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Einleitung
In unserer heutigen, schnelllebigen Gesellschaft sind Stress, Anspannung und Nervosität weit verbreitet. Kreisende Gedanken und hohe Belastungen führen oft zu einem Zustand der Ruhelosigkeit. Eine Schlüsselrolle spielt dabei unser vegetatives Nervensystem, das viele Körperfunktionen steuert, ohne dass wir direkten Einfluss darauf haben. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen dem vegetativen Nervensystem und Schlaf, erklärt die Ursachen und Symptome von Störungen und zeigt Möglichkeiten zur Behandlung und Stärkung dieses wichtigen Systems auf.
Das vegetative Nervensystem: Unser Autopilot
Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, ist ein Teil des peripheren Nervensystems. Es reguliert lebenswichtige Körperfunktionen, die wir nicht bewusst steuern können, wie Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, Körpertemperatur und sexuelle Reaktion. Es besteht aus zwei Hauptkomponenten:
- Sympathisches Nervensystem (Sympathikus): Aktiviert den Körper in Stresssituationen und steigert die Leistungsfähigkeit. Es versetzt uns in Alarmbereitschaft, sodass wir Höchstleistungen vollbringen können.
- Parasympathisches Nervensystem (Parasympathikus): Wirkt in Entspannungsphasen und reguliert allgemeine Körperfunktionen. Es senkt den Blutdruck, kurbelt den Stoffwechsel an, fördert die Verdauung und unterstützt die Regeneration des Körpers.
Ein gesundes Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus ist entscheidend für das reibungslose Funktionieren unseres Körpers. Gerät dieses Wechselspiel aus dem Gleichgewicht, sprechen Fachleute von einer vegetativen Dystonie oder somatoformen Störungen.
Vegetative Dystonie: Wenn das Nervensystem aus dem Takt gerät
Eine vegetative Dystonie ist eine Störung des vegetativen Nervensystems, bei der das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus nicht mehr richtig funktioniert. Dies kann sich in einer Vielzahl von unspezifischen Symptomen äußern, die oft schwer zuzuordnen sind. Somatoforme Störungen beschreiben Beschwerden, für die es keine organische Ursache gibt. Für die Betroffenen geht damit oft ein hoher Leidensdruck einher.
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Häufige Symptome einer vegetativen Dystonie sind:
- Herzbeschwerden wie Herzstechen oder Herzklopfen/-rasen
- Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen
- Übermäßiges Schwitzen oder mangelndes Schwitzen
- Sexuelle Funktionsstörungen beim Mann
- Probleme beim Entleeren der Blase
- Verdauungsbeschwerden wie Verstopfung oder Durchfall inkl. Magenlähmung
- Schluckbeschwerden
Die Vielfalt an unspezifischen Symptomen macht es oft schwierig, ein überreiztes Nervensystem unmittelbar zu erkennen. Daher ergibt sich das Krankheitsbild einer vegetativen Dystonie in der Regel über das Ausschlussverfahren anderer Erkrankungen. Grundsätzlich gilt: Wenn einzelne oder mehrere der genannten Symptome über einen längeren Zeitraum bestehen, sollten diese unbedingt ärztlich abgeklärt werden, um eine ernsthafte Erkrankung auszuschließen.
Ursachen einer vegetativen Dystonie:
Für eine vegetative Dystonie gibt es oft keine konkrete Ursache. Es können sowohl körperliche als auch psychische Faktoren eine Rolle spielen. Nicht selten ist es eine Kombination aus beiden.
Zu den häufigsten körperlichen Ursachen zählt:
- Diabetes mellitus (Typ 2): Die Stoffwechselerkrankung kann das autonome Nervensystem, einschließlich des Sympathikus, schädigen.
- Neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Erkrankungen des peripheren Nervensystems.
- Weitaus seltener sind Verletzungen des Rückenmarks, Medikamente oder Virusinfektionen die Ursache für eine Funktionsstörung des vegetativen Nervensystems.
Da Körper und Psyche über das vegetative Nervensystem eng miteinander verbunden sind, können sich auch psychologische und soziale Faktoren wie Stress, Sorgen oder Überforderung auf das vegetative Nervensystem auswirken. Oftmals lösen die Beschwerden weitere Ängste bei den Betroffenen aus, da sie befürchten, es könne eine schwerwiegende Erkrankung zugrunde liegen. Auf diese Weise können sich die Symptome zusätzlich verschlimmern.
