In der Neurologie spielen Reflexe eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung des Zustands und der Funktionen des Nervensystems. Sie ermöglichen eine schnelle Reaktion auf Veränderungen in der Umgebung und geben Aufschluss über mögliche Störungen oder Erkrankungen. Dieser Artikel befasst sich mit pathologischen Reflexen, ihren Ursachen und ihrer Bedeutung in der neurologischen Diagnostik.
Grundlagen der Reflexe
Ein Reflex ist eine unwillkürliche, stereotype Reaktion des Nervensystems auf einen spezifischen Reiz. Diese Reaktionen erfolgen automatisch und ermöglichen eine schnelle Anpassung an Veränderungen in der Umgebung. Reflexe sind für Menschen und Tiere lebenswichtig.
Eigenreflexe und Fremdreflexe
In der Neurologie werden Reflexe in Eigenreflexe und Fremdreflexe unterteilt.
- Eigenreflexe: Bei Eigenreflexen erfolgt die Reflexantwort im selben Organ, in dem der Reiz ausgelöst wurde. Ein bekanntes Beispiel ist der Patellarsehnenreflex, bei dem ein Schlag auf die Sehne unterhalb der Kniescheibe zu einer Streckung des Kniegelenks führt.
- Fremdreflexe: Bei Fremdreflexen sind Reizort und Erfolgsorgan verschieden. Ein Beispiel hierfür ist der Pupillenreflex, bei dem Lichteinfall in das Auge zu einer Verengung der Pupille führt.
Klinisch-neurologische Untersuchung
Die klinisch-neurologische Untersuchung ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik neurologischer Erkrankungen. Dabei überprüft der Arzt den Zustand und die Funktionen von Gehirn, Nerven und Muskeln. Die Untersuchung umfasst unter anderem die Beurteilung der Bewusstseinslage, der Sinnesempfindungen und der Motorik des Patienten. Anhand der Ergebnisse kann der Arzt Ausfälle und Funktionseinschränkungen des Nervensystems genauer einordnen und Rückschlüsse auf die betroffenen Anteile des Nervensystems ziehen.
Pathologische Reflexe
Pathologische Reflexe sind Reflexe, die bei gesunden Menschen nicht vorkommen. Ihr Vorhandensein deutet auf eine Schädigung des Nervensystems hin.
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Babinski-Reflex
Der bekannteste pathologische Reflex ist der Babinski-Reflex. Um ihn auszulösen, streicht der Arzt mit einem Stab oder der Hand fest über den äußeren Fußsohlenrand von der Ferse nach vorne. Hebt sich daraufhin die große Zehe des Patienten und spreizen sich dabei die kleinen Zehen, gilt dies als Indiz für eine mögliche Schädigung von Nervenbahnen im zentralen Nervensystem. Bei gesunden Erwachsenen ist dieser Reflex nicht vorhanden, während er bei Säuglingen physiologisch sein kann.
Weitere pathologische Reflexe
Neben dem Babinski-Reflex gibt es weitere pathologische Reflexe, die auf eine Schädigung des Nervensystems hinweisen können:
- Oppenheim-Reflex: Kräftiges Bestreichen der Tibiavorderkante von proximal nach distal löst eine Reaktion wie beim Babinski-Reflex aus.
- Gordon-Reflex: Kräftiges Kneten der Wade führt zu einer Reaktion wie beim Babinski-Reflex.
- Rossolimo-Reflex: Leichte passive Streckung des Fußes und Schlag gegen die Zehen "von unten" führen zu einer reflektorischen Zehenbeugung.
- Schnauzreflex (Orbicularis-oris-Reflex): Beklopfen des Mundwinkels führt zu einem Vorstülpen der Lippen.
- Saugreflex: Bestreichen des Mundes führt zu Saugbewegungen und Mundöffnen.
- Palmomentalreflex: Bestreichen der Handinnenfläche führt zu einer ipsilateralen Kontraktion der Kinnmuskulatur.
Diese Reflexe sind in der Regel Zeichen einer diffusen organischen Hirnschädigung.
