Verliert man Gehirnzellen bei Vollnarkose? Eine umfassende Betrachtung

Die Vollnarkose ist ein Segen der modernen Medizin, der es ermöglicht, schmerzfreie Operationen durchzuführen. Doch viele Menschen haben Bedenken hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf das Gehirn. Dieser Artikel beleuchtet, ob eine Vollnarkose tatsächlich zum Verlust von Gehirnzellen führt und welche anderen potenziellen Risiken und Nebenwirkungen damit verbunden sein können.

Einführung

Die Angst vor Komplikationen und Nebenwirkungen einer Narkose ist weit verbreitet. Viele Menschen befürchten, nach einer Narkose „nicht mehr aufzuwachen“. Dank hochqualifiziertem Personal, moderner Technik und Medikamente sind schwere Nebenwirkungen bei Narkosen jedoch selten. Das Risiko, an einer Vollnarkose zu sterben, ist extrem gering. Dennoch bleiben Fragen offen, insbesondere im Hinblick auf die langfristigen Auswirkungen auf das Gehirn.

Was passiert im Gehirn während einer Vollnarkose?

Die Narkose ähnelt nur scheinbar dem natürlichen Schlaf. Tatsächlich wird durch die Narkosemittel die elektrische Aktivität des Gehirns stark reduziert. Elektroenzephalographie (EEG)-Studien zeigen, dass das Gehirn während der Narkose in einen tiefschlafähnlichen Zustand versetzt wird, bei dem sich Perioden rhythmischer elektrischer Aktivität mit Phasen von völliger Inaktivität abwechseln. Dieser Zustand wird als Burst-Suppression bezeichnet.

Während der Narkose werden die Hirnströme zwischen verschiedenen Bereichen des Gehirns unterbrochen. Dadurch können die Nervenzellen untereinander nicht mehr kommunizieren, wodurch Bewusstsein und Schmerzempfindung ausgeschaltet werden. Nach Absetzen der Narkosemedikamente müssen diese Hirnregionen wieder zusammenfinden.

Werden Gehirnzellen durch Narkose geschädigt?

Professor Christian Werner, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Uni-Klinik Mainz, betont, dass bei einer Operation ohne Komplikationen durch die Vollnarkose keine einzige Gehirnzelle geschädigt wird. Im Gegenteil, eine Vollnarkose könne sogar neuroprotektiv sein. Das bedeutet, dass Anästhetika Gehirnzellen vor dem Absterben schützen können, beispielsweise bei einer Minderdurchblutung nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall.

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Postoperative kognitive Dysfunktion (POCD) und Delir

Obwohl Narkosen im Allgemeinen sicher sind, können nach einer Operation vorübergehende Denk-, Verhaltens- oder Bewusstseinsstörungen auftreten, die als postoperative kognitive Dysfunktion (POCD) oder Delir bekannt sind.

  • POCD: In einer Studie wurden POCD bei 37 Prozent der jungen Erwachsenen und 41 Prozent der älteren Patienten bei der Entlassung diagnostiziert. Drei Monate später wiesen noch 6 Prozent der jungen Erwachsenen und 13 Prozent der älteren Patienten kognitive Einschränkungen auf.
  • Delir: Ein Delir ist die häufigste Organfunktionsstörung nach einem operativen Eingriff. Im Durchschnitt erleiden zehn Prozent der Patienten in allen Altersgruppen ein Delir.

Ursachen und Risikofaktoren für Delir

Es gibt verschiedene Faktoren, die das Risiko eines Delirs nach einer Operation erhöhen können:

  • Alter: Ältere Menschen sind besonders gefährdet, da ihr Gehirn sich weniger leicht regenerieren kann, wenn Hirnzellen absterben.
  • Vorerkrankungen: Kognitive und funktionelle Einschränkungen, die schon vor der Operation bestehen, können das Delir-Risiko erhöhen.
  • Dehydration: Ein Flüssigkeitsmangel vor und während der Operation kann die Organfunktionen beeinträchtigen und ein Delir begünstigen.
  • Lange Narkosedauer: Insbesondere bei Herzoperationen, bei denen die Narkose lange dauert und eine Herz-Lungen-Maschine eingesetzt wird, kann es häufiger zu postoperativen Verwirrtheitszuständen kommen.
  • Unerkannte Delirien: Wenn ein Delir nicht frühzeitig erkannt und behandelt wird, kann der Zustand dauerhaft werden.

