Epileptische Anfälle können sich vielfältig äußern. Das Wissen um die verschiedenen Anzeichen und Symptome ist entscheidend für eine frühzeitige Diagnose und adäquate Behandlung. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über die Vorwarnzeichen epileptischer Anfälle geben, um Betroffenen und Angehörigen ein besseres Verständnis der Erkrankung zu ermöglichen.
Das vielseitige Erscheinungsbild epileptischer Anfälle
Wenn jemand einen Schrei ausstößt, bewusstlos zu Boden geht und sich dann der ganze Körper verkrampft und zuckt, denken die meisten Menschen sofort an eine Epilepsie. Dieses weit verbreitete Bild entspricht jedoch nur einer bestimmten Anfallsform, nämlich dem Grand-mal-Anfall. Diese Form ist vergleichsweise selten. Die typische Absence-Epilepsie etwa äußert sich mitunter dadurch, dass Betroffene für wenige Sekunden ihre aktuelle Tätigkeit unterbrechen, starr in die Luft gucken und dann wieder ganz normal mit ihrer vorherigen Aktivität fortfahren. Meistens können Betroffene selbst sich gar nicht an die kurze Absence erinnern. Diese Form der Epilepsie ist übrigens typisch für Kinder, weshalb sie oft als Träumerei oder Unkonzentriertheit fehlinterpretiert wird („Hans-guck-in-die-Luft“). Auch Schweißausbrüche, Halluzinationen, ein aufsteigendes Unwohlsein in der Magengegend und Herzrasen können Symptome epileptischer Anfälle sein.
Die übermäßige Aktivität der Neuronen kann zu diversen Störungen führen und sich mitunter auch als typischer motorischer Krampfanfall äußern. Das muss aber nicht so sein. Manche Anfälle werden sowohl von Patientinnen und Patienten als auch Angehörigen kaum wahrgenommen, während andere zu Bewusstlosigkeit, Muskelkrämpfen, Stürzen und Zittern führen können. Ebenso können Störungen des Geruchssinns, Halluzinationen, Wutausbrüche, Migräne und Übelkeit auftreten. Oder Patientinnen und Patienten springen plötzlich auf und werfen Stühle um oder rennen unkontrolliert umher, woran sie sich später nicht erinnern können. Es können also eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome und Anfallsformen auf eine Epilepsie hinweisen, was die Diagnose der Erkrankung deutlich erschwert. Sowohl die Dauer, als auch Form und Ausprägung der motorischen und nicht-motorischen Symptome können erheblich variieren. Manche Anfälle dauern nur wenige Sekunden, andere mehrere Minuten. Mal äußern sie sich durch das allseits bekannte Erscheinungsbild der verkrampfenden und zuckenden Muskulatur, andere wiederum äußern sich durch nicht-motorische Symptome.
Ursachen und Formen der Epilepsie
Bei einer Epilepsie kommt es durch unterschiedlichste Ursachen und Auslöser zu einer übermäßigen elektrischen Entladung von Nervenzellen im Gehirn. So können zum Beispiel Stoffwechselstörungen, genetische Faktoren, Kopfverletzungen, gutartige und bösartige Tumore, Hirnhautentzündungen oder Schlaganfälle entsprechende Veränderungen im Gehirn verursachen, welche solche übermäßigen Entladungen der Neuronen begünstigen. Dann kommt es zu Symptome wie Muskelkrämpfen, Stürzen und Bewusstlosigkeit, aber auch zu durchaus subtileren Anfallsformen. Oft ist die genaue Ursache jedoch unbekannt. Das „Gewitter im Gehirn“ betrifft entweder Teilbereiche des Gehirns (fokale Epilepsie) oder das gesamte Gehirn (generalisierte Epilepsie). Bestimmte Abläufe, Häufigkeiten und Symptome werden zu sogenannten Epilepsie-Syndromen zusammengefasst, etwa der Juvenilen Absence-Epilepsie, dem Dravet-Syndrom oder der Rolando-Epilepsie. Zudem ist nicht jeder einmalige Krampfanfall gleichbedeutend mit einer Epilepsie. Im Kindesalter ist die Prognose außerdem sehr gut, sodass nicht jeder einmalige Anfall sofort zu einer dauerhaften Therapie führen muss. Die Prognose bezüglich Anfallsfreiheit variiert jedoch stark. Wenn zwei nicht provozierte Anfälle (Anfälle ohne erkennbare Auslöser bzw. Wenn, unter Berücksichtigung der ärztlichen Befunde, des EEG, der Symptomatik des Krampfanfalls und weiterer Aspekte durch die Ärztinnen und Ärzte, ein spezifisches Epilepsie-Syndrom diagnostiziert wird. Der Begriff „Epilepsie“ beschreibt demnach das Auftreten oder das Risiko für das Auftreten mehrerer epileptischer Anfälle in bestimmten zeitlichen Abständen, während ein einmaliger epileptischer Anfall nicht zwangsläufig bedeutet, dass auch eine Epilepsie vorliegt, die mit Anfallssuppressiva behandelt werden muss.
