Krebs und das vegetative Nervensystem: Eine komplexe Verbindung

Die Krebs-Neurowissenschaft (Cancer Neuroscience) ist ein junges, interdisziplinäres Fachgebiet, das sich mit dem komplexen Wechselspiel zwischen Krebs und Nervensystem befasst. Dabei wird untersucht, wie Nerven die Entstehung, das Wachstum, die Ausbreitung und die Therapieresistenz von Tumoren beeinflussen können. Umgekehrt wird auch analysiert, wie Tumoren und Krebstherapien das Nervensystem beeinträchtigen können. Ziel ist es, neue Therapieansätze zu entwickeln, die diese Wechselwirkungen berücksichtigen.

Das Nervensystem: Ein Überblick

Das Nervensystem des Menschen besteht aus zwei Hauptteilen:

  • Zentralnervensystem (ZNS): Es umfasst das Gehirn und das Rückenmark.
  • Peripheres Nervensystem (PNS): Es besteht aus allen Nervenzellen, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Die Nervenstränge des PNS durchziehen das gesamte menschliche Gewebe.

Das periphere Nervensystem wird weiter unterteilt in:

  • Somatisches Nervensystem: Steuert willkürliche Bewegungen und die bewusste Wahrnehmung von Reizen.
  • Autonomes (vegetatives) Nervensystem: Reguliert unwillkürliche Körperfunktionen wie Atmung, Stoffwechsel, Herzschlag, Verdauung und Körpertemperatur.

Das vegetative Nervensystem: Steuerung der inneren Organe

Das vegetative Nervensystem (VNS) ist für die Versorgung der inneren Organe, Blutgefäße und Drüsen zuständig. Es erhält und reguliert die lebenswichtigen Funktionen des Körpers, wie Stoffwechsel, Atmung, Kreislauf und Wasserhaushalt. Das VNS arbeitet autonom, das heißt, es kann nicht willkürlich beeinflusst werden.

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Hauptkomponenten:

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  • Sympathikus: Bereitet den Körper auf Aktivität und Stress vor ("Kampf-oder-Flucht"-Reaktion). Erhöht Blutdruck, Herzfrequenz und Atemfrequenz, erweitert die Pupillen und fördert die Schweißproduktion.
  • Parasympathikus: Fördert Ruhe und Entspannung ("Ruhe-und-Verdauung"-Reaktion). Senkt Blutdruck, Herzfrequenz und Atemfrequenz, fördert die Verdauung und speichert Energie.

Sympathikus und Parasympathikus wirken als Gegenspieler und halten so das Gleichgewicht der Organfunktionen aufrecht.

Krebs und Nervensystem: Eine unheilvolle Verbindung

In den 1990er Jahren beobachteten Krebsforscher, dass Männer mit Rückenmarksschäden seltener an Prostatakrebs erkranken. Dies deutete darauf hin, dass Nerven eine aktive Rolle bei der Krebsentstehung spielen könnten.

Wie Nerven das Krebswachstum beeinflussen

Nerven können auf verschiedene Weise das Krebswachstum beeinflussen:

  • Förderung der Nerven-Neubildung: Krebszellen setzen Wachstumsfaktoren frei, die das Einsprossen von neuen Nerven in das Tumorgewebe stimulieren (analog zur Gefäßneubildung). Diese Neu-Innervation fördert das Wachstum und die Ausbreitung des Tumors und ermöglicht es den Krebszellen, der Kontrolle durch das Immunsystem zu entkommen.
  • Bildung von Neuron-Krebs-Synapsen: Nervenzellen (Neuronen) und Krebszellen können über "echte" Neuron-zu-Krebs-Synapsen direkt miteinander kommunizieren - über chemische und elektrische Signale. Der Tumor "hört" quasi die Impulse der Nervenzellen ab und wird dadurch zu Teilung, Ausbreitung und Metastasierung angeregt. Gleichzeitig können diese Verbindungen dem Tumor helfen, sich Krebstherapien zu widersetzen.
  • Beeinflussung der Tumormikroumgebung: Die Mikroumgebung des Tumors, also die unmittelbare Umgebung der Krebszellen, enthält weitere Zellarten, die das Nervensystem beeinflussen können, wie Immunzellen und Bindegewebszellen.
  • Perineurale Invasion: Tumorzellen können entlang von Nervenbahnen wachsen und sich ausbreiten (perineurale Invasion). Dies steht im Zusammenhang mit einer fortgeschritteneren Krankheitssituation.

Die Rolle des vegetativen Nervensystems

Studien deuten darauf hin, dass der Sympathikus und der Parasympathikus eine unterschiedliche Auswirkung auf die Ausbreitung von Tumoren haben können. So fördert der Sympathikus durch das Freisetzen von Adrenalin und Noradrenalin vermutlich das Tumorwachstum von Prostatakrebs zu Beginn einer Erkrankung. Der Parasympathikus hingegen kann je nach Organ und Zelltyp das Krebswachstum hemmen oder bestärken.

Krebsarten und das Nervensystem

Die Art und Weise, wie Nerven auf Krebszellen wirken, hängt von der Art des erkrankten Gewebes ab. Einige Beispiele:

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  • Glioblastome: Diese aggressiven Hirntumoren kommunizieren über Synapsen mit Neuronen und fördern so deren Teilung. Der Neurotransmitter Glutamat spielt dabei eine wichtige Rolle.
  • Hirnmetastasen: Ableger von Brustdrüsenkarzinomen im Gehirn produzieren mehr Glutamat-Rezeptoren und bilden "perisynaptische Kontakte" aus, die die Signale zwischen den Nervenzellen abgreifen und so die Vermehrung der Metastasen fördern.
  • Prostatakrebs: Nerven des Parasympathikus fördern die Ausbreitung von Prostatakrebs.
  • Magenkrebs: Nerven des Parasympathikus fördern die Ausbreitung von Magenkrebs.
  • Brust- und Bauchspeicheldrüsenkrebs: Nerven des Parasympathikus hemmen die Metastasenbildung.
  • Melanome: Weit fortgeschrittene Melanome haben mehr Rezeptoren für Noradrenalin. Blockiert man jene Andockstellen, so bremst das die Ausbreitung des Krebses.

