Migräne verstehen: Was im Gehirn während einer Attacke passiert

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die Millionen Menschen weltweit betrifft. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat unser Verständnis von Migräne erheblich erweitert. Dieser Artikel beleuchtet, was im Gehirn während einer Migräneattacke passiert, welche Faktoren eine Rolle spielen und wie dieses Wissen dir helfen kann, die Erkrankung besser zu verstehen und zu behandeln.

Was ist das "Migränegehirn"?

Die Basis für die Entstehung von Migräneattacken ist eine besondere Empfindlichkeit des Gehirns, die oft erblich bedingt ist. Expertinnen und Experten nennen diese Besonderheit das „Migränegehirn“. Das Gehirn von Menschen mit Migräne arbeitet ständig auf einem hohen Niveau und steht dadurch immer unter „Hochspannung“.

Wie entstehen Migräneattacken?

Bei einer Migräneattacke werden bestimmte Nervenbahnen im Kopf und im Hirnstamm übermäßig aktiv. Dabei wird der Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) freigesetzt, der Blutgefäße in den Hirnhäuten erweitert und dort eine Art entzündliche Reaktion auslöst. Dadurch werden Schmerzfasern empfindlicher, und die pulsierende Durchblutung der Gefäße wird als pochender Kopfschmerz wahrgenommen, der sich bei körperlicher Aktivität verstärkt.

Gleichzeitig werden Hirnregionen aktiviert, die für Übelkeit, Erbrechen und Licht‑ oder Lärmempfindlichkeit zuständig sind, weshalb diese Beschwerden häufig zusammen mit der Migräne auftreten.

Die Rolle der Botenstoffe

Wenn zu der Hochspannung im Migränegehirn noch zusätzliche Triggerfaktoren hinzukommen, kann dies zu einer Migräneattacke führen. Alles zusammen führt bei Menschen mit Migräne dazu, dass viel zu viele Botenstoffe (Neurotransmitter) freigesetzt werden und im Gehirn wirken. Die bekanntesten Botenstoffe bei Migräne sind Serotonin (bekannt als das „Glückshormon“) und CGRP.

Lesen Sie auch: Neurologie: Eine Übersicht

Das Gehirn von Menschen mit Migräne interpretiert die Freisetzung dieser Stoffe fälschlicherweise als Vergiftung und reagiert daher mit Übelkeit und Erbrechen. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um eine Vergiftung. Stattdessen ist es die Art und Weise, wie das Gehirn auf die ungewohnt hohe Konzentration dieser Botenstoffe reagiert. Diese körperlichen Reaktionen ähneln zwar denen einer Vergiftung, sind jedoch das Ergebnis einer kompletten Fehlregulation innerhalb des Nervensystems, die bei Migräne auftritt.

Was passiert bei Migräne mit Aura?

Die übermäßig freigesetzten Botenstoffe können eine Art Dämpfung von manchen Nervenzellen im Gehirn auslösen. Das bewirkt eine lokale schlechtere Durchblutung, die Nervenzellen im Gehirn können nicht mehr richtig arbeiten. Die Folgen davon sind die typischen Aura-Symptome, wie z. B. Kribbeln in den Fingerspitzen.

Die Entstehung des Kopfschmerzes

Durch die Dämpfung der Nervenzellen kommt es zu einer Störung im Gehirn. Schmerzzellen werden angeregt und es entsteht eine Art Entzündungsreaktion in den Blutgefäßen der Hirnhaut. Diese Entzündungsreaktion ruft den Kopfschmerz hervor, der sich über den ganzen Kopf ausbreiten kann.

Migräne-Auslöser: Woher kommt meine Migräne?

Die genaue Ursache für einen Migräneanfall hängt in der Regel von mehreren Faktoren ab und kann sich deshalb auch in den Migräne-Symptomen unterscheiden. Auch welche Migräne-Auslöser oder Triggerfaktoren zu den starken Kopfschmerzen führen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Deshalb sollten immer Ihre persönlichen Lebensumstände bei der Migräne Diagnose berücksichtigt werden.

Häufige Triggerfaktoren für Migräne

Keine Migräne gleicht der anderen. Betroffene beschreiben deshalb häufig vollkommen unterschiedliche Trigger als Ursache für ihre Migräne. Oft besteht jedoch ein Zusammenhang mit einer plötzlichen Änderung der regulären Lebensgewohnheiten. Wenn man sich seiner persönlichen Migräne-Auslöser bewusst ist, kann einem diese Information dabei helfen, schneller auf eine Migräne zu reagieren. Im besten Fall kann dadurch sogar ein Migräneanfall verhindert, oder aber das Auftreten von Migräneattacken deutlich reduziert werden.

