Die tiefe Hirnstimulation (THS), auch bekannt als Hirnschrittmacher, ist ein neurochirurgisches Verfahren, das zur Behandlung verschiedener neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt wird. Dabei werden Elektroden in spezifische Hirnregionen implantiert, um die Aktivität der Nervenzellen durch elektrische Impulse zu modulieren. Weltweit wurden bereits über 80.000 Patienten mit diesem Verfahren behandelt. Die tiefe Hirnstimulation gilt insbesondere bei Bewegungsstörungen als eine sehr gute Möglichkeit, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Was ist die Tiefe Hirnstimulation?
Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein neurochirurgisches Verfahren, das zur Behandlung verschiedener neurologischer Erkrankungen wie Parkinson, Tremor und Depressionen eingesetzt wird. Dabei werden Elektroden in die zu beeinflussende Hirnregion implantiert und mit einem Impulsgeber verbunden, der auf Höhe des Schlüsselbeins unter die Haut eingesetzt wird.
Das Gehirn ist das zentrale Organ unseres Körpers und reguliert sämtliche bewussten und unbewussten Vorgänge. Es besteht aus mehreren Billionen Nervenzellen, die auch als Neurone bezeichnet werden. Diese sind auf ganz bestimmte Weise miteinander vernetzt, sodass selbst die komplexesten Prozesse ausgeführt werden können. Nervenzellen mit gleicher oder ähnlicher Funktion liegen räumlich eng beieinander, sodass verschiedene Areale unterschieden werden können.
Neurologische Erkrankungen können die Nervenzellen des Gehirns betreffen, wodurch diese in ihrer Funktionsweise eingeschränkt sind. Je nach betroffenem Areal können verschiedene Funktionen beeinträchtigt sein.
Das Prinzip der Tiefen Hirnstimulation beruht darauf, dass eine Elektrode in bestimmten Arealen des Gehirns eingebracht wird und die dort vorhandenen Neurone durch einen dauerhaften hochfrequenten Reiz in ihrer Aktivität beeinflusst.
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Anwendungsgebiete der Tiefen Hirnstimulation
Hirnschrittmacher kommen in erster Linie zur Therapie von Bewegungsstörungen bzw. deren Symptomen zum Einsatz. Studien der letzten Jahre zeigen aber auch gute Ergebnisse bei der Therapie von psychischen Erkrankungen wie chronischen Depressionen oder Zwangsstörungen.
Hauptanwendungsgebiet der Tiefen Hirnstimulation ist Morbus Parkinson. Aber auch für andere Bewegungsstörungen, wie das Tourette-Syndrom, multiple Sklerose, Dystonie oder essentieller Tremor, die auf Medikamente nur ungenügend ansprechen, ist die tiefe Hirnstimulation zugelassen. Auch bei einer Epilepsie, bei der ein genauer Ursprung ausgemacht werden kann, ist die Tiefe Hirnstimulation eine mögliche Therapieoption.
Man nimmt an, dass die THS auch auf psychische Erkrankungen (Depression und Zwangsstörungen) einen positiven Einfluss haben kann. Die Verwendung auf diesem Gebiet ist allerdings noch im experimentellen Stadium. Zu beachten ist hierbei vor allem, ob die Depression oder Zwangsstörung wirklich als eigenständige Erkrankung oder als Begleiterscheinung einer anderen Krankheit auftritt.
Bei dieser Therapieform handelt es sich aber bislang nur um eine symptomatische Behandlung. Heilbar sind die oben genannten Krankheiten durch die Tiefe Hirnstimulation nicht.
