Der Sehnerv, auch Nervus opticus genannt, spielt eine zentrale Rolle für unser Sehvermögen, da er die visuellen Informationen vom Auge zum Gehirn transportiert. Eine Schädigung dieses Nervs kann zu erheblichen Beeinträchtigungen des Sehvermögens bis hin zur Erblindung führen. Umso wichtiger ist es, Erkrankungen des Sehnervs frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Methoden zur Untersuchung des Sehnervs, ihre Anwendungsbereiche und ihre Bedeutung für die Früherkennung und Verlaufskontrolle von Augenerkrankungen.
Die Bedeutung des Sehnervs für das Sehvermögen
Der Sehnerv ist die direkte Verbindung zwischen der Netzhaut des Auges und dem Gehirn. Er besteht aus Millionen von Nervenfasern, die die von den Lichtsinneszellen der Netzhaut erzeugten elektrischen Impulse zum Gehirn leiten. Dort werden diese Impulse verarbeitet und in Bilder umgewandelt. Eine Schädigung des Sehnervs kann die Übertragung dieser Signale beeinträchtigen und somit das Sehvermögen beeinträchtigen.
Erkrankungen des Sehnervs
Verschiedene Erkrankungen und Zustände können den Sehnerv schädigen. Zu den häufigsten gehören:
- Glaukom (Grüner Star): Eine Gruppe von Erkrankungen, die durch einen erhöhten Augeninnendruck gekennzeichnet sind, der den Sehnerv schädigen kann.
- Optikusneuritis: Eine Entzündung des Sehnervs, die zu einer plötzlichen Sehverschlechterung führen kann.
- Anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION): Eine Erkrankung, die durch eine unzureichende Blutversorgung des Sehnervs verursacht wird und zu einem plötzlichen Sehverlust führen kann.
- Leber'sche hereditäre Optikusneuropathie (LHON): Eine seltene, erblich bedingte Erkrankung, die zu einem raschen Sehverlust führen kann.
- Hypophysentumore: Tumore der Hirnanhangsdrüse, die auf den Sehnerv drücken und Sehstörungen verursachen können.
- Meningeome: Gutartige Tumore, die den Sehnerv komprimieren können.
- Schlaganfall (Apoplex): Ein Schlaganfall kann sich isoliert an der Sehrinde manifestieren und zu Gesichtsfeldausfällen führen.
- Pseudotumor cerebri: Eine Erkrankung, bei der der Hirndruck erhöht ist, was zu einer Schwellung des Sehnervs führen kann.
- Endokrine Orbitopathie: Eine Autoimmunerkrankung, die zu einem Wachstum der Augenmuskeln und des orbitalen Fettgewebes führen kann, was den Sehnerv beeinträchtigen kann.
- Diabetische Retinopathie: Schädigung der Netzhaut und des Sehnervs aufgrund von Diabetes.
- Gefäßverschlüsse: Mangelnde Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr zum Nerv, was zum Absterben von Neuronen und Sehverlust führt.
Methoden zur Untersuchung des Sehnervs
Um Erkrankungen des Sehnervs frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, stehen verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Diese lassen sich in zwei Hauptkategorien einteilen:
Klinische Untersuchungsmethoden
- Ophthalmoskopie (Augenspiegelung): Bei dieser Untersuchung betrachtet der Augenarzt den Augenhintergrund, einschließlich des Sehnervenkopfes (Papille), mit einem Ophthalmoskop. Dabei kann er Veränderungen der Papille, wie z.B. eine Aushöhlung oder eine Schwellung, erkennen, die auf eine Erkrankung des Sehnervs hindeuten können. Die Pupille wird erweitert, um eine klare Sicht auf den Sehnervenkopf zu ermöglichen.
- Spaltlampen-Biomikroskopie: Die Spaltlampe ermöglicht eine detaillierte Untersuchung des Sehnervenkopfes und der umliegenden Strukturen.
- Tonometrie (Augeninnendruckmessung): Der Augeninnendruck wird gemessen, da ein erhöhter Druck ein Risikofaktor für das Glaukom ist. Es gibt verschiedene Methoden zur Messung des Augeninnendrucks, z.B. die Applanationstonometrie. Ein gesundes Auge weist Normalwerte zwischen 10 bis 18 mmHg auf.