Lesen Sie auch: Einblick in die Neurochirurgie

Migräne-Auslöser auf einen Blick:

  • Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus (z. B. am Wochenende)
  • Ernährung
  • Stress
  • Saunabesuch
  • Wetterwechsel
  • Hormonelle Schwankungen, insbesondere während der Menstruation
  • Einnahme von Hormonpräparaten (z. B. die Pille)
  • Psychische Belastung

Migräne-Auslöser: Psyche

Neben einer genetischen Disposition sind vor allem Stress und psychischer Druck die Hauptursache für Migräne. Kreisende Gedanken, Sorgen oder Ängste überfordern Körper und Geist und zeigen sich in Form von Anspannung und Kopfschmerz. In diesem Sinne ist das Auftreten von Migräne ein klares Warnsignal des Körpers mehr auf Ihre Bedürfnisse zu achten.

Um Migräne-Anfälle zu verringern, ist es deshalb wichtig vermehrt auf Ihr Wohlbefinden Rücksicht zu nehmen und Ruhemomente im Leben zu schaffen, in denen Sie Stress abbauen und neue Energie und Kraft auftanken können. Achtsamkeitstraining, Entspannungsübungen und Yoga können zu einem Rückgang von Migräneattacken beitragen.

Migräne-Auslöser: Ernährung

Auch Ernährungsgewohnheiten und Veränderungen davon, können Migräneattacken auslösen. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Unregelmäßige Nahrungsaufnahme
  • Alkoholkonsum, insbesondere Rotwein
  • Kaffee
  • Lebensmittelzusätze
  • Diverse Nahrungsmittel wie z. B. Käse, Schokolade, Nüsse sowie Gewürze
  • Zu wenig Wasser - 2L pro Tag sind empfohlen

Diese Faktoren sind jedoch von Patient zu Patient verschieden und müssen daher immer individuell betrachtet werden.

Die Rolle von Serotonin

Der Botenstoff Serotonin reguliert unsere Emotionen und wirkt hemmend auf Aggression, Angst und Traurigkeit - es hat also eine ausgleichende Wirkung. Ein zu niedriger Serotoningehalt im Gehirn führt dazu, dass die Zellen leichter und stärker erregbar sind. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus, was u.a. das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus erklärt.

Lesen Sie auch: Ursachen und Symptome von Parkinson

Genetische Veranlagung

Viele Migränepatienten haben eine genetische Veranlagung, die sie anfälliger macht. Dabei wird nicht nur die Veranlagung zur Migräne vererbt, sondern auch die spezifische Art und die Schwere der Migräne. Die Nervenzellen verbrauchen in solchen Situationen mehr Energie als normal. Deshalb spüren viele Betroffene schon vor dem Anfall ein starkes Hungergefühl oder sogar Heißhunger.

Die kortikale Streudepolarisation

Eine Reihe von neueren Publikationen nimmt die genauen Vorgänge unter die Lupe, die an einer Migräneattacke mit Aura beteiligt sind. Als gesichert gilt inzwischen, dass für das Schmerzgeschehen bestimmte sensorische Innervierungen der Hirnhäute eine wichtige Rolle spielen. In früheren Forschungen wurde ein Phänomen entdeckt, bei dem es in der Großhirnrinde (dem sogenannten Kortex) im Vorfeld einer Migräneattacke zu einer wellenartigen Nervenerregung kommt: Bei der „Kortikalen Streudepolarisierung“ (englisch „Cortical Spreading Depression“) handelt es sich um ein neurologisches Phänomen, das sich langsam über die betroffene Hirnrinde ausbreitet. Beschrieben wurde es erstmals 1944 durch den brasilianischen Wissenschaftler Aristides P.

Bei solchen wandernden Erregungswellen ‚feuern‘ große Mengen an Nervenzellen gleichzeitig - ein Geschehen, das ungeheuer viel Energie verbraucht. Möglicherweise liegt hierin der Grund dafür, dass es nach einem solchen Ereignis zu einer vorübergehenden Verminderung der Aktivität der Synapsen, also der Signalübertragung, kommt - das Gehirn befindet sich für eine Weile im Erschöpfungszustand. In diesem Zusammenhang ist auch eine Minderversorgung des Gehirngewebes mit Sauerstoff beschrieben, die seit langem als Auslöser von Migräneattacken bekannt ist.