Die verschiedenen Formen von epileptischen Anfällen kann man grob unterteilen in sogenannte fokale Anfälle, die nur Teile des Gehirns betreffen, und generalisierte Anfälle, die das gesamte Gehirn betreffen.
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Fokale Anfälle: Das Gegenteil des generalisierten epileptischen Anfalls ist der fokale Anfall bzw. die fokale Epilepsie. Dabei sind klar zu identifizierende Teilbereiche des Gehirns an der Symptomen des Anfalls beteiligt. Jedoch können sich fokale Anfälle auch zu generalisierten Anfällen ausweiten. Fokale Anfälle werden auch als partielle oder lokalisationsbezogene epileptische Anfälle bezeichnet. Diese Anfälle gehen immer von einem bestimmten Bereich des Gehirns aus und betreffen in der Regel nur eine Gehirnhälfte. Man unterscheidet fokale Anfälle mit Bewusstseinseinschränkung (früher auch komplex-fokal genannt) und fokale Anfälle ohne Bewusstseinseinschränkung (früher einfach fokale Anfälle). Im ersten Fall nimmt der Patient oder die Patientin den epileptischen Anfall nicht bewusst wahr und kann sich später an nichts erinnern. Bei Erwachsenen ist dies die am häufigsten beobachtete Anfallsform. Die Symptome bei einem fokalen Anfall hängen davon ab, in welchem Teil des Gehirns die Nervenzellen übermäßig stark feuern. Das, was du als Außenstehender beobachten kannst, sind Zuckungen, Verkrampfungen oder Versteifungen bestimmter Körperteile. Manchmal lässt die Muskelanspannung in einem Körperteil abrupt nach. Einige Betroffene spüren nur ein Kribbeln, plötzliche Wärme oder Kälte und einige haben sogar Halluzinationen. Dann riechen, schmecken, hören oder sehen sie etwas, das gar nicht da ist. In anderen Fällen ist das Bewusstsein der Betroffenen gestört. Sie wirken benommen, verwirrt oder abwesend. Hier spricht man von einem komplexen fokalen Anfall. Häufig kannst du auch Automatismen beobachten wie Kauen und Schmatzen, Scharren mit den Füßen oder Nesteln an der Kleidung. Die Betroffen können sich hinterher nicht daran erinnern.
Eine häufige Anfallsform fokalen Ursprungs sind vegetative fokale Anfälle. Auch plötzliche Angst, Wut oder Halluzinationen werden in der Literatur beschrieben. Die Sinneswahrnehmung kann durch einen fokalen Anfall gestört werden. So kann Sehen, Hören, Schmecken, Riechen oder Tasten durch den Anfall so beeinträchtigt sein, dass Betroffene Blitze sehen, Geräusche oder Stimmen hören, einen komischen Geschmack im Mund haben, etwas Merkwürdiges riechen oder Temperatur-Missempfindungen, Kribbeln oder Lähmungserscheinungen spüren. Fokale Anfälle mit Bewusstseinsverlust sind häufig durch sogenannte Automatismen geprägt. Patienten wiederholen im Anfall bestimmte Handlungsmuster, wie z. B.
Generalisierte Anfälle: Bei der generalisierten Epilepsie ist das ganze Gehirn am Bild des Krampfanfalls beteiligt. Häufig ist das Bewusstsein hierbei beeinträchtigt bzw. Bei generalisierten Anfällen lässt sich keine bestimmte Hirnregion zuordnen, in der der epileptische Anfall entsteht. Während eines Anfalls kann die Ausbreitung unterschiedlich verlaufen und das gesamte Hirnareal betreffen. Eine eher milde Form sind die sogenannten Absencen, eine kurze geistige Abwesenheit. Die Betroffenen wirken für einige Sekunden abwesend und blicken ins Leere. Manchmal ist es, als würden sie bei ihren Tätigkeiten einfrieren. Sie stoppen, was sie tun, für ein paar Sekunden. Wenn sie weitermachen, erinnern sie sich nicht daran.
