Die Ulzibat-Methode, auch bekannt als perkutane Myofasziotomie (pMF), ist ein minimalinvasives Verfahren zur Behandlung von Spastik, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit Zerebralparese. Dieser Artikel beleuchtet die Methode, ihre Anwendung, die Erfahrungen von Betroffenen und die Bedeutung einer umfassenden Betreuung.
Was ist Spastik?
Spastik ist eine Bewegungsstörung, die durch einen erhöhten Muskeltonus gekennzeichnet ist. Dies führt zu unwillkürlichen Muskelkontraktionen, Steifheit und Schwierigkeiten bei der Bewegungskontrolle. Spastik kann verschiedene Ursachen haben, darunter frühkindliche Hirnschädigungen (wie bei Zerebralparese), Rückenmarksverletzungen oder genetisch bedingte Erkrankungen wie Hereditäre Spastische Spinalparalysen (HSP).
Hereditäre Spastische Spinalparalysen (HSP)
HSP umfasst eine Gruppe seltener, genetisch bedingter Erkrankungen, die durch fortschreitende Spastik und Schwäche der Beine gekennzeichnet sind. Zusätzliche Symptome können Koordinationsstörungen (Ataxie), kognitive Beeinträchtigungen, Sprech- und Schluckstörungen, Sehstörungen sowie Blasen- und Mastdarmstörungen sein. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch genetische Untersuchungen.
Die Leitsymptome der HSP - eine zunehmende Schwäche und Spastik der Beine - gehen auf eine Fehlfunktion der langen motorischen Rückenmarksbahn (Pyramidenbahn) zurück, über die Bewegungsimpulse vom Gehirn an die Beine übermittelt werden. Zunächst werden sog. symptomatische Ursachen dieser Fehlfunktionen ausgeschlossen, so z.B. Entzündungen, Stoffwechselstörungen oder Raumforderungen wie Bandscheibenvorfälle oder Tumore. Folgende Untersuchungen können unter anderem dazu hilfreich sein: Kernspintomographie von Gehirn und Rückenmark, ev. mit Gabe von KontrastmittelNervenwasserungersuchung: Diese dient v.a. Entscheidend für die Diagnosestellung einer HSP sind genetische Untersuchungen. Diese stellen die einzige Möglichkeit dar, die Diagnose einer HSP zweifelsfrei zu sichern und ermöglichen in einigen Fällen eine gezieltere Behandlung der Erkrankung. Mit modernen diagnostischen Verfahren wie einer Exom- oder Genomsequenzierung lässt sich die Diagnose einer HSP derzeit in rund zwei Drittel der Fälle sichern. Für die genetische Untersuchung benötigen wir zumeist nur eine Blutprobe; seltener sind weiterführende Untersuchungen z.B. aus einer Hautprobe notwendig.
Obwohl es für viele genetische Unterformen der HSP derzeit keine molekularen Therapieansätze gibt, sind körperliche Bewegung, Sport und regelmäßige Physiotherapie (möglichst zweimal wöchentlich) von großer Bedeutung. Im Rahmen des Forschungsnetzwerkes TreatHSP wurde das Moove-Trainingsprogramm entwickelt, ein spezielles Physiotherapieprogramm für HSP-Patienten. Viele Symptome der HSP lassen sich medikamentös lindern. Bei Spastik können antispastische Medikamente eingesetzt werden, um Schmerzen, Verspannungen, Muskelzuckungen oder Bewegungseinschränkungen zu reduzieren. In seltenen Fällen können operative Therapien wie Sehnenverlängerungen oder die Myofasziotomie (Ulzibat-Methode) hilfreich sein, sollten jedoch nur nach ausführlicher Beratung in einem interdisziplinären Team aus Orthopäden und Neurologen eingesetzt werden. Der bewusste Einsatz von Hilfsmitteln kann die Gangsicherheit, Mobilität und den Bewegungsradius im Alltag verbessern und somit die Lebensqualität steigern.