Man nimmt heute an, dass es eine direkte Verbindung zwischen diesem Ereignis der sich ausbreitenden Erregungswellen und dem Migränegeschehen gibt. Man vermutet, dass bei Migränebetroffenen genau diese Hirnhaut-Nerven eine besonders hohe Aktivität aufweisen. Darüber hinaus ist sich die Wissenschaft einig darüber, dass die Nervenzellen in der Hirnrinde von Migränepatient*innen besonders leicht erregbar sind und eine gesteigerte Reizverarbeitung besitzen. Diese sogenannte Hypererregbarkeit wurde in zahlreichen Untersuchungen beschrieben.

Der oftmals enge zeitliche Zusammenhang zwischen der Migräneaura und dem Beginn der eigentlichen Migräneattacke führte Wissenschaftler*innen bereits vor beinahe 40 Jahren zu der Annahme, dass es eine enge Verbindung zwischen Aura- und Schmerzphasen geben müsse. Seitdem wurde eine große Zahl an Studien über den Zusammenhang zwischen Erregungswelle, Aura und Schmerzgeschehen durchgeführt. Heute geht man davon aus, dass die Aura der Phase der wellenartigen Nervenerregung im Vorfeld der Migräneattacke zuzuordnen ist.

Während der Erregungswelle in der Hirnrinde kommt es zur Freisetzung unzähliger Botenstoffe aus den Zellen des Hirngewebes. Darunter sind etliche Substanzen, die das Schmerzempfinden beeinflussen können. Eine Forschungshypothese geht davon aus, dass diese sogenannten Mediatoren aus dem Gewebe in Richtung der Hirnhäute in den betroffenen Regionen diffundieren. Dort lösen sie an nahegelegenen Nervenendigungen eine Schmerzwahrnehmung aus. Die Nerven ihrerseits reagieren mit der Sezernierung von entzündungsfördernden Stoffen, wodurch sogenannte neurogene Entzündungen verursacht werden.

Ein weiterer Befund betrifft die Durchblutung im Gehirn und damit auch das Thema Sauerstoffversorgung, die im Nervengewebe besonders wichtig ist. Speziell bei Migräne mit Aura kommt es während der Kortikalen Erregungswelle zur Beeinträchtigung der Durchblutung einzelner Hirnareale. Dies führt zu einer Minderversorgung mit Sauerstoff.

Das Migräne-Zentrum im Hirnstamm

Nach aktuellen Untersuchungen ist das Geschehen vermutlich auf eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm zurückzuführen. Mit Hilfe spezieller bildgebender Verfahren (Positronenemissions-Tomografie) konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das so genannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird. Dieses „Migräne-Zentrum“ reagiert über-empfindlich auf Reize.

Die neurogene Entzündung

Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Feinste Verästelungen des Trigeminus-nervs befinden sich in den Wänden aller Blutgefäße im Gehirn. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerz-signale an das Gehirn senden (über den trigemino-thalamischen Trakt). Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung so genannter Botenstoffe (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen (Extravasation) und bestimmte Blutbestandteile (z.B. entzündliche Eiweißstoffe) freisetzen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute. Diese so genannte neurogene Entzündung verursacht wiederum Schmerzimpulse, welche ausstrahlen und den Migränekopfschmerz bewirken.

Was hilft bei Migräne?

Patienten können durch Anpassung ihrer Lebensweise schon sehr viel dafür tun, dass sie seltener, mit Glück vielleicht gar nicht mehr, von Migräne heimgesucht werden. Eine wichtige Stellschraube ist die Ernährung. „Insbesondere der Konsum von fermentierten Lebensmitteln kann die Neigung zu weiteren Migräneattacken fördern“, erklärt Max Nedelmann. „Gereifter Käse, Alkohol und Schokolade können Migräneattacken auslösen. Daher sollten Migränepatienten diese Produkte gegebenenfalls meiden. Ich empfehle meinen Patienten ein Ernährungstagebuch. So kann jeder seine eigenen Essgewohnheiten dokumentieren und langfristig feststellen, welche Nahrungsmittel die Migräneattacken wahrscheinlich befeuern.“

Die zweite relevante Stellschraube, die jeder Patient und jede Patientin selbst in der Hand hat, ist regelmäßige Bewegung in beschwerdefreien Phasen. “Ausdauersport, möglichst dreimal pro Woche, ist eine gute Maßnahme zur Vorbeugung von Migräne”, sagt der Pinneberger Neurologe. “Zudem tragen ein effektives Stressmanagement und eine gute Schlafqualität zu einem beschwerdeärmeren Leben bei.” In vielen Fällen ist jedoch auch eine medikamentöse Behandlung erforderlich, die durch einen Neurologen verordnet und begleitet werden sollte.

tags: #was #genau #passiert #bei #migrane