Vollnarkose-Risiken nach Schlaganfall: Was Sie wissen müssen

Die moderne Anästhesie hat medizinische Eingriffe revolutioniert und ermöglicht es, diese sicher, schmerzfrei und in einer angenehmen Umgebung durchzuführen. Unterschiedliche Verfahren kommen zum Einsatz, die je nach Art des Eingriffs und dem individuellen Gesundheitszustand des Patienten ausgewählt werden. Wie jede medizinische Behandlung birgt jedoch auch die Vollnarkose Risiken und potenzielle Komplikationen, die es zu verstehen gilt. Besonders für Patienten nach einem Schlaganfall ist eine sorgfältige Abwägung der Vor- und Nachteile unerlässlich.

Allgemeine Risiken einer Vollnarkose

Trotz aller Sorgfalt und technischer Überwachung können unerwünschte Wirkungen oder Komplikationen auftreten - wie bei jeder medizinischen Behandlung. Manche sind harmlos und vorübergehend, andere sind sehr selten, aber potenziell schwerwiegend.

Häufige, meist harmlose Nebenwirkungen

  • Übelkeit und Erbrechen (PONV, post-operative nausea and vomiting): Besonders nach einer Vollnarkose möglich, kann medikamentös gut behandelt werden.
  • Kältezittern (Shivering): Ein Zittern nach dem Aufwachen, bedingt durch Temperaturveränderungen oder Medikamente.
  • Müdigkeit oder Benommenheit: Kann einige Stunden anhalten.
  • Harnverhalt: Schwierigkeiten beim Wasserlassen, insbesondere bei Regionalanästhesie.
  • Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen: Besonders nach rückenmarksnahen Anästhesien.
  • Heiserkeit oder Halsschmerzen: Durch die Beatmung bei Vollnarkose bedingt.

Seltener auftretende Risiken

  • Allergische Reaktionen: Auf Medikamente, Pflaster, Desinfektionsmittel oder Latex - reichen von Hautausschlag bis zu schwerer Atemnot.
  • Blutergüsse oder Infektionen an Einstichstellen: Zum Beispiel am Venenzugang oder bei Kathetern.
  • Nervenirritationen: Kurzzeitige Missempfindungen oder Kribbeln, selten auch länger (mehrere Wochen bis Monate) anhaltend.
  • Thrombose und Embolie: Falls sich in einem Gefäss ein Gerinnsel bildet (Thrombose) und dieses Gerinnsel anschliessend fortgetragen wird, kann dies schwerwiegende und teils lebensgefährliche Folgen haben (bswp. Lungenembolie, Schlaganfall, Herzinfarkt).
  • Kurzfristige Konzentrations- und Gedächtnisstörungen: Unabhängig von der Art der Anästhesie.
  • Delir: Das Risiko, ein Delir rund um die Operation zu erleiden hängt stark vom Gesundheitszustand ab. Besonders gefährdet sind schwerkranke, vulnerable und betagte Patient:innen.

Sehr seltene, aber schwerwiegende Komplikationen

  • Schwere anaphylaktische (allergische) Reaktionen bis hin zum Herz-Kreislauf-Schock
  • Bleibende Nervenverletzungen und -schäden, Querschnittslähmung
  • Chronische Schmerzen und bleibende Lähmungen nach schwerwiegenden Nervenverletzungen, Blutergüssen oder Entzündungen.
  • Unerwartet auftretende Komplikationen wie Krampfanfälle, Herz-, Kreislauf-, Atem- und Organversagen, die unter Umständen zu schwerwiegenden Dauerschäden führen können.

Spezifische Risiken im Zusammenhang mit der Vollnarkose

Bei einer Vollnarkose wird der gesamte Körper in einen tiefen schlafähnlichen Zustand versetzt. Mögliche Komplikationen umfassen:

  • Heiserkeit, Halsschmerzen, Schluckbeschwerden
  • Erhöhtes Risiko für Übelkeit und Erbrechen (PONV)
  • Druckstellen (inkl. Nervenirritationen) und Verletzungen im Mund-Rachen-Bereich sowie entlang des Atemwegs durch Einführen der Beatmungshilfen
  • Krampfartiger Verschluss der Luftwege (Akuter Asthmaanfall, Laryngo- und Bronchospasmus): Lässt sich in der Regel rasch mit Medikamenten beheben.
  • Zahnschäden bis hin zum Zahnverlust: Vor allem bei bereits lockeren Zähnen und Karies sowie vorhandenen Kronen, Brücken, gelockertem Zahnersatz oder Prothesen
  • Hornhautschäden am Auge: Wenn der Augenschluss während einer Narkose nicht komplett ist oder wenn trotz ausreichendem Augenschluss das Auge während der Narkose zu wenig befeuchtet ist, kann es zu schmerzhaften Hornhautschäden kommen. Diese heilen in der Regel folgenlos ab.