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Zerebralparese (CP) und Spastik
Jedes Jahr erleiden rund 1.400 Kinder eine frühkindliche Hirnschädigung, oft mit Spastik als Folge. Die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen mit schweren spastischen und dystonen Bewegungsstörungen kann durch Schmerzen, Schlafstörungen und Unruhezustände erheblich eingeschränkt sein.
Die Ulzibat-Methode (Perkutane Myofasziotomie)
Die perkutane Myofasziotomie (pMF), auch Ulzibat-Methode genannt, ist ein minimalinvasives Verfahren, bei dem verklebte Faszien, die die Muskeln umhüllen, durchtrennt werden. Dies ermöglicht es den Muskeln, sich wieder besser zu bewegen und Fehlstellungen sowie Funktionsstörungen zu korrigieren. Der Eingriff erfolgt in der Regel unter Narkose und erfordert nur einen kurzen stationären Aufenthalt.
Ablauf der Ulzibat-Methode
Bei der Ulzibat-Methode werden durch kleine Hautschnitte spezielle Instrumente eingeführt, um die Faszien, die die Muskeln umgeben, zu lockern oder zu durchtrennen. Dies soll die Muskelspannung reduzieren und die Beweglichkeit verbessern.
Vorbereitung und Untersuchung
Vor dem Eingriff erfolgt eine umfassende Untersuchung, um die Eignung des Patienten für die Ulzibat-Methode zu beurteilen. Eine Ganganalyse kann durchgeführt werden, um das Gangbild zu analysieren und die betroffenen Muskeln zu identifizieren. Hierbei wird die Gangfunktion einschließlich genauer Bestimmung der Gelenkwinkelverläufe von Hüfte-, Knie und Sprunggelenk sowie entsprechende Gelengbelastungen und -Leistungen beim Gehen dreidimensional erfasst. Darüber hinaus wird über dynamische Elektromyographie die Aktivität der oberflächlich liegenden Muskulatur beim Gehen bestimmt. Die Methode eignet sich damit zur detaillierten Diagnostik der Gangfunktion, die durch typische bildgebende Verfahren wie MRT und CT nicht zugänglich ist, da diese allein die Anatomie, nicht jedoch die Funktion bzw. Fehlfunktion darstellen.
Zur Durchführung der instrumentellen 3D-Ganganalyse wird zunächst ein Video aufgenommen, während der Patient mehrfach über eine Gehstrecke geht. Anschließend werden kleine reflektierende Kugeln auf der Haut aufgeklebt, um die Bewegung der Körpersegmente zu erfassen. Über im Boden integrierte Kraftmessplatten werden Bodenreaktionskräfte bestimmt, die eine Berechnung der Gelenkmomente und Gelenkleistungen ermöglichen. Für die dynamische Elektromyographie-Untersuchung werden zusätzlich Klebeelektroden auf die Haut über die interessierende Muskulatur geklebt und die Muskelaktivität beim Gehen aufgezeichnet. Eine ausführliche klinische Untersuchung mit Erhebung der Bewegungsausmaße der großen Gelenke der unteren Extremität sowie der Kraft und ggfs.
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Der Eingriff
Die pMF wird unter Narkose durchgeführt. Durch kleine Hautschnitte werden spezielle Instrumente eingeführt, um die Faszien zu durchtrennen oder zu lockern. Die Anzahl und Lage der Schnitte hängen von den betroffenen Muskeln und dem Ausmaß der Spastik ab.
Nachbehandlung
Nach der Operation ist eine intensive Physiotherapie erforderlich, um die neu gewonnene Beweglichkeit zu nutzen und die Muskeln zu stärken. In einigen Fällen werden Lagerungsorthesen zur Fixierung der Beine eingesetzt.
Erfahrungen mit der Ulzibat-Methode
Berichte von Betroffenen und ihren Familien zeigen, dass die Ulzibat-Methode zu positiven Ergebnissen führen kann. Verbesserungen in der Beweglichkeit, Reduktion der Spastik und eine verbesserte Lebensqualität sind häufige Ergebnisse. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Ulzibat-Methode nicht für jeden geeignet ist und die Ergebnisse individuell variieren können.