Die THS wird in der Regel dann eingesetzt, wenn medikamentöse Bemühungen die Symptome nicht mehr durchgreifend bessern können. Als anerkannte Indikationen gelten folgende Erkrankungen:
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Bewegungsstörungen
- M. Parkinson
- Essentieller Tremor
- Dystonie (generalisierte genetische Formen, zervikale Dystonie oder Torticollis, andere Formen der Dystonie)
- Tremor bei Multipler Sklerose
Psychiatrische Erkrankungen
- Zwangserkrankung (OCD)
- Tourette-Syndrom
Darüber hinaus kann die THS im Rahmen von individuellen Heilversuchen oder durch Teilnahme an aktuellen Studien auch bei anderen Erkrankungen ggf. angeboten werden. Die THS steht in der Regel nicht am Anfang der therapeutischen Möglichkeiten, sondern kommt zum Einsatz, wenn die nicht-operativen Behandlungsverfahren keine befriedigende Beschwerdelinderung mehr erreichen. So ist beim M. Parkinson das L-Dopa-Langzeitsyndrom mit Wirkschwankungen (sogenannte ON-OFF-Phasen) die klassische Indikation für die THS. Durch die Early-Stim-Studie konnte jedoch gezeigt werden, dass auch Patienten mit kürzerer Krankheitsdauer von der THS deutlich profitieren können.
Bei Erkrankungen, die dem Morbus Parkinson vom Erscheinungsbild ähneln, denen aber ein anderer Krankheitsmechanismus zu Grunde liegt, kommt die THS dagegen nicht in Frage.
Voraussetzungen für einen Hirnschrittmacher
Vor der Operation muss festgestellt werden, ob sich der Patient für die Therapie eignet und ob eine Operation durchgeführt werden kann. Dazu wird zunächst der allgemeine Gesundheitszustand festgestellt. Zudem muss die Diagnose, aufgrund derer der Patient für eine Tiefe Hirnstimulation in Frage kommt, gut gesichert sein. Es wird empfohlen, die Indikationsstellung in einem spezialisierten Zentrum überprüfen zu lassen, in dem verschiedene neurologische Untersuchungen erfolgen.
Dazu gehören psychologische Untersuchungen, bildgebende Verfahren des Gehirns und, im Falle einer Parkinson-Erkrankung, eine Beurteilung der Symptome mit und ohne Medikamenteneinfluss. Gegebenenfalls können die motorischen Symptome der Patienten auf einem Video festgehalten werden, sodass ein genauer Vergleich der Situation vor und nach der Operation möglich ist. Hierfür ist es auch sinnvoll, eine Skala zu verwenden, auf der die Symptome der entsprechenden Erkrankung festgehalten und eingeordnet werden.
Zu den zusätzlichen Untersuchungen vor der Operation gehören eine logopädische Untersuchung, neurochirurgische Mitbeurteilungen sowie eine allgemeine Prüfung der Operationsfähigkeit des Patienten.
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Vor der Indikationsstellung für eine THS bei M. Parkinson sind die o.g. Kriterien und Maßgaben zu überprüfen. Ergänzend dazu kann ggf. eine neuropsychologische bzw. neuropsychiatrische Untersuchung durchgeführt werden.
Ablauf der Tiefen Hirnstimulation OP
Wie vor jedem operativen Eingriff muss auch bei der Tiefen Hirnstimulation eine ausführliche Aufklärung des Patienten erfolgen, bei der die verschiedenen Risiken und Nebenwirkungen erklärt werden und der Patient die Möglichkeit erhält, Fragen zu stellen.
Es empfiehlt sich im Vorwege, die Erwartungen des Patienten an die Operation zu erfragen. So können Patienten genau darüber informiert werden, welche Symptome durch die THS verbessert werden können und welche Symptome davon unbeeinflusst bleiben. Dies kann Patienten dabei helfen, die Wirkungsweise der Therapie besser zu verstehen.
Idealerweise wird der Eingriff unter örtlicher Betäubung durchgeführt. Dadurch kann der Patient mitarbeiten und dem Chirurgen mitteilen, falls unerwünschte Nebenwirkungen wie Taubheitsgefühl oder Sprachstörungen auftreten.
Essentiell für die exakte Implantation der Elektroden ist eine möglichst präzise Darstellung der verschiedenen Strukturen des Gehirns, sodass der Zielort der Stimulation möglichst genau eingegrenzt werden kann. Man nennt dies elektrophysiologisches Mapping. Hierbei wird die elektrische Aktivität von Neuronen mit Hilfe von Mikroelektroden registriert. Dies dient der Verbesserung der Positionierung der letztlich verwendeten Elektrode.
