Das vegetative Nervensystem: Steuerung, Funktion und Beeinflussung

Das vegetative Nervensystem (VNS), auch autonomes Nervensystem genannt, ist ein übergeordnetes Steuerungszentrum im Körper, das lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Verdauung, Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System reguliert. Es besteht hauptsächlich aus zwei Hauptkomponenten: dem Sympathikus und dem Parasympathikus, welche gegensätzliche Wirkungen auf die Körperfunktionen ausüben.

Die Komponenten des vegetativen Nervensystems

Sympathikus: Leistungsbereitschaft und Stressreaktion

Der Sympathikus versetzt den Körper in einen Zustand erhöhter Leistungsbereitschaft und bereitet ihn auf Stresssituationen, Angriff oder Flucht vor. Diese Reaktion wird oft als "Kampf-oder-Flucht"-Modus bezeichnet.

Wirkungen des Sympathikus:

  • Steigerung der Herztätigkeit und des Blutdrucks
  • Erhöhung der Durchblutung und Spannung der Muskeln
  • Erhöhung des Blutzuckerspiegels zur Bereitstellung von Energie
  • Unterdrückung von nicht unmittelbar notwendigen Vorgängen wie der Darmtätigkeit
  • Erweiterung der Bronchien zur Verbesserung der Atmung
  • Erweiterung der Pupillen
  • Trockener Mund
  • Erhöhung des Kortisolspiegels (Stresshormon)
  • Potenzielle Erektionsstörungen und Unfruchtbarkeit bei dauerhafter Aktivierung

Parasympathikus: Ruhe, Erholung und Regeneration

Der Parasympathikus fördert Stoffwechsel, Erholung und den Aufbau von Energiereserven. Er sorgt für Ruhe, Erholung und Schonung des Körpers.

Wirkungen des Parasympathikus:

  • Anregung der Darmtätigkeit
  • Produktion von Speichel und Gallenflüssigkeit
  • Reduzierung von Blutdruck und Herzfrequenz
  • Verengung der Pupillen

Enterisches Nervensystem: Das "Bauchhirn"

Das enterische Nervensystem (ENS) ist ein eigenständiges Nervensystem des Magen-Darm-Trakts, das oft als "Bauchhirn" bezeichnet wird. Es besteht aus einem komplexen Netzwerk von Millionen von Nervenzellen, die die Verdauung steuern. Das ENS kommuniziert über die Darm-Hirn-Achse mit dem zentralen Nervensystem (ZNS) und beeinflusst so auch Emotionen, Stressresistenz und Schmerzwahrnehmung.

Das vegetative Nervensystem im modernen Leben

Das vegetative Nervensystem hat sich noch nicht vollständig an die modernen Lebensumstände angepasst. Stress, Hektik und ständige Reizüberflutung können das empfindliche Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus stören. In Stresssituationen werden Körperfunktionen wie Blutdruck und Herzschlag aktiviert, was in der Entwicklungsgeschichte sinnvoll war, um auf Bedrohungen mit Kampf oder Flucht zu reagieren. Heutzutage sitzen wir solche Situationen jedoch oft aus, ohne die erhöhten Werte durch körperliche Aktivität abzubauen. Dies kann zu chronischen Erkrankungen führen.

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Mögliche Folgen eines Ungleichgewichts:

  • Erhöhter Blutdruck und Herzschlag
  • Schlafstörungen
  • Abgeschlagenheit und Müdigkeit
  • Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen und andere chronische Leiden
  • Magen-Darm-Probleme
  • Erhöhtes Hungergefühl und Gewichtszunahme durch Kortisol

Herzfrequenzvariabilität (HRV) als Indikator für die Funktion des VNS

Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) beschreibt die Variationen der zeitlichen Abstände zwischen einzelnen Herzschlägen. Ein gesundes Herz weist eine hohe HRV auf, was bedeutet, dass sich der Herzrhythmus ständig anpasst. Eine geringe HRV kann auf eine eingeschränkte Anpassungsfähigkeit des VNS und ein erhöhtes Risiko für verschiedene Erkrankungen hindeuten.