Oliver's Geschichte
Oliver, ein HSP-Betroffener mit einer Mutation im SPG4-Gen, berichtet von seinen Erfahrungen mit der Ulzibat-Methode. Nach einer Voruntersuchung wurde er als geeignet für den Eingriff eingestuft. Die Operation wurde in München durchgeführt, wobei während des Eingriffs mehr korrigiert werden musste als ursprünglich geplant. Nach der Operation erhielt Oliver intensive Krankengymnastik und Lymphdrainage.
In einer Rehaklinik setzte Oliver sein Rehaprogramm fort, das Physiotherapie, Bewegungstherapie und Massagen umfasste. Er erlebte deutliche Verbesserungen seiner Beweglichkeit und fühlte sich wie Forrest Gump, der seine Schienen verloren hat.
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Auch nach seiner Rückkehr nach Hamburg setzte Oliver sein Training fort, um die fehlerhaften Bewegungsabläufe, die er sich über Jahre angeeignet hatte, abzutrainieren. Er betont, dass die Ulzibat-Methode nur die Grundlage für weitere Verbesserungen bildet und dass kontinuierliche Arbeit und hohe Energie erforderlich sind, um die Beweglichkeit wiederherzustellen.
Helmut's Geschichte
Helmut, ein 60-jähriger HSP-Patient (SPG4), berichtet von zunehmenden Problemen beim Gehen seit etwa 20 Jahren. Nach mehreren Reha-Maßnahmen entschloss er sich zur Ulzibat-Methode. Nach einer Untersuchung wurde ein OP-Termin vereinbart, und es wurde eine 3D-Ganganalyse durchgeführt, um die Ergebnisse der Untersuchung zu bestätigen.
Die Operation wurde unter Vollnarkose durchgeführt, wobei an acht Stellen an den unteren Extremitäten der Eingriff erfolgte. Nach dem Aufwachen trug Helmut Mecron Knieschienen, um das permanente Anziehen der Beine zu unterbinden. Er war erstaunt über die neuen Ausmaße seiner Beweglichkeit und konnte bereits einen Tag später mit einem Rollator ins Bad gehen.
Nach der Entlassung trug Helmut die Knieschienen sechs Wochen Tag und Nacht und weitere sechs Wochen nur noch nachts. In dieser Zeit absolvierte er vermehrte Physiotherapie mit dem Fokus auf Bewegen und Dehnen. Er nahm eine deutliche Verbesserung der Beweglichkeit und der Bewegungsausmaße wahr.
David's Geschichte
David, ein junger Mann mit einer Spontanmutation am SPG4-Gen, unterzog sich ebenfalls der Ulzibat-Methode. Vor und nach der Operation wurden Videos im Ganglabor aufgenommen, um die Entwicklung seines Bewegungsvermögens zu dokumentieren.
Weitere Behandlungsoptionen bei Spastik
Neben der Ulzibat-Methode gibt es weitere Behandlungsoptionen für Spastik, darunter:
- Medikamentöse Therapie: Antispastische Medikamente wie Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen können eingesetzt werden, um den Muskeltonus zu reduzieren.
- Botulinumtoxin-Injektionen: Botulinumtoxin (Botox) kann in bestimmte Muskeln injiziert werden, um die Muskelaktivität zu reduzieren.
- Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Bei der ITB wird Baclofen direkt in das Rückenmark abgegeben, was eine höhere Konzentration des Medikaments im Zielgebiet ermöglicht und die Nebenwirkungen reduziert.
- Physiotherapie: Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Spastik. Sie hilft, die Muskeln zu dehnen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Funktion zu erhalten.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Aktivitäten des täglichen Lebens zu erleichtern und die Selbstständigkeit zu fördern.
- Osteopathie: Osteopathie ist eine Komplementärmedizin, die darauf abzielt, Blockaden und Verspannungen im Körper zu lösen.
Die Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Behandlung von Spastik erfordert oft die Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten, darunter Neurologen, Orthopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Psychologen. Eine interdisziplinäre Betreuung kann sicherstellen, dass die individuellen Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt werden und ein umfassender Behandlungsplan entwickelt wird.