Trigeminusneuralgie: Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Trigeminusneuralgie ist eine Erkrankung, die durch heftige, einschießende Gesichtsschmerzen gekennzeichnet ist und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Die Schmerzen treten im Versorgungsgebiet des Trigeminusnervs auf - häufig im Bereich von Ober- und Unterkiefer. In der Regel dauern die Schmerzattacken nur einige Sekunden, sie können aber über mehrere Tage oder Wochen immer wieder auftreten.

Was ist der Nervus trigeminus?

Der Trigeminusnerv (lateinisch: Nervus trigeminus, „Drillingsnerv“) ist der fünfte Hirnnerv des Menschen. Seinen Namen trägt er, weil er in drei Hauptäste verzweigt ist:

  • Den Augenast (1. Trigeminusast)
  • Den Oberkieferast (2. Trigeminusast)
  • Den Unterkieferast (3. Trigeminusast)

Aufgabe des Nervus trigeminus ist es, sensible Informationen aus dem ganzen Gesicht an das Gehirn zu leiten. Umgangssprachlich wird er auch als „Fühlnerv“ bezeichnet, da der Mensch ihn benötigt, um zu riechen, zu schmecken oder eine Berührung im Gesicht zu fühlen. Er ist auch ganz wichtig für die Benetzung der Hornhaut des Auges, weil er den Blickreflex sensibel vermittelt. Nicht zuletzt leitet der Trigeminusnerv auch Reize an die vier Kaumuskeln weiter und aktiviert sie dadurch. Von den Schmerzen sind meist die Bereiche des zweiten und dritten Trigeminusastes betroffen. Am häufigsten treten die Nervenschmerzen im Unterkieferast auf, seltener im Oberkieferast und fast nie im Augenast.

Ursachen der Trigeminusneuralgie

Für die Trigeminusneuralgie gibt es verschiedene Ursachen. Die Behandlung richtet sich nach dem jeweiligen Auslöser.

Klassische Trigeminusneuralgie

Die meisten Menschen bekommen eine Trigeminusneuralgie, weil ein Blutgefäß auf den Trigeminusnerv drückt. Der Druck beeinträchtigt den Nerv derart, dass er Reize nicht wie gewohnt weiterleiten kann. Ärztinnen und Ärzte sprechen hier von einer klassischen oder primären Trigeminusneuralgie. Die Ursache für die klassische Trigeminusneuralgie mit blitzartig einschießenden Schmerzen ist ein Konflikt zwischen einem kleinen Gefäß und dem Trigeminus („mikrovaskulärer Konflikt“). Der genaue Mechanismus der Schmerzentstehung ist im Detail noch nicht geklärt. Dieser Kontakt führt wahrscheinlich zu einer Art elektrischem „Kurzschluss“ und löst im Zusammenhang mit weiteren Faktoren (möglicherweise einer Übererregbarkeit im Hirnstamm) die Fehlfunktion aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass Gefäß und Nerv sich berühren, soll demnach erhöht sein, wenn die Wände der Arterien verdickt sind - wie es bei einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) der Fall ist. Da die Verkalkung der Arterien mit steigender Lebenszeit zunimmt, ist das vermutlich der Grund, weshalb viele Geplagte sich im mittleren oder höheren Alter befinden.

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Symptomatische Trigeminusneuralgie

Selten sind andere Erkrankungen wie multiple Sklerose oder ein Hirntumor möglicher Grund für die Nervenschmerzen. Auch Kopfverletzungen können den Trigeminusnerv beeinträchtigen. Man bezeichnet diese Form als symptomatische oder sekundäre Trigeminusneuralgie. Die Auslöser der symptomatischen Form sind umfangreich erforscht, die Behandlung ist hingegen meist schwieriger als bei der klassischen Form.

Idiopathische Trigeminusneuralgie

Wenn sich für die typischen Gesichtsschmerzen keine Ursache erkennen lässt, liegt eine sogenannte idiopathische Trigeminusneuralgie vor.

