Boxen als Therapie bei Parkinson: Ein umfassender Überblick

Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin produzierenden Zellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Dies führt zu den bekannten Symptomen wie Zittern, Muskelsteifheit und verlangsamten Bewegungen. Neben medikamentösen Behandlungen rückt die Bedeutung von Bewegung und Sport immer mehr in den Fokus der Therapie. In diesem Zusammenhang hat sich das Boxen, insbesondere das kontaktlose Schattenboxen, als vielversprechende Option etabliert, um die motorischen Fähigkeiten und die Lebensqualität von Parkinson-Patienten zu verbessern.

Parkinson verstehen

Morbus Parkinson ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems. Der Mangel an Dopamin stört die reibungslose Übertragung von Signalen zwischen Gehirn und Muskulatur. Es kommt zu den für diese Krankheit typischen Symptomen wie Zittern, Muskelsteifheit und eine Verlangsamung der Bewegungen.

Die Vorteile von Bewegung bei Parkinson

Regelmäßige Bewegung fördert nicht nur die Beweglichkeit, Kraft und Balance, sondern wirkt sich auch positiv auf die Stimmung, die Schlafqualität und das Lebensgefühl aus. Studien zeigen, dass körperlich aktive Menschen mit Parkinson seltener stürzen, sich länger selbstständig versorgen und sogar von einer verlangsamten Krankheitsentwicklung profitieren.

Therapeutisches Boxen: Ein neuer Ansatz

Das therapeutische Boxen, vor allem das kontaktfreie Schattenboxen, hat sich dabei in den letzten Jahren als hocheffektives Mittel in der Parkinsontherapie erwiesen. In den USA gibt es bereits über viele Gruppen, die nach dem so genannten Rock Steady Boxing Konzept trainieren. Auch in Europa entstehen zunehmend Angebote.

Was ist therapeutisches Boxen?

Beim therapeutischen Boxen werden gezielte Schlagkombinationen in der Luft ausgeführt - dynamisch, rhythmisch und aufrecht. Dies verbessert nicht nur die Koordination und Kraft, sondern aktiviert auch die Aufmerksamkeit und das Reaktionsvermögen. Die klare Struktur der Bewegungen durchbricht die sogenannte Verlangsamung, also die Starthemmung bei Bewegungen.

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Warum Boxen bei Parkinson?

Die grundlegenden motorischen, koordinativen und geistigen Anforderungen des Boxens trainieren dabei optimal die Defizite von Patienten mit M. Parkinson. Boxen fordert neben Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Koordination auch umfassend das Gleichgewicht, welches einen wichtigen Faktor von Sturzhäufigkeit im späteren Krankheitsverlauf darstellt. Die parkinsonspezifischen Symptome sollen hierbei reduziert bzw. so lange wie möglich herausgezögert werden. Das Therapeutische Boxen stellt in diesem Zusammenhang eine optimale Ergänzung zur klassischen Physiotherapie und zur medikamentösen Therapie dar.

Elemente des Boxtrainings

Schlagtraining am Sandsack, Schattenboxen, Seilspringen, Liegestütz, Fitnessübungen: Die Trainings-Grundelemente, die die explizit für Parkinsonkranke angebotenen Box-Kurse und Box-Workshops vorhalten, entsprechen jenen, die auch andere Faustkämpfer zu absolvieren haben. Je mehr man dann in die Details der verschiedenen Übungspläne schaut, umso deutlicher zeigt sich deren Ausrichtung spezifisch an den Bedürfnissen der Erkrankten.

Kernkompetenzen, die durch Boxen trainiert werden

  • Kraft: Boxtraining hilft, die Muskelkraft zu erhalten und zu verbessern, was für die Aufrechterhaltung der Beweglichkeit und die Durchführung alltäglicher Aufgaben unerlässlich ist.
  • Beweglichkeit: Die dynamischen Bewegungen beim Boxen fördern die Flexibilität und reduzieren die Steifheit, ein häufiges Symptom bei Parkinson.
  • Hand-Augen-Koordination: Das gezielte Schlagen und Abwehren verbessert die Koordination zwischen Augen und Händen, was die Reaktionsfähigkeit erhöht.
  • Gleichgewicht: Boxen erfordert ein hohes Maß an Gleichgewichtskontrolle, was dazu beiträgt, Stürze zu verhindern und die Stabilität zu verbessern.
  • Ausdauer: Durch regelmäßiges Boxtraining wird die Ausdauer gesteigert, was es den Patienten ermöglicht, Aktivitäten länger und mit weniger Anstrengung durchzuführen.
  • Kognitive Fähigkeiten: Boxen erfordert Konzentration und strategisches Denken, was die kognitiven Funktionen verbessern kann.

Spezielle Programme und Konzepte

In den USA hat sich das "Rock Steady Boxing"-Konzept etabliert, das speziell auf die Bedürfnisse von Parkinson-Patienten zugeschnitten ist. Auch in Deutschland gibt es zunehmend Angebote, die therapeutisches Boxen in den Therapieplan integrieren. Dilar Kisikyol wurde für ihr ehrenamtliches Box-Projekt „KO-Parkinson“ mit dem Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe 2024 ausgezeichnet. „KO-Parkinson“ ist die deutschlandweit erste Boxgruppe für Frauen, die an Parkinson erkrankt sind.