- Absencen: Bei Absencen kommt es zu einer plötzlichen Bewusstseinsstörung, sodass der Patient bzw. die Patientin seine oder ihre momentane Tätigkeit für die Dauer des Anfalls unterbricht. Die Betroffenen starren bei dieser Form eines epileptischen Anfalls oft ins Leere. Diese Anfälle können mehrere Sekunden dauern und sich stark gehäuft über den Tag wiederholen. Betroffene können sich an den Anfall nicht erinnern und fahren mit ihrer Tätigkeit nach dem Anfall wieder fort. Obwohl diese Anzeichen typisch für Absencen sind, werden sie von Laien vielfach nicht als Symptome einer Epilepsie erkannt. Absencen sind eine häufige Epilepsie-Form des Kindesalters und werden zunächst meist als Unkonzentriertheit oder Träumerei missinterpretiert. Es kann zu wenigen Anfällen innerhalb eines Jahres bis hin zu mehrenden hundert am Tag kommen.
- Myoklonischer Anfall: Ein myoklonischer Anfall verursacht keine Bewusstseinsstörungen, sondern äußert sich mit Muskelzuckungen.
- Tonisch-klonischer Anfall (Grand-mal-Anfall): Der tonisch-klonische Anfall oder auch Grand-mal-Anfall ist die Anfallsform, die am häufigsten mit der Krankheit Epilepsie in Verbindung gebracht wird. Die Symptome dieses Anfalls äußern sich meist in einem initialen Schrei des Betroffenen, gefolgt von einer Anspannung der Körpermuskulatur, die dann in Zuckungen des Körpers über geht (siehe oben). Ferner kommt es zu einem Bewusstseinsverlust, sodass sich der Patient bzw. die Patientin im Nachhinein nicht mehr an den Anfall erinnern kann. Auch die Blaufärbung der Lippen ist typisch. Sie entsteht durch die Verkrampfung der Atemmuskulatur während des Anfalls, sodass der oder die Betroffene keine Luft bekommt. Der Atemstillstand kann bis zu 30 Sekunden andauern, führt aber nicht zum Ersticken.
- Atonischer Anfall: Verliert man die Muskelkraft, spricht man von einem atonischen Anfall.
Vorwarnzeichen (Prodrome) und Auren
Die Symptome einer Epilepsie treten meist ganz plötzlich und unvermittelt auf, weshalb es entscheidend ist, dass Angehörige genau wissen, wie man schnell und präzise Erste Hilfe während eines Anfalls leistet. Das kann Angehörigen und Betroffenen große Angst machen. Deshalb wird häufig nach Vorboten gesucht, die einen epileptischen Anfall im Voraus ankündigen, um nicht davon überrascht zu werden, zum Beispiel beim Schwimmen oder Baden, wo selbst ein vergleichsweise kleiner epileptischer Anfall gefährlich werden kann. Und gelegentlich kündigen sie sich tatsächlich durch Anzeichen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Stimmungsschwankungen und erhöhte Reizbarkeit bzw. Aggression der Patientinnen und Patienten an. Teilweise sogar schon Tage im Voraus. Unter diesen Umständen sollten Patientinnen und Patienten dann potenziell gefährliche Situationen wie das Autofahren, Wandern oder Schwimmen zeitweise meiden. Früher wurden diese Vorboten, ähnlich wie bei der Migräne, als Aura bezeichnet. Heutzutage weiß man, dass eine Aura selbst eine eigene Form epileptischer Anfälle ist. Die Vorboten, die aber keinesfalls allgemeingültig sind und nicht bei allen Patientinnen und Patienten auftreten, werden mittlerweile als Prodrom bezeichnet.
