Der Mythos der einen Gehirnzelle mehr: Warum Männer nicht intelligenter als Schweine sind (und was Nutztiere wirklich brauchen)

Die Behauptung, Männer hätten eine Gehirnzelle mehr als Schweine, ist ein amüsanter, aber völlig haltloser Mythos. Er dient oft dazu, vermeintliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder die vermeintliche Überlegenheit des Menschen über Tiere hervorzuheben. Doch die Realität ist weitaus komplexer und faszinierender. Statt uns auf solche simplen Vergleiche zu verlassen, sollten wir uns lieber damit auseinandersetzen, was Intelligenz wirklich ausmacht und welche kognitiven und emotionalen Fähigkeiten Tiere, insbesondere sogenannte Nutztiere wie Schweine, besitzen.

Die Intelligenz der Schweine: Weit mehr als nur "Nutztiere"

Schweine sind uns ähnlicher, als viele von uns wahrhaben wollen. Chirurgen transplantieren Schweineorgane und Herzklappen in Menschen. Verhaltensforscher betonen, dass jedes Schwein ein Individuum ist. Schweine träumen, können Farben unterscheiden und sind soziale Wesen. Sie leben in stabilen Familienverbänden und zeigen ein breites Spektrum an Emotionen. Einige Schweine sind robust und unbeeindruckt, andere sind empfindlich und neigen zu Traurigkeit oder Depression.

Ferkel spielen wie Menschenkinder und reagieren sensibel auf taktile Reize. Wer ein Schwein streichelt, wird feststellen, wie sehr es die Berührung genießt. Wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt, sind Schweine sehr saubere Tiere. Sie legen Toiletten an und trennen diese pingelig von ihren Schlaf- und Essensplätzen. Menschen, die mit Schweinen zusammenleben, berichten von freundschaftlichen Beziehungen. Ähnlich wie Hunde scheinen Schweine Dankbarkeit zu zeigen und zu merken, ob man sie mag. Sie kennen ihren Namen und wedeln mit dem Schwanz, wenn sie glücklich sind.

In freier Natur lebende Hausschweine nehmen die Lebensweise ihrer wilden Vorfahren an: Sie legen Suhlen an und bauen Nester. In Reservaten zeigen Schweine Neugier und Interesse an Menschen. Sie nähern sich selbstbewusst, schnuppern und stubsen, um Reaktionen zu testen. Trotz möglicher Misshandlungen zeigen sie eine bemerkenswerte Fähigkeit zu verzeihen und zu vergessen, haben aber auch ein gutes Gedächtnis und erkennen Menschen wieder, die ihnen Gutes oder Böses getan haben.

Schweine haben offenbar sogar eine Vorstellung vom Tod, ähnlich wie Elefanten.

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Die Bedürfnisse von Nutztieren: Mehr als nur biologische Minimalstandards

Welche Bedürfnisse haben Nutztiere? Spontan denken wir meist an biologische Minimalstandards: genug zu trinken, ausreichend Freiraum, keine Schmerzen. Kühe, Schweine und Ziegen suchen auch geistige Herausforderungen und soziale Kontakte. Wie Menschen können sie lernen, ihre Impulse zu kontrollieren, helfen sich gegenseitig und haben Stimmungsschwankungen. Diese kognitiv-emotionalen Bedürfnisse werden in der Tierwohldebatte kaum berücksichtigt.

Eingesperrt in zu kleinen Ställen werden Schweine lethargisch, lassen ihre Ringelschwänze schlaff herunterhängen und nehmen einen glasigen, dumpfen Blick an. Wenn man Ferkeln die Möglichkeit zum unbeschwerten Spielen nimmt, entwickeln sie sich nicht normal. Was muss es für eine Muttersau bedeuten, wenn sie ihren Ferkeln vor der Geburt kein Nest bauen kann, weil es kein Stroh gibt, wenn sie eingesperrt ist in einen engen Kastenstand und ihre Kinder, die durch Gitterstäbe hindurch an den Zitzen saugen, nicht versorgen kann? Was muss es für diese reinlichen Tiere mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn bedeuten, auf engstem Raum in den eigenen Fäkalien leben zu müssen?

Intelligenz und Aufmerksamkeit: Schweine im Vergleich zu Haustieren

Gäbe es ein Ranking der am meisten unterschätzten Tierarten, dann wären Schweine ganz vorn mit dabei: Schweine. Die Tiere sind zu einem stumpfen - und kurzen - Dasein als Fleischlieferanten verdammt, dabei sind sie äußert sensibel, neugierig, intelligent und aufmerksam. Sie haben ein erstaunlich gutes Langzeitgedächtnis, können Alternativen abwägen und Entscheidungen treffen und sogar von ihren Artgenossen lernen: Junge Schweine, die ihre Mutter oder Tante dabei beobachten, wie sie die Schiebetür einer Futterkiste öffnen, können beispielsweise deren Lösung imitieren, um selbst an Futter zu kommen. Und so verblüffen Schweine in Studien regelmäßig, indem sie Fähigkeiten, die ihnen eigentlich abgesprochen wurden, mit erstaunlicher Mühelosigkeit unter Beweis stellen.

