben beschrieben, kann der stotternde Patient in entspannter und angstfreier Situation problemlos flüssig sprechen. Das Stottern tritt umso stärker zutage, je mehr eine Situation bewusst oder unbewusst mit Ängsten verbunden ist. Wenn es gelingt, in den betreffenden Situationen die Angst zu vermindern, wird der Patient natürlich wieder leichter und flüssiger sprechen können. Es gibt aber auch noch einen anderen Behandlungsansatz der Hypnosetherapie. Bereits vor einem halben Jahrhundert wurde von dem amerikanischen Hypnotherapeuten Dave Elman gezeigt, dass Stottern heilbar IST, und zwar schnell und einfach durch die Anwendung der Hypnoanalyse. Diese Form der Hypnosebehandlung (und nicht die allgemein übliche Suggestionstherapie in Hypnose) ist die einzige mir bekannte Therapie, die das Stotter-Problem an der Wurzel anpackt.

Medikamentöse Behandlung

Hier und da werden auch Medikamente zur Behandlung des Stotterns verabreicht. Diese führen zu einer Entspannung der Muskeln und sollen die Angst unterdrücken. Sobald die Medikamente abgesetzt werden, tritt das Stottern jedoch wieder auf.

Weitere therapeutische Aspekte

  • Problem- und Bedingungsanalyse
  • Sensibilisierung und differenzierte Wahrnehmung eigener Symptome
  • Ausbau der Selbstwahrnehmung im fokussierten Bereich (Tempo, Dynamik, Melodie)
  • Abbau von Vermeidungs- und Ausweichtendenzen
  • Reduzierung der körperlichen Anspannung
  • Atem- und stimmtherapeutische Übungen
  • In-vivo-Arbeit

Umgang mit Stottern im Alltag

Neben der Therapie ist ein unterstützendes Umfeld entscheidend für den Umgang mit Stottern.

Tipps für den Umgang mit stotternden Kindern

  • Nehmen Sie sich Zeit zum Zuhören, unterbrechen Sie Ihr Kind nicht in seinem Redefluss und helfen Sie ihm auch nicht, Sätze zu vollenden.
  • Schauen Sie Ihr stotterndes Kind beim Sprechen direkt an und unterlassen Sie Kritik.
  • Schaffen Sie eine entspannte und stressfreie Umgebung, in der sich das Kind wohlfühlt zu sprechen.

Tipps für den Umgang mit stotternden Erwachsenen

  • Beachten Sie die gleichen Verhaltensweisen wie im Umgang mit stotternden Kindern.
  • Seien Sie geduldig und respektvoll.
  • Vermeiden Sie es, Ratschläge zu geben, es sei denn, der Betroffene bittet darum.

Prävention von Stottern

Wichtig zur Vorbeugung von Sprachstörungen ist eine Förderung der Sprachentwicklung durch Lesen, Vorlesen, Gespräche, Sprachspiele, Singen und Erzählen. Außerdem ist es ratsam, bei ersten Symptomen einer Störung der Sprachentwicklung einen Fachmann zurate zu ziehen, damit aus Sprachauffälligkeiten keine Sprechstörung wird.

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