Etliche Patienten mit Epilepsie berichten von charakteristischen Vorboten eines Anfalls wie Stimmungsänderung, Kopfschmerz, gastrointestinale Beschwerden etc. In der Studie einer New Yorker Epilepsie-Klinik führten Patienten mit fokalen Anfällen genau Tagebuch, um solche Frühwarnzeichen systematisch zu erkennen. Die Epilepsie-Patienten dieser prospektiven Studie waren älter als 18 Jahre und litten trotz Behandlung unter fokalen Epilepsien mit mindestens einem Anfall pro Jahr. Sie dokumentierten jeden Abend in einem Tagebuch auf einer viergliedrigen Skala von „höchst wahrscheinlich“ bis „sehr unwahrscheinlich“, ob sie innerhalb der nächsten 24 Stunden einen Anfall erwarteten. Bei 71 von ursprünglich 134 Teilnehmern konnten regelmäßige Tagebucheinträge ausgewertet werden. Sie hatten insgesamt 15635 Tage dokumentiert, an denen bei 57 Patienten (80%) 1488 Anfälle aufgetreten waren. Bei 475, also knapp einem Drittel der Anfälle, gingen diesen subjektiven Anzeichen voraus. Bei einer positiven Aussage zu einem kommenden epileptischen Anfall war die Anfallswahrscheinlichkeit mehr als doppelt so hoch (Odds Ratio: 2,25). Die Sensitivität der positiven Vorhersage betrug nur 31,9%, die Spezifität aber immerhin 83,2%. Der positive Vorhersagewert (PPV) lag bei 41% bzw. 36% für einen „höchst wahrscheinlichen“ oder einen „wahrscheinlichen“ Anfall. Der negative Vorhersagewert (NPV) betrug 90% bzw.
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Die Idee, einen Anfall anhand individueller Vorzeichen vorherzusagen, erscheint einfach. In der Praxis ist aber schon das klare Erkennen von Anfällen sowie die regelmäßige Dokumentation möglicher Signale eine große Herausforderung. Bei einer kleinen Gruppe von Patienten scheint die Vorhersage jedoch relativ genau möglich zu sein, sei es, weil sie die Anzeichen besser wahrnehmen können, oder weil ihre Anfälle vielleicht in der Nähe des Sprachzentrums entstehen und damit markanter ins Bewusstsein treten. Gelänge es in dieser Subgruppe sensibler Patienten, die Unschärfe in der Selbstwahrnehmung der Patienten zu vermindern und mit Anfällen im EEG zu korrelieren, könnten die Vorzeichen tatsächlich ein Fenster für frühe Interventionen öffnen und damit eine bessere Anfallskontrolle ermöglichen.
Fokale Anfälle und ihre vielfältigen Symptome
Bis zu 400.000 Menschen sind in Deutschland von solchen fokalen Anfällen betroffen [1]. Eine frühzeitige Diagnose ist wichtig, weil dahinter oft eine andere Erkrankung als Auslöser steckt. „Das können Entzündungen im Gehirn, ein unbemerkter Schlaganfall oder ein Tumor sein“, erklärt Neurologe Krohn. Aber auch wenn das nicht der Fall ist, sollte man die Ursache suchen und behandeln. Oft sind umfangreiche Untersuchungen nötig, um den Auslöser zu finden. Das ist zum Beispiel in neurologischen Kliniken möglich, die sich auf Epilepsie spezialisiert haben. Liegt keine andere Erkrankung als Ursache vor, können Medikamente die elektrische Empfindlichkeit der betroffenen Hirnzellen verringern und so einen Schutz vor Anfällen aufbauen.
Neben Geruchsempfindungen gibt es eine Reihe anderer möglicher Symptome eines fokalen epileptischen Anfalls - je nachdem, welcher Teil des Gehirns vorübergehend elektrisch gestört wird. Bei einigen Betroffenen treten kurze Episoden von Verwirrtheit, verminderter Reaktion auf Ansprache oder Sehstörungen auf. Möglich sind auch unkontrollierte Bewegungen oder Zuckungen sowie Missempfindungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle.
Akut symptomatische Anfälle (ASA)
Die ILAE definiert einmalige Krampfanfälle als sogenannte ASA. Sie werden nicht als Teil einer epileptischen Erkrankung eingestuft, sondern sind den epileptischen Anfällen lediglich ähnlich. Die Ursachen für einen solchen akut symptomatischen Anfall sind jedoch andere. ASA treten in engem zeitlichen Zusammenhang mit anderen Erkrankungen auf, wie z. B. als Folge einer Unterzuckerung, einer Hirnschädigung oder eines Schlaganfalls. Des Weiteren gibt es epileptische Anfälle, die keiner der genannten Klassen zuzuordnen sind. Diese gruppiert die ILAE als Anfälle mit mutmaßlicher Ursache (idiopathische Epilepsie).