Für den Eingriff selbst wird pro einzubringende Elektrode ein kleines Bohrloch in der Schädeldecke angelegt. Vor der endgültigen Implantation der Elektroden erfolgt eine Teststimulation. Dabei werden die Wirkung auf die vorhandenen Symptome sowie eventuell bestehende Nebenwirkungen beurteilt.
Der Chirurg platziert dann unter bildgebender Kontrolle (CT und/oder MRT) äußerst präzise die Elektroden in der Hirnregion, die beeinflusst werden soll. Meist handelt es sich dabei um die so genannten Basalkerne, Regionen, die großen Einfluss auf die Ausführung von Bewegungen haben. Die Positionierung der Elektrode kann schließlich etwa vier bis acht Stunden dauern.
Entweder im direkten Anschluss oder mit einer zeitlichen Verzögerung von wenigen Tagen wird ein kleines Gerät, das die elektrischen Impulse aussendet (umgangssprachlich Hirnschrittmacher genannt) mit den Elektroden verbunden und auf Höhe des Schlüsselbeins unter der Haut fixiert. Das ermöglicht es dem Patienten, die elektrische Stimulation auch selbstständig zu steuern.
Die THS-Operation wird durch die Ärzte der stereotaktischen Neurochirurgie durchgeführt, sie dauert insgesamt ca. 6 Stunden. Am Operationstag wird zunächst ein stereotaktischer Ring am Schädelknochen nach vorangegangener örtlicher Betäubung befestigt. Dieser Ring dient der Planung und Navigation des Neurochirurgen. Anschließend wird eine Computertomographie des Schädels veranlasst. Diese Bilddaten werden mit Daten aus einem vor dem Operationstag angefertigten Kernspintomogramm in Übereinstimmung gebracht. So erhält man die gute Auflösung des Kernspintomogramms mit Darstellung der Gefäße in Kombination mit dem stereotaktischen Ring. Hierdurch kann eine Planung des Zugangswegs zu dem jeweiligen Kerngebiet des Gehirnes unter Berücksichtigung der Gefäßverläufe erfolgen. Diese Prozedur ist wichtig, um die Komplikationsrate des Eingriffs minimal zu halten. Nach Planung wird ein zusätzlicher Bügel am stereotaktischen Ring befestigt, der die Navigation ermöglicht.
Nach örtlicher Betäubung erfolgt zunächst ein Hautschnitt, danach wird ein Loch mit ca. 8 mm Durchmesser in die Schädeldecke gebohrt. Anschließend werden 2 bis 5 Mikroelektroden in das Gehirn eingeführt (das Gehirn selbst kann keinen Schmerz empfinden), die elektrische Ableitungen aus dem Kerngebiet ermöglichen und so eine Orientierungshilfe für den Neurochirurgen bieten. Über diese Mikroelektroden erfolgt auch eine Teststimulation, um den Effekt der THS auf die jeweiligen Symptome zu untersuchen. Gemeinsam mit dem Patienten wird so der optimale Stimulationsort detektiert und die endgültige Stimulationselektrode dort platziert. Ebenso wird mit der anderen Gehirnseite verfahren, da in der Regel eine beidseitige Operation durchgeführt wird.
Anschließend erfolgt in Vollnarkose die Implantation der Kabel und des Stimulators (Impulsgebers) unter der Haut. Der Impulsgeber ist durch die Haut programmierbar und wird einige Tage nach der Operation erstmals eingeschaltet. Die Anpassung der Stimulationsparameter erfolgt langsam und über viele Tage, hier ist gerade in den ersten Tagen und Wochen viel Geduld von Seiten des Patienten notwendig. Die Weiterbehandlung nach dem stationären Aufenthalt erfolgt in der Regel in einer Rehabilitationseinrichtung. Anschließend sind die Patienten regelmäßig in ambulanter Kontrolle am Neurozentrum in Freiburg.
Was gibt es nach der Operation zu beachten?
