Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die das Leben junger Menschen erheblich beeinflussen kann. Die Diagnose in jungen Jahren, wie beispielsweise mit 21, stellt Betroffene vor besondere Herausforderungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung der MS, insbesondere im Hinblick auf junge Erwachsene.
Einführung in die Multiple Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, nicht ansteckende Erkrankung des Gehirns und Rückenmarks. Sie wird oft als "Krankheit der 1000 Gesichter" bezeichnet, da sie mit einer Vielzahl unterschiedlicher Symptome einhergehen kann. Die Erkrankung verläuft bei jedem Betroffenen anders und kann in verschiedenen Stadien und Verlaufsformen auftreten. Obwohl die MS in der Regel bei Erwachsenen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr erstmals auftritt, können auch Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen erkranken.
Pathogenese der Multiplen Sklerose
Ein wesentlicher Mechanismus der MS ist die autoimmune Zerstörung der Myelinscheide. Myelin ist eine lipidreiche Biomembran, die die Axone (den Achsenfortsatz) der Nervenzellen umhüllt und sie elektrisch isoliert. Im Rahmen der MS richten sich T-Lymphozyten gegen Myelin. Diese T-Zellen werden in der Peripherie aktiviert, überwinden die Blut-Hirn-Schranke und dringen in das ZNS ein.
Neben den T-Zellen spielen auch B-Lymphozyten eine wichtige Rolle. Nachdem die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger wird, gelangen B-Zellen ins Gehirn, wo sie Zytokine (Botenstoffe) sezernieren, die die Zerstörung der Myelinscheide weiter verstärken. Diese entzündlichen Prozesse führen zu Läsionen im ZNS, die durch entzündliche Infiltrate charakterisiert sind.
Rolle von Viren
Virale Infektionen gelten als mögliche Trigger für MS. Insbesondere das Epstein-Barr-Virus (EBV) wird als potenzieller Auslöser der Krankheit diskutiert. Eine Längsschnittstudie bestätigte mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass das Epstein-Barr-Virus (EBV) ein zentraler Auslöser der MS ist. In dieser Studie erkrankten Soldaten, die sich während ihrer Dienstzeit mit dem humanen Herpesvirus infizierten, in den Folgejahren 32-fach häufiger an MS als Nicht-Infizierte. Ein neuer Nachweistest, der zwischen den zwei verschiedenen Typen des humanen Herpesvirus 6 (HHV-6) unterscheidet, gibt Hinweise darauf, dass die Virus-Ätiologie von MS korrekt sein könnte.
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Genetische Komponente
Neben den immunologischen und viralen Mechanismen gibt es Hinweise auf eine genetische Komponente in der Pathogenese der MS. Ein Indikator dafür, dass ein erhöhtes MS-Risiko besteht, ist die familiäre Vorgeschichte. Sind z. B. bereits die Eltern betroffen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind erkranken kann.
Frühwarnzeichen und Symptome
Die Diagnosestellung der MS gestaltet sich oft schwierig, da die Symptome vielfältig und unspezifisch sein können. Man nennt Multiple Sklerose auch „die Krankheit mit den 1000 Gesichtern“, da sie mit einer großen Anzahl verschiedener möglicher Anzeichen und Beschwerden einhergehen kann. Auch wie häufig, in welcher Form und in welcher Schwere Betroffene Krankheitsschübe erleiden, kann von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein.
Einige Studien haben frühe Symptome identifiziert, die Jahre vor dem Ausbruch der MS auftreten können. Die rund 20.000 in einer Studie berücksichtigten MS-Patienten litten in den fünf Jahren vor ihrer Diagnose mit einer 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit an Verstopfung. Mit einer 47 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit erlebten sie sexuelle Störungen, während Harnwegsinfektionen mit einer 38-prozentigen Wahrscheinlichkeit aufgetreten waren. 14 Prozent der MS-Patienten hatten fünf Jahre, bevor sie die Diagnose Multiple Sklerose erhielten, bereits Antidepressiva verschrieben bekommen.
Weitere neurologische Symptome, die Jahre vor der Diagnose auftreten können, sind Taubheit oder Gleichgewichtsstörungen. Auch Schmerzen, psychiatrische Symptome wie Depressionen oder Angstzustände sowie kognitive Probleme können frühe Anzeichen sein.
