VIV-ARTE® Trainingskonzept bei Polyneuropathie: Ein innovativer Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität

Polyneuropathie, insbesondere die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN), stellt für viele Patienten eine erhebliche Belastung dar. Das VIV-ARTE® Trainingskonzept (VAT®) bietet einen vielversprechenden Ansatz zur Linderung von Symptomen und zur Wiederherstellung von Alltagskompetenzen.

Einführung in die Polyneuropathie und ihre Herausforderungen

Die Polyneuropathie ist eine tückische Krankheit, die bis zur Bewegungsunfähigkeit führen kann. Erhebliche Missempfindungen, anhaltende Schmerzen, Koordinations- und Schlafstörungen kennzeichnen die Polyneuropathie, von der insbesondere Krebspatienten betroffen sind, die sich einer Chemotherapie unterziehen mussten. Die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) ist eine gravierende Nebenwirkung, die bei ca. der Hälfte der Patienten auftritt. Bei ca. 30 % der Patienten persistieren die Symptome über einen langen Zeitraum und führen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität. So sind Alltagsaufgaben - wie das Zuknöpfen eines Hemdes oder das sichere Gehen - erheblich eingeschränkt.

Das VIV-ARTE® Trainingskonzept (VAT®): Ein Überblick

Das VIV-ARTE® Trainingskonzept (VAT®) zur Behandlung von Polyneuropathien und Lähmungen wurde vor 20 Jahren von Pflegekräften initiiert und seither kontinuierlich als strukturiertes Programm weiterentwickelt. Durch das Programm können Symptome spezifisch gelindert und Alltagskompetenzen schrittweise zurückgewonnen werden (Bauder Mißbach 1996, 2005, 2006; Schönsteiner et al 2015, 2017).

Das Viv-Arte Konzept wurde zur Behandlung der an Chemotherapie induzierten Polyneuropathie (CI-PNP) entwickelt. Das innovative „VAT“ - Viv-Arte® Trainingskonzept kombiniert u.a. Vibrationstraining, Gelenkmobilisation sowie Kraft- und Koordinationstraining miteinander.

Entwicklung und Unterstützung des Konzepts

Eine Besonderheit ist, dass das Trainingskonzept nicht von Forschern und/oder Ärzten entwickelt wurde, sondern inhaltlich und praktisch von der Krankenschwester Heidi Bauder Mißbach. Die Krankenschwester Elisabeth Kirchner und die ehemalige Pflegedirektorin Anna M. Eisenschink gaben ihr am Universitätsklinikum Ulm über Jahre hinweg wichtige Unterstützung - sie führten „VAT“ in den klinischen Alltag ein.

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Das VIV-ARTE® Trainingskonzept (VAT®) bei Polyneuropathien und Lähmungen wurde maßgeblich von der AOK Ulm-Biberach unterstützt. Einen großen Anteil bei der Ausarbeitung des Vertrags und der Realisierung des Projekts für die ambulante Versorgung im Universitätsklinikum Ulm hatte die AOK Ulm-Biberach. Die Krankenkasse hat als exklusiver Partner die Rahmenbedingungen für die Überbringung von VAT in die stationäre Regelversorgung maßgeblich mitgestaltet.

Wissenschaftliche Evaluation und Förderung

Das Programm wurde im Rahmen einer randomisierten Phase III Studie, die von der José Carreras Leukämie-Stiftung gefördert wurde, wissenschaftlich geprüft. Das Projekt zur Behandlung der therapieassoziierten Neuropathie mit nicht-invasiven und nicht-medikamentösen Methoden ist bislang einzigartig.

Die vier Module des VAT® Trainingsprogramms

Im Rahmen des VAT® Trainingsprogramms erhalten die betroffenen Patienten in der Regel vier Module, die sich aus jeweils 15 Einheiten zusammensetzen. Jede Trainingseinheit dauert 90 Minuten und wird von speziell ausgebildeten Pflegefachkräften durchgeführt. Die Teilnahme ist kostenlos.

Die Behandlungen werden in der VIV-ARTE® Bewegungsschule Asselfingen von Frau Anneliese Riester (VAT-Therapeutin) durchgeführt. Vor Behandlungsbeginn, nach der 8. Behandlung und nach der 15. Behandlung werden die Patienten am Universitätsklinikum Ulm getestet.

Die Abrechnung erfolgt per Rechnungsstellung, bei der 15. Behandlung oder vorherigem Behandlungsabbruch.

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Die vier Module umfassen:

  • Modul 1: Passive Integrative Mobilisation und Massage (PIM)

    Verspannungen werden gelöst, der Muskeltonus vitalisiert und das Körperbewusstsein stimuliert. Das Zusammenspiel der an einer Bewegung beteiligten Muskeln wird gefördert, so dass die Patienten nach der Behandlung Bewegung leichter und sicherer erfahren. Eine Einheit dauert 60 Minuten.

  • Modul 2: HATA-Gymnastik - Integration von Haltungs- & Transportbewegung (HATA)

    Die Gymnastik fördert gleichermassen die Haltung und Beweglichkeit. Sie verbessert die Bewegungskoordination und der Stoffwechsel wird angeregt. Eine DVD zeigt die Übungen und erleichtert das tägliche Training zu Hause. Ein Tagebuch und ein Schrittzähler helfen, die Leistungssteigerung zu beobachten.