Klonus
Ein Klonus ist ein oszillierender Dehnungsreflex, der sich durch unwillkürliche, rhythmische Muskelzuckungen auszeichnet. Er tritt häufig in den Extremitäten auf, insbesondere im Fuß- und Kniegelenk. Ein Klonus ist ein Bestandteil der Plussymptomatik bei einer Schädigung des ersten motorischen Neurons im Gehirn.
Klonustest
Der Klonustest ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Dabei wird das Gelenk passiv in eine Endstellung gebracht, wodurch die Sehnen schnell und abrupt gedehnt werden. Ein positiver Test liegt vor, wenn eine kontinuierliche rhythmische Kontraktion der Muskulatur zu sehen und zu spüren ist.
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Man unterscheidet zwischen einem erschöpflichen und einem unerschöpflichen Klonus:
- Erschöpflicher Klonus: Die Amplitude der Muskelkontraktion wird geringer und hört nach kurzer Zeit auf.
- Unerschöpflicher Klonus: Die Muskelkontraktion bleibt bestehen, solange der Muskel unter Stress gesetzt wird.
Ein unerschöpflicher Klonus ist fast immer pathologisch und ein Zeichen für eine Pyramidenbahnläsion.
Ursachen pathologischer Reflexe
Pathologische Reflexe können durch verschiedene Erkrankungen des Nervensystems verursacht werden. Dazu gehören:
- Schädigungen der Pyramidenbahn: Die Pyramidenbahn ist ein Bündel aus motorischen Nervenfasern, das vom Gehirn zum Rückenmark läuft und unsere Bewegungen koordiniert. Läsionen in diesem Gebiet können zu gesteigerten Muskeleigenreflexen und pathologischen Reflexen führen. Ursachen für Schädigungen der Pyramidenbahn sind beispielsweise Schlaganfälle, Multiple Sklerose und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS).
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): ALS ist eine schwere, fortschreitende Erkrankung des motorischen Nervensystems. Bei der ALS kommt es zu einer Degeneration der Motoneurone, die für die willkürliche Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind. Die Schädigung des ersten Motoneurons verursacht eine Spastizität, während die Degeneration des zweiten Motoneurons mit Muskelschwäche, Muskelatrophie und Muskelzuckungen verbunden ist.
- Multiple Sklerose: Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie kann zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen, darunter auch pathologische Reflexe.
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns. Je nach betroffenem Gebiet kann ein Schlaganfall zu unterschiedlichen neurologischen Ausfällen führen, darunter auch pathologische Reflexe.
- Zerebralparese: Zerebralparese ist eine Bewegungsstörung, die durch eine Schädigung des Gehirns vor, während oder kurz nach der Geburt verursacht wird. Sie kann zu Spastik, unwillkürlichen Bewegungen und pathologischen Reflexen führen.
- Hirntumore: Hirntumore können durch Druck auf bestimmte Hirnbereiche oder durch Infiltration von Nervengewebe zu neurologischen Ausfällen führen, darunter auch pathologische Reflexe.
- Infektionen: Infektionen des Gehirns oder der Hirnhäute (Meningitis, Enzephalitis) können ebenfalls zu pathologischen Reflexen führen.
Bedeutung für die Diagnostik
Pathologische Reflexe sind wichtige diagnostische Zeichen für Erkrankungen des Nervensystems. Sie können dem Arzt helfen, die Lokalisation und Art der Schädigung zu bestimmen und die Diagnose einzugrenzen. Die Beurteilung der Reflexe erfolgt im Rahmen der klinisch-neurologischen Untersuchung.
Therapie
Die Therapie von pathologischen Reflexen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. In einigen Fällen kann die Behandlung der Grunderkrankung zu einer Verbesserung der Reflexe führen. Bei bestimmten Erkrankungen, wie z. B. Spastik, können Medikamente zur Muskelentspannung eingesetzt werden. Physiotherapie kann helfen, die Beweglichkeit zu verbessern und компенсаatorische Strategien zu entwickeln.
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