Vollnarkose nach Schlaganfall: Besondere Überlegungen

Ein Schlaganfall hinterlässt oft bleibende Schäden im Gehirn, die die Anfälligkeit für Komplikationen während und nach einer Vollnarkose erhöhen können. Es ist wichtig zu verstehen, welche spezifischen Risiken für Schlaganfall-Patienten bestehen und wie diese minimiert werden können.

Erhöhtes Risiko für neurologische Komplikationen

Patienten, die einen Schlaganfall erlitten haben, weisen oft eine erhöhte Anfälligkeit für neurologische Komplikationen im Zusammenhang mit einer Vollnarkose auf. Dazu gehören:

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  • Rezidivierender Schlaganfall: Eine Vollnarkose kann das Risiko eines erneuten Schlaganfalls erhöhen, insbesondere bei Patienten mit bereits bestehenden Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Vorhofflimmern oder Arteriosklerose.
  • Verschlechterung bestehender neurologischer Defizite: Die Narkose kann vorbestehende neurologische Defizite wie Lähmungen, Sprachstörungen oder kognitive Beeinträchtigungen verstärken.
  • Postoperatives Delir: Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand, der nach einer Operation auftreten kann. Schlaganfall-Patienten haben ein erhöhtes Risiko, ein Delir zu entwickeln, was zu Desorientierung, Halluzinationen und Unruhe führen kann.
  • Stumme Schlaganfälle: Die NeuroVISION-Studie hat die Häufigkeit der neuen MRT-Läsionen bei Senioren unter­sucht, die sich im Alter von über 65 Jahren einer elektiven Operation unterzogen. An der Studie nahmen an zwölf Zentren in neun Ländern (keine deutsche Beteiligung) 1.114 Patienten im mittleren Alter von 73 Jahren teil, die sich verschiedenen geplanten Opera­tionen unterzogen hatten. Zwei bis neun Tage nach der Operation wurde bei den Teilneh­mern eineMRT durchgeführt. Wie ein Team um Philip Devereaux von der McMaster Universität in Hamilton (Ontario) berichtet, wurden bei 7 Prozent der Teilnehmer DWI-Läsionen im MRT diagnostiziert. Am häufigsten waren sie nach Thoraxoperationen (13,8 Prozent) und nach Gefäßoperationen (10 Prozent). Nach urologischen oder gynäkologischen Eingriffen betrug die Inzidenz 9,2 Prozent, nach allgemeinchirurgischen Operationen 6,6 Prozent, nach Eingriffen an der Wirbelsäule 6,5 Prozent und nach risikoarmen Operationen 3,1 Prozent.

Einfluss des Schlaganfalls auf die Narkoseführung

Die Anästhesie bei Schlaganfall-Patienten erfordert eine sorgfältige Planung und Durchführung, um das Risiko von Komplikationen zu minimieren. Folgende Aspekte sind besonders wichtig:

  • Sorgfältige Anamnese: Eine detaillierte Anamnese des Patienten ist unerlässlich, um Informationen über den Zeitpunkt und die Art des Schlaganfalls, bestehende Risikofaktoren, Medikamente und Vorerkrankungen zu sammeln.
  • Individuelle Risikobewertung: Anästhesisten teilen die Patienten in vier verschiedene Risikogruppen ein, die so genannten ASA-Gruppen. ASA steht für die American Society of Anesthesiologists, die diese Klassifizierung entwickelt hat. Wer gesund ist, zählt zur ASA-Gruppe 1: gesund ohne Grunderkrankung. „Für diese Menschen ist eine Vollnarkose normalerweise gut verträglich“, sagt Dr. Ellen Fuchs, Anästhesistin im ServiceCenter AOK-Clarimedis. Je älter und kränker der Patient ist, desto höher ist der ASA-Wert“, so die Expertin. Zu ASA 4 zählen zum Beispiel schwer herz- und lungenkranke Menschen. Auch Personen, die kurze Zeit vor der Narkose einen Herzinfarkt erlitten haben oder stark adipös (übergewichtig) sind, gehören zu den Risikopatienten.
  • Wahl des Anästhesieverfahrens: In einigen Fällen kann eine Regionalanästhesie (z. B. Spinalanästhesie oder Periduralanästhesie) eine sicherere Alternative zur Vollnarkose sein, da sie das Gehirn weniger belastet. Die Entscheidung für das geeignete Verfahren sollte jedoch immer individuell getroffen werden.
  • Überwachung und Steuerung des Blutdrucks: Ein stabiler Blutdruck ist während der Narkose entscheidend, um eine ausreichende Durchblutung des Gehirns zu gewährleisten. Anästhesisten überwachen den Blutdruck engmaschig und steuern ihn gegebenenfalls mit Medikamenten.
  • Vermeidung von Hypoxämie und Hyperkapnie: Sauerstoffmangel (Hypoxämie) und erhöhte Kohlendioxidwerte (Hyperkapnie) können das Gehirn zusätzlich schädigen. Anästhesisten achten daher auf eine adäquate Sauerstoffversorgung und Beatmung des Patienten.
  • Berücksichtigung von Medikamenten: Einige Medikamente, die vor oder nach dem Schlaganfall eingenommen werden, können die Narkose beeinflussen. Anästhesisten müssen diese Medikamente berücksichtigen und gegebenenfalls die Narkoseführung anpassen.