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  • Modul 3: VAP-Funktionstraining - Körperkontrolle in Alltagshandlungen

    Das Training unterstützt Patienten im Erlernen von Alltagshandlungen, so dass sie diese ohne Assistenz und Hilfsmittel wieder selbständig ausführen können.

  • Modul 4: VAT®-Galileo® Training

    In Verbindung mit Erkenntnissen zur Muskelphysiologie aus der Raumfahrt wurde das Programm um ein Training mit einer Ganzkörper-Vibrationsplattform (Bogaerts et al 2007) erweitert, hier Galileo® (Pela et al 2009). Mit einer Aufwärmphase werden die Patienten auf das nachfolgende Training vorbereitet. In der Trainingsphase trainieren sie Muskelfunktion, Muskelkraft und Muskelleistung. Ihre Balance verbessert sich. Die Entspannungsphase beugt Muskelkrämpfen vor und lockert alle verspannten Muskeln. Eine Einheit dauert ca. 20 Minuten.

Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Verzahnung kreativer Innovation und strenger Kriterien zur Durchführung einer komplexen randomisierten Studie mit 131 Patienten erforderte eine intensive Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Berufsgruppen, hier forschende Pflege, Ärzte und Informationstechnologie. Eine interdisziplinäre Forschung und Entwicklung von Pflege und Medizin am Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Innere Medizin III, ist hier hervorzuheben.

Erfolge und Perspektiven des VIV-ARTE® Trainingskonzepts

Die Erfolge von „VAT“ sind bemerkenswert, und die AOK Ulm-Biberach hat sich bereit erklärt, als exklusiver Partner bei der Ausarbeitung des Vertrags und der Realisierung des Projekts für die ambulante Versorgung in der Universitätsklinik mitzuwirken. Ein unverzichtbarer Beitrag, der sicherstellt, dass Patienten auch in Zukunft vom Trainingskonzept profitieren und ihre Lebensqualität sich so erheblich verbessern kann.

Das Wissen um eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität von betroffenen Patienten war auch für die AOK Ulm-Biberach ein ganz entscheidender Grund für ihr Engagement.

Patientenaussagen und klinische Ergebnisse

„Die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie ist eine Nervenerkrankung mit schweren Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit. Damit sind erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Mobilität von Patienten verbunden“, verdeutlicht Prof. Dr. Richard F. Schlenk aus der Klinik für Innere Medizin III, der insbesondere das strukturierte Behandlungs- und Dokumentationskonzept von „VAT“ vorangetrieben hat. Er ergänzt: „Die Missempfindungen treten vor allem an den Händen und Füßen auf. Sie werden häufig als Kribbeln oder Taubheitsgefühle wahrgenommen, die u.a. zu fehlendem Feingefühl in den Fingern führen können. Das kann soweit gehen, dass z.B. Hemdknöpfe nicht mehr geschlossen und Flaschen nicht mehr geöffnet werden können. Besondere Gefahren lauern beispielsweise beim Treppensteigen, da auch koordinative Fähigkeiten verloren gehen.

„Die Verbesserung der Lebensqualität ist eng verbunden mit der Wiedererlangung der Mobilität. Eine nach unserem Konzept behandelte Patientin sagte mir gegenüber, dass sie nun wieder was tun könne. Sie habe wieder Kraft und ihre Missempfindungen würden täglich weniger. „Als Arzt bin ich sehr froh, dass Frau Kirchner und Frau Bauder Mißbach diesen bemerkenswerten Pioniergeist bewiesen haben“, bilanziert Professor Döhner. „Bislang hat die Medizin nämlich keine befriedigende Antwort auf die Polyneuropathie.

Zukünftige Entwicklungen

Ein Ausbau der VAT® Pflegeambulanzen ist geplant, da der Bedarf sehr hoch ist. Auch erscheint eine weitere Pflegeforschung in interdisziplinärer Zusammenarbeit den Beteiligten zukunftsweisend.

Die AOK Baden-Württemberg ist bei der Entwicklung von neuartigen Versorgungsprogrammen ein Innovationstreiber. Auf landesweiter Ebene haben sie mit flächendeckenden Hausarzt- und Facharztverträgen viel für eine optimierte Versorgung der Patienten und eine zufriedenstellende Arbeitssituation für Ärzte im ambulanten Bereich getan. VAT ergänzt diese Programme im stationären Bereich. Als lokal verankertes Unternehmen freuen wir uns besonders, auch regionale Projekte mit unserem Knowhow zu unterstützen. Die Bedeutung der Krankenpflege nimmt durch den demografischen Wandel stetig zu; wir müssen uns daher rechtzeitig für die Zukunft rüsten.

Fazit

Das VIV-ARTE® Trainingskonzept (VAT®) stellt einen wichtigen Fortschritt in der Behandlung von Polyneuropathie dar. Durch die Kombination verschiedener Therapieansätze und die enge Zusammenarbeit von Pflegekräften, Ärzten und anderen Fachleuten wird eine umfassende und individuelle Betreuung der Patienten ermöglicht. Die positiven Ergebnisse und die geplante Ausweitung des Programms lassen auf eine vielversprechende Zukunft für die Behandlung von Polyneuropathie hoffen.

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