Untere motorische Neuron Blase: Ursachen, Symptome und Behandlung

Eine neurogene Blase ist eine Funktionsstörung der Harnblase, die durch eine Störung der Nervenversorgung verursacht wird. Diese Erkrankung kann das normale Füll- und Entleerungsmuster der Blase erheblich beeinträchtigen. Die Ursachen und Symptome sind vielfältig und hängen von der Lage und dem Ausmaß der neurologischen Schädigung ab.

Einführung in die Thematik

Die Harnblase des Menschen hat einerseits die Funktion, Urin zu speichern, und andererseits die Aufgabe, sich ab einer Urinfüllung von etwa 300 - 450 ml durch Kontraktion (Zusammenziehen) zu entleeren. Die muskuläre Entspannung während der Urinspeicherphase und die Kontraktion während der Entleerungsphase (Miktion) werden vom Gehirn über sensible und motorische Nervenzellen (afferente und efferente Neuronen) gesteuert. Aufgrund zahlreicher Erkrankungen, aber auch durch bislang unerforschte Ursachen (idiopathische Ursachen), kann diese Nervensteuerung gestört sein, sodass es unabhängig vom aktuellen Füllungsvolumen der Harnblase sowohl am Tage wie auch in der Nacht zu plötzlichem und unerwartetem Harndrang (Urge) kommt.

Definition der Polyneuropathie

Unter einer Polyneuropathie versteht man eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen das periphere Nervensystem außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks geschädigt ist. Die Nerven steuern die Muskeltätigkeit, tragen das Körpergefühl und die Wahrnehmung auf der Haut und beeinflussen die Funktion der inneren Organe. Bei einer Polyneuropathie ist die Reizweiterleitung der Nerven gestört. Reize werden nicht, zu stark oder abgeschwächt an das Gehirn geleitet. Kommandos vom Gehirn werden nicht mehr zuverlässig an die Muskeln und die inneren Organe weitergeleitet. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten der Schädigung:

  • Bei der demyelinisierenden Polyneuropathie zerfällt die Isolation um die Nervenfasern herum, sodass die elektrischen Impulse in der Nervenfaser nicht mehr richtig weitergeleitet werden.
  • Bei der axonalen Polyneuropathie geht die Nervenfaser selbst kaputt. Beide Formen können auch in Kombination auftreten.

In den meisten Fällen liegt einer Polyneuropathie eine Stoffwechsel-Erkrankung zugrunde. Sie tritt nur selten allein, z.B. als Erbkrankheit auf. Insgesamt gibt es mehr als 2.000 Auslöser für eine Polyneuropathie. Die häufigsten Ursachen sind jedoch mit Abstand Diabetes und Alkoholmissbrauch.

Ursachen der neurogenen Blase

Die Ursachen für eine neurogene Blase sind vielfältig und lassen sich basierend auf den betroffenen neurologischen Segmenten und physiopathologischen Mechanismen klassifizieren:

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Rückenmarksschädigungen:

  • Zervikal und Thorakal: Verletzungen oberhalb des sakralen Blasenzentrums (S2-S4) führen oft zu einer spastischen Blase und unkontrollierten Reflexkontraktionen.
  • Lumbal und Sakral: Verletzungen auf dieser Höhe können zu einer schlaffen Blase und Harnverhalt führen.

Zentrale neurologische Erkrankungen:

  • Multiple Sklerose (MS): Demyelinisierende Läsionen können die Blasenkontrolle beeinträchtigen, was oft zu gemischten Symptomen führt.
  • Parkinson-Krankheit: Die dopaminerge Dysfunktion wirkt sich auch auf die Blasenentleerung aus.
  • Neurodegenerative Erkrankungen: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Eine schwerwiegende neurodegenerative Erkrankung, die sowohl obere als auch untere Motoneuronen betrifft.

Periphere neuropathische Ursachen:

  • Langzeitdiabetes: Hyperglykämie führt zur diabetischen Polyneuropathie, einschließlich der Nerven, die die Blase steuern.
  • Periphere Nervenverletzungen: Traumata oder chirurgische Eingriffe können die periphere Blaseninnervierung beeinträchtigen.
  • Hereditäre Neuropathien: Charcot-Marie-Tooth-Krankheit. Eine Gruppe genetisch bedingter peripherer Neuropathien, die die Blasenfunktion beeinträchtigen können.