Maßnahmen zur Risikominimierung

Um die Risiken einer Vollnarkose nach einem Schlaganfall zu minimieren, können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden:

  • Optimierung des Gesundheitszustands: Vor der Operation sollten alle bestehenden Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Herzerkrankungen optimal eingestellt werden.
  • Präoperative neurologische Untersuchung: Eine neurologische Untersuchung vor der Operation kann helfen, bestehende Defizite zu dokumentieren und das Risiko für Komplikationen besser einzuschätzen.
  • Aufklärung des Patienten: Eine umfassende Aufklärung des Patienten über die Risiken und Vorteile der Narkose ist unerlässlich, um eine informierte Entscheidung zu ermöglichen. Ehrlich im Aufklärungsgespräch: Informieren Sie das Anästhesieteam über Ihren Gesundheitszustand, Allergien, Medikamente und frühere Erfahrungen.
  • Erfahrenes Anästhesieteam: Die Narkose sollte von einem erfahrenen Anästhesieteam durchgeführt werden, das mit den besonderen Herausforderungen bei Schlaganfall-Patienten vertraut ist.
  • Postoperative Überwachung: Nach der Operation sollte der Patient engmaschig auf neurologische Veränderungen überwacht werden.

Was Patienten und Angehörige tun können

Patienten und ihre Angehörigen spielen eine wichtige Rolle bei der Minimierung der Risiken einer Vollnarkose nach einem Schlaganfall:

  • Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen mit dem Anästhesisten über Ihre Bedenken und Ängste.
  • Vollständige Informationen: Geben Sie dem Anästhesisten vollständige Informationen über Ihre Krankengeschichte, Medikamente und Allergien.
  • Befolgen Sie die Anweisungen des Arztes: Beachten Sie die Anweisungen des Arztes zur Vorbereitung auf die Operation und zur Nachsorge. Nüchtern bleiben: Bitte beachten Sie die Anweisungen zur Nüchternzeit - dies senkt das Risiko einer Aspiration und schweren Lungenentzündung erheblich. Anweisungen zu Medikamenten befolgen.
  • Unterstützung nach der Operation: Bieten Sie dem Patienten nach der Operation Unterstützung und helfen Sie ihm, sich zu erholen. Verhalten nach dem Eingriff: Nach ambulanter Narkose dürfen Sie für 24 Stunden nicht aktiv am Strassenverkehr teilnehmen oder Maschinen bedienen. Sie sind in dieser Zeit geschäftsunfähig. Zudem müssen Sie zu Ihrer Sicherheit von einer urteilsfähigen, erwachsenen Person betreut werden.

Alternative Anästhesieverfahren

In einigen Fällen kann eine Regionalanästhesie eine schonendere Alternative zur Vollnarkose darstellen.

2.1 Spinalanästhesie und Periduralanästhesie

Bei der Spinalanästhesie und Periduralanästhesie werden Betäubungsmittel in den Rückenmarkkanal injiziert, um die Schmerzempfindung in einem bestimmten Körperbereich auszuschalten. Diese Verfahren werden häufig bei Operationen an den unteren Extremitäten, im Beckenbereich oder am Unterbauch eingesetzt.

