Plötzliches Herzrasen ohne erkennbaren Grund kann beängstigend sein. Oftmals sind solche Herzrhythmusstörungen harmlos, dennoch sollte man sie ärztlich abklären lassen, um schwerwiegendere Ursachen auszuschließen. In manchen Fällen können sogenannte Vagus-Manöver helfen, die Herzfrequenz zu normalisieren. Dieser Artikel beleuchtet, wie diese Manöver funktionieren, für wen sie geeignet sind und welche Rolle der Vagusnerv möglicherweise bei Erkrankungen wie dem Ehlers-Danlos-Syndrom spielt.
Was sind Vagus-Manöver?
Unser vegetatives Nervensystem wird von zwei Gegenspielern gesteuert: dem Sympathikus, der uns aktiviert und auf "Kampf oder Flucht" vorbereitet, und dem Parasympathikus, der uns beruhigt und herunterfährt. Der Parasympathikus wirkt hauptsächlich über den Vagusnerv.
"Diesen Effekt können wir mit dem sogenannten Vagus-Manöver therapeutisch nutzen, indem wir den beruhigenden Nervus Vagus, also das parasympathische Nervensystem, gezielt anregen", erklärt Prof. Philipp Sommer, Direktor der Klinik für Elektrophysiologie und Rhythmologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen. "Dieser vagale Reiz kann dann dazu führen, dass ein Herzrasen zum Erliegen kommt." Denn der aktivierte Vagus-Nerv verlangsamt auch den Herzschlag. Es gibt verschiedene Möglichkeit diesen Nerv selbst zu aktivieren und im Körper für etwas Beruhigung zu sorgen.
Bei welchen Herzrhythmusstörungen können Vagus-Manöver helfen?
Vagus-Manöver sind besonders wirksam bei Tachykardien, also Herzrasen, bei denen der AV-Knoten seine bremsende Funktion nicht erfüllen kann. Dies betrifft vor allem anfallsartige Vorhoftachykardien, genauer gesagt AVNRT (AV-Knoten-Reentrytachykardie) und AVRT (AV-Reentrytachykardie).
Der AV-Knoten ist entscheidend für einen regelmäßigen Herzrhythmus, da er die Impulse vom Vorhof des Herzens auf die Herzkammern überträgt. „Diese Herzrhythmusstörungen sind sehr unangenehm“, sagt Frau Prof. Isabel Deisenhofer, Leiterin der Abteilung für Elektrophysiologie am TUM Universitätsklinikum, Deutsches Herzzentrum München. „Dann schießt der Puls ohne Anstrengung plötzlich in die Höhe. Die Betroffenen schnappen nach Luft, suchen sich irgendeinen Stuhl und hoffen nur, dass es schnell wieder aufhört."
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Wie wirkt die Stimulation des Nervus Vagus auf das Herz?
Die Wirkung unseres Nervensystems auf das Herz ist uns im Alltag oft bewusst. „Wenn wir zum Beispiel Stress haben oder uns erschrecken, ist das sympathische Nervensystem aktiv und wir bekommen sofort Herzklopfen“, sagt Bode. „Aber sobald wir uns am Abend entspannen, übernimmt der Parasympathikus - und die Herzfrequenz sinkt.“
Das Vagus-Manöver nutzt genau diesen Effekt, jedoch unmittelbarer. „Weil die Herzfrequenz nicht nur über die Hormonausschüttung, also beispielsweise Adrenalin, gesteuert wird, sondern auch über die Nerven, die am Herz ansetzen“, erklärt Sommer. „Der Sympathikus und der Parasympathikus wirken also ganz direkt auf die Funktionsweise des Herzens ein.“
Welche Vagus-Manöver gibt es und wie führt man sie durch?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Vagusnerv zu stimulieren. Die effektivsten sind:
- Valsalva-Manöver: Tief Luft holen und versuchen, mit geschlossenem Mund, zugehaltener Nase und angespannter Atem- und Bauchmuskulatur für einige Sekunden auszuatmen ("Bauchpressen"). Dieses Verfahren normalisiert den Herzrhythmus in etwa 20 Prozent der Fälle. Wenn anschließend die Beine für 45 Sekunden angehoben werden, erhöht sich die Erfolgsquote auf über 40 Prozent.
- Karotissinus-Massage: Mit zwei Fingern die Halsschlagader massieren. Es ist sehr wichtig, vorher mit dem Arzt oder der Ärztin zu sprechen, ob diese Methode für die eigenen Beschwerden und den Heimgebrauch geeignet ist. Es muss vorher ärztlich abgeklärt werden, dass die Gefäße gesund sind, und am besten lässt man sich das Manöver einmal zeigen.
- Kaltes Wasser: Kalte Kompressen ins Gesicht legen oder ein kaltes Glas Wasser trinken.
- Kopfstand: Kardiologin Deisenhofer berichtet: „Einmal hatten wir eine junge Patientin, die bei Herzrasen immer einen Kopfstand gemacht hat. Mit solchen Verfahren kann man einen Puls von 180 auf 40 bis 60 Schläge pro Minute reduzieren.“ Einen Kopfstand kann natürlich nicht jeder oder jede. Das sollte man also auf keinen Fall einfach so nachmachen.
Jede Patientin und jeder Patient muss ausprobieren, was ihr oder ihm am besten hilft, am besten unter Anleitung eines Arztes oder einer Ärztin. Allerdings funktioniert das Vagus-Manöver nur bei bestimmten Arten von Rhythmusstörungen - und auch nicht bei allen Patientinnen und Patienten. Wichtig ist es, die Herz-Rhythmus-Störungen beim Arzt oder der Ärztin abklären zu lassen und dabei auch darüber zu sprechen, ob eines der Vagus-Manöver sinnvoll sein könnte.
