Biografiearbeit bei Demenz: Bedeutung, Methoden und praktische Anwendung

Die Biografiearbeit ist ein zentraler Bestandteil in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Sie ermöglicht es, den Betroffenen besser zu verstehen, ihre Identität zu stärken und eine wertschätzende Beziehung aufzubauen. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der Biografiearbeit bei Demenz, stellt verschiedene Methoden vor und gibt praktische Hinweise für die Umsetzung im Pflegealltag.

Was gehört zur Biografie eines Menschen?

Die Biografie eines Menschen umfasst seine gesamte Lebensgeschichte von der Geburt bis zum Tod. Sie beinhaltet eine Vielzahl von Ereignissen, Personen, Erfahrungen und Prägungen, die den Einzelnen zu dem gemacht haben, was er ist. Folgende Themenbereiche können in der Biografiearbeit angesprochen werden:

  • Ereignisse: Kindheit, erster Schultag, Schulzeit, Konfirmation/Kommunion, Schulabschluss, Verlobung, Hochzeit, erster Arbeitstag
  • Personen: Schulkameraden, Freunde, Bekannte, Ehepartner, Verwandte, Arbeitskollegen, Vereinsmitglieder, Kinder, Enkel
  • Freizeitgestaltung: Hobbies, Vereinstätigkeiten, Urlaub, Ausflugsziele, Wanderungen, Städtereisen, Oper- oder Museumsbesuche, Kinobesuche, Kochen, Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Tanzen
  • Beruf: Ausbildung, Studium, ausgeübte Berufe, Arbeitgeber, ausgeübte Tätigkeiten, Karriereentwicklung, welche Verantwortungen wurden übernommen
  • Persönliches: Kleidungsstil, Haustiere, Träume und Wünsche, Allergien, Krankheiten, besondere Talente, Tabuthemen, Vorlieben und Abneigungen (z.B. Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsrestaurant, Lieblingsfilme, Lieblingsbücher)

Die Bedeutung der Biografiearbeit bei Demenz

Die Biografiearbeit hat vielfältige positive Effekte auf Menschen mit Demenz:

  • Erleichterung des täglichen Umgangs: Das Wissen um die Vergangenheit des Betroffenen ermöglicht es den Pflegenden, sein Verhalten besser zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Wenn beispielsweise bekannt ist, dass ein Mensch als Kind von einem Hund gebissen wurde und Angst vor Hunden hat, kann der Kontakt zu diesen Tieren vermieden werden.
  • Stärkung der Beziehung: Das Wissen um biografische Hintergründe (z. B. Lebenslauf, Gewohnheiten, kritische Lebensereignisse) schafft eine wertvolle Grundlage für eine empathische Beziehung und stärkt die gegenseitige Bindung.
  • Sicherheit und Akzeptanz: Die betagte Person fühlt sich im täglichen Umgang sicherer, verstanden und in ihrem Wesen angenommen, was die Pflegesituation deutlich erleichtern kann.
  • Aktivierung von Erinnerungen: Biografiearbeit kann Erinnerungen aktivieren und das Fortschreiten der Krankheit verzögern.
  • Identitätsstiftung: Sie stärkt die Identität und trägt zum Verständnis für Handlungen und Verhalten bei.
  • Konfliktentschärfung: Sie hilft, Konflikte zu entschärfen und Momente der Freude zu schaffen.
  • Anknüpfung an Gewohnheiten: Sie ermöglicht es, an einstmals gewohnte Tätigkeiten anzuknüpfen.

Methoden der Biografiearbeit

Es gibt verschiedene Methoden, um die Biografiearbeit in den Pflegealltag zu integrieren:

Das lebensgeschichtliche Gespräch

Das lebensgeschichtliche Gespräch ist eine zentrale Methode der Biografiearbeit. Dabei wird der alte Mensch ermutigt, von seiner Vergangenheit zu erzählen. Dies kann durch gezielte Fragen angeregt werden, wie zum Beispiel:

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  • Hattest du in der Kindheit einen Gegenstand, der dir besonders viel bedeutet hat? Welche Erlebnisse verbindest du mit ihm?
  • Wo bist du aufgewachsen? In welchem Zimmer hast du dich besonders wohl gefühlt? Kannst du den Raum und das, was sich darin befunden hat, beschreiben?
  • Wenn du einen Koffer mit den wichtigsten Gegenständen packen müsstest: welche Gegenstände würdest du einpacken und warum? Was bedeuten sie dir?
  • Gibt es etwas in diesem Raum, das dir besonders am Herzen liegt? Welche Erinnerungen verbindest du damit?

Wichtig ist, dass die Fragen auf die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Betroffenen abgestimmt sind. Auch im letzten Stadium der Demenz ist es oft noch möglich, Menschen über ihre Sinne zu erreichen. So kann beispielsweise der Duft einer Rose Freudentränen in die Augen einer bettlägerigen Person zaubern.

Einsatz von Erinnerungsstücken

Persönliche Gegenstände aus der Vergangenheit (z. B. Kochlöffel, Fotos, Kleidungsstücke) können als Gesprächsimpuls dienen und angenehme Erinnerungen wecken. Auch biografische Materialien wie Bildkarten oder biografische Spiele können die Erinnerungen anregen.