Einflussfaktoren auf die HRV:

  • Zustand des vegetativen Nervensystems (Verhältnis von Sympathikus und Parasympathikus)
  • Stress und Angst
  • Krankheiten, die das vegetative Nervensystem direkt schädigen (z. B. diabetische Neuropathie)
  • Krankheiten, die sich indirekt auswirken (z. B. koronare Herzkrankheit)
  • Psychische Erkrankungen und Burnout-Syndrome

Messung der HRV:

Die HRV kann elektronisch mithilfe eines Brustgurts gemessen werden, der die Herzschläge über einen bestimmten Zeitraum aufzeichnet. Die Daten werden anschließend analysiert und bewertet.

Bedeutung der HRV-Messung:

Die HRV-Messung kann Hinweise auf verschiedene Erkrankungen liefern, die das vegetative Nervensystem beeinträchtigen oder durch eine dauerhaft erhöhte Anspannung und Stoffwechselbelastung indirekt beeinflusst werden. Sie kann auch zur Diagnose von psychischen Erkrankungen und Burnout-Syndromen herangezogen werden.

Kritik an der HRV-Messung:

Obwohl die Aussagekraft der HRV-Messung durch viele Studien belegt ist, wird sie von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland oft nicht übernommen und gilt als Selbstzahlerleistung (IGeL).

Beeinflussung des vegetativen Nervensystems

Das vegetative Nervensystem lässt sich nicht direkt willentlich steuern, aber durch verschiedene Maßnahmen indirekt beeinflussen.

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Möglichkeiten zur Verbesserung der VNS-Funktion:

  • Entspannungstechniken: Atemtraining, autogenes Training, Yoga, Meditation und Achtsamkeitsübungen können die Aktivität des Parasympathikus erhöhen und die Erholungsphasen nach Stresssituationen verkürzen.
  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung und Sport können die HRV verbessern und das vegetative Nervensystem ausgleichen.
  • Atemtherapie: Gezielte Atemübungen können helfen, Stress abzubauen, Schmerzen zu reduzieren und die Sauerstoffversorgung des Körpers zu verbessern.
  • Vagusnerv-Stimulation: Singen, Summen, Gurgeln, Kältereize, Massagen und bestimmte Bewegungsübungen können den Vagusnerv aktivieren und das parasympathische System stärken.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit Vermeidung von individuellen Triggern (z.B. bei Histaminintoleranz) unterstützt die Funktion des Darms und die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn.
  • Schlafhygiene: Ausreichend Schlaf in einer dunklen und ruhigen Umgebung fördert die Melatoninausschüttung und unterstützt die Regeneration des Körpers.
  • Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung wie Zeitmanagement, soziale Unterstützung und Hobbys können helfen, das vegetative Nervensystem zu entlasten.
  • HRV-Training: Ein spezielles Training zur Verbesserung der Herzrhythmusvariabilität kann bei bestimmten Erkrankungen wie Herzinsuffizienz positive Effekte haben.

Wachkoma und das vegetative Nervensystem

Das Wachkoma (apallisches Syndrom) ist ein Zustand schwerer Hirnschädigung, bei dem die Betroffenen wach erscheinen, aber kein Bewusstsein und nur sehr begrenzte Kommunikationsmöglichkeiten haben. Obwohl das vegetative Nervensystem zunächst nicht betroffen ist, können nach einigen Wochen Störungen auftreten, wie z. B. plötzlicher Bluthochdruck, Herzrasen und starkes Schwitzen.

Behandlung und Pflege von Wachkomapatienten:

  • Frühzeitige Akutbehandlung zur Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen
  • Frührehabilitation mit interdisziplinärer Zusammenarbeit von Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonal
  • Stimulierende Reize (basale Stimulation, Musik, Sprache) zur Förderung des Bewusstseins
  • Respektvoller und menschenwürdiger Umgang
  • Beziehungsaufbau durch Ansprechen mit Vornamen
  • Regelmäßige Körperpflege

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