Heimtiere wie Hunde, Katzen oder Pferde reagieren bekanntermaßen auf die menschliche Ostension, also auf Blickkontakt und direkte Ansprache. Ob auch Tiere, die nicht als Haustiere gezüchtet, sondern für die Fleischproduktion genutzt werden, über diese Fähigkeit verfügen, war bislang unklar. Das Ergebnis: Alle drei Gruppen reagierten mit erhöhter Aufmerksamkeit, wenn sie von Menschen angesprochen wurden - völlig unabhängig davon, wo sie ihr Leben verbracht und wie viel Kontakt sie bereits zu Menschen gehabt hatten. Allerdings verhalf ihnen diese erhöhte Aufmerksamkeit nicht dazu, verschiedene Aufgaben zu lösen. Ob es Schweinen generell schwererfällt als Haustieren, auf diese Weise zu lernen, oder ob die gewählten Aufgaben sich einfach weniger gut für Schweine eignen, ist unklar.

"Darüber hinaus haben wir festgestellt, dass die Lebensbedingungen und Erfahrungen, wie etwa das Training, unabhängig von der Ostension, die Aufmerksamkeit und Leistung von Schweinen beeinflussen. Diese Ergebnisse verdeutlichen den Einfluss von Trainingserfahrungen und möglicherweise Wohlergehen auf die Problemlösungsfähigkeiten von Schweinen", sagt Studien-Co-Autorin Zsófia Virányi in einer Mitteilung. Möglich also, dass eine Förderung der Tiere und ein artgerechtes Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen, ihre Leistung erhöhen würden. Schließlich sind die Lebensbedingungen von Zuchtschweinen in der Massentierhaltung nicht mit denen von Haustieren vergleichbar, von der Möglichkeit des Trainings ganz zu schweigen.

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Die Grenzen der Abgrenzung: Mensch und Tier im Wandel der Zeit

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist Gegenstand verschiedener Forschungsrichtungen. Fragen der Abgrenzung zum Beispiel fallen zunächst in den Bereich der Anthropologie, der menschlichen Entwicklungsgeschichte - als Teil der Biologie: Denn bis vor etwa sieben Millionen Jahren gab es nur Tiere auf der Erde. Dann erst begann sich die Gattung "Mensch" zu entwickeln, mit vielen Übergangsphasen von "Affenmenschen" und "Menschenaffen". "Der Beginn der Menschwerdung war nicht das große Gehirn. Der Beginn der Menschwerdung war der aufrechte Gang … ", erklärt der Frankfurter Anthropologe Friedemann Schrenk. Dadurch wurden die Hände frei für den Werkzeuggebrauch. Die so genannte "kulturelle Evolution" zum "homo sapiens" setzte ein.

Unter dem Einfluss des Christentums hat dann insbesondere die abendländische Kultur die Grenze zum Tier scharf gezogen: der Mensch als "Krone der Schöpfung" - einigartig und überlegen. Aber im Licht moderner Wissenschaften wird diese Abgrenzung wieder schwieriger: Wir wissen heute, dass einige Tierarten eine differenzierte Sprache haben - Delphine etwa. Menschenaffen entwickeln komplizierte Sozialstrukturen, sie gebrauchen Werkzeuge und haben offenbar sogar ein Selbst-Bewusstsein, wie so genannte "Spiegeltests" zeigen. Und selbst die Frage, ob Tiere Kultur haben, scheint geklärt: "Wenn man Kultur begreift als das, was eine Gattung lernt und weitergeben kann an die nächste Generation, dann besteht gar kein Zweifel, dass Tiere auch Kultur haben, denn ganz vieles lernen sie.

Im kulturellen Selbstverständnis der Menschen hat sich die scharfe Trennung zwischen Mensch und Tier ohnehin nie ganz durchgesetzt. Unzählige Rituale, Mythen und Märchen erzählen von Grenzüberschreitungen. Spuren davon findet man bis heute in unserer Sprache, etwa, wenn wir einen Mörder "Bestie" nennen, weil er ohne menschliche Moral tötet. Oder einer übereifrigen Mutter "Affenliebe" bescheinigen. Besonders deutlich zeigte und zeigt sich die Ambivalenz im praktischen Umgang mit Tieren… Die so genannten Wildbeuterkulturen der Steinzeit waren zoozentrisch, drehten sich ganz ums Tier: Der Mensch erlebte sich als Teil der Tierwelt, als einer von vielen, die Jagd aufeinander machen. Dann wurden Tiere gezähmt und zur Nutzung gezüchtet. Der Mensch war nun per se - nicht erst nach erfolgreicher Jagd - Herr über das Tier. Aber weil Nutz-Tiere den Menschen die Arbeit erleichterten und sie ernährten, wurden sie jahrtausendelang pfleglich und sogar mit gewisser Dankbarkeit und Rücksicht behandelt - vor allem in Opferritualen. Beispiele dafür entdecken Ethnologen immer wieder bei Naturvölkern.