- Perimetrie (Gesichtsfelduntersuchung): Bei dieser Untersuchung wird das Gesichtsfeld des Patienten vermessen. Dabei werden dem Patienten Lichtpunkte an verschiedenen Stellen im Raum präsentiert, und er muss angeben, wann er diese sieht. So können Gesichtsfeldausfälle, die auf eine Schädigung des Sehnervs hindeuten können, erkannt werden.
- Fundusfotografie: Erlaubt hochauflösende Bilder des Sehnervenkopfes und der Netzhaut.
Bildgebende Verfahren
- Optische Kohärenztomographie (OCT): Die OCT ist ein modernes bildgebendes Verfahren, das hochauflösende Querschnittsbilder der Netzhaut und des Sehnervenkopfes erstellt. Mit der OCT kann die Dicke der Nervenfaserschicht der Netzhaut (Retina) gemessen werden, die bei Erkrankungen wie dem Glaukom abnimmt. Die OCT ermöglicht es, Schäden am Sehnerv bereits in einem sehr frühen Stadium zu erkennen, oft Jahre bevor sie mit anderen Methoden sichtbar werden. Die OCT nimmt innerhalb weniger Sekunden hochauflösende Bilder von den tieferliegenden Schichten der Netzhaut auf. Selbst durch getrübte Schichten hindurch wie z.B. die durch einen grauen Star milchig wirkende Augenlinse funktioniert diese Technologie.
- 3D-Sehnervenvermessung (OCT): Die Optische Kohärenztomographie (OCT) ermöglicht eine hochpräzise 3D-Darstellung der Netzhaut und des Sehnervenkopfes. Mit diesem modernen bildgebenden Verfahren lassen sich Veränderungen, wie sie bei einer Erkrankung am Grünen Star (Glaukom) auftreten, bereits in sehr frühen Stadien erkennen und das oft lange bevor die Sehkraft beeinträchtigt ist.
- Optische Kohärenztomographie-Angiografie (OCT-A): Eine erweiterte Form der OCT, die nicht nur hochauflösende Querschnittsbilder der retinalen Schichten liefert, sondern auch die retinale Mikrozirkulation bildlich darstellen kann, und zwar ohne die Notwendigkeit von intravenösen Farbstoffinjektionen wie bei der herkömmlichen Fluoreszein-Angiografie (FFA).
- Computertomographie (CT): In einigen Fällen kann eine CT-Untersuchung notwendig sein, um den Sehnerv und die umliegenden Strukturen genauer darzustellen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen (ERG, EOG und VEP): Diese Untersuchungen prüfen die Umsetzung der Lichtsignale in elektrische Impulse in der Netzhaut sowie deren Weiterleitung.
- Fundusautofluoreszenz (FAF): Ermöglicht die Beurteilung des retinalen Pigmentepithels.
Die Rolle der einzelnen Untersuchungsmethoden
Jede der genannten Untersuchungsmethoden hat ihre spezifischen Vor- und Nachteile und liefert unterschiedliche Informationen über den Zustand des Sehnervs. In der Regel werden mehrere Methoden kombiniert, um ein umfassendes Bild zu erhalten.
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- Die Ophthalmoskopie ist eine einfache und kostengünstige Methode, um den Sehnervenkopf zu beurteilen. Sie ist jedoch subjektiv und kann durch Trübungen der Augenlinse oder des Glaskörpers beeinträchtigt werden.
- Die Tonometrie ist wichtig, um den Augeninnendruck zu messen, der ein wichtiger Risikofaktor für das Glaukom ist.
- Die Perimetrie dient dazu, Gesichtsfeldausfälle zu erkennen, die auf eine Schädigung des Sehnervs hindeuten können.
- Die OCT ist ein hochmodernes Verfahren, das detaillierte Informationen über die Struktur des Sehnervenkopfes und die Dicke der Nervenfaserschicht liefert. Sie ist besonders wertvoll für die Früherkennung und Verlaufskontrolle des Glaukoms.
