Epilepsie beim Border Collie: Eine umfassende Betrachtung von Vererbung, Ursachen und Zuchtstrategien

Epilepsie ist ein komplexes neurologisches Problem, das beim Border Collie eine besondere Herausforderung darstellt. Die genetische Veranlagung spielt eine wesentliche Rolle, aber auch andere Faktoren können Anfälle auslösen oder begünstigen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Epilepsie beim Border Collie, von den Grundlagen der Vererbung bis hin zu den neuesten Erkenntnissen und Empfehlungen für Züchter und Hundehalter.

Grundlagen der Genetik und Vererbung

Die Erbanlagen, die in Form von Genen auf der DNA liegen, bestimmen die Ausbildung aller körperlichen Merkmale. Jedes Gen kommt in doppelter Ausführung vor, wobei jeweils ein Allel von Vater und Mutter vererbt wird. Ein Tier kann entweder zwei gleiche Allele (homozygot/reinerbig) oder zwei unterschiedliche Allele (heterozygot/mischerbig) tragen.

Bei der Vererbung von Krankheiten spielt es eine Rolle, ob sich ein Allel dominant oder rezessiv verhält. Ein dominantes Allel setzt sich in seiner Wirkung gegenüber einem rezessiven Allel durch. Viele Erkrankungen, darunter auch Epilepsie, beruhen auf rezessiven Allelen. Das bedeutet, dass ein Tier nur dann erkrankt, wenn es das defekte, rezessive Allel sowohl vom Vater als auch von der Mutter erbt.

Bei einem monogenen rezessiven Erbgang gibt es drei Möglichkeiten:

  • Reinerbig dominant (frei/normal): Der Hund trägt zwei gesunde Allele und ist nicht betroffen.
  • Mischerbig (Träger/Carrier): Der Hund trägt ein gesundes und ein defektes Allel, ist selbst nicht erkrankt, kann das defekte Allel aber weitergeben.
  • Reinerbig rezessiv (erkrankt/affected): Der Hund trägt zwei defekte Allele und ist erkrankt.

Polygener und multifaktorieller Erbgang bei Epilepsie

Im Gegensatz zu monogenen Erkrankungen geht man bei Epilepsie von einem polygenen, multifaktoriellen Erbgang aus. Das bedeutet, dass mehrere Gene und Umweltfaktoren zusammenwirken, um das Risiko für Epilepsie zu beeinflussen.

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Die Hunde, die nur "gesunde", dominante Allele vererbt bekommen haben, sind im linken Bereich der Kurve zu finden. Ganz rechts der Kurve sind die Hunde zu sehen, die genug rezessive Allele geerbt haben, um den Schwellenwert zu überschreiten, also zu erkranken.

Bei einer angenommenen Prävalenz von Epilepsie in einer Population von 2,8 % wären also auch nur ca. 2,8 % vollkommen reinerbig für die dominanten Allele, also umgangssprachlich frei. Der Rest der Population, fast 95 %, wären damit Träger mehr oder weniger rezessiver Allele.

Aktuelle Empfehlungen für Züchter

Angesichts der komplexen Vererbung von Epilepsie sind die Empfehlungen für Züchter:

  • Keine Wiederholungswürfe aus Verpaarungen, in denen Epilepsie in der Nachzucht vorkam.
  • Ein höheres Eintrittsalter in die Zucht, um eine eigene Erkrankung des Zuchthundes weitestgehend ausschließen zu können.
  • Keine Träger miteinander verpaaren (was aber angesichts der hohen Trägerfrequenz schwierig sein dürfte).

Epilepsie beim Border Collie: Ein besonderes Problem

Epilepsie ist beim Border Collie ein großes Problem. Es gibt verschiedene Formen und Ausprägungen, und die Hunde sprechen nicht immer gut auf alle Medikamente an. Die genaue Erbfolge ist nach wie vor ungeklärt, aber finnische Forscher gehen von einem polygenen Erbgang aus.

Die Canine Genetics Research Group der University of Helsinki arbeitet an einer Studie zur Epilepsiegenetik beim Border Collie und benötigt Blutproben von erkrankten Hunden. Jede einzelne Blutprobe zählt und ist sehr wertvoll für die Studie.

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Formen der Epilepsie beim Hund

Epilepsie kann in verschiedene Formen unterteilt werden, je nach Ursache und Art der Anfälle:

  • Primäre (idiopathische) Epilepsie: Keine erkennbare strukturelle Veränderung im Gehirn, vermutlich genetisch bedingt. Tritt häufig bei bestimmten Rassen wie Labrador Retriever, Golden Retriever, Border Collie, Beagle und Deutschem Schäferhund auf. Beginn meist zwischen 6 Monaten und 6 Jahren.
  • Sekundäre (symptomatische) Epilepsie: Strukturelle Hirnerkrankungen wie Tumore, Entzündungen, Verletzungen oder Schlaganfälle. Diagnostik erfordert MRT oder CT.
  • Reaktive Anfälle: Erkrankungen außerhalb des Gehirns (z. B. Leber- oder Nierenerkrankungen, Vergiftungen, Unterzuckerung). Behandelbar durch Therapie der Grunderkrankung.