Diagnose der Multiplen Sklerose
Die Diagnose der MS basiert auf verschiedenen Untersuchungen. Nach einer ausführlichen Befragung durch den Arzt dient eine Blutuntersuchung unter anderem dazu, andere Krankheitsursachen auszuschließen. Für den Nachweis der MS sind eine MRT und möglicherweise auch eine Untersuchung des Liquors notwendig. Eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs, eine Untersuchung der Augen und ein EEG werden meist ebenfalls durchgeführt. Ergeben sich keine Hinweise auf eine andere Erkrankung, wird schließlich die Ausschluss-Diagnose „Multiple Sklerose“ gestellt.
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Verlaufsformen der Multiplen Sklerose
Mediziner unterscheiden unterschiedliche Stadien und Verlaufsformen:
- Klinisch isoliertes Syndrom (CIS): Erstes Auftreten MS-typischer Symptome, die mehr als 24 Stunden anhalten. Der erste Schub erfüllt noch nicht die notwendigen Kriterien für die Diagnose „Multiple Sklerose“. Doch 85 % der Betroffenen entwickeln weitere Schübe, die eine Diagnose erlauben.
- Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Die RRMS ist mit mehr als 80 % die häufigste Verlaufsform. Die Symptome treten während eines Krankheits-Schubes auf. Ein Schub kann einige Tage bis zu mehreren Wochen dauern. Die ersten Symptome sind häufig Seh- oder Sensibilitätsstörungen. Im Anschluss gehen die Anzeichen ganz oder teilweise zurück. Dieses Schema aus Schub und Erholung kann sich über mehrere Jahre hinziehen. Im Laufe der Zeit werden die Krankheitsanzeichen jedoch aufgrund der zunehmenden Schädigung der Nerven chronisch.
- Primär progrediente MS (PPMS): Die seltenste Form der MS. Sie tritt bei 10 bis 15 % aller Betroffenen auf. Erstes Auftreten meist ab dem 40. Lebensjahr. Die Erkrankung schreitet kontinuierlich fort. Die Symptome nehmen auch ohne Schübe zu. Die Anzeichen bilden sich nicht zurück.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Die Multiple Sklerose beginnt schubförmig. Danach nehmen die Krankheitsanzeichen stetig und schleichend zu. Diese Phase kann mit oder ohne MS-Schübe verlaufen. Ungefähr zwei Drittel der Patienten mit RRMS entwickeln innerhalb von 30 Jahren eine SPMS.
Behandlung der Multiplen Sklerose
Die Behandlung der MS zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Häufigkeit und Schwere der Schübe zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.
- Akuttherapie: Im akuten Schub erhalten die Kinder meist auch ein Glukokortikoid, um den Entzündungsprozess im Bereich der Myelinschicht so schnell wie möglich einzudämmen. Für eine Dauertherapie ist Kortison jedoch ungeeignet.
- Krankheitsmodifizierende Therapie (DMT): Das Ziel dieser Therapie ist, das Immunsystem so zu beeinflussen, dass es zu weniger MS-typischen Entzündungen kommt. Auf diese Weise wird das Fortschreiten der Multiplen Sklerose verlangsamt und die Häufigkeit der Schübe reduziert. Je nachdem, ob die Erkrankung mild bis moderat oder schwer verläuft, stehen für die Behandlung während der symptomfreien Intervalle unterschiedliche Arzneistoffe zur Verfügung. Diese regulieren das Immunsystem. Ziel ist es, bleibende Schäden so lange wie möglich hinauszuzögern. Um schwere Nebenwirkungen zu vermeiden, erfolgt die Einstellung der medikamentösen Therapie in Spezialzentren.
- Symptomatische Therapie: Hier steht die Linderung von Symptomen im Zentrum der Behandlung.
- Rehabilitationstherapie: Unterstützend erhalten die betroffenen Kinder und Jugendlichen insbesondere im Anschluss an einen Krankheitsschub je nach Bedarf Physiotherapie, Logopädie oder Ergotherapie. Oftmals wird den Betroffenen und ihren Eltern auch eine psychotherapeutische Unterstützung angeboten, damit sie neben den körperlichen auch die seelischen Belastungen, die mit der Erkrankung einhergehen, verarbeiten können.
