Blutzuckermessung bei Krampfanfällen: Ursachen, Diagnose und Therapie

Krampfanfälle sind ein beängstigendes Ereignis, das verschiedene Ursachen haben kann. Während viele Menschen Krampfanfälle automatisch mit Epilepsie in Verbindung bringen, können auch andere Faktoren, wie zum Beispiel ein niedriger Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie), eine Rolle spielen. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Blutzuckermessung bei Krampfanfällen, die verschiedenen Ursachen von Hypoglykämie, die Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten sowie die Differenzialdiagnose zu anderen Anfallsursachen.

Einleitung

Krampfanfälle sind ein Zeichen für eine Störung der Gehirnfunktion. Sie können sich auf unterschiedliche Weise äußern, von kurzen Bewusstseinsverlusten bis hin zu tonisch-klonischen Anfällen mit Muskelzuckungen. Die Ursachen für Krampfanfälle sind vielfältig und reichen von Epilepsie über Stoffwechselstörungen bis hin zu strukturellen Hirnschäden. Eine schnelle und präzise Diagnose ist entscheidend, um die geeignete Behandlung einzuleiten und Folgeschäden zu vermeiden.

Hypoglykämie als Ursache für Krampfanfälle

Ein niedriger Blutzuckerspiegel kann eine schwerwiegende Ursache für Krampfanfälle sein, insbesondere bei Menschen mit Diabetes, aber auch bei Nicht-Diabetikern. Das Gehirn ist auf eine konstante Versorgung mit Glukose angewiesen, um seine Funktionen aufrechtzuerhalten. Fällt der Blutzuckerspiegel zu stark ab, kann dies zu neurologischen Symptomen wie Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen und eben auch Krampfanfällen führen.

Fallbeispiel

Ein 50-jähriger Patient wurde mehrmals mit Verdacht auf einen epileptischen Anfall in die Notaufnahme eingeliefert. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Anfälle durch starke Unterzuckerungen ausgelöst wurden, die ausschließlich beim Joggen auftraten. Dieser Fall verdeutlicht, dass Hypoglykämie auch bei Nicht-Diabetikern als Ursache für Krampfanfälle in Betracht gezogen werden muss.

Funktionelle Hypoglykämie

Unterzuckerungen treten nicht nur bei Menschen mit Diabetes auf. Auch Nicht-Diabetiker können betroffen sein, wenn der Blutzuckerspiegel auf ungewöhnlich niedrige Werte abfällt. Diese Störung, bekannt als funktionelle Hypoglykämie, bleibt häufig unerkannt. Die Symptome sind vielfältig und unspezifisch: von Zittern und Schweißausbrüchen über Angstzustände bis hin zu Bewusstseinsstörungen.

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Risikogruppen für Hypoglykämie ohne Diabetes

Theoretisch kann jeder Mensch betroffen sein, wenn er die genetische Veranlagung hat, zu viel Insulin zu bilden. Bestimmte Personengruppen haben jedoch ein erhöhtes Risiko für Hypoglykämie, auch ohne Diabetes:

  • Schlanke Frauen: Der weibliche Körper reagiert besonders empfindlich auf Insulin, was den Zucker schnell aus dem Blut in die Zellen transportiert.
  • Sportler*innen: Bei intensiver körperlicher Anstrengung verbrauchen die Muskeln große Mengen Glukose. Wird dieser Verbrauch nicht durch Nahrungsaufnahme ausgeglichen, können die Muskeln eine erhöhte Insulinempfindlichkeit entwickeln, was den Blutzuckerspiegel gefährlich absenkt.
  • Alkoholtrinker: Übermäßiger Alkoholkonsum kann die Glukoseproduktion in der Leber hemmen und so zu einer Unterzuckerung führen.

Diagnose der Hypoglykämie

Die Diagnose einer funktionellen Hypoglykämie erfordert eine genaue Untersuchung der Blutzuckerwerte im Zusammenhang mit den Symptomen.

Anamnese und Symptomerfassung

Ein wichtiger erster Schritt ist die Erfassung der Krankengeschichte und der Symptome. Betroffene werden oft gebeten, detailliert zu protokollieren, wann die Symptome auftreten, in welchem Zusammenhang (z.B. nach dem Essen, während des Sports), und wie lange sie anhalten.