Symptome eines Delirs

Die Symptome eines Delirs können vielfältig sein. Viele Patienten sind nach der Operation eher ruhig, ziehen sich zurück und wirken teilnahmslos. Im klinischen Alltag sind psychologische Screeningtests notwendig, um diesen Zustand zu identifizieren.

Prävention und Behandlung von Delir

Es gibt verschiedene Maßnahmen, um einem Delir vorzubeugen und es zu behandeln:

  • Delir-Prophylaxe: Während der OP sollten die Narkosetiefe und der Kreislauf streng überwacht werden, um Überdosierungen zu vermeiden.
  • Reorientierung: Den Patienten reorientieren, maximal aktivieren und ein bekanntes Umfeld schaffen, beispielsweise durch häufige Besuche.
  • Frühzeitige Mobilisierung: Patienten sollten so früh wie möglich mobilisiert werden.
  • Optimale Schmerztherapie: Regionale Anästhesieverfahren können helfen, den Bedarf an Opioiden zu reduzieren.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Es ist wichtig, dass der Körper vor und während der Operation nicht zu stark dehydriert.
  • Vermeidung von sensorischer Deprivation: Schlafbrillen und Ohrstöpsel können für eine bessere Nachtruhe sorgen.
  • Vertraute Umgebung: Flexible Besuchszeiten und persönliche Gegenstände am Krankenbett können den Patienten helfen, sich zu orientieren.

Narkose bei Kindern

Es gibt Untersuchungen an Tieren, die zeigen, dass früh- oder neugeborene kleine Säugetiere, die verschiedenen Anästhetika ausgesetzt waren, Nervenzellendegenerationen aufwiesen. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Tierexperimente nicht ausreichen, um Schlussfolgerungen auf Kindernarkosen zu ziehen. Besonders ängstliche Eltern, deren Babys sich kleineren chirurgischen Eingriffen unterziehen müssen, sollten in Absprache mit dem behandelnden Kinderarzt einfach die zehnte Lebenswoche ihres Kindes abwarten, bevor operiert wird.

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Alternativen zur Vollnarkose

In vielen Fällen gibt es Alternativen zur Vollnarkose, wie z.B. die Regionalanästhesie. Bei der Regionalanästhesie werden nur bestimmte Bereiche oder Körperteile schmerzfrei gehalten, während der Patient bei Bewusstsein bleibt. Dies kann schonender sein als eine Vollnarkose und das Risiko von Nebenwirkungen reduzieren.

Die Rolle der Anästhesisten

Anästhesisten spielen eine entscheidende Rolle bei der Sicherheit von Narkosen. Sie überwachen die Patienten während der gesamten Operation und stellen sicher, dass die Narkosetiefe zu jedem Zeitpunkt den Notwendigkeiten entspricht. Sie können diese bei Bedarf individuell anpassen oder auch nachdosieren. Moderne Technik und Medikamente ermöglichen es den Anästhesisten, die Kreislauffunktionen in engen Grenzen zu halten und Patienten sicher durch den Eingriff zu bringen, auch wenn sie eher ungünstige Voraussetzungen mitbringen.

Forschung zu den Auswirkungen von Anästhetika auf das Gehirn

Die Forschung zu den Auswirkungen von Anästhetika auf das Gehirn ist ein aktives Feld. Forscher untersuchen, wie Anästhetika die Gehirntätigkeit insgesamt verändern und wie das Zusammenspiel der verschiedenen Regionen und der Austausch der neuronalen Signale beeinflusst werden. Ziel ist es, besser zu verstehen, warum es immer wieder zu Komplikationen in der Narkose kommt und wie das Gehirn Bewusstsein erschafft.

Eine Studie der Columbia University und der Universität Bonn hat eine Verbindung zwischen koma-assoziierten neurokognitiven Defiziten und Veränderungen der strukturellen Verknüpfungen des Gehirns identifiziert. Die Forscher fanden heraus, dass eine längere Narkose die synaptische Architektur des Gehirns unabhängig vom Alter signifikant verändert.

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