Symptome der Trigeminusneuralgie

Typisch für die Trigeminusneuralgie ist, dass die Schmerzen sehr stark sind und blitzartig einschießen. Diese können sich elektrisierend und stechend anfühlen. Solche Schmerzattacken dauern nur wenige Sekunden, in Ausnahmen auch etwas länger. Oft werden die Attacken durch leichte Berührungen oder alltägliche Aktivitäten wie Zähneputzen ausgelöst. Nach einem Anfall ist die Haut der betroffenen Gesichtshälfte oft gerötet und fühlt sich warm an. Die Schmerzattacken wechseln sich in der Regel mit Phasen ohne Beschwerden ab. Zwischen den einzelnen Schmerzphasen können Wochen bis Monate vergehen. Im Verlauf der Erkrankung werden die Abstände meist kürzer und die Beschwerden stärker. Bei Menschen, die aufgrund einer Erkrankung wie multiple Sklerose mit einer Trigeminusneuralgie kämpfen, können die Schmerzen dauerhaft auftreten. Weitere Symptome können einzeln oder in Kombination auftreten:

  • Spontan auftretende starke Schmerzen nach einer Berührung des Gesichts, dem Kauen oder Sprechen
  • Serienhaft auftretende starke Schmerzen mit einer Dauer von weniger Sekunden bis Minuten
  • Wochen- oder monatelange Episoden mit schweren Schmerzattacken, die von schmerzfreien Perioden abgelöst werden
  • Andauerndes, brennendes Gefühl im Gesicht als Vorbote der blitzartigen Schmerzen
  • Schmerzen im Bereich der Augen, Wangen, Lippen, Kiefer, Zähne und des Zahnfleischs
  • Gesichtsschmerzen, die sich in eine Gesichtshälfte einschießende
  • Während eines Anfalls verzieht sich das Gesicht und Betroffene zucken zusammen
  • Kopfschmerzen

Bei der klassischen Form treten täglich bis zu 100 Schmerzattacken auf. Bei der symptomatischen Form leiden Patientinnen und Patienten meist dauerhaft an den Schmerzen. Es können außerdem Gefühlstörungen oder motorische Ausfälle im Gesicht auftreten.

Triggerfaktoren

Die Schmerzattacken treten zunächst spontan auf - also ohne einen erkennbaren Auslöser. Mit der Zeit werden sie durch bestimmte äußere Reize ausgelöst. Solche Auslöser heißen in der Fachsprache Trigger. Zu den typischen Reizen, die den Trigeminusnerv triggern, zählen etwa:

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  • Leichte Berührungen der Gesichtshaut
  • Kalter Luftzug
  • Kauen
  • Sprechen
  • Zähneputzen
  • Rasieren
  • Kaltes Wasser
  • Stress

Diagnose der Trigeminusneuralgie

Ob eine Trigeminusneuralgie vorliegt, stellen Ärztinnen und Ärzte durch ein ausführliches Gespräch und eine gründliche körperliche Untersuchung fest. Im Gespräch wird unter anderem erfragt, wie lange die Schmerzen anhalten und wie häufig sie auftreten. Hinweise auf eine Trigeminusneuralgie geben auch die Begleitsymptome sowie die Reize, die eine Schmerzattacke auslösen können. Außerdem wird die Ärztin oder der Arzt das Empfindungsvermögen im Gesicht testen sowie weitere körperliche Untersuchungen machen. Verhärtet sich der Verdacht einer Trigeminusneuralgie, kann der Arzt ein MRT (Magnetresonanztomografie), auch als Kernspintomografie bekannt, anordnen. Bei diesem werden mehrere Schichtbilder des Kopfes aufgenommen, auf denen die verschiedenen Strukturen sichtbar sind. Trifft das nicht zu, ist der Grund für die Neuralgie vermutlich in einer anderen Ursache (einer Erkrankung oder einem Tumor) zu suchen. Im Vorfeld einer Behandlung ist es wichtig, andere Erkrankungen durch verschiedene neurologische Untersuchungen auszuschließen, und eine sichere Diagnose zu stellen. Von einer Trigeminusneuralgie müssen beispielsweise so genannte Cluster-Kopfschmerzen sowie Zahn- und Kieferbeschwerden oder auch Multiplen Sklerose abgegrenzt werden.

