Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Dies führt zu vielfältigen neurologischen Symptomen wie Sehstörungen, Taubheitsgefühlen, Lähmungserscheinungen und Fatigue. Die genauen Ursachen von MS sind noch nicht vollständig geklärt, aber genetische und Umweltfaktoren spielen eine wichtige Rolle. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und MS in den Fokus gerückt.
Die Rolle von Vitamin D im Körper
Vitamin D, auch bekannt als "Sonnenhormon", ist eigentlich ein fettlösliches Prohormon, dessen Vorstufen mit Hilfe von UV-Strahlung in unserer Haut gebildet werden. Es kann auch über die Nahrung aufgenommen werden, insbesondere durch fettreiche Fische, Eier und angereicherte Milchprodukte. Vitamin D spielt eine entscheidende Rolle im Calcium- und Phosphatstoffwechsel und ist somit essenziell für die Knochengesundheit. Darüber hinaus beeinflusst es das Immunsystem und hat Auswirkungen auf Tumore.
Die Bestimmung des Vitamin-D-Status erfolgt durch die Messung von 25-Hydroxyvitamin-D im Blut. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) liegt der Normalwert für Vitamin D bei mindestens 50 nmol/l. Unterhalb dieses Wertes sprechen Ärzte von einer nicht optimalen Versorgung. Befinden sich weniger als 12,5 nmol/l Vitamin D im Blut, liegt ein schwerer Mangel an Vitamin D vor. Dem Robert Koch-Institut zufolge sind fast 60 Prozent der Deutschen nicht optimal mit Vitamin D versorgt, weil die nördliche Sonneneinstrahlung nicht intensiv genug ist. Rund zwei Prozent haben einen schweren Vitamin-D-Mangel.
Vitamin D als Risikofaktor für MS
Studien haben gezeigt, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel ein Risikofaktor für die Entwicklung von MS sein kann. So tritt MS in Ländern, die weiter vom Äquator entfernt liegen und weniger Sonnenlicht erhalten, häufiger auf. Eine geringe UV-Exposition, insbesondere im Kindesalter, kann das MS-Risiko erhöhen.
Eine finnische Studie mit rund 800.000 Schwangeren ergab, dass Frauen mit einem Vitamin-D-Mangel ein um 43 Prozent höheres Risiko hatten, an MS zu erkranken. Werte von 50 nmol/l Vitamin D und darüber senkten das spätere MS-Risiko deutlich.
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Auch Zwillingsstudien liefern Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Vitamin D und MS. Wenn ein Zwilling an MS erkrankt, hat der betroffene Zwilling oft deutlich niedrigere Vitamin-D-Werte im Blut als der gesunde Zwilling.
Es gibt auch Hinweise darauf, dass Gene, die die Herstellung von Vitamin D beeinflussen, eine Rolle bei der Entstehung von MS spielen könnten.
Einfluss von Vitamin D auf den MS-Verlauf
Für MS-Betroffene ist besonders interessant, welchen Einfluss die Einnahme von Vitamin D auf den Krankheitsverlauf haben kann. Kann das Risiko für neue Schübe und Läsionen reduziert werden?
Eine aktuelle Untersuchung aus den USA analysierte Daten von 469 MS-Patienten über einen Zeitraum von fünf Jahren. Die Ergebnisse zeigten, dass eine Zunahme der Vitamin-D-Konzentration im Blut um 10 ng/ml mit einem um 15 % reduziertem Risiko für neue T2-Läsionen einherging. Das Risiko für neue Kontrastmittel anreichernde Läsionen war sogar um 32 % niedriger. Höhere Vitamin-D-Spiegel gingen auch mit einem geringeren Risiko für neue Schübe einher. Die Arbeit zeigt sehr eindrücklich, dass Patienten mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln im Blut ein deutlich höheres Risiko für das Auftreten von neuen Läsionen im Gehirn haben. Ähnliche, aber nicht so ausgeprägte Effekte wurden auch für das Auftreten von neuen Schüben beobachtet.
Eine französische Studie untersuchte die Wirkung von hochdosiertem Vitamin D3 (Cholecalciferol) bei Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom (KIS), der Erstmanifestation einer MS. Die Studienteilnehmer bekamen zwei Jahre lang alle zwei Wochen eine Dosierung von 100.000 IU oder Placebo. Die Vitamin-D-Gabe reduzierte dabei die Krankheitsaktivität, definiert als Auftreten von MS-Schüben und/oder neuen oder Kontrastmittel-aufnehmenden Läsionen in der Magnetresonanztomografie (MRT).
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Allerdings sind die Studienergebnisse insgesamt uneinheitlich. Eine randomisierte Studie aus Australien und Neuseeland zeigte im Jahr 2023 bei täglicher Gabe von bis zu 10.000 IU Vitamin D keinen signifikanten Effekt auf die Konversion von CIS zu einer manifesten MS.
Praktische Empfehlungen zur Vitamin-D-Einnahme bei MS
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hebt die Relevanz der Ergebnisse hervor, warnt jedoch nachdrücklich vor der eigenmächtigen Einnahme hoher Dosen ohne ärztliche Überwachung. Nach aktueller S3-Leitlinie zur MS-Therapie ist eine Vitamin-D-Gabe bei nachgewiesenem Mangel indiziert. Eine Anhebung des Spiegels bis in den oberen Normbereich (50 bis 125 nmol/l) kann in Einzelfällen erwogen werden, wobei die Tagesdosis von 4.000 IU nicht überschritten werden sollte.
Die DGN warnt vor der eigenmächtigen Anwendung von Ultra-Hochdosis-Therapien, wie sie teilweise im Internet propagiert werden. Eine unkontrollierte Einnahme hoher Mengen kann mit schweren Nebenwirkungen wie Nierenschäden oder Herzrhythmusstörungen einhergehen.
Es ist wichtig, den Vitamin-D-Status über einen Bluttest bestimmen zu lassen, bevor man mit der Einnahme von Vitamin D beginnt. Die Einnahme von Vitamin D sollte immer nach Rücksprache mit einem Arzt erfolgen.
Vitamin D durch Sonnenlicht
Die Sonne versorgt unseren Körper gratis mit Vitamin D. In unseren Breitengraden genügt es von März bis Oktober schon, regelmäßig für mindestens eine halbe Stunde mit hochgekrempelten Ärmeln ins Freie zu gehen. Selbst bei ausgiebigen Sonnenbädern ist eine Überdosierung über die Haut unmöglich.
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