Blutzuckermessung

Um die Diagnose zu bestätigen, wird der Blutzuckerspiegel gemessen, idealerweise während einer Symptomepisode.

Oraler Glukosetoleranztest (OGTT)

Der orale Glukosetoleranztest (OGTT) wird häufig eingesetzt, um zu überprüfen, wie der Körper auf eine Glukosezufuhr reagiert. Dabei wird über mehrere Stunden hinweg der Blutzucker- und Insulinspiegel nach Einnahme einer Glukoselösung gemessen.

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Fastentest

In seltenen Fällen kann ein längeres Fasten unter ärztlicher Aufsicht notwendig sein, um zu prüfen, ob der Blutzuckerspiegel auch ohne Nahrungsaufnahme auf kritische Werte absinkt.

Insulin- und C-Peptid-Spiegel

Die Bestimmung des Insulin- und C-Peptid-Spiegels im Blut kann helfen, die Ursache der Hypoglykämie zu ermitteln.

Therapie der Hypoglykämie

Die Basis der Therapie bildet eine gezielte Ernährungsumstellung.

Ernährungsumstellung

Betroffene sollten kleine, häufige Mahlzeiten zu sich nehmen, die komplexe Kohlenhydrate, Proteine und Fette enthalten.

Körperliche Aktivität

Moderate und regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren.

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Medikamentöse Therapie

In schwereren Fällen können Medikamente verschrieben werden, welche die Insulinausschüttung regulieren.

Akutmaßnahmen bei Unterzuckerung

  • Kohlenhydrate zuführen: Bei den ersten Anzeichen einer Unterzuckerung sollten Sie sofort schnelle Kohlenhydrate zu sich nehmen. Dazu eignen sich Traubenzucker, Fruchtsaft oder eine süße Limonade.
  • Ruhe bewahren: Setzen oder legen Sie sich hin, um Stürze oder Unfälle zu vermeiden.
  • Blutzucker messen: Wenn möglich, messen Sie Ihren Blutzuckerspiegel, um den Wert zu überprüfen.

Blutzuckermessung und Notfallsets

In Apotheken sind Blutzuckermessgeräte und Teststreifen erhältlich, mit denen der Blutzucker regelmäßig überprüft werden kann, auch wenn keine Diabetes vorliegt. Auch Traubenzucker oder spezielle Notfallsets zur schnellen Anhebung des Blutzuckerspiegels sind erhältlich.

Differenzialdiagnose von Krampfanfällen

Es ist wichtig, Hypoglykämie als Ursache für Krampfanfälle von anderen möglichen Ursachen abzugrenzen. Hierzu gehören insbesondere:

  • Epilepsie: Eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Krampfanfälle gekennzeichnet ist.
  • Konvulsive Synkope: Ein kurzzeitiger Bewusstseinsverlust aufgrund von mangelnder Durchblutung des Gehirns, der mit Muskelzuckungen einhergehen kann.
  • Dissoziativer Anfall: Ein psychogener Anfall, der keine organische Ursache hat.
  • Status epilepticus: Ein länger andauernder Krampfanfall oder eine Serie von Anfällen ohne Wiedererlangen des Bewusstseins zwischen den Anfällen.
  • Intrakranielle Blutung: Eine Blutung im Gehirn, die zu Krampfanfällen führen kann.
  • (Bakterielle) Meningitis: Eine Entzündung der Hirnhäute, die ebenfalls Krampfanfälle auslösen kann.

Differenzierung zwischen epileptischem Anfall und konvulsiver Synkope

Die Unterscheidung zwischen einem epileptischen Anfall und einer konvulsiven Synkope kann schwierig sein, insbesondere wenn keine Zeugen des Anfalls vorhanden sind. Folgende Kriterien können bei der Differenzierung helfen:

  • Anamnese: Eine bekannte Epilepsie oder eine strukturelle Hirnerkrankung sprechen eher für einen epileptischen Anfall.
  • Ablauf des Anfalls: Ein klassischer generalisierter Anfall mit rhythmischen Zuckungen der Extremitäten, oft mit Initialschrei, spricht eher für einen epileptischen Anfall.
  • Zungenbiss: Ein lateraler Zungenbiss ist ein starkes Indiz für einen epileptischen Anfall.
  • Erholungsphase: Ein rasches Wachwerden und eine kurze Bewusstlosigkeit sprechen eher für eine konvulsive Synkope.
  • Auslösende Faktoren: Orthostatische Beschwerden, vasovagale Reize oder kardiale Probleme sprechen eher für eine Synkope.