Weitere Ursachen:

  • Neurotoxische Substanzen: Chemotherapie: Einige chemotherapeutische Medikamente können neurotoxisch wirken und Blasenkontrollstörungen hervorrufen. Alkoholmissbrauch: Chronischer Missbrauch kann zu einer alkoholbedingten peripheren Neuropathie führen.
  • Autoimmunerkrankungen: Guillain-Barré-Syndrom: Eine akute entzündliche demyelinisierende Polyneuropathie, die zu temporären oder dauerhaften Blasenstörungen führen kann.
  • Entzündliche Erkrankungen: Transverse Myelitis: Eine entzündliche Erkrankung des Rückenmarks, die sowohl die sensorische als auch die motorische Funktion der Blase beeinträchtigen kann. Neurosarkoidose: Sarkoidose, die das Nervensystem betrifft und zur neurogenen Blase führen kann.
  • Infektionserkrankungen: Neuroborreliose: Eine durch Borrelia burgdorferi verursachte neurologische Manifestation der Lyme-Borreliose, die die Blasenkontrolle stören kann. Poliomyelitis: Eine virale Infektion, die motorische Neuronen im Rückenmark zerstört und zur Lähmung der Blasenmuskulatur führen kann.
  • Traumatische Hirnverletzungen: Schädel-Hirn-Traumata: Verletzungen des Gehirns, die die Kontrolle über die Blase beeinträchtigen können, insbesondere wenn sie das Frontalhirn oder die Basalganglien betreffen.
  • Tumoren: Spinale Tumoren: Tumoren des Rückenmarks, die Druck auf die Blasenkontrollzentren ausüben und neurologische Schädigungen verursachen können. Intrakranielle Tumoren: Gehirntumoren, insbesondere solche, die Hirnregionen betreffen, die an der Blasenkontrolle beteiligt sind.
  • Ischämische Schädigungen: Schlaganfall (zerebrovaskulärer Unfall): Eine Unterbrechung der Blutzufuhr zum Gehirn, die zu Funktionsstörungen der Blase führen kann. Spinale vaskuläre Schäden: Z.B. durch Rückenmarksinfarkt.
  • Degenerative Wirbelsäulenerkrankungen: Bandscheibenvorfälle: Hernien, die auf die Spinalnervenwurzeln drücken und Blasenfunktionsstörungen verursachen können. Spinalkanalstenose: Eine Verengung des Rückenmarkskanals, die zu einer Kompression der Nerven führt.
  • Kongenitale Anomalien: Spina bifida: Kongenitale Defekte, bei denen die Rückbildung des Neuralrohrs unvollständig ist, verursachen oft neurogene Blasen. Andere kongenitale Fehlbildungen: z.B. kaudale Regressionssyndrome und Tethered Cord Syndrom.

Symptome einer Polyneuropathie

Die Symptome beginnen meistens an den Füßen, später an den Händen, und steigen dann langsam auf, Richtung Körpermitte.

  • Kribbeln
  • Stechen
  • Taubheitsgefühle
  • Schwellungsgefühle
  • Druckgefühle
  • Gangunsicherheit
  • fehlerhaftes Temperaturempfinden

Eine Kombination verschiedener Symptome ist bei Polyneuropathie möglich. Bei den meisten Diabetikern besteht in Folge des Diabetes eine Polyneuropathie. Die Symptome zeigen sich zuerst und vor allem im Fuß. Es beginnt meistens mit einem Kribbeln oder Brennen im Fuß. Im späteren Verlauf treten wegen fehlendem Gefühl im Fuß schmerzlose und schlecht heilende Wunden auf, die zu einer Nekrose (schwarzer Verfärbung und Absterben von Zehen, Fuß usw.) führen können (Diabetischer Fuß).