Behandlung einer vegetativen Dystonie:
Je nach Ursache und Schweregrad der Störung kann eine vegetative Dystonie ernsthafte gesundheitliche Probleme verursachen, doch lässt sie sich in den meisten Fällen erfolgreich behandeln. Die Behandlung erfordert eine individuelle Herangehensweise, die sich an der eigentlichen Ursache und der Lebenssituation der Patienten orientiert. Während beispielsweise die Behandlung von Typ-2-Diabetes-Patienten auf eine optimale Blutzuckereinstellung abzielt, benötigen Parkinson-Patienten andere Medikamente.
Wenn kein Hinweis auf eine organische Ursache zugrunde liegt, zählen sowohl psycho- und physiotherapeutische Maßnahmen als auch der Einsatz bestimmter Medikamente zu den möglichen Behandlungsmethoden. Pflanzliche oder homöopathische Mittel können hierbei eine unterstützende Therapieoption sein, da sie eine gute Verträglichkeit bei geringem Gewöhnungspotenzial aufweisen, dies trifft jedoch nicht auf alle pflanzlichen Arzneimittel zu. Zur Linderung der Beschwerden bei innerer Anspannung durch Stress haben sich vor allem homöopathische Arzneipflanzen bewährt:
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- Die Passionsblume kann bei Unruhezuständen oder Schlafstörungen helfen.
- Gelber Jasmin und Schlangenwurzel können bei Schwindel, nervlich bedingtem Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Beschwerden Linderung verschaffen.
- Und die gelbe Nieswurz kann Kreislaufproblemen vorbeugen.
Innere Unruhe und Schlafstörungen: Ein Teufelskreis
Innere Unruhe bezeichnet einen Zustand gesteigerter psychischer und physischer Aktivität. Dieser Spannungszustand ist durch Nervosität und eine ständige Anspannung im Körper gekennzeichnet, in dem Menschen nur schwer entspannen und zur Ruhe kommen können. Der Begriff der inneren Unruhe kann nicht klar von Nervosität abgegrenzt werden, weshalb beide Begriffe meist als synonym verwendet werden.
Leidet man an innerer Unruhe, lässt die natürliche Gelassenheit nach, man wird reizbarer und neigt zu heftigen emotionalen Ausbrüchen. Die Überregung bei innerer Unruhe führt abends oft zu Einschlafstörungen oder Durchschlafstörungen. Sie sorgt dafür, dass unser Körper vermehrt Stresshormone ausschüttet, unsere Muskeln sich anspannen, unsere Gedanken kreisen und wir nicht zur Ruhe finden. So führt innere Unruhe zur Schlafstörung und die Schlafstörung zur Erschöpfung.
Um diesen Kreis zu durchbrechen, muss der Schlafrhythmus wieder ins Gleichgewicht gelangen. Möchten Sie innere Unruhe behandeln, sollten Sie den Auslöser der Spannungszustände kennen. Je nach Ursache kommen unterschiedliche Behandlungsmethoden in Frage.
Bewährte Methoden zur Behandlung innerer Unruhe:
- Entspannungstechniken: Eine bewährte Entspannungstechnik gegen innere Unruhe und Nervosität ist Autogenes Training. Es trägt dazu bei, in Stresssituationen wieder zur Ruhe zu gelangen und hilft auch beim Einschlafen. Durch bestimmte Übungshaltungen lockern sich unsere Muskeln und unsere Durchblutung wird gefördert.
- Pflanzliche Mittel: Bewährte Heilpflanzen wie Baldrian, Passionsblume oder Melisse haben eine beruhigende und schlaffördernde Wirkung.
- Druckpunktmassagen (Druck-Akupunktur): Können innere Unruhe lindern. Werden bestimmte Körperpunkte stimuliert, lösen sich Energieblockaden.
- Regelmäßige Bewegung: Wie Walken, Radfahren oder Yoga. Beim Sport setzen wir Glückshormone (Endorphine) frei, die Stresshormone (z.B. Cortisol) bekämpfen und unsere Stimmung heben.