Differenzierung zwischen epileptischem Anfall und dissoziativem Anfall

Auch die Unterscheidung zwischen einem epileptischen Anfall und einem dissoziativen Anfall kann schwierig sein. Folgende Kriterien können bei der Differenzierung helfen:

  • Verlauf des Anfalls: Ein wechselhafter Verlauf mit Pausen, zwischenzeitlich normaler Konversation und unrhythmischen, asynchronen Bewegungen sprechen eher für einen dissoziativen Anfall.
  • Augen: Geschlossene, (aktiv) zusammengekniffene Augen sprechen eher für einen dissoziativen Anfall.
  • Reaktion auf Reize: Eine Reaktion auf Berührung oder Ansprache spricht eher für einen dissoziativen Anfall.
  • Intensität der Symptome: Wechselnde Intensität der Symptome, spontan oder bei Ablenkung/Schmerzreiz, sprechen eher für einen dissoziativen Anfall.

Erste Schritte bei einem Krampfanfall

Unabhängig von der Ursache des Krampfanfalls sind folgende Sofortmaßnahmen wichtig:

  • ABC-Stabilisierung: Sicherstellung der Atemwege, Atmung und Kreislauf.
  • Sauerstoffgabe: Verabreichung von Sauerstoff mit 15 Litern pro Minute über eine Maske mit Reservoir.
  • Schutz vor Verletzungen: Vermeidung von Verletzungen durch Stürze oder andere Gefahren.
  • Orientierender Neuro-Status: Überprüfung von Paresen, Pupillenstatus und Herdblick.
  • Fokussierte Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, insbesondere ob eine Epilepsie bekannt ist.
  • Blutzuckermessung: Sofortige Messung des Blutzuckerspiegels.

Medikamentöse Therapie bei Status epilepticus

Ein Status epilepticus ist ein lebensbedrohlicher Zustand, der eine sofortige medikamentöse Therapie erfordert. Die Therapie erfolgt stufenweise:

  • Stufe 1: Benzodiazepine intravenös (z.B. Lorazepam oder Midazolam).
  • Stufe 2: Antikonvulsiva intravenös (z.B. Levetiracetam oder Valproat).
  • Stufe 3: Narkoseeinleitung mit Propofol und (Es)ketamin.

Spezielle Situationen

  • Schwangere: Bei Schwangeren mit Krampfanfällen muss an eine Eklampsie gedacht werden. Die Therapie erfolgt mit Magnesiumsulfat.
  • Bekannter Alkoholabusus: Bei Patienten mit bekanntem Alkoholabusus oder Verdacht auf einen Alkoholentzugsinduzierten Anfall sollte zusätzlich Thiamin (Vitamin B1) verabreicht werden.
  • Kinder mit Fieber: Bei Kindern unter 6 Jahren mit Fieber muss an einen Fieberkrampf gedacht werden. Das Fieber sollte gesenkt werden.

Zustand nach Krampfanfall

Nach einem Krampfanfall ist eine fokussierte Anamnese und Untersuchung wichtig, um die Ursache des Anfalls zu ermitteln und weitere Maßnahmen einzuleiten.

Checkliste nach Krampfanfall

  • Anamnese: Epilepsie bekannt? Hinweis auf konvulsive Synkope? Trigger (BINTE)?
  • Neurologische Untersuchung: Insbesondere bei komplex-fokalen Anfällen auf postiktale Funktionsdefizite achten.
  • Trauma-Untersuchung: Sturz auf den Kopf? Begleitverletzungen?
  • Labordiagnostik: BGA inkl. Elektrolyte, Blutzucker, Laktat, Standardlabor, ggf. Spiegelbestimmung von Antiepileptika.
  • Bildgebung: CCT (insbesondere bei neu aufgetretenem Anfall oder unklarer fokaler Neurologie), EEG.

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