Hauptsymptome der neurogenen Blase

  • Blasenspeicherstörung (Spastische neurogene Blase): Dies bezieht sich auf die Unfähigkeit, den Urin in der Blase zu speichern. Folgen sind unter anderem:
    • Erhöhter Harndrang.
    • Dranginkontinenz (häufiger unkontrollierter Urinverlust aufgrund plötzlicher Blasenkontraktion).
    • Pollakisurie (häufiges Wasserlassen kleiner Mengen).
    • Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie
  • Blasenentleerungsstörung (Schlaffe neurogene Blase): Diese tritt auf, wenn die Blase nicht vollständig entleert werden kann. Folgen sind unter anderem:
    • Schwierigkeiten beim Beginn der Miktion.
    • Unterbrochener oder schwacher Harnstrahl.
    • Gefühl einer unvollständigen Entleerung.
    • Harnverhalt und Harnretention (vollständige Unfähigkeit, die Blase zu entleeren)
  • Sekundäre Symptome: Dies sind Symptome die durch Blasenstörungen verursacht werden können:
    • Wiederkehrende Harnwegsinfektionen: Durch unvollständige Entleerung bleibt Urin in der Blase, was ein fruchtbarer Boden für Bakterien ist.
    • Schäden der Harnblase und der oberen Harnwege: Harnverhalt kann zu Hydroureter und Hydronephrose und letztlich zu chronischen Nierenschäden führen.
    • Ein akuter Harnverhalt ist darüber hinaus ein Notfall, bei dem die Blase voll ist, aber keine Urinausscheidung stattfindet. Dies kann durch eine Blockade der Harnwege, neurologische Probleme oder Muskelschwäche verursacht werden.

Speicher- und Entleerungsstörungen können in Abhängigkeit von der neurogenen Ursache auch gemeinsam auftreten.

Diagnostik bei Neurogener Blase

Ein multidisziplinärer Ansatz ist notwendig, um eine neurogene Blase korrekt zu diagnostizieren. Die Diagnose basiert auf einer ausführlichen klinischen Untersuchung und spezifischen diagnostischen Tests:

  • Anamnese und klinische Untersuchung: Umfassende medizinische Anamnese, die auf neurologische Erkrankungen und frühere Operationen oder Verletzungen fokussiert. Physische und neurologische Untersuchung zur Beurteilung von Sensation (Empfindungen oder sensorischen Fähigkeiten) und Motorik in unteren Extremitäten und Becken.
  • Urodynamische Untersuchungen:
    • Zystometrie: Misst die Blasendruck-Volumen-Beziehung während der Füllung.
    • Druck-Fluss-Studien: Identifiziert obstruktive und funktionelle Miktionsstörungen.
    • Elektromyographie (EMG): Überwacht die Muskelaktivität des Blasenschließmuskels während der Füllungs- und Entleerungsphasen.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Ultraschall: Beurteilung der Blase, der Nieren und der anatomischen Struktur vor und nach dem Wasserlassen.
    • Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT): Gut zur Identifizierung von Nervenschäden oder Pathologien im Zentralnervensystem.
  • Endoskopische Untersuchung: Zystoskopie: Ermöglicht die direkte Visualisierung der Harnröhre und der Blase zur Identifikation von strukturellen Anomalien oder Tumoren.

Behandlungsansätze

Die Behandlung richtet sich nach der spezifischen Art der neurogenen Blasenstörung und der Grunderkrankung. Sie umfasst konservative, medikamentöse und chirurgische Maßnahmen.

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Konservative Therapie:

  • Blasen- und Beckenbodentraining: Verhaltensinterventionen und Übungen, die helfen, die Blasenkontrolle zu verbessern.
  • Biofeedback und Elektrostimulation: Techniken zur Verbesserung der Blasenkontrolle und Muskelstärkung.

Medikamentöse Therapie:

  • Anticholinergika: Zur Kontrolle hyperaktiver Blasenmuskeln, um unfreiwillige Kontraktionen zu reduzieren.
  • Alpha-Blocker: Entspannen die Blasenmuskulatur und den Blasenauslass, erleichtern das Wasserlassen.
  • Intravesikale Botulinumtoxin-Injektionen: Reduzieren unkontrollierte Blasenkontraktionen durch Lähmung der Blasenwand.

Invasive Therapien:

  • Intermittierende Katheterisierung: Periodische Einlage eines Katheters zur Blasenentleerung.
  • Dauerhafte Katheterisierung: Suprapubischer Katheter oder Blasenstoma, falls intermittierende Katheterisierung nicht möglich ist.
  • Sakrale Neuromodulation: Implantation eines Geräts, das elektrische Stimulation der sakralen Nerven bietet und die Blasenfunktion moduliert.

Chirurgische Eingriffe:

  • Blasenaugmentation (Vergrößerung der Blasenkapazität) oder Neoblastersatz.