"Kick Parkinson" in Hamburg

Möglich wurde dieses kleine Wunder durch die Gruppe „Kick Parkinson“, die Anfang 2022 in Maschen bei Hamburg gegründet wurde. Bei dieser Sportart wird Boxen mit Schlagen und Treten kombiniert. Nebenbei trainieren die Gruppenmitglieder noch Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Reflexe. Fähigkeiten, die durch Parkinson langsam immer mehr abnehmen. Besser geworden seien auch die Stimmung und Sprache, die bei Parkinson leise und undeutlich werden kann.

Studienlage

In mehreren Studien konnte der positive Effekt von Boxtraining auf die Motorik und die Lebensqualität von Parkinson-Patienten gezeigt werden. Boxen erfordert intensive körperliche Aktivität, kombiniert mit Ausdauer, Kraft, Koordination und Gleichgewichtstraining. Motorische Fähigkeiten können verbessert und Steifheit kann verringert werden. Wichtig ist jedoch, diesen Sport regelmäßig durchzuführen.

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Praktische Übungen für Zuhause

Hier sind einige einfache Übungen, die Sie zu Hause ausprobieren können:

  • Großes Gehen: Gehen Sie 10-20 Schritte mit bewusst großen Schritten, Arme aktiv mitschwingen, Blick nach vorn.
  • Sitzendes Schattenboxen: Aufrecht sitzen, Bauch aktiv. 3×30 Sekunden abwechselnd links/rechts gerade vorboxen, dann 3×30 Sekunden Haken.
  • Einbeinstand leicht gemacht: Am Tisch festhalten, 3×20-30 Sekunden pro Seite auf einem Bein stehen.
  • Wand- oder Tischliegestütz: Hände an Wand/Tisch, Körper gerade.

Anwendungshinweise

Trainieren Sie 2-4 Mal pro Woche je 30-45 Minuten. Planen Sie Einheiten in Ihre On-Phasen und passen Sie Intensität an die Tagesverfassung an. Starten Sie schon morgen mit 2 Übungen und erhöhen Sie schrittweise.

Wichtige Hinweise

  • Sicherheit geht vor: Wie bei jeder körperlichen Aktivität gilt: Sicherheit zuerst. Kontaktfreies Boxtraining ist dabei besonders risikoarm, weil es ohne Gegner und ohne Treffer auskommt.
  • Individuelle Anpassung: Entscheidend ist jedoch der individuelle Zuschnitt. Sport ist nicht nur für sportliche Typen, sondern auch für Menschen mit Einschränkungen geeignet, egal ob in der Frühphase oder im fortgeschrittenen Stadium. Das wichtigste dabei ist: Die Bewegung soll Spaß machen und motivieren.
  • Kein Ersatz für Medikamente: Bewegung ist kein Ersatz für Medikamente, sondern eine wichtige Ergänzung. Am wirksamsten ist das Training in den sogenannten On Phasen, also dann, wenn die Medikamente gut wirken.
  • Ergänzende Therapien: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Sport können sich gegenseitig ergänzen. Boxtraining kann in Reha, Gruppentraining oder Einzelsettings integriert werden.
  • Regelmäßigkeit: Am besten sind regelmäßig mindestens 2-4 Bewegungseinheiten pro Woche mit jeweils 30 bis 60 Minuten Dauer. Entscheidend ist dabei die Regelmäßigkeit, nicht die sportliche Leistung.

Risiken und Kontraindikationen

Zunächst ist es wichtig zu unterscheiden, dass ausschließlich das Boxtraining ohne Körperkontakt - also ohne direkte Schläge gegen den Gegner - positive Auswirkungen hat. Für den klassischen Boxkampf mit Körperkontakt gilt das nicht.

Wiederholte Kopfverletzungen

Wir wissen, dass wiederholte Kopftraumata mit und ohne Bewusstlosigkeit nicht nur das Risiko für Parkinson, sondern generell das Risiko für neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Demenz vom Lewy-Körper Typ, oder die frontotemporale Demenz ganz eindeutig erhöhen. Wiederholte traumatische Kopfverletzungen gehen mit einer Nervenzellschädigung einher. Dann kommen noch weitere Prozesse, wie zum Beispiel eine Entzündungsreaktion im Gehirn, eine eingeschränkte Energiereserve sowie ein mangelnder Abbau schädlicher Stoffe in den Nervenzellen hinzu. Am Ende sind das genau die biologischen Stoffwechselprozesse, die wir als Ursache der Parkinson-Erkrankung aber auch bei Alzheimer kennen. Es gibt also eindeutig einen Zusammenhang. Das Parkinson-Risiko erhöht sich durch wiederholte Kopf-Traumata im Schnitt um den Faktor 1,5 bis 3, je nach Studie. Das wurde wiederholt gezeigt und ist sehr valide. Das körperbetonte Boxen mit direkten Schlägen auf den Gegner ist also nicht als gesundheitsfördernde Sportart zu empfehlen, sondern ein Risikofaktor für die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen.

Die mentale Komponente

Das Schattenboxen steht dabei beim Bewegungstraining sinnbildlich für das Training gegen den inneren Gegner sowie das Ringen mit den Beeinträchtigungen durch die Erkrankung - aber auch für den Mut, sich immer wieder neu zu bewegen. Wer gegen seinen Schatten boxt, kämpft nicht gegen sich, sondern für sich. Die Trainings im Ring sollen den Einzelnen nicht nur physisch, sondern auch mental für das Leben mit der Erkrankung stärken.

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