Biografiebogen

Ein Biografiebogen kann helfen, relevante Daten zu erfassen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Informationen, die von Angehörigen oder anderen Personen stammen, immer deren subjektive Sichtweise darstellen. Daher sollten die Angaben durch Gespräche mit dem Betroffenen ergänzt werden.

Berücksichtigung der Biografie in der Pflegeplanung

Die Erkenntnisse aus der Biografiearbeit sollten in die Pflegeplanung einfließen. So können beispielsweise Pflegegewohnheiten, Kleidung, Ruheverhalten/Schlafbedürfnis und die Essbiografie in der Dokumentation festgehalten werden.

Praktische Tipps für die Umsetzung

  • Zeit nehmen: Für die Erhebung der Biografie sollte ausreichend Zeit eingeplant werden.
  • Gespräche nutzen: Gespräche, Verhaltensweisen und Erlebnisse mit dem Erkrankten können genutzt werden, um seine Biografie besser zu verstehen.
  • Angehörige einbeziehen: Freunde und Angehörige können in die Betreuung und Pflege einbezogen werden, indem sie nach ihrer Sichtweise gefragt werden.
  • Wissen zugänglich machen: Das dokumentierte Wissen sollte allen an der Betreuung und Pflege Beteiligten zugänglich gemacht werden.
  • Aufzeichnungen aktuell halten: Die Biografie-Aufzeichnungen sollten regelmäßig aktualisiert werden.
  • Datenschutz beachten: Bei biografischen Angaben ist der Datenschutz zu beachten.

Stolpersteine und Herausforderungen

  • Traumatische Erlebnisse: Nicht alle Erlebnisse sind mit positiven Gefühlen verbunden. Traumatische Erlebnisse können reaktiviert werden und zu herausforderndem Verhalten führen. Daher ist ein sensibler Umgang mit den Erinnerungen Betroffener unerlässlich.
  • Interessenkonflikte: Es kann vorkommen, dass Pflegekunden Dinge aus ihrer Vergangenheit anvertrauen, die einen Interessenkonflikt darstellen. In solchen Situationen ist es wichtig, den Sinn und Zweck der Biografiearbeit zu erläutern und gemeinsam mit dem Betroffenen eine Lösung zu finden.
  • Zeitdruck: Im stressigen Pflegealltag kann es schwierig sein, ausreichend Zeit für die Biografiearbeit zu finden. Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass die Biografiearbeit eine Investition in die Lebensqualität des Betroffenen ist und langfristig die Pflegesituation erleichtern kann.
  • Werte und Prägungen: Die Altersbandbreite der Pflegekunden ist groß, und sie wurden von unterschiedlichen Werten geprägt. Es ist wichtig, diese Werte zu berücksichtigen, um Missverständnisse und Konflikte zu vermeiden.

Personenzentrierter Ansatz

Der Demenzexperte Tom Kitwood hat mit seinem personenzentrierten Ansatz die Wünsche und Bedürfnisse des zu Pflegenden in den Mittelpunkt der Betreuungsarbeit gestellt. Dabei wird versucht, das Wesen - also die Persönlichkeit - des zu Pflegenden zu erfassen. Folgende Fragen können helfen, die persönlichen Eigenschaften des Betroffenen zu ergründen:

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  • Was sind Ihre persönlichen Stärken?
  • Was sind Ihre empfindlichen Seiten?
  • Wie gehen Sie mit Krisen und schwierigen Situationen um?
  • Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?
  • Über welche Themen unterhalten Sie sich gern? Warum sind diese Themen wichtig für Sie?
  • Woran erinnern Sie sich gern, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend denken?
  • Welche prägenden Erinnerungen haben Sie an eine Einrichtung (z. B. Schule, Internat)?

Bereiche der Biografiearbeit

Professionelle Pflege und Betreuung teilt die biographischen Erkenntnisse in unterschiedliche Bereiche ein:

  1. Berufliche Identität: Dazu gehören der erlernte Beruf und die damit verbundenen Erfahrungen. Wichtig ist auch, ob dies dem Wunschberuf entsprach.
  2. Lebensleistung: Gibt es etwas, worauf Ihr Bewohner stolz ist?
  3. Persönliche Normen und Werte: Darunter fallen die persönlichen Moral- und Wertvorstellungen darüber, was sich gehört und was nicht.
  4. Besondere Interessen und Vorlieben: Dazu gehören Hobbys oder ein besonderes Engagement.
  5. Persönliche Rituale und Gewohnheiten: Persönliche Rituale entwickelt jeder im Laufe seines Lebens.
  6. Geistige und seelische Bedürfnisse und Wünsche: Hier spiegelt sich wider, in welcher Form und mit welchen Inhalten soziale Kontakte gelebt wurden.
  7. Die Bedeutung der Religion: Fragen Sie Ihren Bewohner nach der Bedeutung der Religion in seinem Leben.
  8. Informationen über sinnliche Vorlieben: Je mehr Sie von Ihrem Bewohner über seine sinnlichen Vorlieben wissen, desto unterstützender können Sie gezielte Sinnesbrücken einsetzen.
  9. Ergänzung: biografische Besonderheiten: Nicht alle Ereignisse aus der Lebensgeschichte Ihrer Bewohner lassen sich in „Rubriken“ einteilen.

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