Leben mit Multipler Sklerose
Die Diagnose MS kann das Leben junger Menschen erheblich beeinflussen. Krankheitsschübe können zur Folge haben, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen immer wieder in der Schule fehlen. Müdigkeit und Konzentrationsstörungen können ferner dazu beitragen, dass sie phasenweise den Unterrichtsstoff nicht gut aufnehmen können. Gemeinsam mit den Lehrkräften müssen daher Wege gesucht werden, wie die Betroffenen den verpassten Stoff nachholen können, damit Zukunftsängste die ohnehin schwierige Situation nicht zusätzlich belasten. Langfristig kann der Verlauf der Erkrankung die schulische Laufbahn und die Berufswahl beeinflussen. Dabei sollten sich die Betroffenen und ihre Eltern die Unterstützung suchen, die sie benötigen.
Es ist wichtig, dass MS-Betroffene sich bewegen und somit auch am Schulsport teilnehmen. Lediglich starke körperliche Belastungen sollten sie vermeiden. Unabhängig davon muss auf eventuelle Behinderungen Rücksicht genommen werden. Einigen Faktoren, die eine Entstehung von Multipler Sklerose begünstigen, kann effektiv entgegengewirkt werden. Ausreichend Bewegung an der frischen Luft ist wichtig und trägt zu einem gesunden Vitamin-D-Spiegel im Blut bei. Auch rauchen kann das Risiko für Multiple Sklerose erhöhen.
Psychische Gesundheit
Die Diagnose MS kann eine Belastung für die Psyche darstellen. Erschrecken, Ratlosigkeit oder Verzweiflung sind häufige Reaktionen auf eine solche Nachricht. Die Ursachen der MS sind bis heute nicht vollständig geklärt, eine exakte Prognose ist nicht möglich - das belastet viele Patienten. Psychiatrische Symptome sind bei Multipler Sklerose häufig im Rahmen der vieljährigen Krankengeschichte anzutreffen. Es hat sich im Kontext der Behandlung der MS bewährt, zu unterscheiden zwischen psychiatrischen Störungen, die unmittelbare Folge der MS als organischer Erkrankung oder der Behandlung sind, psychoreaktiv als Folge der Erkrankung auftreten oder ohne direkten ursächlichen Zusammenhang mit der MS bereits bestanden oder sich im Krankheitsverlauf entwickeln.
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Im Rahmen der Behandlung ist es wichtig, die Hintergründe der psychischen Beschwerden zu klären und die Ursachen im neurologischen, psychischen oder sozialen Bereich zu identifizieren. Konkrete Diagnosen werden anhand validierter Kriterien der ICD-10 formuliert. Für die anschließende Therapie zählen jedoch nicht (nur) die Diagnose, sondern vor allem der Fokus auf der persönlichen Situation: Was ist wichtig? Worunter leiden Sie? Was möchten Sie verändern?
Multiple Sklerose im höheren Alter
Die Prävalenz der Multiplen Sklerose (MS) bei älteren Menschen nimmt mit der immer besser werdenden Früherkennung, sich verbesserten diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten ständig zu. MS wird typischerweise bei Personen zwischen 20 und 40 Jahren diagnostiziert, kann jedoch auch früher (pediatric onset MS, POMS) oder deutlich später mit über 50 Jahren (late onset MS, LOMS) auftreten. Die Altersverteilung der MS-Betroffenen hat sich mittlerweile, verglichen zu früher, zu einem höheren Alter hin verschoben: Die Erkrankung ist inzwischen am häufigsten bei Personen zwischen 55 und 65 Jahren. MS im Alter stellt Behandler, Betroffene und Angehörige vor neue Herausforderungen.
Ein zunehmendes Alter kann aufgrund von Immunseneszenz, schlechterer Erholung von Schüben und möglichen Wechselwirkungen mit Medikationen für Begleiterkrankungen für eine Deeskalation der MS-Therapie sprechen. Aktuelle Einschätzungen warnen jedoch vor einem verfrühten Therapiestopp, da eine krankheitsmodifizierende Therapie das Risiko für Progression der Erkrankung senkt und die Erholung von Schüben verbessern kann.