Behandlung der Trigeminusneuralgie

Die Behandlung einer Trigeminusneuralgie richtet sich nach der jeweiligen Ursache. Ist eine Erkrankung der Grund für die Nervenschmerzen, muss diese zunächst behandelt werden. Treten die Nervenschmerzen unabhängig von einer anderen Erkrankung auf, kommen die folgenden Therapiemöglichkeiten infrage. Grundsätzlich lässt sich zwischen einer medikamentösen Therapie und einem operativen Eingriff zur Behandlung einer Trigeminusneuralgie unterscheiden.

Medikamentöse Therapie

In der Regel verschreibt die Ärztin oder der Arzt Antikonvulsiva wie Carbamazepin und Oxcarbazepin. Das sind Medikamente, die zum Beispiel bei Epilepsie Anwendung finden. Sie dienen dazu, die Erregbarkeit von Nerven zu verringern und so Schmerzattacken vorzubeugen. Die Medikamente selber führen aber nicht selten zu Nebenwirkungen, die langfristig auch die Leber und andere Organe schädigen können. Auch wenn die eigentliche Schmerzattacke bei einer Trigeminusneuralgie meist nur wenige Minuten andauert, kann sie bis zu 100-mal am Tag auftreten. Die Dosierung des Medikaments legt der Neurologe individuell für den Patienten passend fest - die Menge wird langsam gesteigert, bis der Betroffene nicht mehr unter Gesichtsschmerzen leidet. Dabei darf die Relation zu den Nebenwirkungen nicht aus den Augen verloren werden. Wichtig ist, dass der Betroffene das Mittel absolut regelmäßig und wie vom Arzt verordnet einnimmt. Treten als Folge der Medikamentengabe sehr starke Nebenwirkungen auf, ist es sinnvoll, über den Wechsel zu einem anderen Medikament nachzudenken. Normale Schmerzmittel, wie Ibuprofen, sind bei den starken Schmerzen der Trigeminusneuralgie wirkungslos. Zudem dauert es zu lange, bis sie ihre Wirkung entfalten - der Gesichtsschmerz hätte bereits wieder nachgelassen.

Operative Eingriffe

Genügen Medikamente nicht, um die Beschwerden ausreichend zu lindern, können Sie gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt eine Operation oder eine Bestrahlung erwägen. Mit der mikrovaskulären Dekompression lässt sich zum Beispiel der Druck durch ein Blutgefäß lösen. Eine Bestrahlung soll verhindern, dass der Nerv Schmerzsignale weiterleitet. Diese Eingriffe bergen das Risiko für Folgen wie verminderte Empfindlichkeit oder unangenehme Missempfindungen. Lassen Sie sich über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Methode aufklären und wägen Sie mit dem Arzt oder der Ärztin den Nutzen gegenüber den Risiken ab. Die Behandlung der Ursache durch die mikrochirurgische Therapie oder deren Alternative, die gezielte Bestrahlung im Bereich der Nervenwurzel, sollte in jedem Fall mit der behandelnden Ärztin/dem Arzt besprochen werden. Die symptomatische Trigeminusneuralgie wird hingegen ganz anders behandelt als die klassische Form: Entweder durch die Beseitigung der Ursache, also beispielsweise eines Tumors, mit Medikamenten oder mit stimulierenden beziehungsweise zerstörenden („ablativen“, „perkutanen“) Verfahren im Bereich des Nervens selbst.

Mikrovaskuläre Dekompression

Bei einer klassischen Trigeminusneuralgie kann eine mikrovaskuläre Dekompression durchgeführt werden. Bei diesem operativen Eingriff wird zunächst der Schädel hinter dem Ohr geöffnet und das Kleinhirn etwas zurückgezogen, um den Hirnstamm und den Nervus trigeminus sichtbar zu machen. Im nächsten Schritt wird ein Kunststoffstück wie beispielsweise Teflon zwischen Blutgefäß und Nerv eingebracht, um den mikrovaskulären Konflikt zu beseitigen.

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Perkutanen Operationsverfahren

Zu den perkutanen Operationsverfahren zählen die Ballonkompression, die Glycerininjektion und die Thermokoagulation. Diese Verfahren bilden keinen chirurgischen Eingriff und sind invasiv. Daher bieten sie sich für Patientinnen und Patienten an, denen eine medikamentöse Behandlung keine Abhilfe verschaffen konnte oder deren Operations- oder Narkoserisiko zu hoch ist.