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Mögliche Komplikationen:

  • Unzureichende Wirkung: Bei ungenügender Wirkung können jederzeit Schmerzmittel zugefügt werden oder eine Allgemeinanästhesie eingeleitet werden.
  • Rückenschmerzen: Kurzfristig nach der Punktion.
  • Probleme beim Wasserlassen, Harnverhalt: Kann das Einführen eines Blasenkatheters erforderlich machen.
  • Reizung von Hirnnerven mit in der Regel vorübergehenden, selten auch bleibenden Seh- und Hörstörungen sowie Kopfschmerzen.
  • Starke Kopfschmerzen (postpunktionell aufgrund Verlust von Hirnwasser, «Liquorleck»): Können einige Tage anhalten, sind aber behandelbar (Einspritzen von Eigenblut an Punktionsstelle).

Sehr seltene, aber schwerwiegende Komplikationen:

  • Infektionen: Im Bereich der Wirbelsäule, z. B. Hirnhautentzündung (Meningitis, Meningoradikulitis) oder Abszess, der zu Druck auf Nerven führen kann.
  • Blutung, Bluterguss (Hämatom) im Bereich des Rückenmarks oder der austretenden Spinalnerven: Kann zu Druck auf Nerven führen.
  • Hirnblutung, Thrombose der Hirnvenen mit möglichen Dauerschäden (z.B. Gehirnschaden).
  • Verletzung mit dauerhaften Nervenschäden, bleibenden Lähmungen (z.B.

2.3 Periphere Regionalanästhesie

Bei der peripheren Regionalanästhesie werden einzelne Nerven oder Nervengeflechte gezielt betäubt, um die Schmerzempfindung in einem bestimmten Körperbereich auszuschalten. Dieses Verfahren wird häufig bei Operationen an Hals, Schulter, Arm, Rumpf, Becken und Bein eingesetzt.

Mögliche Komplikationen:

  • Unzureichende Wirkung: Bei ungenügender Wirkung können jederzeit Schmerzmittel zugefügt werden oder eine Allgemeinanästhesie eingeleitet werden.

Seltene, aber relevante Risiken:

  • Lungenkollaps (Pneumothorax) bei Punktion im Hals-, Schulter- und Brustbereich.
  • Infektionen im Bereich der betäubten Nerven.
  • Blutung, Bluterguss (Hämatom) im Bereich der betäubten Nerven. Kann zu Druck auf Nerven führen.
  • Verletzung mit dauerhaften Nervenschäden bis zu bleibenden Empfindungsstörungen, Lähmungen oder chronischen Schmerzen.
  • Krämpfe und Bewusstlosigkeit, wenn das Betäubungsmittel versehentlich in ein Blutgefäss gelangt.

2.4 Lokalanästhesie

Bei der Lokalanästhesie wird eine kleine Körperstelle betäubt, z. B. für eine Hautnaht. Dieses Verfahren ist meist ohne zusätzliche Risiken.

Nur in Ausnahmefällen:

  • Unzureichende Wirkung: Bei ungenügender Wirkung können jederzeit Schmerzmittel zugefügt werden oder eine Allgemeinanästhesie eingeleitet werden.

Zusätzliche Maßnahmen bei bestimmten Eingriffen oder Vorerkrankungen

Bei bestimmten Eingriffen oder Vorerkrankungen können zusätzliche Massnahmen notwendig sein:

  • Arterienkanüle: Blutung, Bluterguss, Gefässverschluss, Nervenschaden.
  • Zentralvenöser Katheter: Blutung, Bluterguss, Thrombose, Nervenschaden, Infektion, Lungenkollaps, Luftembolie.
  • Blasenkatheter: Harndrang, Infektion, Blutung, später mögliche Harnröhrenverengung.
  • Bluttransfusion: Unverträglichkeitsreaktion, sehr selten Infektion oder Lungenschäden.
  • Eisengabe intravenös: Unverträglichkeitsreaktion, Allergien, Hautverfärbung an der Einstichstelle.
  • Transösophageale Echokardiographie (Herzultraschall über die Speiseröhre, Schluckecho): Schluckbeschwerden, Verletzungen von Rachen, Speiseröhre und Magen.

