Mit Parkinson spielen: Therapieansätze und ihre Wirkung

Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, von der in Deutschland etwa 400.000 Menschen betroffen sind. Neben medikamentösen Behandlungen spielen aktivierende Therapien eine entscheidende Rolle, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Sportliche Betätigung kann bei einer Parkinson-Erkrankung nicht nur motorische Fähigkeiten verbessern, sondern auch kognitive Einschränkungen positiv beeinflussen.

Sportliche Betätigung als Therapie

Regelmäßige Bewegung und sportliche Aktivität sind ein entscheidender Teil der Parkinson-Therapie. Sie können den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen und helfen, länger aktiv und selbstständig zu bleiben. Bewegung verbessert nicht nur die Beweglichkeit, sondern wirkt sich auch positiv auf Stimmung, Konzentration und Selbstvertrauen aus. Es gibt eine Vielzahl von Sportarten und Übungen, die speziell auf die Bedürfnisse von Parkinson-Patienten zugeschnitten sind.

Tennis contra Parkinson

Günter Jamin, ein 72-jähriger Tennisspieler mit Morbus Parkinson, initiierte zusammen mit dem Tennisclub Rot-Weiß Düsseldorf eine Parkinson-Trainingsgruppe. Bei Günter Jamin und seinen Mitstreitern schlagen die Medikamente an und der Sport hilft. Jeden Donnerstag trifft sich die Gruppe aus rund 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen mit Trainer Dieter Kumstel zu Gymnastik und Tennis. Immer im Vordergrund: Spaß und Bewegung in der Gruppe. Die soziale Komponente ist für viele Teilnehmer fast genauso wichtig, wie das Tennis, das sie körperlich fit hält. Trainingspartner Peter Borjans-Heuser ergänzt: „Ich habe seit über 20 Jahren Parkinson. So eine nette Truppe habe ich noch nie erlebt. Zentrales Anliegen aller Gruppenteilnehmer: Sich von der Krankheit und auch der gesellschaftlichen Wahrnehmung nicht unterkriegen lassen.

Tischtennis als "Tanzen fürs Gehirn" - PingPongParkinson

PingPongParkinson (PPP) ist ein weltweites Netzwerk, das 2017 in New York von dem Musiker Nenad Bach ins Leben gerufen wurde. Der deutsche Ableger der Bewegung wurde 2020 von zwei betroffenen Spielern gegründet. Tischtennis ist Teil der Therapie. Die Parkinson-Symptome von Initiator Bach haben sich durch Tischtennis deutlich gelindert. Die Forschung bestätigt die Erfahrung des 71-Jährigen. Danach ist Pingpong eine spielerische Therapie, die Motorik, Gleichgewicht und kognitive Fähigkeiten stärkt, weil sie schnelle Reflexe, geschmeidige Koordination und strategisches Denken miteinander verbindet. Zudem kurbelt das dynamische Training auf leichte, aber wirkungsvolle Weise die Dopaminproduktion an - genau dort, wo Parkinson sie am dringendsten braucht. Allein in Deutschland zählt PPP mehr als 200 Trainingsgruppen, darunter 18 in Berlin.

Das Konzept von PingPongParkinson (PPP) beruht darauf, dass es Tischtennis für jedermann mit Parkinson, wohnortnah und völlig unabhängig von den persönlichen Eignungen, also auch für Anfänger, anbieten möchte. Neben die unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen tritt, dass PPP das Betreuungspotential einer echten Selbsthilfegruppe hat. Parkinson-Betroffene sollen nicht vorwiegend passiv therapiert werden. Das pro-aktive Tischtennis-Spielen hat einen durchweg positiven Einfluss auf alle wichtigen Behandlungsziele der physikalischen Therapie und verbindet die sportlichen und gesundheitlichen Aspekte mit dem Spaß am Spiel. In den PPP-Stützpunkten soll im Trainingsteil darauf geachtet werden, dass die Teilnehmer, unabhängig von ihrem Leistungsvermögen, jeder-mit-jedem trainieren, und nicht gegeneinander. Deshalb werden die Spielpartner während der Übungen regelmäßig gewechselt.

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Tanzen und Musiktherapie

Musik erleichtert Menschen mit Parkinson, das durch die Krankheit gestörte Rhythmusgefühl zu verbessern. Allein das Hören von lauter und rhythmischer Musik führt zu einer messbaren Verbesserung der Beweglichkeit. Viele Parkinsonpatienten kennen dies aus eigenem Erleben. Manchmal klingt im Radio anregende Musik, und man bewegt sich spontan tänzelnd durch die Küche - und das obwohl eben noch die Füße wie mit Blei beschwert am Boden klebten.

Tai Chi

Taiji oder TaiChi ist eine Kampf-und Bewegungskunst die Ihren Ursprung in China des 17. Jahrhundert hat. TaiJi zielt auf Entschleunigung, Konzentration und Entspannung bei körperlicher Aktivität ab. Mit dieser Technik können Menschen mit Parkinson Körperwahrnehmung und Bewegungskontrolle trainieren.