Wann sollte man wegen Herzrasens einen Arzt aufsuchen?
Anfälle von Herzrasen, die ohne äußere Anlässe auftreten, sollten ärztlich abgeklärt werden. Besondere Warnsignale, die auf akute lebensbedrohliche Probleme hinweisen können, sind starke Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Ohnmachtsanfälle oder starker Schwindel im Zusammenhang mit dem Herzrasen. Treten diese Symptome auf, sollte eine unmittelbare weitere Abklärung erfolgen! Rufen Sie dann den Rettungsdienst.
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„Die Diagnosestellung erfolgt meist über ein EKG“, erklärt Deisenhofer. „Aber das im Moment des Herzrasens zu erstellen, ist manchmal schwierig. Vor allem, wenn das Herzrasen vielleicht nur einmal im Monat auftritt.“ Eine große Hilfe können Smartwatches oder bestimmte Apps auf den Smartphones sein, die einfache EKGs aufzeichnen. „Wenn Patientinnen oder Patienten die mitbringen, ist das auch für uns Behandler eine Erlösung“, sagt die Kardiologin.
Vorsicht bei bestimmten Vagus-Manövern
„Mit den Karotis-Sinusmassagen sollte man eher vorsichtig sein“, warnt Bode. Selbstständig sollte keiner ohne vorherige ärztliche Abklärung und Einführung eine Karotissinusmassage machen - bevor nicht geklärt ist, dass die Gefäße frei sind. Auch dann muss man vorsichtig sein. „Das gilt insbesondere für ältere Patienten, in deren Arteria carotis sich schon Plaques gebildet haben.“ Durch die Massage könnten sich diese Plaques lösen - und das könnte im schlimmsten Fall sogar einen Schlaganfall verursachen. „Wenn wir das Verfahren in der Klinik anwenden wollen, prüfen wir erst einmal mit einem Stethoskop, ob wir etwas Auffälliges hören. Durch Verkalkungen entstehen Verwirbelungen, die Geräusche verursachen.
Der Vagusnerv und das Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS)
Obwohl der bereitgestellte Text keine direkten Informationen zum Zusammenhang zwischen dem Vagusnerv und dem Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS) enthält, ist es wichtig, diesen Aspekt zu beleuchten. EDS ist eine Gruppe von erblichen Bindegewebserkrankungen, die sich durch überdehnbare Haut, überbewegliche Gelenke und fragile Gewebe auszeichnen.
Es gibt Hinweise darauf, dass der Vagusnerv bei EDS eine Rolle spielen könnte, insbesondere im Zusammenhang mit folgenden Symptomen:
- Dysautonomie: Viele Menschen mit EDS leiden unter Dysautonomie, einer Fehlfunktion des autonomen Nervensystems. Dies kann sich in Symptomen wie Herzrasen, niedrigem Blutdruck, Verdauungsproblemen und Schwierigkeiten bei der Temperaturregulation äußern. Der Vagusnerv ist ein wichtiger Bestandteil des autonomen Nervensystems und spielt eine Rolle bei der Regulation dieser Funktionen. Eine Fehlfunktion des Vagusnervs könnte somit zu den Symptomen der Dysautonomie bei EDS beitragen.
- Verdauungsprobleme: EDS kann zu verschiedenen Verdauungsproblemen führen, darunter Reizdarmsyndrom (IBS), Gastroparese (verzögerte Magenentleerung) und Verstopfung. Der Vagusnerv spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung der Verdauung, indem er die Muskeln des Magen-Darm-Trakts stimuliert und die Produktion von Verdauungssäften fördert. Eine Beeinträchtigung der Vagusnervfunktion könnte somit zu diesen Verdauungsproblemen beitragen.
- Chronische Schmerzen: Chronische Schmerzen sind ein häufiges Symptom bei EDS. Der Vagusnerv hat eine entzündungshemmende Wirkung und kann zur Schmerzlinderung beitragen. Eine Fehlfunktion des Vagusnervs könnte somit die Schmerzempfindlichkeit bei EDS erhöhen.
Weitere Forschung ist notwendig, um den genauen Zusammenhang zwischen dem Vagusnerv und EDS zu verstehen. Einige Forscher vermuten, dass die Bindegewebsschwäche bei EDS auch den Vagusnerv selbst betreffen könnte, was zu einer Beeinträchtigung seiner Funktion führt. Es ist auch möglich, dass die chronische Entzündung, die bei EDS auftreten kann, den Vagusnerv beeinflusst.
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Vagusnerv-Stimulation als Therapie bei EDS?
Es gibt erste, noch begrenzte Hinweise darauf, dass Vagusnerv-Stimulation (VNS) eine mögliche Therapieoption für einige Symptome von EDS sein könnte. VNS ist eine Methode, bei der der Vagusnerv elektrisch stimuliert wird. Dies kann entweder invasiv durch Implantation eines Geräts oder nicht-invasiv durch Stimulation des Nervs am Ohr oder Hals erfolgen.
Einige Studien haben gezeigt, dass VNS die Symptome der Dysautonomie, Verdauungsprobleme und chronische Schmerzen bei verschiedenen Erkrankungen lindern kann. Ob VNS auch bei EDS wirksam ist, muss jedoch noch in weiteren Studien untersucht werden.
Wichtiger Hinweis:
Die Informationen in diesem Artikel dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen keine professionelle medizinische Beratung. Wenn Sie unter Herzrasen oder anderen gesundheitlichen Problemen leiden, suchen Sie bitte einen Arzt auf. Wenn Sie an EDS leiden und mehr über den möglichen Zusammenhang mit dem Vagusnerv und mögliche Therapieoptionen erfahren möchten, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder einem Spezialisten für EDS.