Lagerungsschäden während längerer Operationen

Während längerer Operationen kann die für die Operation notwendige Lagerung des Körpers zu Druckstellen an Haut, Gewebe und Organen, Nervenquetschungen oder Gelenkproblemen führen. Durch Druck, Zug oder Überstreckung an Nerven kann es zu Schädigungen an Nerven von Gefühlsstörungen bis hin zu Lähmungen kommen. Ebenfalls durch erhöhten Druck in der Augenregion kann es - vor allem bei langen Operationen - zu Sehstörungen oder sehr selten zu bleibenden Sehverlusten kommen. Besonders gefährdet für Lagerungsschäden sind spezielle Lagerungen wie z.B. Seitenlage, Bauchlage, Steinschnittlage oder kopfferne Lagerungen (die Anästhesist:in hat keinen Zugang zum Kopf). Meist bilden sich diese Beschwerden innerhalb weniger Monate zurück, können selten aber auch von Dauer sein.

Perioperative Schlaganfälle bei Patienten mit PFO

Patienten, bei denen zuvor ein persistierendes Foramen ovale (PFO) diagnostiziert wurde, haben im Fall allgemeinchirurgischer Operationen ein erhöhtes Risiko für perioperative Schlaganfälle. Eine Notwendigkeit zur Änderung diagnostischer oder therapeutischer Strategien ergibt sich aus dieser in einer neuen Studie gewonnenen Erkenntnis derzeit aber nicht.

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Die Rate an perioperativen Schlaganfällen, die innerhalb von 30 Tagen nach aus nicht-kardialen Gründen vorgenommenen Operationen auftraten, betrug bei Patienten mit zuvor festgestelltem PFO 3,2%, bei Patienten ohne diagnostiziertem PFO dagegen nur 0,5% (adjustierte Odds Ratio 2,66, 95% CI 1,96-3,63). Zu diesem Ergebnis kommt eine Forschergruppe um Dr. Matthias Eikermann vom Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston in einer retrospektiven Analyse.

Nach Berechnungen von Eikermann und seinen Kollegen kommen auf 1000 operierte Personen in der Gruppe mit PFO 5,9 perioperative Schlaganfälle, während es in der Gruppe ohne PFO 2,2 Ereignisse sind. Im Fall eines Schlaganfalls waren bei Patienten mit PFO zumeist relativ große Gefäßareale im Gehirn betroffen, dementsprechend waren bei ihnen die neurologischen Beeinträchtigungen stärker ausgeprägt als bei Schlaganfall-Patienten ohne PFO.

Unmittelbare Konsequenzen für die Praxis resultieren aus diesen Studienergebnissen derzeit nicht. Um zu klären, ob Patienten mit PFO im Fall einer Operation von intensivierten Maßnahmen zur Prophylaxe von Schlaganfälle wie Antithrombotika oder PFO-Verschluss profitieren oder nicht, bedürfe es weiterer Studien, konstatieren die Autoren um Eikermann.

Ihre retrospektive Analyse basiert auf Daten von 150.198 Patienten, bei denen zwischen 2007 und 2015 an drei US-Kliniken chirurgische Eingriffe unter Vollnarkose vorgenommen worden waren, die alle nicht kardial bedingt waren. Bei 1540 Patienten (1%) war bei einer präoperativ veranlassten Echokardiografie ein PFO festgestellt worden.

Die Einschätzung der Studienautoren, dass es für Änderungen der praktischen Vorgehensweise bei Patienten mit PFO und anstehenden Operationen derzeit noch zu früh sei, schließen sich auch Dr. Scott Kasner und Dr. Steven Messe, beide von der University of Pennsylvania Perelman School of Medicine in Philadelphia, als Autoren eines Begleitkommentars zur Studienveröffentlichung an.

Beide Experten richten den Fokus auch auf mögliche Limitierungen der Studie. Wichtig erscheint ihnen dabei nicht zuletzt die Frage, warum bei bestimmten Patienten präoperativ eine Echokardiografie, die dann zur Entdeckung des PFO führte, als erforderlich erachtet wurde. Immerhin könnten die Gründe, die zur Veranlassung einer Echokardiografie geführt haben, auch etwas mit dem erhöhten Schlaganfall-Risiko zu tun gehabt haben. Auch die Studienautoren waren sich natürlich des Problems möglicher statistischer Störeinflüsse (confounding) als Crux jeder retrospektiven und nicht auf Randomisierung basierenden Analyse bewusst. Sie haben deshalb alle Anstrengungen unternommen, durch statistische Adjustierungen und Sensitivitätsanalysen möglichen Verzerrungen (Bias) vorzubeugen.

In allen entsprechenden Analysen bestätigte sich die Assoziation eines präoperativ bestehenden PFO mit einem erhöhten Schlaganfall-Risiko. Eikermann und seine Kollegen sind sich deshalb einigermaßen sicher, dass die gezeigte Risikoerhöhung real ist.

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