Ein wichtiger Unterschied zwischen Epilepsie und Krampfanfall: Es gibt keinen akuten Auslöser für epileptische Anfälle, sondern eine dauerhafte Ursache wie eine strukturelle Veränderung im Gehirn oder eine chronische Grunderkrankung, die immer wieder zu epileptischen Anfällen führt. Anders formuliert bedeutet das, dass ein Vermeiden der Auslöser akut symptomatischer Krampfanfälle, zum Beispiel durch mehr Schlaf, weniger Stress, weniger Alkohol, oder das Auskurieren einer Fiebererkrankung, das Risiko für einen erneuten akuten Anfall minimieren kann.
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Epilepsie im Neugeborenenalter
Epileptische Anfälle gehören zu den häufigsten neurologischen Manifestationen im Neugeborenenalter. Die Neugeborenenperiode ist eine kritische Phase der Hirnentwicklung, in der das Gehirn rasch wächst, kortikale Neuronen reifen und zahlreiche Synapsen entstehen. Die synaptische Plastizität, die Reifung von Chloridkotransportern und die Verteilung von Neurotransmittern erhöhen die neuronale Erregbarkeit und machen das unreife Gehirn besonders anfällig für epileptische Anfälle. Das Konzept „seizures beget seizures“, wonach frühe Anfälle die Wahrscheinlichkeit weiterer Anfälle erhöhen, wird auch im Neugeborenenalter diskutiert. Neugeborenenanfälle können die Gehirnentwicklung potenziell beeinflussen und mit einer erhöhten Anfallsbereitschaft im weiteren Verlauf assoziiert sein. Eine frühzeitige Diagnosestellung und ein rascher Therapiebeginn gelten als entscheidend [33]. Der diagnostische Goldstandard ist das kontinuierliche Video-EEG (Elektroenzephalogramm) [37]; das amplitudenintegrierte EEG (aEEG) erweitert das diagnostische Spektrum.
Die Unterscheidung zwischen akut symptomatischen (provozierten) und unprovozierten Anfällen sowie die Bestimmung der Ätiologie sind wesentlich, da sie Therapieentscheidungen und den weiteren Verlauf maßgeblich beeinflussen [8, 24]. Akut symptomatische Anfälle entstehen meist infolge akuter Hirnschädigungen wie HIE, Meningitiden/Enzephalitiden oder Infarkten; unprovozierte Anfälle treten typischerweise bei genetischen Veränderungen, strukturellen Hirnfehlbildungen oder Stoffwechselstörungen auf [33]. Primär werden anfallsunterdrückende Medikamente wie Phenobarbital eingesetzt. Bei spezifischen Ätiologien wie der HIE kann eine Hypothermiebehandlung zusätzlich eine anfallsunterdrückende Wirkung haben. Langfristige neurologische Beeinträchtigungen wie Epilepsie, kognitive Einschränkungen oder Zerebralparese lassen sich in der Regel eher auf die zugrunde liegende Grunderkrankung als auf die Neugeborenenanfälle selbst zurückführen [33, 36]. Genetische Enzephalopathien sind häufig mit lebenslanger, therapierefraktärer Epilepsie und neurokognitiven Defiziten assoziiert. Strukturelle Hirnfehlbildungen können - je nach Lokalisation und Ausprägung - mit motorischen und kognitiven Defiziten einhergehen, wobei in Einzelfällen günstige Verläufe durch frühzeitige epilepsiechirurgische Intervention erzielt werden können [14, 19]. HIE ist typischerweise mit schweren akuten und langfristigen Folgen assoziiert.
Kurzfristig besteht nach Neugeborenenanfällen ein signifikant erhöhtes Mortalitätsrisiko, insbesondere bei Ätiologien wie HIE oder Infektionen des Zentralnervensystems [27]. Zudem können die eingesetzten anfallsunterdrückenden Medikamente aufgrund ihres Nebenwirkungsprofils lebenswichtige Funktionen wie Ernährung und Atmung beeinträchtigen, wie dies besonders bei Phenobarbital beschrieben ist [4]. Langfristig können schwere neurologische Beeinträchtigungen auftreten, darunter eine postneonatale Epilepsie, eine Zerebralparese und kognitive Defizite ([30]; Abb. 1). Die Pathophysiologie und die besonderen Merkmale des unreifen Neugeborenengehirns beeinflussen sowohl die Anfallsanfälligkeit als auch die Wahrscheinlichkeit solcher Langzeitverläufe [46].