Radiochirurgische Behandlung

Zu den strahlentherapeutischen Verfahren zählt die sogenannte stereotaktische Bestrahlung, bei der der Trigeminusnerv zielgerichtet und millimetergenau vor dem Eintritt in das Gehirn bestrahlt wird. Durch diese Bestrahlung wird der Nerv innerhalb von wenigen Wochen zu einem Umbau angeregt, was zur Schmerzlinderung führen soll.

Psychotherapie

Ist der Leidensdruck sehr hoch, können sich Ängste und Depressionen entwickeln. Eine Verhaltenstherapie hilft dabei, besser mit den Schmerzen und der seelischen Belastung umgehen zu lernen.

Multimodale Schmerztherapie

Das ist eine Form der strukturierten Behandlung, bei denen Fachleute aus den Bereichen Medizin, Physiotherapie und Psychologie zusammenarbeiten. Solch eine Therapie kommt vor allem bei chronischen Schmerzen zum Einsatz. Erste Studien zeigen, dass sie auch bei Menschen mit Trigeminusneuralgie nützlich sein kann.

Prävention und Alltagstipps bei Trigeminusneuralgie

Auch wenn bei einer Trigeminusneuralgie die ärztliche Abklärung der Ursachen und die zielgerichtete Behandlung im Vordergrund steht, gibt es für Betroffene auch Möglichkeiten zur Vorbeugung.

  • Stress vermeiden: Stress kann die Symptome der Trigeminusneuralgie verstärken. Es kann daher wertvoll sein, effektive Maßnahmen zur Stressbewältigung zu erlernen. Techniken wie tiefe Atemübungen, die progressive Muskelentspannung oder Meditation können helfen, das Stressniveau zu senken.
  • Guter Schlaf: Ein guter Schlaf ist für die Regeneration des Nervensystems wertvoll und wichtig. Patient:innen sollten daher darauf achten, regelmäßige Schlafenszeiten einzuhalten und eine Schlafdauer von sieben bis acht Stunden pro Nacht zu erreichen. Noch wichtiger als die reine Schlafdauer ist allerdings die Qualität des Schlafes: Dazu trägt vor allem eine ruhige, gut abgedunkelte Schlafumgebung bei.
  • Ausgewogene Ernährung: Obwohl es keine spezielle Diät für Patient:innen mit Trigeminusneuralgie gibt, kann eine ausgewogene Ernährung das allgemeine Wohlbefinden und die allgemeine Gesundheit fördern. Essen Sie als gesunde Basis täglich mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse. Integrieren Sie außerdem bewusst ausreichend Omega-3-Fettsäuren in Ihren Speiseplan: Diese sind in Fettfischen wie Lachs enthalten und beispielsweise auch in Leinsamen.
  • Triggerfaktoren meiden: Patient:innen berichten, dass bestimmte Aktivitäten oder Einflüsse Schmerzattacken auslösen können. Dazu gehören eigentlich normale Umgebungsfaktoren wie Zugluft und leichte Berührungen des Gesichts. Aber auch das simple Kauen kann ein Trigger sein.
  • Sanfte Gesichtspflege: Sanfte Gesichtspflege kann dazu beitragen, die Haut zu beruhigen und Triggerpunkte zu vermeiden. Es empfiehlt sich, täglich milde, nicht reizende Reinigungsprodukte und Feuchtigkeitscremes zu verwenden.
  • Gute Zahnpflege: Da zahnärztliche Eingriffe manchmal Trigeminusneuralgie auslösen können, trägt eine gute Zahnpflege dazu bei, dieses Risiko zu senken. Putzen Sie Ihre Zähne zweimal täglich für zwei Minuten und verwenden Sie Zahnseide einmal täglich.
  • Regelmäßige körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Aktivität kann das allgemeine Wohlbefinden steigern und dazu beitragen, Stress zu reduzieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, sich mindestens 150 Minuten pro Woche bei mäßiger Anstrengung zu bewegen.
  • Professionelle Hilfe bei psychischen Problemen: Bei Anzeichen von Depression oder Angst, die häufig mit chronischen Schmerzen einhergehen, ist es wichtig, professionelle Hilfe zu suchen.

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