Weitere aktivierende Therapieansätze

Neben sportlichen Aktivitäten gibt es noch weitere aktivierende Therapieansätze, die bei der Behandlung von Parkinson eingesetzt werden.

Physiotherapie

Schon unmittelbar nachdem die Diagnose Parkinson gestellt wurde, geht es für den Betroffenen darum, der zunehmenden Bewegungsverarmung entgegenzuwirken. Auch in den Fällen, in denen die vom Arzt verordneten Medikamente gut wirksam sind, sind oft trotzdem schleichende Veränderungen der Beweglichkeit erkennbar. Beispiele hierfür sind ein vermindertes Mitpendeln der Arme beim Gehen, eine Verkleinerung der Schrift oder ein leiseres Sprechen. Diese und andere Veränderungen spielen zu Krankheitsbeginn häufig noch keine wesentliche Rolle im Alltag des Betroffenen, sind aber erste Anzeichen einer Entwicklung, die dazu führen kann, dass die Bewegungen immer langsamer, sparsamer und schwerfälliger werden. Nur durch regelmäßiges und möglichst intensives körperliches Training kann der Betroffene die Möglichkeiten voll ausnutzen, die sich durch die Wirksamkeit der Medikamentenbehandlung ergeben. Entscheidend für den Kranlheitsverlauf ist die Einsicht des Betroffenen, dass er „seinem Parkinson“ aktiv und wirksam entgegentreten kann.

Für das Verständnis von Aktivierenden Therapien bei Parkinson ist es wichtig zu wissen, dass nicht nur die Bewegung verändert ist sondern auch die Wahrnehmung der Bewegung, der „Bewegungssinn“. Viele Betroffenen merken nicht, wenn sie zu kleine Schritte machen, zu leise sprechen oder „vergessen“ den Arm beim Gehen mitzuschwingen. Die meisten Betroffenen können durch konzentrierte Ausführung nach entsprechender Aufforderung größere Schritte machen oder lauter sprechen - fallen aber wieder in das alte „Parkinson-Muster“ zurück, sobald sie sich nicht mehr auf das „wie“ der Bewegungsausführung konzentrieren. Besonders geeignet zur Stärkung des Bewegungssinns sind Trainingsverfahren, bei denen großamplitudige Bewegungen, Bewegungsrhythmus, und Schnelligkeit geübt werden.

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Speziell für Parkinson-Patienten entwickelt und die derzeit am besten untersuchte aktivierende Therapie bei Parkinson ist das Lee Silverman Voice Training (LSVT-LOUD) bei dem in intensiver Einzeltherapie eine Verbesserung der Sprechlautstärke geübt wird. Eine starke und lang anhaltende Wirkung der LSVT-LOUD Therapie wurde in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen. Eine amerikanische Forschungsgruppe hat jetzt ausgehend vom LSVT-LOUD das neue Behandlungskonzept LSVT-BIG entwickelt, das speziell auf die Verbesserung der Bewegungen bei Parkinson ausgerichtet ist. LSVT-LOUD und LSVT-BIG beinhalten schwerpunktmäßig das Einüben lauten Sprechens bzw. großräumiger Bewegungen. Durch intensives Wiederholen der Übungen und kontinuierliche Rückmeldung über die erzielten Ergebnisse werden ungenutzte Möglichkeiten des Übenden aktiviert und ausgebaut. Der Therapeut motiviert den Patienten jede Bewegung mit möglichst großem Einsatz („mindestens 80% der maximalen Energie“) und spürbarer Anstrengung auszuführen. Durch ständige Rückmeldung des Therapeuten lernt der übende Patient, die Wahrnehmung seiner eigenen Sprechlautstärke oder Bewegungen neu zu „kalibrieren“.

Gleichgewichtstraining und Sturzprävention

Gleichgewichtsstörungen zählen neben Rigor (Muskelsteifigkeit), Tremor (Zittern) und Bradykinese (Bewegungsverlangsamung) zu den Kardinalsymptomen der Parkinson-Krankheit. Während sich die parkinsontypische Verminderung der Gleichgewichtsreflexe zunächst ohne spürbare klinische Konsequenzen vollzieht, kommt es in fortgeschrittenen Krankheitsstadien häufig zu schweren Gleichgewichtsstörungen mit Stürzen und Frakturen.

Besonders einfach und wirkungsvoll ist das so genannten „Schubs-Training“ das auch in der häuslichen Umgebung durchgeführt werden kann: Bei dieser Therapie werden die Betroffenen wiederholt durch einen Therapeuten mit plötzlichem nach hinten gerichtetem Zug an den Schultern aus dem Gleichgewicht gebracht. Weitere Übungstechniken basieren auf dem Training des Gleichgewichtes auf wechselnden Unterstützungsmodalitäten und -flächen. Hierbei können Plattformen mit walzenförmiger oder runder Auflage eingesetzt werden. Das Gleichgewichtstraining kann durch Krafttraining der Beinmuskulatur ergänzt werden. Ein Aufbau von Muskelmasse durch Kraftübungen führt zusätzlich zur Verbesserung der Balance auch zu einem geringeren Frakturrisiko bei Stürzen.