Ab und zu innerliche Unruhe zu spüren, ist vollkommen normal. Die innere Unruhe hält in der Regel nur so lange an, wie die belastende Situation dauert. Danach legt sie sich wieder. Häufig sind die Ursachen also harmlos. Doch wenn innere Unruhe als Dauerzustand vorherrscht, kann sie gefährlich werden. Ein Arztbesuch ist auch unvermeidlich, wenn Maßnahmen der Selbsthilfe nicht wirken oder wenn weitere Beschwerden (wie Schmerzen im Brustkorb oder Herzrasen) die Nervosität begleiten.
Der Schlaf: Ein vom vegetativen Nervensystem gesteuerter Prozess
Unser Schlaf folgt einem bestimmten Rhythmus: Normalerweise werden wir abends müde und sind tagsüber wach. Unser Körper richtet sich dabei aber nicht nur nach dem Tageslicht. Unsere „innere Uhr“ befindet sich im Hypothalamus - dem Bereich des Gehirns, der das vegetative Nervensystem steuert -, und dort im sogenannten Nucleus suprachiasmaticus (SCN). Der SCN besteht aus Nervenzellen, die in bestimmten Abständen Impulse abgeben. Der Rhythmus dieser Nervenimpulse verändert sich im Laufe des Tages und zeigt so auch anderen Bereichen des Gehirns eine Veränderung an.
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Der Tageszyklus der inneren Uhr ist nicht bei allen Menschen gleich lang und beträgt nie genau 24 Stunden. Meist ist er etwas länger. Werden Menschen unter Laborbedingungen ohne äußere Zeitgeber wie den natürlichen Tag-Nacht-Wechsel beobachtet, pendelt sich ihr Tagesrhythmus nach einigen Tagen zum Beispiel bei 25 Stunden ein. Um sich auf einen 24-Stunden-Tag einzustellen, brauchen Menschen das Tageslicht.
Die Information, ob es draußen hell oder dunkel ist, leiten die Sehzellen des Auges über den Sehnerv an das Gehirn weiter. Melatonin ist ein hormoneller Botenstoff, der in der Zirbeldrüse produziert wird. Es hat verschiedene Aufgaben im Körper, spielt aber vor allem bei der Regelung des Schlafes eine wichtige Rolle. So führt zum Beispiel ein Melatoninmangel zu Schlaflosigkeit. Verschiebungen im Rhythmus, in dem der Körper Melatonin produziert, können zu Schlafstörungen führen.
Melatonin wird vor allem nachts zwischen 21 Uhr und 8 Uhr hergestellt und in den Blutkreislauf abgegeben. Danach nimmt seine Konzentration im Blut schnell wieder ab. Bei Dunkelheit wird die Zirbeldrüse angeregt, Melatonin zu produzieren. Tageslicht dagegen hemmt die Herstellung von Melatonin. Wie lange es ausgeschüttet wird, hängt damit von der Tageslänge ab. Auf diese Weise ist unser Schlafrhythmus auch mit der Jahreszeit verknüpft.
Hohe Konzentrationen von Melatonin im Körper machen schläfrig und unaufmerksam. Mit zunehmendem Alter produziert die Zirbeldrüse aber immer weniger Melatonin. Bei Langstreckenflügen über mehrere Zeitzonen ist die Tageszeit bei der Ankunft eine andere als beim Abflug. Dadurch wird der Takt der inneren Uhr vom gewohnten Tagesverlauf abgekoppelt. Wer eine solche Reise macht, fühlt sich daher nach der Ankunft für einige Zeit zur „falschen“ Zeit müde und erschöpft. Da die Ausschüttung von Melatonin aber weiterhin vom Tageslicht beeinflusst wird, gleicht sich die innere Uhr allmählich wieder dem Tagesverlauf an. Dies kann mehrere Tage dauern. Ähnliches passiert häufig auch bei Schichtarbeit, wenn von der Tag- zur Nachtschicht gewechselt wird. Helles Licht in der Nacht kann die Ausschüttung von Melatonin verringern. Dadurch bleibt der Körper künstlich länger wach. Wie stark dieser Effekt ist, hängt davon ab, wie hell das Licht ist, welche Farbe es hat, wie lange und wann man ihm ausgesetzt sind. Je mehr es dem natürlichen Tageslicht ähnelt, umso stärker kann es den Schlaf stören. Bei Menschen, die nachts arbeiten, können die veränderten Lichtverhältnisse den Tag-Nacht-Rhythmus insgesamt stören.