Grundsätzlich sollten Patienten nach der Operation zunächst einige Tage zur Überwachung im Krankenhaus verweilen. Nach dem sich der Allgemeinzustand des Patienten wieder verbessert hat, muss entschieden werden, wann die Einstellung des Hirnschrittmachers erfolgen kann. In der Regel findet dies in einem Zeitraum von ein bis fünf Wochen nach der Operation statt.
Da für eine optimale Einstellung Symptome vorhanden sein sollten, kann es sinnvoll sein, die bislang eingenommenen Medikamente zu reduzieren oder ganz abzusetzen. Dann werden die Elektrodenkontakte mit unterschiedlicher Impulsbreite und Frequenz angesteuert. Anschließend werden Wirkung auf die Symptomatik und Nebenwirkungen beurteilt. Die optimale Einstellung ist immer diejenige mit dem günstigsten Verhältnis von Effekt und Nebenwirkung. Die Einstellung kann einige Zeit dauern und verlangt vom Patienten eine gewisse Geduld ab.
Nachdem die optimale Einstellung gefunden wurde, kann die Kontrolle des Hirnschrittmachers vom Arzt an den Patienten weitergegeben werden. Dieser kann das System mit Hilfe eines Handgerätes innerhalb bestimmter vom Arzt festgelegten Grenzen selbst steuern. Wichtig ist hierbei eine ausführliche Einweisung in die Funktionsweise und Steuerbarkeit des Gerätes.
Welche Nebenwirkungen hat die Hirnschrittmacher-Implantation?
Im Verlauf der Operation kann es in seltenen Fällen zu Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen kommen. Das Risiko ist allerdings sehr gering. Nebenwirkungen der Stimulation selbst sind, falls sie auftreten, psychischer Natur und meist nur vorübergehend. Dies können Depressionen oder Euphorie sein. Durch Anpassung der Impulsgebung können sie in der Regel gut kontrolliert werden.
Komplikationen und Nebenwirkungen lassen sich in Komplikationen durch den chirurgischen Eingriff (prozedural) und technische Komplikationen des elektronischen Systems unterteilen. Trotz sorgfältiger Planung des Zugangsweges und akkurater Durchführung der chirurgischen Handgriffe lassen sich Komplikationen durch den stereotaktischen Eingriff nicht ganz verhindern. Bei etwa 2% der operierten Patienten kommt es durch Verletzung eines Gefäßes zu einer Gehirnblutung, die in der Regel sehr klein und umschrieben ausfällt. Aufgrund des Zugangswegs und der Lage dieser Blutungen verursachen etwa die Hälfte dieser Blutungen (d.h. bei etwa 1% aller Patienten) auch neurologische Symptome wie Halbseitenlähmungen, Gefühlsstörungen, Sprach- oder Sprechstörungen. In der Regel bilden sich diese Symptome vollständig oder zumindest teilweise wieder zurück. Sehr, sehr selten kommt es zu einer Dislokation (Fehlplatzierung) der Elektrode mit Wirkverlust oder Auftreten von Nebenwirkungen. Häufig tritt eine solche Dislokation im Verlauf auf. Zunächst wird die entsprechende Elektrode nicht mehr stimuliert. Ein weiteres Risiko, das über den chirurgischen Eingriff hinaus auch noch im langfristigen Verlauf zu Problemen führen kann, stellt das Infektionsrisiko dar. Bakterien haften sich sehr gerne an Implantaten an und sind einer Antibiotikatherapie nur schwer zugänglich. Dies bedeutet, dass eine Infektion nur selten durch Antibiose effektiv zu behandeln ist, häufig wird daher eine Explantation der Implantate notwendig. Meist ist es ausreichend, nur den Impulsgeber und einen Teil des Kabels zu entfernen; selten jedoch kann die Explantation des gesamten Systems notwendig werden, um die Entwicklung einer Hirn- und Hirnhautentzündung zu vermeiden. Selbstverständlich sind die verwendeten technischen Bauteile sorgfältig geprüft und für den Gebrauch am Menschen zugelassen. Dennoch kann es im Verlauf - wie bei anderen elektrischen Apparaturen auch - zu einem Ausfall des Impulsgebers kommen, die zu einem Funktionsverlust der THS führen können. In diesem Fall kann ein Austausch des entsprechenden Kabels oder Stimulators durchgeführt werden. Notwendig wird der Austausch des Impulsgebers bei Erschöpfung der Batterie, die in Abhängigkeit von den Stimulationsparametern etwa 2 bis 7 Jahre lang hält. Dieser Eingriff wird durch die Ärzte der stereotaktischen Neurochirurgie in örtlicher Betäubung durchgeführt und dauert ca. Je nach Stimulationsort und Elektrodenlage bzw. der verwendeten Spannung können durch die hochfrequente Stimulation neben den erwünschten Wirkungen auch Nebenwirkungen auftreten. Diese können vorübergehender Natur sein oder dauerhaft vorliegen. Zu nennen sind Sprechstörungen, Gefühlsstörungen, Verkrampfungen oder Doppelbilder. Im Falle des Nucleus subthalamicus bei M. Parkinson können auch mal psychiatrische Nebenwirkungen wie Apathie, depressive Verstimmung oder submanische Zustände provoziert werden, auf die natürlich besondere Aufmerksamkeit bei der Einstellung der Stimulationsparameter gerichtet wird.