- Die Fundusfotografie ermöglicht die Dokumentation von Veränderungen des Sehnervenkopfes im Laufe der Zeit.
Wann ist eine Sehnerv-Untersuchung sinnvoll?
Eine Sehnerv-Untersuchung ist besonders sinnvoll in folgenden Fällen:
- Bei Verdacht auf Glaukom: Wenn ein erhöhter Augeninnendruck, Gesichtsfeldausfälle oder andere Risikofaktoren für ein Glaukom vorliegen.
- Bei familiärer Vorbelastung für Glaukom: Wenn in der Familie bereits Fälle von Glaukom aufgetreten sind.
- Bei Diabetes oder Hypertonie: Da diese Erkrankungen die Blutgefäße schädigen und somit auch den Sehnerv beeinträchtigen können.
- Bei Sehstörungen: Wenn plötzlich eine Sehverschlechterung, verschwommenes Sehen oder andere Sehstörungen auftreten.
- Im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen: Insbesondere für Menschen ab dem 40. Lebensjahr oder mit Risikofaktoren für Augenerkrankungen.
Früherkennung von Glaukom
Die Früherkennung des Glaukoms ist von entscheidender Bedeutung, da die Erkrankung oft lange Zeit unbemerkt bleibt und erst im fortgeschrittenen Stadium zu Beschwerden führt. Durch regelmäßige Sehnerv-Untersuchungen können Schäden am Sehnerv frühzeitig erkannt und behandelt werden, um das Sehvermögen so lange wie möglich zu erhalten.
Kosten der Sehnerv-Untersuchung
Die Kosten für eine Sehnerv-Untersuchung können je nach Umfang und den eingesetzten Methoden variieren. Einige Untersuchungen, wie z.B. die Ophthalmoskopie und die Tonometrie, werden in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, wenn sie zur Abklärung eines Glaukom-Verdachts durchgeführt werden. Andere Untersuchungen, wie z.B. die OCT, müssen oft als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) selbst bezahlt werden.
Bewertung der IGeL "Augenspiegelung mit Messung des Augeninnendrucks zur Glaukom-Früherkennung"
Der IGeL-Monitor bewertet die "Augenspiegelung mit Messung des Augeninnendrucks zur Glaukom-Früherkennung" mit "tendenziell negativ". Es wurden keine Studien zu Nutzen und Schaden der IGeL gefunden. Auch Studien zur Therapievorverlagerung überzeugen nicht. Es gibt keine Hinweise auf einen Nutzen.
Therapie von Sehnervschädigungen
Abhängig vom Erkrankungsbild werden unterschiedliche Therapiemöglichkeiten angewandt. Beim Glaukom ist es wichtig, unverzüglich eine Senkung des Augeninnendrucks vorzunehmen, da andernfalls irreversible Schäden des Sehnervs drohen. Hier kann eine Therapie mit Augentropfen zur Verringerung und zur Verbesserung des Abflusses des Kammerwassers oder eine Lasertherapie erfolgen. Auch eine Entzündung des Nervs wird medikamentös behandelt, es erfolgt in der Regel die Gabe von Steroiden. Zur Vermeidung der diabetischen Retinopathie hingegen ist die frühzeitige Behandlung des Diabetes und Blutzuckereinstellung von zentraler Bedeutung, zudem sollten regelmäßige augenärztliche Kontrollen erfolgen.
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Kann sich der Sehnerv regenerieren?
Kommt es zu einem gänzlichen Ausfall des Sehnervs aufgrund des Untergangs der Sehnervenfasern, ist eine Regeneration nicht möglich, da sich die Neuronen nicht neubilden können. Bei Patienten mit einem restlichen Sehvermögen, kann beispielsweise anhand einer Behandlung mit Wechselstrom, versucht werden einige Funktionseinschränkungen zu verbessern. Aufgrund der fehlenden Regenerationsfähigkeit der Nervenfasern, ist es von großer Bedeutung einen möglichen Krankheitsprozess des Sehnervs frühzeitig zu erkennen. Entsprechende Vorsorgeuntersuchungen, vor allem bei Diabetikern und zur Erkennung des Glaukoms, sollten aus diesem Grund regelmäßig erfolgen.
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