Der Grund, warum wir das Wachbleiben (in Grenzen) erzwingen können, das Einschlafen und Schlafenbleiben hingegen nicht, hat damit zu tun, dass die Aktivität des Schlafes zu einem wesentlichen Teil vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird. Über dieses Nervensystem werden innerkörperliche Vorgänge reguliert, die wir nicht direkt willentlich beeinflussen können, wie Herzschlag, Atmung und Muskeltonus. Allenfalls können wir diese Funktionen indirekt beeinflussen. Wenn wir körperlich aktiv werden, steigt der Herzschlag, der Atem beschleunigt sich, wir spannen die Muskeln an. Anders herum geht es kaum: wir können kaum durch bewusste Aktionen unseren Herzschlag entschleunigen.
Auch der Schlaf wird über das vegetative Nervensystem gesteuert. Bei der Schlafeinleitung senden Regionen des Gehirns Botenstoffe aus, die dazu führen, dass der Tonus der Muskulatur abnimmt (deshalb das „einnicken“) und dass die Regionen im Gehirn, die für den Erhalt der Aufmerksamkeit verantwortlich sind, gehemmt werden.
Ausschlaggebend dafür, dass diese Botenstoffe freigesetzt werden, sind Faktoren wie die Tageszeit, Licht und die innere Uhr, also die Schlafgewohnheit der betreffenden Person. Wir können uns nicht selbst befehlen, die Botenstoffe in Zirkulation zu setzen. Zwingen können wir uns (in Grenzen) nur dazu, unseren Körper in einen Zustand zu versetzen, der das Einschlafen unmöglich macht. Solange wir uns beispielsweise bewegen, können sich die Muskeln nicht ausreichend entspannen und kann das Herz nicht auf eine Frequenz hinuntergefahren werden, die für den Zustand des Schlafes notwendig ist. Deshalb können wir das Wachbleiben (in Grenzen) erzwingen, das Einschlafen hingegen nicht.
Vorsorge: Wie lässt sich das vegetative Nervensystem stärken?
Bei einer vegetativen Störung ist es wichtig, die Balance zwischen Körper und Psyche wiederherzustellen.
Folgende Maßnahmen können helfen, das vegetative Nervensystem zu stärken:
- Entspannungsmethoden erlernen und anwenden: Entspannungsmethoden wie Yoga, Meditation oder andere Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, das Stresslevel zu senken und das Nervensystem wieder zu beruhigen. Ebenso fördert regelmäßige Bewegung wie Ausdauertraining oder Krafttraining den Stressabbau.
- Ausgewogen ernähren: Vitaminmangel, insbesondere ein Mangel an Vitamin B12, kann die Funktion des Nervensystems beeinträchtigen. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten kann die Gesundheit des autonomen Nervensystems unterstützen. Um möglichen Beschwerden vorzubeugen, empfiehlt es sich außerdem, auf Alkohol und Koffein zu verzichten.
- Ausreichend schlafen: Ein gesunder Schlaf ist unerlässlich für die Stressbewältigung und Regeneration des Nervensystems. Dazu sollte die Schlafumgebung eine Temperatur von etwa 18 Grad haben und sich gut abdunkeln lassen. Ebenso wichtig ist ein ruhiges Schlafumfeld. Fernseher oder mobile Geräte wie Smartphones sollten abends ausgeschaltet werden, um Ablenkung und laute Geräusche zu vermeiden. Deftiges Essen, Alkohol und Stress am Abend können die Schlafqualität erheblich beeinträchtigen. Besser sind daher leicht verdauliche Speisen und warme Getränke wie Tee am Abend. Ebenso unterstützen regelmäßige Zubettgehzeiten und Aufstehzeiten, regelmäßige Bewegung und eine ergonomische Matratze einen gesunden Schlaf und stärken damit auch indirekt das vegetative Nervensystem.
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