Welche Vor- und Nachteile bietet die Tiefe Hirnstimulation im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden?
Grundsätzlich gilt in der Medizin, dass eine Therapie einen möglichst großen Nutzen bei möglichst geringen Nebenwirkungen haben muss. Dies gilt vor allem für sehr invasive Verfahren wie die Tiefe Hirnstimulation. Daher erfolgt im Vorwege die genaue Abwägung der verschiedenen Vor- und Nachteile.
Die jeweilige Symptomatik des Patienten gibt dabei vor, welche Vorteile von der THS zu erwarten sind. Im Falle der Parkinson-Erkrankung beispielsweise gilt, dass die Therapie vor allem gegen Symptome wie Bewegungsunruhe oder einen erhöhten Muskeltonus wirksam ist. Haltung, Sprache, psychiatrische und kognitive Funktionen sprechen hingegen kaum auf eine Tiefe Hirnstimulation an. Je nachdem welche Symptome im Vordergrund stehen, kann die Methode mehr oder weniger sinnvoll sein.
Ein wichtiger Vorteil der Tiefen Hirnstimulation besteht darin, dass bei einer guten Wirksamkeit die bisher eingenommenen Medikamente stark reduziert werden können. Dies erspart Patienten daraus resultierende Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.
Ein weiterer Vorteil kann darin liegen, dass die Stimulation auch durch den Patienten selbst gesteuert werden kann. Jedoch darf dabei nicht vergessen werden, dass der Patient hierzu auch kognitiv befähigt sein muss. Bei älteren oder stark erkrankten Patienten ist die selbstständige Steuerung also eventuell nicht möglich. In diesem Fall kann die Einstellung jedoch auch durch einen Arzt übernommen werden.
Nachteile der Tiefen Hirnstimulation werden durch die oben genannten Nebenwirkungen abgebildet. Zudem kann der Nutzen der Therapie vor einer Operation nicht immer sicher abgeschätzt werden. Es empfiehlt sich also immer, die Vor- und Nachteile im individuellen Fall zu betrachten und die Entscheidung gemeinsam mit dem Arzt und eventuell auch Angehörigen zu treffen.
Ethische Aspekte und Perspektiven
Die tiefe Hirnstimulation erobert sich derzeit neue Indikationen bei psychiatrischen Erkrankungen. Das Verfahren steht jedoch ethisch in der Diskussion, da es erhebliche Wesensveränderungen bei den Patienten hervorrufen kann.