Arten von epileptischen Anfällen

  • Generalisierte Anfälle: Der gesamte Körper ist betroffen (z. B. Muskelzuckungen, Bewusstseinsverlust, Schaum vor dem Mund). Häufigste Form bei idiopathischer Epilepsie.
  • Fokale (partielle) Anfälle: Betreffen nur einen Teil des Gehirns. Symptome: Muskelzucken, unkontrollierte Kopfbewegungen, ungewöhnliches Verhalten (z. B. Fliegenbeißen, plötzliches Leerschmatzen).
  • Fokale Anfälle mit sekundärer Generalisierung: Beginnen in einer Gehirnregion und breiten sich auf das gesamte Gehirn aus.
  • Cluster-Anfälle: Mehrere Anfälle innerhalb von 24 Stunden. Notfall, da ein Status epilepticus droht.
  • Status epilepticus: Anfall dauert länger als 5 Minuten oder mehrere Anfälle ohne Erholung dazwischen. Lebensbedrohlich, sofortige tierärztliche Versorgung erforderlich.

Mögliche Triggerpunkte für epileptische Anfälle

Neben der genetischen Veranlagung gibt es verschiedene Triggerpunkte, die epileptische Anfälle bei Hunden auslösen oder begünstigen können:

  • Stress und emotionale Belastung: Plötzliche Veränderungen im Alltag, Angst, Trennungsstress, extreme Aufregung.
  • Schlafmangel und Übermüdung: Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, zu wenig Erholung nach intensiver Aktivität.
  • Hormonelle Veränderungen: Läufigkeit, Trächtigkeit, Kastration (hormonelles Ungleichgewicht).
  • Medikamente und Narkosemittel: Narkosemittel wie Propofol, Ketamin oder Diazepam, plötzliches Absetzen von Medikamenten, Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten.
  • Impfungen und Medikamente mit Nervengiften: Wirkverstärker in Impfstoffen (z. B. Aluminiumverbindungen), Spot-On-Präparate gegen Parasiten (Insektizide).
  • Umweltfaktoren und Toxine: Kontakt mit Pestiziden, Herbiziden, Haushaltschemikalien, Schimmelpilze, Giftstoffe in Futter und Wasser, bestimmte Pflanzen oder Lebensmittel (z. B. Schokolade, Trauben, Xylit).
  • Ernährung und Mangelerscheinungen: Futterunverträglichkeiten, minderwertiges Futter, Mangel an Magnesium, Taurin oder B-Vitaminen, zu hoher Zucker- oder Kohlenhydratgehalt im Futter.
  • Licht- und Geräuschreize: Flackerndes Licht, hochfrequente Töne oder laute Geräusche.
  • Stoffwechselerkrankungen und Organprobleme: Leber- oder Nierenerkrankungen, Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes oder Blutzuckerschwankungen.

Es ist ratsam, ein "Anfallstagebuch" zu führen, um mögliche Auslöser zu erkennen.

Impfungen und Epilepsie: Ein kritischer Blick

Es gibt Spekulationen darüber, ob Impfungen bei Hunden Epilepsie auslösen oder begünstigen können. Einige Impfstoffe enthalten Wirkverstärker (Adjuvantien) wie Aluminiumverbindungen, die als Nervengifte gelten.

Es ist wichtig, diese Frage offen und sachlich zu diskutieren und weiter zu recherchieren, um mögliche Zusammenhänge aufzudecken.

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Narkose und Epilepsie: Mögliche Risiken

Auch Narkosen können bei Hunden mit Epilepsie ein Risiko darstellen. Viele Tierärzte verabreichen vor der Narkose Valium (Diazepam), um die Hunde zu beruhigen. Valium kann jedoch Nebenwirkungen haben, besonders in Kombination mit anderen Narkosemitteln.

Mögliche Nebenwirkungen von Valium in Verbindung mit einer OP sind:

  • Beruhigung, aber paradoxe Reaktionen möglich (Unruhe oder Erregung)
  • Schläfrigkeit und Muskelerschlaffung
  • Speichelfluss oder Übelkeit
  • Blutdruckabfall (Hypotonie)
  • Atemdepression
  • Desorientierung und Taumeln
  • Langsame Erholung
  • Vermehrter Harndrang
  • Augenzittern (Nystagmus)

Die Rolle der Prägung und Sozialisierung

Eine gute Prägung und Sozialisierung in der Welpenzeit ist entscheidend für die Entwicklung eines stabilen Nervensystems und einer gesunden Stressresistenz. Welpen sollten möglichst viele verschiedene Reize kennenlernen, um im Gehirn Synapsen zu bilden, die für eine stabile Reizverarbeitung sorgen.