Cancer Neuroscience: Neue Therapieansätze

Die Erkenntnisse der Krebs-Neurowissenschaft eröffnen neue Möglichkeiten für die Krebstherapie. Einige vielversprechende Ansätze:

  • Verhinderung der Synapsenbildung: Klinische Studien untersuchen, ob die Bildung von Synapsen zwischen Tumor- und Nervenzellen verhindert werden kann. Dafür konzentrieren sich die Forscher auf Moleküle, die für die Synapsenbildung benötigt werden, wie Neuroligin-3.
  • Blockade von Glutamat-Rezeptoren: Das Antiepileptikum Perampanel, das einen Glutamat-Rezeptor blockiert, wird getestet, um aggressive Gliome zu behandeln.
  • Kappen der Nervenversorgung: Die Nervenversorgung von Tumoren könnte gezielt unterbrochen werden, beispielsweise durch Injektion von Nervengiften wie Botox.
  • Verhinderung der Nerven-Neubildung: Antikörper gegen Wachstumsfaktoren wie NGF (nerve growth factor) werden für die Schmerztherapie bei Krebspatienten geprüft.
  • Betablocker: Diese Medikamente hemmen das sympathische Nervensystem und könnten das Wachstum von Tumoren außerhalb des Gehirns verlangsamen.

Neuromodulatorische Medikamente

Es gibt bereits zugelassene Medikamente, die das Nervensystem beeinflussen und möglicherweise für die Onkologie umgewidmet werden könnten:

  • Betablocker: Blockieren den Sympathikus.
  • Antiepileptika: Hemmen spezifische synaptische Signalübertragungen.
  • Lokale Betäubungsmittel: Mindern die Nervenleitung.

Polyneuropathie bei Krebs

Eine Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der mehrere Nerven geschädigt sind. Sie kann im Rahmen von Krebserkrankungen auftreten, entweder durch die Grunderkrankung selbst oder als Folge von Krebstherapien wie Chemotherapie oder Strahlentherapie.

Ursachen von Polyneuropathie bei Krebs

  • Neurotoxische Substanzen: Manche Medikamente, insbesondere Chemotherapeutika wie Platin-haltige Medikamente (z.B. Oxaliplatin, Cisplatin, Carboplatin), Taxane (z.B. Paclitaxel) und Vincaalkaloide (z.B. Vincristin), können eine direkte schädigende Wirkung auf die Nerven ausüben.
  • Tumorwachstum: Ein Tumor kann auf Nervenbahnen drücken oder in diese hineinwachsen und sie dadurch schädigen.
  • Bestrahlung: Eine Bestrahlung kann Nervenbahnen schädigen, die im Bestrahlungsfeld liegen.
  • Operation: Bei einer Operation können Nerven verletzt werden.
  • Weitere Ursachen: Vitaminmangel, Durchblutungsstörungen, Alkoholmissbrauch, Diabetes mellitus und seltene genetische Erkrankungen können ebenfalls zu Polyneuropathie führen.

Symptome von Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Häufige Symptome sind:

  • Missempfindungen: Kribbeln, Taubheit, Brennen oder Schmerzen in Händen und Füßen.
  • Eingeschränkte Wahrnehmung: Verminderte oder fehlende Wahrnehmung von Berührung, Druck, Schmerz, Vibration und Temperatur.
  • Motorische Störungen: Muskelschwäche, Koordinationsstörungen, Gangunsicherheit, Schwierigkeiten beim Greifen oder Schreiben.
  • ** vegetative Störungen:** Störungen der Verdauung, des Herz-Kreislauf-Systems oder der Blasen- und Darmfunktion.
  • Hör- und Sehstörungen: Bei Beteiligung von Hirnnerven können Hör- oder Sehstörungen auftreten.

Vorbeugung und Behandlung von Polyneuropathie

  • Früherkennung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie Symptome einer Polyneuropathie bemerken. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können helfen, die Beschwerden zu lindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
  • Risikofaktoren minimieren: Vermeiden Sie Alkoholmissbrauch und achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, um Vitaminmangel vorzubeugen.
  • Nervenschützende Maßnahmen: Während der Chemotherapie können Kältehandschuhe und -socken helfen, die Blutzufuhr zu den Händen und Füßen zu drosseln und so die Nerven vor Schäden zu schützen.
  • Symptomatische Behandlung: Schmerzmittel, Antidepressiva oder Antikonvulsiva können zur Linderung von Schmerzen und Missempfindungen eingesetzt werden.
  • Physiotherapie und Ergotherapie: Diese Therapien können helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern und die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten.

Ausblick

Die Krebs-Neurowissenschaft ist ein vielversprechendes Forschungsgebiet, das unser Verständnis von Krebs und seinen Wechselwirkungen mit dem Nervensystem erweitert. Die Entwicklung neuer Therapieansätze, die auf diese Wechselwirkungen abzielen, könnte in Zukunft zu einer effektiveren und schonenderen Behandlung von Krebserkrankungen führen.

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