Dass sich auch auf psychischer Ebene Änderungen induzieren lassen, kann dem Verfahren allerdings auch neue Anwendungsbereiche erschließen, wie bei der 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) in Köln deutlich wurde. Dort wurde intensiv auch über Therapiemöglichkeiten bei psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen und Zwangsstörungen diskutiert. So ist Prof. Dr. med. Joachim Klosterkötter, Köln, zufolge bei jedem zweiten therapieresistenten Patienten mit Zwangsstörung durch die tiefe Hirnstimulation eine Besserung der Symptomatik zu erzielen. Noch aber ist das Verfahren bei dieser Indikation im Erprobungsstadium, und es ist unklar, welche Hirnregion stimuliert werden muss, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
Therapieerfolge sind laut Prof. Dr. med. Thomas Schläpfer, Bonn, auch bei der therapieresistenten Depression zu erwirken: „Etwa die Hälfte der Patienten spricht auf die Behandlung an und zeigt eine ungefähr 50-prozentige Besserung der Symptomatik.“ Das ist nach Schläpfer ein beachtliches Resultat bei den massiv vorbehandelten Patienten. Fallberichte zu Behandlungsversuchen mit der THS gibt es nach den Worten des Wissenschaftlers zudem bei der Alkohol- und Heroinabhängigkeit, bei Adipositas, Demenz und Schizophrenie.
Die Aussicht auf Indikationsausweitungen beruht wesentlich auf den guten Langzeiterfahrungen mit der THS bei Bewegungsstörungen. Bereits seit den 80er Jahren werden nach Angaben des Neurologen Dr. med. Niels Allert, Bonn, Parkinsonpatienten sowie Patienten mit essentiellem Tremor per THS behandelt. Die Ergebnisse sind abhängig von der jeweiligen Indikation und auch von der Zielregion der Stimulation im Gehirn.
Ausgeprägte Therapieerfolge gibt es laut Allert, wenn die THS auf den Nucleus ventralis intermedius thalami abzielt, wie es beim medikamentös therapierefraktären Tremor der Fall ist. Parkinsonpatienten reagieren auf die Thalamusstimulation mit einer rund 90-prozentigen und Patienten mit essentiellem Tremor mit einer 70- bis 80-prozentigen Symptomreduktion. Die Patienten sprechen dabei sehr rasch an, der Tremor bessert sich innerhalb von Sekunden. Die Thalamusstimulation führt nicht zu relevanten psychischen oder behavioralen Veränderungen, als Hauptnebenwirkungen nannte Allert hingegen Dysästhesien, Dysarthrie, Ataxie und Gleichgewichtsstörungen.
Weniger gut sind die Erfolge bei der Stimulation des Globus pallidus internus, wie sie bei Dystonien und auch bei fortgeschrittener Parkinson-Erkrankung üblich ist. Realistisch ist eine 40- bis 60-prozentige Besserung, doch auch das ist beachtlich, wie Allert betonte: „Die Möglichkeiten, Menschen mit generalisierter Dystonie zu helfen, sind sonst oft sehr limitiert.“ Problematisch sei jedoch, dass sich die Besserung nicht ad hoc vollziehe, sondern häufig erst über Wochen, Monate und sogar Jahre und dass es keine Prädiktoren gebe, mit denen sich im individuellen Fall das Ansprechen abschätzen lasse. Psychische Veränderungen sind nach Allert auch bei der Stimulation des Globus pallidus internus nicht beschrieben.
Anders sieht das bei der Stimulation des Nucleus subthalamicus aus, wie sie bei Patienten mit fortgeschrittener Parkinson-Erkrankung praktiziert wird. Einerseits können in solchen Fällen durch die THS neben dem Tremor auch Rigor und Akinese gut gebessert werden, so dass eine circa 50- bis 60-prozentige Reduktion der dopaminergen Medikation möglich wird. Andererseits aber kann die THS auch psychosoziale Veränderungen induzieren, ein Phänomen, dass nach Angaben von Kongresspräsident Prof. Dr. med. Gereon Fink, Universitätsklinik Köln, bislang noch zu wenig Beachtung gefunden hat.
Als mögliche Folge der Behandlung ist Allert zufolge das Auftreten von Extroversion, Logorrhö, Hypomanie und Manie beschrieben, aber auch eine reduzierte Kritikfähigkeit, Reizbarkeit und Aggressivität. Manche Patienten entwickelten nach der Stimulation des Nucleus subthalamicus eine Spielsucht oder eine Hypersexualität, und es kann zum Auftreten von Apathie, Ängsten und Depressionen kommen. „Bei etwa zehn Prozent der Patienten ist mit relevanten psychischen Veränderungen zu rechnen“, erklärte Allert in Köln.