Welpen sollten schon beim Züchter möglichst viele Reize erleben, wie zum Beispiel:

  • Laute Geräusche (Staubsauger, Rasenmäher, Sirenen, Silvesterknaller)
  • Verschiedene Untergründe (Sand, Gras, Fliesen, Gitterroste, Wasser)
  • Unterschiedliche Umgebungen (Stadt, Land, Wald, Baustellen)
  • Bewegung und Aktivitäten (Menschen, die tanzen, Fahrrad fahren, arbeiten)
  • Fahrzeuge und Maschinen (Traktoren, Motorräder, Baugeräte)

Auch die neuen Besitzer sollten die Prägung und Sozialisierung fortsetzen und den Welpen neue Orte erkunden, verschiedene Menschen und Tiere treffen und Reize erleben lassen - aber natürlich immer in einem gesunden Maß.

Diagnose und Behandlung von Epilepsie

Die Diagnose von Epilepsie erfolgt in der Regel im Ausschlussverfahren. Zunächst müssen andere Ursachen für die Anfälle ausgeschlossen werden, wie z. B. Hirntumore, Entzündungen oder Stoffwechselerkrankungen.

Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und abzuschwächen. Dies erfolgt in der Regel mit Medikamenten (Antiepileptika), die individuell auf den Hund abgestimmt werden müssen.

Genetische Tests und Zuchtstrategien

Genetische Tests können helfen, Träger von bestimmten Erbkrankheiten zu identifizieren und die Partnerwahl in der Zucht entsprechend zu gestalten. Allerdings sind die Erbgänge für viele Erkrankungen, darunter auch Epilepsie, noch nicht vollständig erforscht.

Es ist wichtig, bei der Zucht nicht nur auf genetische Werte zu achten, sondern auch das Wesen, den Körperbau und andere Eigenschaften des Hundes zu berücksichtigen. Eine zu starke Fokussierung auf einzelne genetische Werte kann zu einer Verarmung der genetischen Vielfalt führen.

Weitere rassetypische Erkrankungen beim Border Collie

Neben Epilepsie gibt es noch weitere rassetypische Erkrankungen, die beim Border Collie vorkommen können:

  • Hüftgelenksdysplasie (HD): Eine Fehlstellung des Hüftgelenks, die zu schmerzhaften Entzündungen führen kann.
  • Collie Eye Anomalie (CEA): Eine unvollständige Entwicklung des Augenhintergrundes.
  • MDR1-Defekt: Eine Genvariante, die zu einer Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Medikamenten führen kann.
  • Imerslund-Gräsbeck Syndrom (IGS): Eine rezesiv vererbte Cobalamin-Resorptionsstörung, die zu einem Mangel an Vitamin B12 führt.
  • Neuronal Ceroid Lipofuscinosis (CL): Eine seltene erbliche Stoffwechselfunktionsstörung mit tödlichem Verlauf.
  • Trapped Neutrophil Syndrome (TNS): Eine autosomal-rezessiv vererbte Erkrankung, bei der das Knochenmark zwar Neutrophile produziert, diese aber nicht effektiv in den Blutkreislauf abgeben kann.
  • Progressive Retina Atrophie (PRA): Eine erbliche Augenerkrankung, die zu einer fortschreitenden Zerstörung der Sehzellen und im Endstadium zur vollständigen Erblindung führt.
  • Katarakt: Eine Trübung der Augenlinse oder der Linsenkapsel.
  • Glaukom: Eine schmerzhafte Vergrößerung und Trübung des Augapfels aufgrund eines zu engen Kammerwinkels und zu hohen Augeninnendrucks, die in der Regel zur Erblindung führt.
  • Osteochondrosis dissecans (OCD): Eine Erkrankung der Gelenke, bei der Knorpelstücke absterben und sich ablösen können.

Transparenz und Verantwortung in der Zucht

Es ist wichtig, dass Züchter transparent über die Gesundheit ihrer Hunde informieren und verantwortungsvoll handeln, um das Risiko für Erbkrankheiten zu minimieren. Dazu gehört, die Hunde umfassend zu untersuchen und genetisch auswerten zu lassen, die Ergebnisse offen zu kommunizieren und bei der Partnerwahl nicht nur auf Äußeres und Leistung, sondern auch auf Gesundheit und Wesen zu achten.

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