Übergewicht und Polyneuropathie: Ein komplexer Zusammenhang

Adipositas, oder Fettleibigkeit, gilt als ein Hauptrisikofaktor für die Entwicklung einer peripheren Polyneuropathie, einer der häufigsten neurologischen Erkrankungen überhaupt. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind bisher kaum verstanden, und es existiert bis dato kein kurativer Behandlungsansatz für Menschen mit einer Adipositas-induzierten Neuropathie. Dieser Artikel beleuchtet den komplexen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Polyneuropathie, wobei verschiedene Faktoren wie Stoffwechselparameter, Luftverschmutzung und mögliche Therapieansätze berücksichtigt werden.

Was ist Polyneuropathie?

Das periphere Nervensystem umfasst alle Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks. Diese Nerven sind wichtig, um Reize wahrzunehmen, Muskeln zu bewegen und Organe zu steuern zu können. Entstehen an mehreren solcher Nerven Schäden, kann es zu Missempfindungen und Schmerzen kommen. Man spricht dann von einer Polyneuropathie.

Typische Symptome einer Polyneuropathie sind sensible Reizerscheinungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren und sensible Ausfallerscheinungen wie Pelzigkeitsgefühl, Taubheitsgefühl, Gefühl des Eingeschnürtseins, Schwellungsgefühle sowie das Gefühl, wie auf Watte zu gehen. Oft bestehen eine Gangunsicherheit, insbesondere im Dunkeln, und ein fehlendes Temperaturempfinden mit schmerzlosen Wunden.

Adipositas als Risikofaktor

Die Forschung zeigt, dass Adipositas nicht nur ein Risikofaktor für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, sondern auch für die periphere Polyneuropathie. Eine Querschnittsstudie in JAMA Neurology (2016) fand Nervenschäden bei adipösen Teilnehmern, deren Blutzuckerwerte noch normal waren. Dies deutet darauf hin, dass neben dem Blutzucker auch die Adipositas selbst ein Auslöser der Polyneuropathie sein kann.

Mögliche Mechanismen

Die genauen Mechanismen, wie Adipositas zur Entstehung einer Polyneuropathie beiträgt, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass andere Komponenten des metabolischen Syndroms, wie ein Anstieg von Blutdruck, Triglyzeriden oder LDL-Cholesterin, eine Rolle spielen könnten.

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Adipositas geht einher mit einem erhöhten Leptinspiegel im Blut. Eine chronische Hyperleptinämie korreliert positiv mit der neuropathischen Symptomatik bei Menschen mit Adipositas, was auf einen möglichen Kausalzusammenhang hindeutet.

Luftverschmutzung als zusätzlicher Risikofaktor

Seit einiger Zeit werden Luftschadstoffe als möglicher Risikofaktor für Typ-2-Diabetes und diabetesbedingte Folgeerkrankungen diskutiert. Eine Untersuchung des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) und des Helmholtz Zentrums München ist dem Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und der Häufigkeit und dem Risiko für DSPN (distale sensomotorische Polyneuropathie) in einer bevölkerungsbezogenen Studie an älteren Menschen mit hoher Rate von Typ-2-Diabetes und Adipositas nachgegangen.

Die Ergebnisse zeigen, dass man zwar kein höheres Neuropathie-Risiko bei höherer Luftschadstoffbelastung in der gesamten Studienpopulation oder bei Personen mit Diabetes findet, wohl aber bei Personen mit Adipositas. Adipositas und Luftverschmutzung können somit synergistische Effekte auf die Entwicklung von DSPN haben.

Ernährungsumstellung und Gewichtsverlust

Eine prospektive Kohortenstudie untersuchte die Auswirkungen eines medizinischen Gewichtsmanagementprogramms auf die intraepidermale Nervenfaserdichte (IENFD) bei übergewichtigen Personen. Die Teilnehmer verloren durchschnittlich 12,4 kg, und alle Parameter des metabolischen Syndroms verbesserten sich mit Ausnahme des Blutdrucks. Interessanterweise änderte sich die IENFD im distalen Bein und proximalen Oberschenkel nicht signifikant. Dies deutet darauf hin, dass ein Gewichtsverlust durch Ernährungsumstellung zwar die Stoffwechselparameter verbessert, aber nicht unbedingt zu einer Regeneration der Nervenfasern führt.

Trotzdem war der Gewichtsverlust durch die Ernährungsumstellung mit Verbesserungen aller Stoffwechselparameter außer dem Blutdruck assoziiert. Beide IENFD-Ergebnisse blieben auch nach 2 Jahren stabil. Dies könnte bedeuten, dass ein Gewichtsverlust zumindest das Fortschreiten der Neuropathie stabilisieren kann.

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Diagnose und Behandlung

Die klinische Diagnose einer Polyneuropathie wird anhand von Anamnese und dem klinisch-neurologischen Befund gestellt. In der Krankengeschichte wird nach typischen Symptomen, dem Erkrankungsverlauf, nach Vorerkrankungen und Begleiterkrankungen sowie nach der Familienanamnese gefragt. In einer neurologischen Untersuchung werden Muskelkraft, Sensibilität und Muskeleigenreflexe geprüft. Am häufigsten beginnen die Symptome und Ausfälle an den unteren Extremitäten, meist an den Füßen oder Fußspitzen.

Entscheidend ist stets die Behandlung der Grunderkrankung, z. B. bei Diabetes mellitus eine Verbesserung der Blutzuckereinstellung oder das strikte Vermeiden von Alkohol. Bei autoimmunvermittelten, entzündlichen Polyneuropathien gibt es verschiedene gegen die Entzündung wirkende Medikamente (Immunglobuline, Kortikoide, Immunsuppressiva). Bei schweren Verläufen kann auch eine Blutwäsche durchgeführt werden.

Zusätzlich ist eine begleitende Schmerztherapie wichtig. Sie erfolgt meist mit Antidepressiva oder Antikonvulsiva. Genügt das nicht, um die Schmerzen ausreichend zu lindern, können starke Schmerzmittel wie Opioide helfen.

Tipps für den Alltag

Für alle Polyneuropathien gilt:

  • Regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen
  • Tragen von bequemem Schuhwerk
  • Meidung von Druck
  • Nutzung professioneller Fußpflege
  • Verbesserung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung (150 min Ausdauersport/Woche z. B. Walken, Radfahren)

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Polyneuropathie ist komplex und vielschichtig. Adipositas, insbesondere in Verbindung mit anderen Faktoren wie Luftverschmutzung und metabolischen Störungen, kann das Risiko für die Entwicklung einer Polyneuropathie erhöhen. Obwohl ein Gewichtsverlust durch Ernährungsumstellung die Stoffwechselparameter verbessern und möglicherweise das Fortschreiten der Neuropathie stabilisieren kann, ist eine umfassende Behandlung erforderlich, die sowohl die Grunderkrankung als auch die Symptome berücksichtigt.

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Weitere Forschung ist notwendig, um die genauen Mechanismen aufzuklären, wie Adipositas und Luftverschmutzung zur Entstehung einer Polyneuropathie beitragen, und um gezielte Therapieansätze zu entwickeln. Präventive Maßnahmen zur Reduzierung von Adipositas und Luftverschmutzung sind von entscheidender Bedeutung, um das Risiko für diese und andere damit verbundene Erkrankungen zu senken.

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