Diagnose und Behandlung
Die genaue Schilderung der Symptome - entweder durch den Patienten selbst oder durch Angehörige - ist bereits sehr hilfreich. Außerdem fragt der Arzt unter anderem:
- Wie lange hat der Krampfanfall angehalten?
- Was ist dem Anfall vorausgegangen? (Manchmal treten kurz vorher ungewöhnliche Empfindungen wie Bauchkribbeln oder ein ungewöhnliches Geruchsempfinden auf oder der Patient hat eine Vorahnung, dass gleich ein Anfall folgt.)
- Wie rasch haben Sie sich / hat sich der Patient nach dem Anfall erholt?
- Gibt es irgendwelche Faktoren, die als Auslöser des Krampfanfalls in Frage kommen (Geräusche, Blitzlicht etc.)?
- Liegt eine Vor- bzw. Grunderkrankung (z. B. Gehirn-Infektion) oder eine kürzliche Kopfverletzung vor?
- Konsumieren Sie / konsumiert der Patient Drogen wie etwa Alkohol? Findet gerade ein Entzug statt?
Mittels Elektroenzephalografie (EEG) werden dann die Hirnströme des Patienten gemessen und aufgezeichnet, um eventuelle Auffälligkeiten zu entdecken. Der Arzt versucht gegebenenfalls auch während der Messung, einen Anfall zu provozieren - zum Beispiel durch bestimmte Lichtreize oder indem er den Patienten absichtlich hyperventilieren lässt.
Ein EEG lässt sich auch über längere Zeit aufzeichnen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, den Patienten währenddessen zu filmen (Video-EEG-Überwachung), sodass der Arzt genau sieht, was während eines (möglichen) weiteren Krampfanfalls passiert.
Um mögliche Ursachen für Krampfanfälle ausfindig zu machen, fertigt der Arzt gegebenenfalls mithilfe von Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT, Kernspintomografie) detaillierte Schnittbilder des Gehirns an. Möglicherweise lassen sich darauf strukturelle Veränderungen (wie durch einen Schlaganfall oder einen Tumor) erkennen, die Anfälle hervorrufen.
Blutuntersuchungen geben Hinweise auf Stoffwechselstörungen als eventuelle Auslöser von Krampfanfällen. Urinuntersuchungen sind ebenfalls manchmal hilfreich - etwa zum Nachweis von konsumierten Drogen, die der Patient nicht angegeben hat. Gegebenenfalls sind weitere Untersuchungen angezeigt. Dazu zählt etwa die Entnahme und Analyse einer Probe der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit (Lumbalpunktion), wenn der Verdacht auf eine Infektion des Gehirns als Ursache von Krampfanfällen besteht.
Leben mit Epilepsie
Ebenso wenig gibt es allgemeine Auslöser oder Trigger für epileptische Anfälle, deren Vermeidung dazu führen würde, dass es fortan zu keinen Epilepsie-Symptomen mehr kommt. Lange nicht alle Epileptiker*innen reagieren etwa mit Anfällen auf blitzendes oder flackerndes Licht. Doch auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Formen einer Epilepsie. Das alles muss Ihnen jedoch keine Angst machen. Denn meistens sind epileptische Anfälle zwar erschreckend, aber nicht gefährlich. Zumindest dann nicht, wenn sie gut kontrolliert und behandelt werden. Weder drohen durch akute Anfälle Hirnschäden, noch führt ein Anfall selbst zum Tod. Plötzliche und unerwartete Todesfälle durch einen epileptischen Anfall (SUDEP) sind sehr selten. Die weitaus größere Gefahr sind plötzliche Anfälle während des Autofahrens oder Stürze aus großer Höhe. Aufklärung und Vorbeugung, sowie eine konsequente Einnahme der Medikamente, sind hier mit Abstand der beste Weg, dieses Risiko zu reduzieren.
Die Epilepsie gilt als eine der am besten zu behandelnden neurologischen Erkrankungen der Welt und bis zu zwei Drittel der Patientinnen und Patienten werden durch die medikamentöse Therapie mit Antikonvulsiva anfallsfrei. Da Epilepsie jedoch nicht heilbar ist, gilt die Anfallskontrolle als wichtigstes Ziel. Diese ist oft nur durch eine lebenslange Einnahme der Anfallssuppressiva möglich, welche dann aber oft ein uneingeschränktes und selbstständiges Leben bis ins hohe Alter ermöglicht.
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