Aber auch die problematische Seite der Mensch-Tier-Nutzen-Beziehung war schon sehr früh Teil des kulturellen Bewusstseins. Im 10. Jahrhundert beschreibt eine arabische Philosophenschrift einen "Prozess der Tiere gegen die Menschengattung": "Mit schlagenden Argumenten enthüllen die Tiere die Brutalität und Herrschsucht, den Egoismus und die fehlende Legitimität des Menschen. Alle Formen der gewaltsamern Unterwerfung der Tiere werden angesprochen - 10.Jahrhundert! Das Töten zum Zweck der Ernährung, die blutige Jagd, ihre Gefangenschaft, ihr Leiden unter dem Joch der Zwangsarbeit, die Brutalität der Strafen, die Verwendung ihrer Häute, Hörner und Felle für Bekleidung, Schmuck, Gerät, ihre Abrichtung für menschliche Vergnügungen und so weiter. "

Insbesondere die modernen westlichen Kulturen sind diesen Weg der exzessiven Tiernutzung weiter gegangen: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch steigt ständig an. Derzeit verzehrt statistisch gesehen jeder EU-Bürger vom Baby bis zum Greis fast 100 Kilo jährlich. Die Menschheit hält sich 20 Milliarden Nutztiere - größtenteils in den entwickelten Ländern und zumeist unter unvorstellbaren Bedingungen. Das aber will der einzelne Mensch nicht wirklich zur Kenntnis nehmen…

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Ein Umdenken ist notwendig

"Das Bewusstsein ist in der Öffentlichkeit noch außerordentlich unterentwickelt, da wird zwar immer gesagt "ach, das arme Tier!" und meistens denkt man dabei an den Dackel und an die Katze zuhause, zu der man eine persönliche Beziehung hat, aber das Nutztier, was in den Ställen hinter den verschlossenen Türen der hochintensiven Landwirtschaft unsichtbar geworden ist heutzutage, darüber ist man nicht bereit nachzudenken, … ", sagt ausgerechnet der Metzgermeister und Unternehmer Karl-Ludwig Schweisfurth. Ein "Geläuterter", der heute nach den Regeln der ökologischen Landwirtschaft arbeitet. Er wirbt, auch mit seiner Stiftung, für eine Art von Naturphilosophie und insbesondere für einen "humanen Umgang mit Tieren" - ohne Sentimentalität, aber getragen von einer Wertschätzung gegenüber dem Tier und eben einem geschärften Bewusstsein: "Man muss einfach mal selber durch einen Gang gegangen sein, wo in vier Etagen Hühner in den Käfigen sitzen, man muss das mit all seinen Sinnesorganen selber erlebt haben, ich bin (dann) in Schweineställe hineingekommen mit 5 oder 7000 Schweinen, man muss gerochen haben, wie es da riecht, man muss gesehen haben, wie die Kälber in ihren Boxen sitzen, das ist doch eigentlich Frevel, was wir da tun, und Dummheit ist es nämlich auch. Wir werden dicke Schläge zurück kriegen und BSE war erst die erste große Warnung der Natur. Man kann auf die Dauer nicht gegen die Natur arbeiten, man kann ein Tier, ein Geschöpf nicht dauerhaft gegen seine eigene Natur halten, ernähren, zu Höchstleistungen zwingen, das kommt auf uns zurück. "

Die ethische Verantwortung des Menschen

Inzwischen geht es aber längst nicht mehr nur um Nutzung von Tieren als Nahrung. Es gibt fast kein Tier mehr auf der Welt, das nicht von irgendjemandem für irgendetwas "verbraucht" wird. Selbst winzige Insekten sind nützlich, weil sie Substanzen für neue Medikamente enthalten. Schweine werden zur Organtransplantation gezüchtet, Versuchstiere sind in der medizinischen Forschung unerlässlich. Zum Teil werden Tiere inzwischen per Gesetz vor dem mörderischen menschlichen Zugriff geschützt: Im Juni 2002 wurde beispielsweise der Tierschutz ins deutsche Grundgesetz aufgenommen.

Gesetze sind gut, können aber die Probleme im Umgang von Mensch und Tier nicht endgültig lösen. Denn der ist im wesentlichen nicht rational, sondern von Gefühlen bestimmt. Hier wirken biologische und psychologische Mechanismen: Evolutionäres Erbe ist vor allem die Wirkung des "Kindchenschemas", nach dem Mensch und Tier fast unwillkürlich freundlich auf Babys jeder Art reagieren. Überhaupt erscheinen uns "Gesichtstiere", die also eine Mimik zeigen, sympathischer als "gesichtslose", etwa Fische. Für "leidensfähiger" halten wir Tiere, die uns vermeintlich nahe stehen: Affen, Hunde, Katzen oder Pferde - mehr als Hühner oder Schweine. Und als "schützenswert" gelten solche, die faszinierend exotisch oder schön sind. Der Rest sind Angst machende Bestien oder ekliges "Ungeziefer".

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