Die Botulinumtoxin-Therapie

Bei der „overactive bladder“ oder Urgeinkontinenz werden vermehrt und unkoordiniert Nervenimpulse auf den Harnblasenmuskel übertragen, die eine unkontrollierte und häufige Muskelkontraktion der Harnblase auslösen. Dieser Prozess wird durch Botulinum-Injektionen weitestgehend unterbunden. Botulinumtoxin Typ A, welches in medizinisch genutzten Dosierungen für den Organismus ungiftig ist und die vermehrte Signalübertragung von Nervenzellen teilweise blockiert. Infolge der therapeutischen Botulinumtoxin-Verabreichung (Applikation) in den Harnblasenmuskel entspannt sich dieser.

Die Harnblase ist somit wieder in der Lage, ein ausreichendes Urinvolumen zu speichern und die Häufigkeit von störenden und ungelegenen Toilettengängen (Miktionsfrequenz) nimmt signifikant ab. Auch der unangenehme Harndrang (Urge) - also das Gefühl, häufig auf die Toilette gehen zu müssen - wird infolge einer kontrollierteren Nervenimpulsstimulation der Blasenmuskulatur durch Botulinumtoxin nachhaltig verbessert. In der Folge ist zum Beispiel ein Durchschlafen in der Nacht aufgrund fehlender Nykturie (nächtliches Urinieren) wieder möglich und die Fähigkeit, den Urin wieder halten zu können (Kontinenzvermögen), macht das Tragen von Windeleinlagen meist nicht mehr erforderlich.

Die Behandlung mit Botulinumtoxin ist ein etabliertes minimal-invasives Verfahren zur Therapie der überaktiven Reizblase (OAB) und Urgeinkontinenz. In einer kurzen Vollnarkose oder auch in einer örtlichen Betäubung wird über ein Zystoskop (Endoskop) die Harnblase gespiegelt und über eine winzige Kanüle, die über die Harnblasenschleimhaut in den Harnblasenmuskel eingeführt wird, werden 10 - 20 Botulinumtoxin-Depots mit je 0,5 - 1 ml appliziert. Die gesamte Behandlung dauert zirka 15 - 30 Minuten und erfolgt in der Regel ambulant.

Blasenaugmentation

Die Blasenaugmentation, auch bekannt als Zystoplastik, ist ein chirurgisches Verfahren, das darauf abzielt, die Kapazität der Harnblase zu erhöhen. Diese Methode findet besonders im Kontext der Behandlung der neurogenen Blase Anwendung. Eine neurogene Blase tritt auf, wenn die Nerven, die die Blasen- und Harnfunktion steuern, beeinträchtigt sind. Dies kann durch neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Rückenmarksverletzungen oder spina bifida verursacht werden.

Die Blasenaugmentation wird dann in Betracht gezogen, wenn konservative Therapien wie Medikamente oder intermittierender Katheterismus nicht ausreichen, um die Symptome zu kontrollieren. Bei diesem Verfahren wird die Blase chirurgisch vergrößert, indem ein Teil des Darms verwendet wird, um die Blase zu erweitern. Dadurch kann mehr Urin gespeichert werden, was die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern kann.

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Vor der Operation wird eine gründliche Evaluierung durchgeführt, um die Eignung des Patienten für die Blasenaugmentation festzustellen. Der Eingriff selbst besteht darin, einen Abschnitt des Darms, normalerweise Ileum oder Kolon, zu entnehmen und diesen mit der vorhandenen Blasenwand zu verbinden. Diese Darmintegration bewirkt eine Vergrößerung des Blasenvolumens und verbessert so die Speicherkapazität.

Lebensstil und Prävention

Ein proaktiver Lebensstil und geeignete Vorsorgemaßnahmen können helfen, das Fortschreiten der Erkrankung und Komplikationen zu verhindern:

  • Hygiene und Flüssigkeitsaufnahme: Regelmäßiges Entleeren und ausreichende Flüssigkeitszufuhr, um Harnwegsinfektionen zu verhindern.
  • Gesunde Ernährung: Vermeidung uropathogener Substanzen und Förderung einer ballaststoffreichen Diät zur Vermeidung von Verstopfung, die die Blasenkontrolle verschlechtern kann.
  • Regelmäßige medizinische Nachsorge: Ständige Überwachung und Anpassung der Therapie durch spezialisierte Fachärzte.

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