Am Anfang dieser Maßnahmen steht die Frage nach den individuellen Gleichgewichtsproblemen. Kommt es zu Stürzen, sollten deren Umstände genau analysiert werden um auslösende Faktoren vermeiden zu können. Rückwärtsgehen (z.B. Da bei Parkinson vermehrt Aufmerksamkeit benötigt wird, um das Gleichgewicht zu kontrollieren sollten Ablenkungen, wie z.B. Nach Möglichkeit sollte jeder Sturz Anlass für eine Evaluation der Sturzumstände für den Betroffenen sein. Bei sturzgefährdeten Patienten sollte darauf geachtet werden, die Verletzungsmöglichkeiten in der häuslichen Umgebung so gering wie möglich zu halten (Kanten polstern, Engpässe vermeiden, Türschwellen beseitigen, Haltegriffe anbringen). Ausreichende Beleuchtung (auch Nachts !) und offene Türen können das Sturzrisiko senken. Gemeinsam mit einem Physiotherapeuten sollte bei starker Sturzgefahr eine Hilfsmittelversorgung, z. B. mit einem Rollator besprochen werden.

Umgang mit Freezing

Unter „freezing“ versteht man ein plötzliches „Einfrieren“ des Gehen, häufig ausgelöst durch Umgebungsreize (Hindernisse, Türrahmen) oder bestimmte Manöver (Losgehen, Drehbewegungen). Hier ist es Aufgabe des Therapeuten, gemeinsam mit dem Betroffenen Trickmanöver zu entwickeln, durch die sich das freezing überwinden lässt. Beispiele für Tricks, die sich zur Überwindung von freezing eignen finden sich in der Tabelle. Grundsätzlich sollte jeder von freezing betroffene Patient in der Physiotherapie mit dem ganzen Spektrum der Trickmanöver vertraut gemacht werden. Nicht selten haben Patienten auch eigene sensorische oder motorische Techniken zur Überwindung von Blockaden entwickelt, die in der Therapie eingesetzt und weiterentwickelt werden sollten. Patienten mit Freezing sollten zur Vermeidung von Stürzen angehalten werden, die motorischen Blockaden nicht durch forcierte Vorverlagerung des Körperschwerpunktes zu durchbrechen.

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Ergotherapie und Logopädie

Die meist auf Medikation unzureichend ansprechenden Probleme der Körperhaltung machen in der Regel eine intensive, hochfrequente und dauerhafte physiotherapeutische Begleitung erforderlich. Bei Kamptokormie (vorgebeugter Rumpf), Pisa-Syndrom (Seitneigung des Rumpfes) oder Antekollis (Vorneigung des Kopfes) können durch Dehnlagerung, gezieltes Krafttraining und Wahrnehmungsschulung vermindert werden. Nachhaltige Besserungen sind wahrscheinlich nur durch langfristiges und hochfrequentes Training zu erreichen. Um die Trainingszeit bzw.

Exergames als ergänzende Therapie

Videospiele mit Bewegungssteuerung können bei Parkinsonpatienten Bewegungsabläufe verbessern und die Freude am Rehabilitations-Training erhöhen. Das berichtet die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN). Fitness-Spiele, sogenannten Exergames, seien auch ein neuer Therapieansatz zur Sturzprävention bei Menschen mit Parkinson. Die Patienten könnten im Frühstadium der Erkrankung ihre Bewegung durch virtuelles Tennis, Bowling, Skislalom oder diverse Balancespiele ähnlich verbessern, wie Kontrollpatienten mit herkömmlicher Physio­therapie.

„Dabei machen die Spiele den meisten Teilnehmern mehr Spaß“, erläutert Matthis Synofzik, Oberarzt und Forschungsgruppenleiter der Abteilung für Neurodegeneration am Universitätsklinikum Tübingen. Die Bewegungsspiele ermöglichten ein abwechs­lungsreiches Training, das jederzeit zu Hause, mit Freunden oder dem Ehepartner durchführbar sei. Der Weg zum Reha-Zentrum bleibe den Betroffenen dabei erspart. Exergames sollten die Physiotherapie zwar nicht ersetzen, sie seien aber eine empfehlenswerte Ergänzung, die nicht an Verordnungen geknüpft sei, so Synofzik.

Bedeutung von Selbsthilfegruppen und sozialer Interaktion

Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen spielt eine wichtige Rolle bei der Krankheitsbewältigung. Die soziale Komponente ist für viele Teilnehmer fast genauso wichtig, wie die sportliche Betätigung, die sie körperlich fit hält. Zentrales Anliegen aller Gruppenteilnehmer: Sich von der Krankheit und auch der gesellschaftlichen Wahrnehmung nicht unterkriegen lassen.

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