Beim DGKN-Kongress wurden erste Ergebnisse des deutsch-kanadischen Projekts ELSA-DBS (Ethical, Legal and Social Aspects of Deep Brain Stimulation) zu dieser Thematik präsentiert. Im Rahmen der Studie wurden nach Angaben von Projektleiterin Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Forschungsstelle Ethik am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uniklinik Köln, 30 Parkinsonpatienten und ihre Angehörigen drei und zwölf Monate nach der THS hinsichtlich einer Persönlichkeitsveränderung des Patienten befragt. Das Ergebnis belegt, dass etwa jeder dritte Patient Charakterveränderungen durch den Eingriff an sich feststellt und dass sogar jeder zweite Angehörige entsprechende Veränderungen der Emotionalität registriert. Diese werden teils als positiv, teils aber auch als negativ beurteilt, wobei es durchaus Diskrepanzen zwischen den Betroffenen und ihren Mitmenschen geben kann.
Unter anderem wird laut Woopen angegeben, dass Patienten im Alltag mehr Selbstsicherheit, Humor und Motivation zeigen sowie eine größere Authentizität und eine höhere Kommunikationsoffenheit. Bei den negativen Veränderungen werden vor allem eine höhere Impulsivität, Unkontrolliertheit und Aggressivität sowie Depressivität und Ungerechtigkeit genannt. Ein häufiges Phänomen scheint zudem eine Veränderung der Emotionalität zu sein: „Acht von zehn Patienten erklären, sie seien ausgeglichener oder auch apathischer, euphorischer oder impulsiver“, sagte Woopen.
Die veränderte Emotionalität kann nicht unerhebliche Konsequenzen auf das weitere Leben haben. So berichtet etwa die Hälfte der Befragten, nach der tiefen Hirnstimulation habe sich die Beziehung zueinander deutlich verändert, wobei dies Woopen zufolge in den meisten Fällen als negativ erlebt wird und Konsequenzen bis hin zu einer Trennung haben kann. Ursache hierfür dürfte aus Sicht der Medizinethikerin das durch die gebesserte Motorik und die damit einhergehende höhere Selbstständigkeit des Patienten geänderte Rollenmuster in der Partnerschaft sein.
Auf solche Reaktionen müssen die Patienten, so die Forderungen beim Kongress, unbedingt vor dem Eingriff vorbereitet werden, zumal sich die Verbesserung der Motorik nicht langsam peu à peu, sondern zum Teil regelrecht schlagartig vollzieht. Patienten, die sich einer THS unterziehen, brauchen, wie Woopen abschließend erklärte, ebenso wie ihre Angehörigen außerdem eine längerfristige psychosoziale Begleitung.
Trotz der potenziellen Folgen für die Identität des Patienten und für dessen Emotionalität und Affekt ist die tiefe Hirnstimulation nach Meinung von Prof. Dr. med. Lars Timmermann, Universitätsklinik Köln, als enormer Fortschritt zu bewerten. „Es ist schon jetzt der größte Fortschritt nach der Entdeckung des L-Dopa“, sagte der Neurologe beim DGKN-Kongress.
Welche Ärzte und Kliniken sind Spezialisten für Tiefe Hirnstimulation?
Obwohl die Methoden und Techniken der Tiefen Hirnstimulation stetig weiterentwickelt und verbessert werden, handelt es sich dennoch um einen invasiven Eingriff. Studien zeigen, dass der Erfolg der Operation maßgeblich von der Erfahrung und Expertise des Operateurs abhängt. Daher sollte die Behandlung möglichst in einem spezialisierten Zentrum erfolgen.
Eine umfassende Betreuung erhalten Patienten durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Fachärzten der Neurologie, Neurochirurgie und Psychosomatik. Hinzu kommen nicht-ärztliche Mitarbeiter, beispielsweise aus der Neuropsychologie oder Logopädie.
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